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Lächelnd blickt sein Angesicht,
Als ritt er zur Luft im Maien.

Von dem hohen Dom zu Speier

Hört man dumpf die Glocken schallen.
Ritter, Bürger, zarte Frau'n

Weinend ihm entgegenwallen.

In den hohen Kaisersaal

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Ist er rasch noch eingetreten ;
Sißend dort auf goldnem Stuhl,

Hört man für sein Volk ihn beten.

,,Reichet mir den heil'gen Leib!"

Spricht er dann mit bleichem Munde;

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Drauf verjüngt sich sein Gesicht

Um die mitternächt'ge Stunde.

Da auf einmal wird der Saal
Hell von überird'schem Lichte,
Und entschlummert sißt der Held,
Himmelsruh' im Angesichte.

Glocken dürfen's nicht verkünden,
Boten nicht zur Leiche bieten,
Alle Herzen längs des Rheins
Fühlen, daß der Held verschieden.

Nach dem Dome strömt das Volk,
Schwarz, unzähligen Gewimmels.
Der empfing des Helden Leib,
Seinen Geist der Dom des Himmels.

Justinus Kerner.

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Der Landgraf von Thüringen.

(1307)

Der edle Landgraf Friederich
Mit der gebißnen Wange
Auf seiner Wartburg ritterlich
Sich wehrt und schirmet lange.

In seinen Adern heiß ihm rollt
Das Blut der Hohenstaufen.

Darum ihm Papst und Habsburg grollt,
Die ihm das Land verkaufen.

Der Kaiser Albrecht, Rudolfs Sohn,
Zertritt die deutschen Lande,
Fügt zu dem Unrecht kalten Hohn
Und zu dem Elend Schande.

Die Wartburg, auf den Fels erhöht,
Die kann er nicht gewinnen,

Der edlen Freiheit Wiege steht

In ihren stolzen Zinnen.

Doch droht des Hungers Uebermacht

Die Burg zu übermannen.

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Er trägt ihn selbst auf seinem Arm,
Den Knaben neugeboren;

Vom starken Ritt wird ihm so warm,
Schon bluten ihm die Sporen.

,,Fort, fort! dort weht das Reichspanier,
Schon blinken tausend Speere.

Der Kaiser ist's, voll blut'ger Gier,

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Die Schlacht bei Reutlingen.

(Mai 1377)

Zu Achalm auf dem Felsen, da haust manch kühner Aar,
Graf Ulrich, Sohn des Greiners, mit seiner Ritterschaar;
Wild rauschen ihre Flügel um Reutlingen, die Stadt,
Bald scheint sie zu erliegen, vom heißen Drange matt.

Doch plöglich einst erheben die Städter sich zu Nacht,
Ins Urachthal hinüber sind sie mit großer Macht,
Bald steigt von Dorf und Mühle die Flamme blutigroth,
Die Heerden weggetrieben, die Hirten liegen tødt.

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Herr Ulrich hat's vernommen, er ruft im grimmen Zorn: „In eure Stadt soll kommen kein Huf und auch kein Horn!"

Da sputen sich die Ritter, sie wappnen sich in Stahl,
Sie heischen ihre Rosse, sie reiten stracks zuthal.

IO

Ein Kirchlein stehet drunten, Sankt Leonhard geweiht,
Dabei ein grüner Anger, der scheint bequem zum Streit.
Sie springen von den Pferden, sie ziehen stolze Reih'n, 15
Die langen Spicße starren, wohlauf! wer wagt sich drein?
Schon ziehn vom Urachthale die Städter fern herbei,
Man hört der Männer Jauchzen, der Heerden wild Geschrei,
Man sieht sie fürder schreiten, ein wohlgerüstet Heer;
Wie flattern stolz die Banner! Wie blizen Schwert und
Speer!

Nun schließ dich fest zusammen, du ritterliche Schaar!
Wohl hast du nicht geahnet so dräuende Gefahr.

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Die übermächt❜gen Rotten, sie stürmen an mit Schwall, Die Ritter stehn und starren wie Fels und Mauerwall.

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Zu Reutlingen am Zwinger, da ist ein altes Thor,
Längst wob mit dichten Ranken der Epheu sich davor,
Man hat es schier vergessen, nun kracht's mit einmal auf,
Und aus dem Zwinger stürzet, gedrängt, ein Bürgerhauf'.

Den Rittern in den Rücken fällt er mit grauser Wuth,
Heut will der Städter baden im heißen Ritterblut.
Wie haben da die Gerber so meisterlich gegerbt!
Wie haben da die Färber so purpurroth gefärbt!

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Heut nimmt man nicht gefangen, heut geht es auf den Tod,
Heut sprißt das Blut wie Regen, der Anger blümt sich roth.
Stets drängender umschlossen und wüthender bestürmt, 35
Ift rings von Bruderleichen die Ritterschaar umthürmt.

Das Fähnlein ist verloren, Herr Ulrich blutet stark,
Die noch am Leben blieben, sind müde bis ins Mark.
Da haschen sie nach Rossen und schwingen sich darauf,
Sie hauen durch, sie kommen zur festen Burg hinauf. 40
„Ach Allm"-stöhnt' einst ein Ritter, ihn traf des Mörders
Stoß-

Allmächt ger! wollt er rufen - - man hieß davon das Schloß.
Herr Ulrich sinkt vom Sattel, halbtodt, voll Blut und Qualm,
Hätt nicht das Schloß den Namen, man hieß es jeßt:
Achalm.

Wohl kommt am andern Morgen zu Reutlingen ans Thor 45
Manch trauervoller Knappe, der seinen Herrn verlor.
Dort auf dem Rathhaus liegen die Todten all gereiht,
Man führt dahin die Knechte mit sicherem Geleit.

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