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Nun rafft der wilde Ur sich auf,
Den neuen Feind er wittert,
Und rennt heran in vollem Lauf,
Daß Schrank und Boden zittert.

Doch unser Held steht mauerfest,
Und wankt nicht von der Stelle :
Das Schwert er wieder sausen läßt,
Und schwingt's mit Blizesschnelle.

Und trifft den Schnaubenden so gut,
Dicht an des Nackens Rande

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Da sprißt zum Himmel schwarzes Blut,
Das Haupt stürzt hin zum Sande.

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Wie nun, ihr großen Recken ihr,

Was dünkt euch von dem Kleinen?
Mag nun der Held im Kampfrevier
Euch groß genug erscheinen? —

Es stehn beschämt die Spötter werth,
Gesenkt die stolzen Blicke;
Pipin steckt ein sein gutes Schwert,
Dann tritt er schnell zurücke.

Des Volkes Jubel aber füllt
Ringsum die weiten Schranken;
Empor ihn hebend auf dem Schild
Zeigt ihn der Frank dem Franken.

Als König grüßt ihn alle Welt,
Die Spötter müssen schweigen,
Und ihm, der Leu und Ur gefällt,
Demüthiglich sich beugen.

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und Barden fingen allzumal Vom Stier- und Löwensturze; Pipin glänzt in der Fürstenzahl:

Groß war Pipin der Kurze.

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Roland Schildträger.

(Roland + 778)

Der König Karl saß einst zu Tisch
Zu Aachen mit den Fürsten.
Man stellte Wildpret auf und Fisch
und ließ auch keinen dürsten;
Viel Goldgeschirr von klarem Schein,
Manch rothen, grünen Edelstein

Sah man im Saale leuchten.

Da sprach Herr Karl, der starke Held:
Was soll der eitle Schimmer?
Das beste Kleinod dieser Welt,
Das fehlet uns noch immer.
Dies Kleinod, hell wie Sonnenschein,
Ein Riese trägt's im Schilde sein,
Tief im Ardennerwalde."

Graf Richard, Erzbischof Turpin,
Herr Haimon, Naims von Baiern,
Milon von Anglant, Graf Garin,
Die wollten da nicht feiern;
Sie haben Stahlgewand begehrt
Und hießen satteln ihre Pferd',
Zu reiten nach dem Riesen.

Baur.

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ΙΟ

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Jung Roland, Sohn des Milon, sprach: „Lieb Vater! hört, ich bitte!

Vermeint ihr mich zu jung und schwach,
Daß ich mit Riesen stritte,

Doch bin ich nicht zu winzig mehr,
Euch nachzutragen euern Speer
Samt eurem guten Schilde."

Die sechs Genossen ritten bald
Vereint nach den Ardennen;
Doch als sie kamen in den Wald,
Da thäten sie sich trennen.
Roland ritt hinterm Vater her;

Wie wohl ihm war, des Helden Speer,
Des Helden Schild zu tragen!

Bei Sonnenschein und Mondenlicht
Streiften die kühnen Degen;
Doch fanden sie den Riesen nicht
In Felsen noch Gehegen.

Zur Mittagsstund' am vierten Tag

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Der Herzog Milon schlafen lag

In einer Eiche Schatten.

Roland sah in der Ferne bald
Ein Blizen und ein Leuchten,
Davon die Strahlen in dem Wald
Die Hirsch und Reh' aufscheuchten ;
Er sah, es kam von einem Schild,
Den trug ein Riese, groß und wild,
Vom Berge niedersteigend.

Roland gedacht im Herzen sein:
Was ist das für ein Schrecken!

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Soll ich den lieben Vater mein
Im besten Schlaf erwecken?

Es wachet ja sein gutes Pferd,

Es wacht sein Speer, sein Schild und Schwert, 55
Es wacht Roland, der junge."

Roland das Schwert zur Seite band,

Herrn Milons starkes Waffen,

Die Lanze nahm er in die Hand
und that den Schild aufraffen.
Herrn Milons Roß bestieg er dann
Und ritt ganz sachte durch den Tann,
Den Vater nicht zu wecken.

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Und als er kam zur Felsenwand,

Da sprach der Ries' mit Lachen :

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„Was will doch dieser kleine Fant

Auf solchem Rosse machen?

Sein Schwert ist zwar so lang als er,
Vom Roffe zieht ihn schier der Speer,
Der Schild will ihn erdrücken."

Jung Roland rief: „Wohlauf zum Streit!
Dich reuet noch dein Necken,

Hab' ich die Tartsche lang und breit,

Kann sie mich besser decken;

Ein kleiner Mann, ein großes Pferd,

Ein kurzer Arm, ein langes Schwert,
Muß eins dem andern helfen."

Der Riese mit der Stange schlug
Auslangend, in die Weite,

Jung Roland schwenkte schnell genug

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Sein Roß noch auf die Seite.

Die Lanz' er auf den Riesen schwang,
Doch von dem Wunderschilde sprang
Auf Roland sie zurücke.

Jung Roland nahm in großer Hast

Das Schwert in beide Hände,

Der Riese nach dem seinen faßt,
Er war zu unbehende;

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Mit flinkem Hiebe schlug Roland
Ihm unterm Schild die linke Hand,
Daß Hand und Schild entrollten.

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Dem Riesen schwand der Muth dahin,
Wie ihm der Schild entrissen,
Das Kleinod, das ihm Kraft verliehn,
Mußt' er mit Schmerzen missen.
Zwar lief er gleich dem Schilde nach,
Doch Roland in das Knie ihn stach,
Daß er zu Boden stürzte.

Roland ihn bei den Haaren griff,
Hieb ihm das Haupt herunter,
Ein großer Strom von Blute lief
Ins tiefe Thal hinunter,

Und aus des Todten Schild hernach

Roland das lichte Kleinod brach,

Und freute sich am Glanze.

Dann barg er's unterm Kleide gut

Und ging zu einem Quelle,

Da wusch er sich von Staub und Blut
Gewand und Waffen helle.

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