Page images
PDF
EPUB

85

90

95

Das fünnt ein Herz wohl brechen,
Das Herz im Leib entzwei.
Den Vater, die Brüber, die Liebe,
Den Freund verschlang das Grab,
So bist du, Harfe, mein Alles,
Was ich im Leib noch hab'!
Zur Klage wil ich dich stimmen,
Daß bleich die Sonne scheint,
Daß Mond und Stern' erblinden
Unb Nof und Lilie weint.
Und zwischen die Slagen web' ich
Die alten Lieder hinein,
Daß mich die Geister umschweben
Der Herzallerliebsten mein.
Die alten lustigen Lieder,
Sie seien die goldene Brüd,
Die trage inein weißcs Liebchen
Ans heiße Herz mir zurück !
Die alten lustigen Lieder,
Die rufen als Glockengeläut
Den lieben Freund aus dem Grabe,
Die alte fröhliche Zeit." —
, Stönig, schöner König,
Wirf Lust und Hoffen ins Meer!
In diesen Mauern schallet
Rein Slang der Saiten mehr.
Die Harfe, die heitere Seele,
Die woll'n sie zerschlagen bir :
Einsam in der Serkerhöhle
Vertrauern sollst du hinfür." —

100

105

IIO

11

und woll'n sie die Harf mir zerschlagen,
Fahr wohl denn, Luft und Schmerz !
So mögen sie mich begraben,

115
Sie haben gebrochen mein Herz !
Mein Herz und meine Harfe,
So singt eu'r Schwanenlied !
Ade, du schöne Erde !
Der leßte Staufe schieb."

120 B. F. W. Zimmermann.

17

5

Der Graf von Habsburg.

(1273)
Zu Aachen in seiner Naiserpracht,
Im alterthümlichen Saale,
Saß König Rudolfs heilige Macht
Beim festlichen Krönungsmahle.
Die Speisen trug der Pfalzgraf bes Rheins,
Es schenkte der Böhme des perlenden Weins,
Und alle die Wähler, die sieben,
Wie der Sterne Chor um die Sonne sich stellt,
Umstanden geschäftig den Herrscher der Welt,
Die Würde des Amtes zu üben.
Und rings erfüllte den hohen Ballon
Das Volt in freub'gem Gedränge,
Laut mischte sich in der Posaunen Ton
Das jauchzende Rufen der Menge ;
Denn geendigt nach langem verderblichem Streit
War die kaiserlose, die schreckliche Zeit,

10

15 20

Und ein Richter war wieder auf Erden.
Nicht blind mehr waltet der eiserne Speer,
Nicht fürchtet der Schwache, der Friedliche mehr,
Des Mächtigen Beute zu werden.
Und der Saiser ergreift ben golonen Pokal
Und spricht mit zufriedenen Blicken:
„Wohl glänzet das Fest, wohl pranget das Mahl,
Mein föniglich Herz zu entzücken;
Doch den Sänger vermiss' ich, den Bringer der Lust, 25
Der mit süßem Slang mir bewege die Brust
Und mit göttlich erhabenen Lehren.
So hab' idy's gehalten von Jugend an,
Und was ich als Ritter gepflegt und gethan,
Nicht wil ich's als Kaiser entbehren.“

30 Und sieh! in der Fürsten umgebenden Streis Trat der Sänger im langen Talare ;

; Shm glänzte die Loce silberweiß, Gebleicht von der Fülle der Jahre.

Süßer Wohllaut schläft in der Saiten Gold, 35 Der Sänger singt von der Minne Sold, Er preiset das Höchste, das Beste, Was das Herz sich wünscht, was der Sinn begehrt; Doch sage, was ist des Saisers werth An feinem herrlichsten Feste?"

40 ,, Nicht gebieten werd' ich dem Sänger,“ spricht Der Herrscher mit lächelndem Munde, Er steht in des größeren Herren Pflicht,

gehorcht der gebietenden Stunde. Wie in den Lüften der Sturmwind saust, 45 Man weiß nicht, von wannen er kommt und braust,

[ocr errors]

50

55

60

Wie der Quell aus verborgenen Tiefen,
So des Sängers Lieb aus dem Innern schalt,
Und wecket der bunkeln Gefühle Gewalt,
Die im Herzen wunderbar schliefen.“
Und der Sänger rasch in die Saiten fällt
Und beginnt sie mächtig zu schlagen:
„Aufs Waidwerk hinaus ritt ein edler Held,
Den flüchtigen Gemsbock zu jagen.
Ihm folgte der Knapp' mit dem Jägergeschoß,
Und als er auf seinem ftattlichen Roß
In eine Au fommt geritten,
Ein Glücklein hört er erklingen fern,
Ein Priester wars mit dem Leib des Herrn,
Voran kam der Meßner geschritten.
Unb ber Graf zur Erbe sich neiget hint,
Das Haupt mit Demuth entblößet,
Zu verehren mit gläubigem Christensinn,
Was alle Menschen erlöset.
Ein Bächlein aber rauschte durchs Feld,
Von des Gießbachs reißenden Fluten geschwellt,
Das hemmte der Wanderer Tritte,
Und beiseit legt jener das Saframent,
Von den Füßen zieht er die Schuhe behend,
Damit er das Bächlein durchschritte.
,,Was schaffst du?" rebet der Graf ihn an,
Der ihn verwundert betrachtet.-
Herr, ich walle zu einem sterbenden Mann,
Der nach der Himmelskost schmachtet ;
Und da ich mich nahe des Baches Steg,
Da hat ihn der strömende Gießbach hinweg

65

70 85

Im Strudel der Wellen geriffen.
Drum daß dem Lechzenden werde sein Heil,
So will ich das Wasserlein jeßt in Eil
Durchwaten mit nackenden Füßen.“

80
Da feßt ihn der Graf auf sein ritterlich Pferd
Unb reicht ihm die prächtigen Zäume,
Daß er labe ben tranfen, der fein begehrt,
Und die heilige Pflicht nicht versäume.
Und er selber auf seines Snappen Thier
Vergnüget noch weiter des Jagens Begier ;
Der Andre die Reise vollführet ;
Und am nächsten Morgen, mit danfendem Blick,
Da bringt er dem Grafen sein Roß zurück,
Bescheiden am Zügel geführet.

90 „, Nicht wolle das Gott," rief mit Demuthsinn Der Graf, ,,baß zum Streiten und Sagen Das Roß ich beschritte fürberhin, Das meinen Schöpfer getragen! Und magst du's nicht haben zu eignem Gewinnst, 95 So bleibt es gewidmet dem göttlichen Dienft: Denn ich hab' es Dem ja gegeben, Von dem ich Ehre und irdisches Gut Zu Lehen trage, und Leib und Blut Und Seele und Athem und Leben.“

100 „So mög' euch Gott, der allmächtige Hort, Der das Flehen der Schwachen erhöret, Zu Ehren euch bringen hier unb Dort, So wie ihr jeßt ihn geehret. Ihr seid ein mächtiger Graf, bekannt

105 Durch ritterlich Walten im Schweizerland,

« PreviousContinue »