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Dort liegen mehr denn sechzig, so blutig und so bleich,
Nicht jeder Knapp erkennet den todten Herrn sogleich. 50
Dann wird ein jeder Leichnam von treuen Dieners Hand
Gewaschen und gekleidet in weißes Grabgewand.

Auf Bahren und auf Wagen, getragen und geführt,
Mit Eichenlaub bekränzet, wie's Helden wohl gebührt,
So geht es nach dem Thore, die alte Stadt entlang, 55
Dumpf tönet von den Thürmen der Todtenglocken Klang.

Göz Weißenheim eröffnet den langen Leichenzug,
Er war es, der im Streite des Grafen Banner trug;
Er hatt es nicht gelassen, bis er erschlagen war,
Drum mag er würdig führen auch noch die todte Schaar. 60

Drei edle Grafen folgen, bewährt im Schildesamt,
Von Tübingen, von Zollern, von Schwarzenberg entstammt.
Zollern! deine Leiche umschwebt ein lichter Kranz :
Sahst du vielleicht noch sterbend dein Haus im künft’gen
Glanz?

Von Sachsenheim zween Ritter, der Vater und der Sohn, 65
Die liegen still beisammen in Lilien und in Mohn,
Auf ihrer Stammburg wandelt von Alters her ein Geist,
Der längst mit Klaggeberden auf schweres Unheil weist.

Einst war ein Herr von Lustnau vom Scheintod auferwacht,

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Er kehrt im Leichentuche zu seiner Frau bei Nacht,
Davon man sein Geschlechte die Todten hieß im Scherz;
Hier bringt man ihrer Einen, den traf der Tod ins Herz.

Das Lied, es folgt nicht weiter, des Jammers ist genug,
Will Jemand Alle wissen, die man von dannen trug,

Dort auf den Rathhausfenstern, in Farben bunt und klar, 75
Stellt jeden Ritters Name und Wappenschild sich dar.

Als nun von seinen Wunden Graf Ulrich ausgeheilt,
Da reitet er nach Stuttgart, er hat nicht sehr geeilt;
Er trifft den alten Vater allein am Mittagsmahl,
Ein frostiger Willkommen! kein Wort ertönt im Saal. 80
Dem Vater gegenüber sißt Ulrich an dem Tisch,

Er schlägt die Augen nieder, man bringt ihm Wein und
Fisch;

Da faßt der Greis ein Messer, und spricht kein Wort dabei, Und schneidet zwischen Beiden das Tafeltuch entzwei.

Uhland.

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Der reichste Fürst.

(1495)

Preisend mit viel schönen Reden

Ihrer Länder Werth und Zahl,

Saßen viele deutsche Fürsten

Einst zu Worms im Kaisersaal.

„Herrlich," sprach der Fürst von Sachsen,
„Ist mein Land und seine Macht,
Silber hegen seine Berge

Wohl in manchem tiefen Schacht."

,,Seht mein Land in üpp'ger Fülle,"
Sprach der Pfalzgraf von dem Rhein,

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„Große Städte, reiche Klöster,"
Ludwig, Herr zu Baiern, sprach,
„Schaffen, daß mein Land den euren

Wohl nicht steht an Schäßen nach.“

Eberhard, der mit dem Barte,
Würtembergs geliebter Herr,

Sprach: Mein Land hat kleine Städte,
Trägt nicht Berge silberschwer;

Doch ein Kleinod hält's verborgen:
Daß in Wäldern, noch so groß,

Ich mein Haupt kann kühnlich legen
Jedem Unterthan in Schooß."

Und es rief der Herr von Sachsen,
Der von Baiern, der vom Rhein:
,,Graf im Bart! Ihr seid der reichste,
Euer Land trägt Edelstein!"

Justinus Kerner.

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Kaiser Max zu Worms.

(1495)

Zur Gruft sank Kaiser Friedrich. Gott geb' ihm sanfte Ruh !
Mar faßt sein gülden Scepter; ei, Sonnenaar, Glück zu !
Zu Worms nun hielt er Reichstag; auf, Fürstenschaar,
herbei,

Zu rathen und zu fördern, daß Recht und Licht gedeih'!

Einst in dem dumpfen Rathsaal sprang Mar empor in Hast,

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Der Staub der Pergamente nahm ihm den Odem fast,
Die spigen klugen Reden, die machten toll ihn schier,
Da rief er seinen Narren: Freund Kunze, komm mit mir!"

Den Treu'n liebt er vor Allen, wohl einem Gärtner gleich,
Der jeden Baum mit Liebe pflegt in dem Gartenreich, 10
Doch einen sich erkoren, in dessen Schattenhut
Nach schwüler Tagesmüh' er am liebsten abends ruht.

Es wallten nun die Beiden die Straßen ein und aus, Dort auf dem großen Marktplaß sahn sie ein stattlich Haus, Da rief der Kunz: „Mein König, schließt Eure Augen

schnell!

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Denn, traun, schon las manch einer sich blind an dieser

Stell'.

Französisch ist's; Ihr wißt ja, wie's Frankreichs Söhne treiben,

Die anders schreiben als sprechen, und anders lesen als schreiben,

Und anders sprechen als denken, und anders sezen als singen, Die groß in allem Kleinen, und klein in großen Dingen.“ 20

Ein Rittersmann aus Frankreich wohnt in dem stolzen Haus,

Sein Wappenschild, hell glänzend, hängt hoch zur Pfort' hinaus,

Mit Schnörkelzügen zierlich in blankem Goldesschein Schrieb rings ums bunte Wappen er diese Worte ein :

,,Erst Gott zum Gruß, wer's lieset!— Auf, Deutscher, kühn

und werth,

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Hier harrt ein Schild des deinen, wenn kampfesfroh dein

Schwert,

Und magst du mich bezwingen nach Ritterbrauch und Recht,
Will ich mich dir verdingen als lezten Rüdenknecht."

Ernst schritt der König fürder; doch an des Ritters Schild
Hängt bald ein Edelknappe der Habsburg Wappenbild; 30
Und mit dem Frühroth harrte auf fand'gem Kampfesplan
Der König gegenüber dem fränk'schen Rittersmann.

Und höher stieg die Sonne; der Franzmann lag im Sand,
Das Siegesschwert, hell leuchtend, ragt hoch in Marens
Hand.

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So schlägt ein deutscher Ritter"; er sprach's und stand

verklärt,

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Wie Sanct Michael, der Sieger, mit seinem Flammenschwert.

"Ihr habt Euch mir ergeben als lezten Rüdenknecht, Wohlan, Ihr sollt erfahren nun meines Amtes Recht!" Sein Schwert nun schwang er dreimal: „Steht auf, mein Ritter werth!

So schlägt ein deutscher König, seid brav wie Euer Schwert!"

*

40

Viel saft'ge Trauben schwellen ringsher um Worms am Rhein,

„Milch unsrer lieben Frauen," so heißt dort jener Wein; Saugt jene Milch, ihr Greise, sie macht euch wieder zum Kind,

Herr, gib unserm Lande viel Milch so füß und lind!

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