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Der König und der Müller.
Es wohnt ein Müller forgenfrei
In seiner kleinen Mühle.

Das Mühlchen klappert Brot herbei
Bei Sonnenbrand und Kühle.

Nicht weit davon ein König hatt'
Ein Schloß sich aufgebauet.

Wär' nicht die Mühl', man hätte Stadt
Und Land draus überschauet.

Der König bot dem Müller Geld:
,,Verkauf mir deine Hütte!

Bau neu fie auf, wo dir's gefällt,
Nach größerm Maß und Schnitte."-
„Mein Mühlchen ist mir gut genug,
Das lass' ich meinen Erben;
Es trägt des Vaters Segensspruch,

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Hier will ich ruhig sterben."—

Der Fürst sagt ja, der Müller nein;

Der Fürst wird ungeduldig.

Ich bin dein Herr; das Land ist mein; Du bist zu weichen schuldig!"—

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Ich weiche nicht".-,,Dann muß Gewalt Den starren Sinn dir beugen."„Ihr irret, Herr, Euch werden bald

Die Richter andres zeigen."

"

Die Richter?"-fällt dem König ein,

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„Da hast du Recht; — ich geb' mich drein,

Dein Gut bleibt unverleßet!"

Seit jener Stunde lebten sie

Als Freunde, hoch und niedrig.
Des Schlosses Nam' ist Sanssouci,
Des Königs Name Friedrich.

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Der alte Ziethen.

Joachim Hans von Ziethen,
Husaren-General,

Dem Feind die Stirne bieten
That er die hundert Mal.
Sie haben's all' erfahren,

Wie er die Pelze wusch
Mit seinen Leibhusaren,
Der Ziethen aus dem Busch.
Hei, wie den Feind sie bläuten
Bei Lowosiz und Prag,
Bei Liegniß und bei Leuthen,
Und weiter, Schlag auf Schlag!
Bei Torgau, Tag der Ehre,
Ritt selbst der Friß nach Haus,
Doch Ziethen sprach: „Ich kehre
Erst noch mein Schlachtfeld aus.“
Sie kamen nie alleine,
Der Ziethen und der Frih,
Der Donner war der eine,

Curtmann

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Der andre war der Bliz.

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Es wies sich keiner träge,
Drum schlug's auch immer ein,
Ob warm', ob kalte Schläge,
Sie pflegten gut zu sein.

Der Friede war geschlossen;
Doch Krieges Lust und Qual
Die alten Schlachtgenossen
Durchlebten's noch einmal.
Wie Marschall Daun gezaubert,
Und Friß und Ziethen nie,

Das ward jezt durchgeplaudert
Bei Tisch in Sanssouci.

Einst mocht' es ihm nicht schmecken,
Und sieh, der Ziethen schlief.
Ein Höfling will ihn wecken,

Der König aber rief:

„Laßt schlafen mir den Alten!
Er hat in mancher Nacht

Für uns sich wach gehalten

Der hat genug gewacht!"

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Das Lied von Schill.

(1809)

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Theotor Fontane.

Es zog aus Berlin ein tapferer Held,
Er führte sechshundert Reiter in's Feld,
Sechshundert Reiter mit redlichem Muth,
Sie dürfteten alle Franzosenblut.

Auch zogen mit Reitern und Rossen im Schritt 5
Wohl tausend der tapfersten Schüßen mit;

Ihr Schüßen, Gott segne euch jeglichen Schuß,
Durch welchen ein Franzmann erblassen muß!
So ziehet der tapfre, der muthige Schill,
Der mit den Franzosen schlagen sich will;
Ihn sendet kein Kaiser, kein König aus,
Ihn sendet die Freiheit, das Vaterland aus.
Bei Dodendorf färbten die Männer gut
Das fette Land mit französischem Blut;
Zweitausend zerhieben die Säbel blank,
Die übrigen machten die Beine lang.

Drauf stürmten sie Dömiß, das feste Haus,
Und jagten die Schelmenfranzosen hinaus;
Dann zogen sie lustig ins Pommerland ein,
Da soll kein Franzose sein Kiwi mehr schrei'n.

Auf Stralsund stürmte der reisige Zug;

Franzosen, verstündet ihr Vogelflug!
Owüchsen euch Federn und Flügel geschwind!
Es nahet der Schill, und er reitet wie Wind.

Er reitet wie Wetter hinein in die Stadt,
Wo der Wallenstein weiland verlegen sich hat,
Wo der zwölfte Karolus im Thore schlief;
Jezt liegen ihre Mauren und Thürme tief.

weh euch Franzosen! wie mäht der Tod!

Wie färben die Reiter die Säbel roth!
Die Reiter sie fühlen das deutsche Blut,
Franzosen zu tödten, das däucht ihnen gut.

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wehe dir, Schill! du tapferer Held!

Was sind dir für bübische Neze gestellt!

Viele ziehen zu Lande, es schleichet vom Meer
Der Däne, die tückische Schlange, daher.

O Schill! o Schill! du tapferer Held!

Was sprengst du nicht mit den Reitern ins Feld ?
Was schließest in Mauern die Tapferkeit ein?
Bei Stralsund da sollst du begraben sein.

Stralsund, du trauriges Stralesund!
In dir geht das tapferste Herz zu Grund',
Eine Kugel durchbohret das redlichste Herz,
Und Buben sie treiben mit Helden Scherz.
Da schreiet ein frecher Franzosenmund:
„Man soll ihn begraben wie cinen Hund,
Wie einen Schelm, der auf Galgen und Rad
Schon fütterte Krähen und Raben satt."

So trugen sie ihn ohne Sang und Klang,
Ohne Pfeifengetön, ohne Trommelklang,
Ohne Kanonenmusik und Flintengruß,
Womit man Soldaten begraben muß.

Sie schnitten den Kopf von dem Rumpf ihm ab
Und legten den Leib in ein schlechtes Grab;

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Da liegt er nun bis an den jüngsten Tag,

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Wo Gott ihn in Freuden erwecken mag.

Da schläft nun der fromme, der tapfre Held,
Ihm ward kein Stein zum Gedächtniß gestellt;
Doch hat er gleich keinen Ehrenstein,

Sein Name wird nimmer vergessen sein.

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