Page images
PDF
EPUB

Fragmenta Italae" bereits ausführlich über den Inhalt dieses Palimpsestes Rechenschaft geben konnte. Der unterdessen in den Ruhestand versetzte Oberbibliothekar überliess auf Bitten des Dänen Münter ihm gerne die Herausgabe dieser Fragmente, welche 1819 unter der Aufschrift erschienen:

Fragmenta versionis antiquae latinae Antebieronymianae prophetarum Jeremiae, Ezechielis, Danielis et Hoseae, e codice rescripto Bibliothecae Universitatis Wirceburgensis. Programma, quo inaugurationem Reverendissimi Episcopi Ripensis Stephani Telens ... peragendam indicit D. Fridericus Münter, Selandiae Episcopus.

Hafniae MDCCCXIX. 49. 44 Seiten.

Von dieser Zeit an ward dieser Würzburger Codex öfters besprochen und von ihm eine – freilich nicht sehr gelungene – Schriftprobe gebend, nahm Ulrich Friedrich Kopp Veranlassung seinem Buch: „Bilder und Schriften der Vorzeit. Mannheim 1819.“ Band I. S. 185–194. „eine Untersuchung über das Alter and die Eigenschaften der codicum rescriptorum" einzuschalten.

Münter selbst auf A. Mai hinweisend sagt: „Neque abjicienda spes, similes copias prodituras e Bibliothecis Germanicis, iis maxime, quae antiquissimis codicibus in thesauris et sacrariis Ecclesiarum cathedralium atque cenobiorum per multa abhinc secula religiosissime servatis, abundant. Quam quidem exspectationem haud irritam fore, fidem faciunt ipsa illa veteris versionis prophetarum fragmenta, quae heic in conspectum damus. Namque haec in tabulario Capituli Wirceburgensis per mille propemodum annos servata, post rerum germanicarum novissimas conversiones in Bibliothecam florentissimae Universitatis a Julio Episcopo ac Principe sapientissimo ista in urbe conditae migrarunt. Neque neglecta illa. Is enim qui tum temporis Bibliothecae praeerat, Michael Federus, Theologus multis nominibus clarus, ad difficile opus dudum alacri animo sese accinxerat, et immenso sane labore literarum veteres plurimumque pene evanidos duclus, sub recentiori scriptura magnam partem latentes, multis in foliis extricaverat atque integras columnas, ubicunque liceret, in suas schedas transscripserat; ingravescente vero aetate impeditus quo minus in publicam ederet lucem.“

Von da an fanden grössere Leistungen hervorgegangen aus teutschen Bibliotheken nicht mehr statt, bis endlich ein in der Litteratur rühmlich bekannter Mann auch diesen begenstand mit besonderer Liebe erfasste und seine gewonlenen Resultate in dem Buche veröffentlichte:

Lateinische und Griechische Messen aus dem Zweiten bis sechsten Jahrhundert. Herausgegeben Von Franz Joseph Mone, Archivdirector zu Karlsruhe.

Mit einer Schrifttafel. Frankfurt am Main. Verlag von C. B. Lizius. 1850. 40. V. 170.

In diesem Werke legte der Archivdirector Mone das Resultat vieler Forschungen und Studien im PalimpsestenWesen nieder.

Die Herausgabe der Quellensammlung für die badische Landesgeschichte hatte Mone auf die Untersuchung einer ehedem dem bekannten Kloster Reichenau (Augia dives!) gehörigen Pergamenthandschrift in 40., Nr. 253 geführt, welche non in der Hofbibliothek zu Karlsruhe aufbewahrt wird. In dieser Handschrift, welche den Commentar des heil. Hieronymus zum Matthäus enthält, der jedenfalls theils im siebënten, theils im achten Jahrhundert von einer fränkischen Hand geschrieben und wahrscheinlich noch vom heil. Pirmin aus seinem Vaterlande Lothringen (Austrasia) um 724 in die Reiche Au gebracht worden war – in diesem Codex fand Mone schwachgelbe Streifen, theils zwischen den Zeilen, theils quer über dieselben und Anzeigen, dass einzelne Pergamentblätter abgerieben und darum hier und da durchlöchert waren. Spuren alter Schrift konnte Mone kaum erkennen. Sorgfältige Untersuchungen gaben kund, dass die ursprüngliche Tinte metallische Stoffe enthielt, die mit dem Reagens des Schwefelammonium behandelt werden durfte, ohne dass hierdurch der Commentar des Hieronymus bei sorglichem Verfahren leiden würde. In Folge der Anwendung dieses Reagens trat denn die alte Schrift wieder grösstentheils hervor, wo denn Mone die Entdeckung machte, dass dieser Codex mehrere alte Werke - von zum Theil verschiedenem Formate enthielt, wornach also das Pergament zum Hieronymus aus verschiedenen uralten Handschriften entnommen war.

Das erste rescribirte Werk enthielt 45 Blätter, auf der Seite je 18 Zeilen, welche eilf Messen der urältesten gallicanischen Liturgie, wenn auch unvollständig, darboten. Diese kostbaren, wenigstens dem vierten Jahrhundert angehörigen Reliquien sind ein wahrer Schatz, und für den christlichen Theologen eben so werthvoll als dem Philologen das rescribirte Fragment irgend eines Autor classicus, indem sich gerade in solchen Liturgien die expressen Glaubens- ') und Sittenlehren der christlichen Kirche am lebhaftesten manifestiren.

Mone gab diese Liturgischen Ueberreste in dem dritten Capitel seines Werkes von S. 15–38. Text der gallicanischen Messen“ unter Beibehaltung ihrer lingua rustica oder dem damaligen Volksidiom sorgfältig mit Erläuterungen her

1) Veber den theologischen Werth solcher Liturgien vergleiche man: Ant. Ruland: De S. Missae Canonis ortu et progressa nec non valore dogmatico. Herbipoli. 1834. 80.

aus. Eben dieses gab ihm auch Veranlassung ein „Viertes Capitel über die Sprache der rescribirten Werke in Gallien,“ beizufügen, in welcher Sprache er eben den Grund zu finden glaubte, aus dem der Text vieler aller Codices getilgt und das Material rescribirt wurde.

Ebenda gab Mone S. 40 den von ihm weiter entdeckten Inhalt derselben Reichenauer Handschrift Nr. 253 an. Diese Handschrift nämlich enthielt ferner: 1. Die Quelle der Schrift Tertullians „Adversus Ju

daeos" in 30 Blättern. 2. Ein lateinisches Psalterium, von den vorhandenen

Recensionen abweichend und doch auch wieder übereinstimmend, welches Mone desshalb ,,Psalterium italo-gallicanum“ nannte, bezüglich der Schrift

die schönste dieser Palimpsesten. 3. ,,Psalterium italicum,“ sich mehr der römischen

Recension anschliessend, dessen Züge jedoch sehr

erloschen und wenig lesbar sind. 4. Bruchstücke der „Sermones Caesarii Arela

tensis, in wenigen Blättern bestehend. 5. Einige Blätter anderer Reden, worunter eine „De

die judicii“ jedoch, weil mit Pflanzentinte geschrieben,

fast ganz unlesbar. Einen anderen Codex rescriptus fand und untersuchte Mone in der Reichenauer Handschrift Nr. 112. in klein folio, rescribirt in der Mitte des achten Jahrhunderts. In ihr entdeckte er 27 rescribirte Blätter, je zu 24 Zeilen auf der Blattseite, eines „Missale Gregorianum" indessen der neue Text einen angeblich ungedruckten Grammatiker, das dritte und vierte Buch des Juvencus und einen Theil von Isidori Origines enthält, welche Schrift höchstens 60—70 Jahre jünger sei als die gelöschte ältere !

Auch diese schätzbaren Fragmente veröffentlichte Mone, in so weit er eine Abweichung von den bei Menardus und Muratori veröffentlichten alten Missal-Texten zu finden glaubte S. 119—122 seines Buches.

Ein in derselben Handschrift vorfindlicher Ueberrest von 10 Blättern zweispaltig schöner Schrift, enthaltend ein „Psalterium gallicanum" ist wegen der gebrauchten und stark abgeschabten Pflanzenlinte wenig lesbar.

Mit zwei weiteren Codicibus rescriptis in der Stadtbibliothek zu Trier, und dreien zu Darmstadi kam Mone nicht zum Abschluss.

Zugleich erwarb sich aber auch Mone in diesem Buche. nebenbei ein Verdienst durch seine praktischen „Notizen über das Bücherwesen“ wo er so recht verständlich die Behandlung der Palimpseste vor Augen führt, mit den Reagentien und deren Anwendung

S. 165. 166 - schliessend.

Aber nicht minder verdienstlich scheint die vom Vater dem Sohne eingepflanzte Liebe zu gleicher Beschäftigung, deren Resultate letzterer in diesem Jahre in doppelter und zwar wirklich erfreulicher Weise in ihren sicherlich gemeinschaftlichen Studien bot, und die so recht zeigen, wie Vater und Sohn zusammen gehören!

Bereits im Anfange dieses Jahres erschien :

De libris palimpsestis tam latinis quam graecis disseruit DR Fridegarius Mone Lovaniensis. Praecedit de re libraria alque bibliothecis Saec. V—X commentalio. Dissertatio inauguralis amplissimi Philosophorum Heidelbergensium ordinis auctoritate edita.

Carlsruhae. 1855. 8vo. 62 S.

In dieser Inaugural-Abhandlung, welche auch als eigene mit neuem Titelblatt versehene Schrift im Buchhandel erschien, sammelte Dr. F. Mone mit vielem Bienenfleisse in 11 SS. Alles, was sich auf Palimpsesten bezieht, seien sie lateinisch oder griechisch.

In seiner Einleitung „I. De libris palimpsestis latinis zeigt er darauf hin „cur literarum romanarum tot opera perierint.“ Die Beantwortung dieser Frage findet er innig zusammenhängend mit dem Bücher- und Bibliothekswesen vom 5. Jahrhundert an bis herab in's Mittelalter, wenigstens bis in's 10. Jahrhundert, welche Gegenstände er desshalb auch zu entwickeln sich bemüht.

Er erwähnt dann in Kürze die Bemühungen jener, welche über Palimpseste geschrieben haben: „Libri, qui de palimpsestis agunt, pauci sunt alque aetatis recentioris“ sagt er, beginnend mit Leo Allatius, der zuerst de rescriptionis usu apud veteres“ in dem Buche „Animadversiones in antiquitatum etruscarum fragmenta p. 102-1074 schrieb, welchen daon Mabillon de re diplomatica p. 39 wiederholte, indessen Montfaucon, die Mauriner, Maffei, Knittel, denen auch die verschiedenen Herausgeber der Palimpsesten in ihren Prolegomenen beigezählt werden müssen - bei gegebener Veranlassung in ihren diplomatischen Arbeiten solche Codices anzeigten und beschrieben.

Das nachstehende Werk scheint ihm jedoch entgangen zu sein, wie denn Silvestre überhaupt in Teutschland nur selten zu finden ist!

In dem vortrefflichen Werke, eines der kostbarsten die erschienen:

Paleographie universelle. Collection de Fac Simile d'ecritures de tous les peuples et tous les temps de France et d'Italie, d'Angleterre, d'Allemagne publiés par Silvestre Professeur de Calligraphie de .. les enfants du Roi. Accompagnés d'explications historiques et descriptives par M. M. Champollion Figeac et Aimé Champollion fils. Gravés par Girault. Paris. Firmin Didot.

1840, IV Foliobände. findet sich nämlich im zweiten Bande (Lieferung 29.) unter „Ecritures Onciales Romaines - IIIe et IXe siècles“ das vorTrefflichste Facsimile, welches man bezüglich eines rescribirten Codex finden kann, nämlich: „La République de Ciceron, Manuscrit du Vatican“ genommen aus dem 75. Blatte, Seite b. Die Explication giebt hierbei die weniger bekannte Notiz: „Les premières observations sur les manuscrits palimpsestes remontent au XVIIe siècle et la France peut en revendiquer une juste part. En 1692, M. Boivin, de la Bibliothèque du roi, reconnut sous le texte grec de saint Ephrem, écrit au XIVe siècle, une partie de la Bible grecque, en lettres onciales du VIe siècle." deren Werth oder Unwerth wir dahin gestellt sein lassen, nachdem es einmal Thatsache ist, dass die erste ausführliche und durchgreifende Behandlung eines Palimpsesten eben dem oben angeführten Knittel gebührt, wie er solches ohnehin noch vor Erscheinung des Werkes selbst in seinem mit dem Werke fast eben so überschriebenem Programme (Brunsv. 1758) angekündigt hatte.

Auch die neueste eigene Schrift über das PalimpsestenWesen: „Memoria intorno ai Palinsesti di Luigi Ferrario, assistente all' I. R. scuola di paleografia e diplomatica in Milano. Milano T. d. G. Bernardoni 1853. 80.6 - welche übrigens eines sehr magern Inhalts ist - wird von ihm angeführt.

Indem nun Mone auf Schröters oben genannte Arbeit zurückgreifend eine summarische Uebersicht dessen, was von Knittel, Giovenazzi und Bruns (dessen Fragmentum Livii nicht 1791 oder 1792, wie es S. 3 und 43 heisst, sondern 1773 zuerst erschien) beginnend bis auf Mone selbst herab aus Palimpsesten edirt wurde, fügt er die Hoffnung bei: „Speramus igitur, fore ut viri docti palimpsestorum autoritate bene intellecta, vetustissimos libros MSS. perscrutentur, rescriptosque in lucem proferant.“

Was Mone von $. 1–4 über die alten Bibliotheken fleissig zusammenstellte, ist weniger interessant, als die Fortsetzung im 9. 4 wo es ihm nothwendig schien: yde operibus tam classicis quam christianis agere, quae saeculo V–VII adhuc extitisse videntur, nunc autem desiderantur.“ Als solche Werke werden unter Angabe der selbige damals noch erwähnenden Autoren aufgeführt:

Sallustii historiae.
M. Terentii Varronis Opera.
C. Plinii Secundi Libri XX de bellis Germanicis.
T. Livii libri historiarum.
C. Taciti Annalium et historiarum libri.
Tertulliani quaedam Opera.

« PreviousContinue »