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Sehen wir zunächst zu, ob äussere Gründe vorhanden sind, die den Werth dieser Tafel bezüglich der in Betracht kommenden geschichtlichen Thatsachen vermindern können. Da die Tafel, soviel bekannt, nicht mehr vorhanden ist, so lässt sich durch Besichtigung derselben nichts feststellen. Pater Bär, der dieselbe noch sah, bemerkt, dass sie über das XIV. Jahrhundert nicht hinausreiche. Es ist kein Zweifel darüber, dass Bär, da er mit den alten Schriftzügen sehr vertraut war, die Zeit der Anfertigung richtig angegeben hat. Daraus folgt jedoch nicht, dass die Verse selbst nicht viel älter sind; wir wissen, dass schriftliche Documente und Gedenktafeln, wie Seelenbuch und Consecrationsstein, sobald sie anfingen unleserlich zu werden, von den Mönchen neu hergestellt wurden. Dass dies auch mit unserer Grabtafel geschehen, unterliegt keinem Zweifel.

Es ist zunächst nicht wahrscheinlich, dass die Gebeine der drei ersten Aebte erst im XIV. Jahrhundert an der Stelle, wo der Grabstein sich befand, beigesetzt wurden. Auch Bär musste dies annehmen, wenn er nicht in offenen Widerspruch mit sich gerathen wollte. Er führt nämlich als Grund dafür, dass man blos diesen Dreien aus der Urzeit des Klosters ein besonderes Gedächtniss bewahrt, an, dass man diese ersten Aebte „theils wegen ihrer persönlichen Heiligkeit, theils in Rücksicht auf Clarevall und den heiligen Bernhard, dessen Schüler sie waren, besonders ehren und ihr Gedächtniss durch feierliche Beisetzung ihrer Leichen auszeichnen" wollte. Dies kann aber nicht erst im XIV. Jahrhundert geschehen sein, da man ja nach Bär's Voraussetzung in dieser Zeit kaum etwas von ihnen wusste. Die Beisetzung der Aebte muss also zu einer Zeit geschehen sein, wo die Mönche noch ein klares Bild von deren Leben, Wirken und Geschichte vor der Seele hatten, also in der ersten Zeit. Darauf deutet auch die Beschaffenheit des Orts hin, an welchem sie beigesetzt wurden. Die Stelle findet sich an der Westwand des nördlichen Kreuzarmes der Kirche links vom Eingang in dieselbe aus dem Ambitus. Hier ist die Ruhestätte, wie der ursprüngliche Bogen in der Mauer, der keinen anderen Zweck haben konnte, beweist, schon gleich beim Bau der Kirche vorgesehen worden. Es ist freilich nicht anzunehmen, dass die ersten Aebte selbst ihr Andenken auf diese Weise verewigen wollten; aber der Bau der Kirche fällt auch nicht in ihre Zeit. Denn die ersten Altäre wurden erst 1178 eingeweiht; der dritte Abt, Eberhard, kommt aber schon 1164 nicht mehr in Urkunden vor. Man müsste also mehr als 14 Jahre für den Bau bis zur Einweihung der ersten Altäre annehmen, um den Beginn desselben noch in Eberhard's Regierung zu setzen. Da die Kirche 1186 vollendet wurde, so haben wir

von Eberhard's Tode einen Zeitraum von 22 Jahren, der wohl hingereicht haben dürfte, die Kirche zu erbauen.

Ist aber die Beisetzung der drei Aebte kurz nach ihrem Tode an der genannten Stelle erfolgt und zwar zu dem Zwecke ihr Andenken zu bewahren, dann hat man ohne Zweifel schon damals eine Tafel angebracht, welche von dieser Hochachtung der Mönche Zeugniss geben sollte. Entstammte die von Bär gesehene Tafel dem XIV. Jahrhundert, dann ist sie wie die Consecrationstafel nur eine Erneuerung der ersten ursprünglichen gewesen. Dies beweisen auch die Verse selbst, welche denen gegenüber, die im XIV. Jahrhundert im Kloster gemacht wurden, klassisch zu nennen sind und darum allein schon einen anderen Ursprung verrathen. Aus einer spätern Erneuerung der Aufschrift erklärt sich auch leicht, warum als dritter Abt Gerhard statt Eberhard genannt wird, indem die Verwechselung des mittelalterlichen G und E nicht auffallend ist. Dass ursprünglich Eberhard gemeint war, erweist sich aus dem Zusatz: dolus in quo non fuit ullus. Dieses Lob hatte der hl. Bernhard von Gerhard ausgesprochen 1). Es lag nahe und vielleicht gab gerade letzterer die Veranlassung dazu, die Worte auf Eberhard anzuwenden, dessen vielbewegtes Leben 2) dadurch jeder Missdeutung entzogen werden sollte.

Steht also hiernach der Zuverlässigkeit der Tafel keine äussere Thatsache entgegen, erscheint dieselbe vielmehr durch die obigen Bemerkungen gesichert, so liefert auch sie den Beweis, dass der zweite Abt Eberbachs Arnold geheissen. Die Lücke zwischen Ruthard und Eberhard wird durch ihn ausgefüllt. Weder diese Gedächtnisstafel noch die im Chore befindliche Consecrationstafel ist nunmehr noch ein Räthsel. Zwei leicht denkbare Schreibversehen erklären Alles, während man sonst eine schwerlich vorauszusetzende Unwissenheit der Mönche betreffs ihrer häuslichen Geschichte annehmen muss und damit doch nichts erklären kann. Die beiden kleinen Versehen anzunehmen, wo so Vieles für ihr Vorhandensein spricht, würde wohl auch Pater Bär nicht für kritikwidrig halten, da er selbst häufig einer solchen Annahme ohne Bedenken sich zuwendet, wenn Thatsachen es erfordern. Dass man ferner die auf Konrad folgenden Aebte bis zum letzten nach der auf dessen Stein angezeigten Reihenfolge weiter zählte, ohne den Fehler gut zu machen, ist bei obiger Darstellung nicht schwerer zu erklären, als dies bei den Voraussetzungen Bär's möglich ist 3).

1) Bär, a. O., Bd. I, pag. 306. 2) Bär, a. O., Bd. I, pag. 240. 3) Die Erklärung Bär's a. O., Bd. I, pag. 130 ff.

X.

Guttus, Mamilla, Vericulum.

(Mit Abbildungen auf Taf. VI, Fig. 1-9.)

Von

Conservator Oberst z. D. v. Cohausen.

Auf Taf. VI, Fig. 1-9, haben wir eine Anzahl eigenthümlicher Kännchen abgebildet, welche sich nicht eben selten und stets in Gesellschaft mit anderen römischen Antikaglien im Rhein- und Donaulande finden und daher auch unzweifelhaft römischen Ursprungs sind. Sie sind theils von Thon, theils von Glas, letztere stets gehenkelt, während die thönernen gehenkelt und ungehenkelt vorkommen; allen ist gemein ein fein durchbohrter Ausgussschnabel, der so tief steht, dass das Kännchen oft kaum zur Hälfte gefüllt werden kann, ohne den grössten Theil seines Inhalts zu verlieren.

Unser Museum besitzt zwanzig derselben von Thon und vier von Glas, das Mainzer Museum vier von Thon und zwei von Glas, das ProvinzialMuseum in Trier zwei von Thon und zwei von Glas, das von Regensburg acht von Glas. Von den Dargestellten gehören Fig. 1, 2, 3, 4, 8 [2485, 10794, 5298, 5284, 5291] dem hiesigen, Fig. 5 dem trierischen, Fig. 6 und 7 dem Antiquarium in Augsburg (publicirt im 12., 13., 14. Jahresbericht des hist. Vereins für Schwaben-Neuburg, Taf. I, Fig. 38 und Taf. III, Fig. 28) und Fig. 9 der Sammlung in Luxemburg (Publicationen des dortigen Vereins V, Taf. 1, 16) an. Taf. VI, Fig. 1 und 9 sind von Glas, die andern von Thon und zwar Fig. 2 bläulich und hart, Fig. 3 von einem sehr rauhen und schlackenkörnerhaltigem hartem Thon, der sowohl im Innern, als auf der Hälfte der Aussenseite und auf dem Schnabel selbst mit einer etwas dunklern, gleichfalls schlackenkörnerhaltigen Masse begossen (engobirt) ist. Fig. 4 ist ein röthlicher, schwarz überfärbter und mit weissen Tupfen bemalter Thon. Fig. 8 besteht aus einem weissen, schwach gebrannten Thon. In Terra sigillata finden sie sich nie. Die Henkel stehen, wo sie vorhanden, immer rechts zur Seite des Schnabels, wie sie für das Ausgiessen am bequemsten sind. Die der Fig. 4 ähnlichen (bei uns fünf Stück) ebenso die weissen kugelförmigen, wie Fig. 8 (sieben Stück), werden nicht mit Henkeln

gefunden. Die gläsernen sind stets seitlich gehenkelt. Die Werkweise ihrer Anfertigung hat drei der römischen und auch noch der fränkischen Technik eigene Momente. Nachdem die Kugel geblasen und ziemlich gekühlt noch an der Pfeife sitzt, wird ein glühender Glastropfen darauf gesetzt und weiter geblasen; er erweicht die Bauchwand, so dass sie mit ihm sich aufbläht und spitz ausgezogen und abgebrochen werden kann. So entsteht der rund aufsitzende, spitze, mit sehr feiner Mündung versehene Schnabel. Dann wird die Flaschenmündung erweitert und wie alle römischen Flaschen und Fläschchen, nach Innen umgesäumt. Und endlich wird drittens der rinnenförmige, mit einer Mittelrippe versehene Henkel am Bauch angesetzt, aufgezogen und mit einer oder zwei Falten am Mundrand angelegt. Wie der Henkel diese Modellirung im Querprofil erhält, zumal wie diesem bei Kannen und Urnen oft die Form eines viel- und feinzähnigen Kammes gegeben wird und wie er dabei doch so scharf und rein ansitzt, ist auch unseren Glasfabrikanten ein Räthsel.

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Man findet diese Schnabelgefässe als Guttus, Tropfgefäss, bezeichnet; es war dann, wie die Ampulla, ein Oelgefäss, welches im Haus und auf der Palästra diente und es wird der Guttus mit der Strigilis zusammen als Geräthe zur Hauspflege genannt. Martial, XIV, 52, erwähnt einen Guttus von Horn ein Tropfhorn Plinius einen solchen von Buchenholz (faginus). Auch als Opfergefäss für Wein geschieht seiner Erwähnung und es wird sein Namen gedeutet, weil er den Wein nur in Tropfen, guttis, ausfliessen liess. Das Gutturnium diente nach Festus und der Guttulus nach Plautus, um Wasser durch die Enge seiner Mündung nur tropfenweise auf die Hand fliessen zu lassen. Auch findet man diese Schnabelgefässe als Mamilla, Nährfläschchen, franz. biberon, bezeichnet und ihnen den Zweck zur Nährung der Säuglinge zu dienen zugeschrieben. Es hat dies um so mehr für sich, als man diese Kännchen sowohl bei Mainz oder Bingen, als auch bei Aventicum notorisch in Kindergräbern gefunden hat. In der That hat es etwas Ansprechendes, dass, wie man den Erwachsenen Gefässe mit Speise und Trank mit ins Grab gab, man auch die kleinen Kinder in jenen weissen, rundlichen Schnabelkännchen mit Milch versorgte. Die Form, Fig. 7, erscheint selbst für den wirklichen. Gebrauch nicht ungeschickt. Allein welche Mutter möchte ihrem Kinde eine so gefährliche Glasspitze, wie die Fig. 1 dargestellte, oder einen so mit Absicht rauh gemachten Ausguss, wie Fig. 3 zeigt, in den Mund geben, ganz abgesehen von dem bärtigen Mannsgesicht, welches dem Kännchen zur Zierde gereichen soll. Zum Saugen bedürfte es noch etwa eines leinenen Beutelchens, eines sogenannten Schnullers, aber

Annalen f. Nass. Alterthumsk. u. Geschichtsf. XV. Bd.

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nirgends zeigt sich eine Vorrichtung, um einen solchen festzubinden. Der Schnabel von Fig. 5 ist durch die beiden Kügelchen an seiner Wurzel als Phallus characterisirt; und aufmerksam gemacht durch diese, müssen wir auch den aufgemalten, runden Flecken unter dem Schnabel von Fig. 4 eine entsprechende Bedeutung zuerkennen; ja, alle ähnlich geformten Gefässe (wir besitzen im hiesigen Museum deren vier) zeigen diese beiden runden Flecken unter dem Schnabel und kann über deren phallische Bedeutung kein Zweifel sein. Dieselbe Form, abgesehen von dem Schnabel, ist aber einer grossen Zahl von Gefässen eigen, welche schon durch die auf viele aufgemalten Inschriften, Vinum, Bibe u. s. w. sich als Trinkgefässe bekunden. Wir können also auch wieder rückwärts schliessen, dass auch die geschnäbelten Trinkgefässe sind; und wenn wir sie auch noch nicht mit Trinksprüchen getroffen haben, so ist doch die Malerei Tupfen, Perlen, Ranken weiss und pasteus auf schwarzem Grund, dieselbe. Ihrem Gebrauch nach erinnern sie an die Rhyta, welche im griechischen Alterthum so häufig, aber unter römischen Antiquitäten unseres Wissens nicht vorkommen. Näher ist ihre Verwandtschaft mit den noch im vorigen Jahrhundert hier und da in schlechter Gesellschaft vorkommenden phallusförmigen, gläsernen Trinkgefässen. Auch ein solches besitzt das Trierische Museum.

Um als Rhyton zu dienen, ist der aus unserem Schnabelgefäss ausfliessende Strahl zu dünn und so ablenksam, dass er eher der Gefässwand nachläuft, als im Bogen ausspritzt. Dieser Uebelstand zeigt sich auch da, wo man das Gefäss wirklich als Guttus zum tropfenweisen Ablassen der Flüssigkeit gebrauchen will. Möglich ist es aber, den Wein aus ihm zu saugen.

In einigen bei Augsburg gefundenen Schnabelgefässen, Fig. 6, fand sich ein Bodensatz von Oel, und wenn man daraus schloss, dass es ein Oelkrüglein zum Füllen der Lampen gewesen, so konnte man, abgesehen für den Gebrauch zu Salböl, noch einen Schritt weiter gehen, und es für ein wirkliches Lämpchen ansehen. In der That, wenn ein passender Docht eingezogen wird, welcher die enge Mündung eben nur so viel schliesst, dass das Oel, selbst bei einigem Druck, nicht ausfliesst, sondern nur durch die Haarröhrchenkraft hinreichend beigezogen wird, um die Flamme zu speisen, so hat man, wie wir dies erprobt, ein nicht unpraktisches Lämpchen, welches einen grösseren Lichtumfang gewährt als die gewöhnliche antike Lampe.

Wenn wir die Schnabelkännchen als Tropfgefäss, als Nährflasche, als Trinkgefäss und als Lampe mehr oder weniger praktisch oder unpraktisch befunden, so stossen uns Gefässe von wesentlich gleicher

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