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ist bei beiden oft dasselbe, aber das Elfenbein ist an der Kreuzung der Fasern und an dem Mangel der Gefässlöcher und Rinnen erkennbar, die an keinem bearbeiteten Knochen fehlen. K. O. Müller sagt in seinem Handbuch der Archäologie der Kunst, Breslau 1835, pag. 418: Die Alten erhielten aus Indien, besonders aus Afrika Elfenbeinzähne, durch deren Spaltung und Biegung, eine verlorene aber sicher vorhandene Kunst, sie Platten von 12-20 Zoll Breite gewinnen konnten". Die grössten Tafeln sind die sogenannten Diptycha, die der spät römischen Kunst angehören und die aus zwei Blättern bestehende Schreibtafeln oder die Decken derselben darstellen. Die Kunst, das Elfenbein zu biegen, ist indessen nicht verloren. Ein lange in Paris beschäftigter Arbeiter theilte mir mit, dass man daselbst das Elfenbein durch Kochen in siedendem Wasser und nachherige Anwendung von Wasserdämpfen so weich zu machen wisse, dass man es pressen kann. Die Menge des jetzt jährlich in den Handel kommenden fossilen Elfenbeins aus Sibirien ist ungeheuer, Middendorf schätzt sie über 40,000 Pfund, von Baer glaubt, dass sie den Zähnen von 200 Mammuthen entspricht.

Die in der Wildscheuer gefundenen Knochen und Geräthe lagen in Löss, der, wie Herr von Cohausen annimmt, nur von dem Thale her in dieselbe eingeschwemmt sein kann, da eine Oeffnung in der Decke sich nicht findet, doch könnte diese durch Kalksinterbildung sich geschlossen haben; eine Stalagmitendecke am Boden der Höhle hat sich nicht gefunden. Auch konnte im Löss für die verschiedenen Thierknochen kein aufeinanderfolgendes Alter der Fauna nachgewiesen werden. Doch zeigen die Knochen verschiedene Grade der Erhaltung, die Mammuthzahnreste, auch ein Schulterblatt desselben, sind sehr mürbe, einige der menschlichen Unterkiefer sind dagegen sehr gut erhalten, was von verschiedenem Alter, aber auch von verschiedenen Umständen der Lagerung in derselben Höhle, ob an einer feuchten oder trockenen Stelle, abhängen kann. Die Knochen sind von Elephas primigenius, Rhinoceros, diese, wie so oft gefunden wird, stark benagt; ferner von Hyaena spelaca und Ursus spelaeus, von Bos, Equus, Cervus elaphus und Tarandus, von Lutra und Canis vulpes. Zahlreiche Reste von Hypudacus beweisen, dass auch kleine Nager hier noch Nahrung fanden. Ein Knochenstück ist gerollt, ein anderes verkohlt. Ein Knochen vom Bär ist angebrannt und fest daran sitzt gebrannter Thon. Viele Knochen sind im frischen Zustand aufgeschlagen. Da diese gemengt mit Feuerstein- und Hornsteinmessern, zumal im vorderen Theile der Höhle, vorkommen und vor derselben, die Menschenknochen dagegen im hinteren dunkeln Theile derselben, so können wir schliessen, dass der dem Tageslicht zugängliche Theil der Höhle bewohnt war und im

Hintergrunde derselben die Todten begraben wurden. Für eine Begräbnissstelle spricht auch der Umstand, dass Reste von mehreren Kindern sich unter den Knochen finden.

In einer Felsspalte weit unterhalb der Höhlen nahe der Lahn sind Reste von Felis spelaea und von Cervus megaceros gefunden worden. Der halbe Atlas von diesem letzteren [2003] war dem Hippopotamus major zugeschrieben worden, welcher allerdings und auffallender Weise schon in englischen Höhlen und Flussanschwemmungen, aber meist in Begleitung des älteren Elephas antiquus vorgekommen ist, wie auch im Rheinsand bei Mosbach. An jenem Atlas des Riesenhirsches lässt sich sogar das männliche Geschlecht erkennen, indem nach der schönen Beobachtung des Herrn L. de Pauw in Brüssel bei den geweihtragenden Thieren die Gelenkfläche für das Hinterhaupt eine vorspringende Leiste hat, die beim Senken des mit dem Geweih beschwerten Kopfes eine Ausrenkung desselben verhütet.

Das Thal, an dessen Wand sich die Spalte öffnet, liegt jetzt trocken, indem der Bach jetzt höher im Thale in die Tiefe dringt, eine Erscheinung, die in den Thälern des Kalkgebirgs so häufig sich wiederfindet. Die Höhle liegt 12 m über der Thalsohle und wenn der Löss nur von aussen in die Höhle gelangen konnte, so muss das Thal damals weniger ausgetieft gewesen sein und das Wasser in ihm einen viel höheren Lauf gehabt haben. Als die Höhle bewohnt war wird sie trocken gewesen und vom Flusse nicht mehr erreicht worden sein. Ob ein Theil der Knochen, etwa die des Elephas, mit dem Löss abgelagert worden ist, wird schwer zu entscheiden sein, die meisten, zumal die menschlichen, scheinen später dahin gelangt. Als der Löss da abgelagert wurde, war die Höhle unbewohnbar für den Menschen. Dass man sich hüten muss im Löss gefundene Gegenstände ohne Weiteres für gleichzeitig mit seiner Ablagerung zu halten, hat auch Ecker bei Beschreibung der im Löss bei Munzingen gefundenen bearbeiteten Rennthierknochen und Steingeräthe ausgesprochen. Für die Geschichte dieser Gegend ist die geologische Thatsache noch erwähnenswerth, dass, wie Herr von Cohausen angibt, in der Thalschlucht aufwärts eine 2,40 m mächtige Bimssteinschicht auf dem Löss ruht und nur von einer 1/2 m hohen Lage Ackererde bedeckt ist. In den Umgebungen des Laacher Sees ist dieselbe Reihenfolge der Schichten beobachtet. Ausser den Knochen und Knochengeräthen fanden sich in der Wildscheuer auch Bruchstücke roh gearbeiteter, dicker, schwärz licher Thongeschirre und roh zugehauene Messer und Schaber aus Feuerstein und Hornstein. Ein gekrümmtes Hornsteinmesser ist durch rothen eisenhaltigen Kalksinter an ein Stück Mammuthzahn fest

gekittet. Auf der über der Höhle befindlichen Bergfläche kommen ganz ähnliche Scherben roher Töpfe vor, aber auch schwarz glänzende mit Strichverzierung. Ein ganz erhaltener (Taf. VIII, ws 1) ist in der Höhle gefunden, er hat aussen vorspringende Stutzen zum Durchziehen einer Schnur. Die unten abgerundete kugelige Form gleicht weder den rohen Höhlentöpfen Westfalens, noch den gewöhnlichen germanischen Aschenurnen, noch den späteren fränkischen Gefässen, hat aber die grösste Aehnlichkeit auch in Bezug auf das Ornament mit den Thongefässen der oberrheinischen Grabfelder am Hinkelstein und zu Niederingelheim, die zu den ältesten des Rheinlandes gehören und auch Schädel geliefert haben, die den germanischen Typus in einer besonders rohen Form erkennen lassen; vgl. Arch. f. A. III, 1868, pag. 101 und 127.

Die bearbeiteten Knochen sind die folgenden:

1) Ein Vogelknochen [2126] Taf. VIII, ws 4, 102 mm lang, 10 mm dick. Er ist oben mit fünffacher, in der Mitte mit vierfacher, unten mit dreifacher tief eingeschnittener Zickzacklinie verziert. Der Knochen ist das Stück des Radius von einem grossen Vogel, wahrscheinlich vom Falken oder Adler. Mehrere bearbeitete Vogelknochen von entsprechender Grösse befinden sich im Museum zu Brüssel und sind in der dritten Höhle von Goyet gefunden; einer hat ein Loch und diente als Pfeife, ein zweites Loch zum Aufhängen befindet sich an einem Ende; drei andere Vogelknochen derselben Art sind mit kurzen einander gegenüberstehenden Querschnitten verziert. Noch cinmal kommt dieser Vogelknochen daselbst vor mit einer auf seiner Oberfläche eingeritzten Nadel, die herausgeschnitten werden sollte, doch war diese Arbeit erst angefangen. Auch eine Zickzack verzierung ist auf einem dickeren Säugethierknochen derselben Höhle vorhanden, es sind drei sehr unregelmässig eingeschnittene Zickzacklinien. Auch unter den von Zawisza in der Mammuthhöhle bei Krakau gefundener bearbeiteter Knochen findet sich dieser Vogelknochen mit zwei Reihen quer gestellter Einschnitte verziert. Auch kommen kurze Stücke eines solchen Vogelknochens in belgischen Höhlen als Perlen vor. Die Uebereinstimmuug in der Wahl gewisser Knochen und in der Art der Verzierung derselben an von einander so entfernten Orten, in Polen, Belgien und Westdeutschland, sprechen nicht nur für ein gleiches Alter dieser unter gleichen Umständen aufgefundenen menschlichen Arbeiten, sondern auch für eine Verwandtschaft der in diesen Ländern damals lebenden Volksstämme.

2) Ein 85 mm langes und 28 mm breites Knochenstück [2135 bis 2136] Taf. VIII, ws 3, vielleicht ein Stück Rippe vom Hirsch, auf dem

unter rothem, eisenhaltigem Kalksinter schräge Striche in ziemlich gleichen Entfernungen sichtbar sind.

3) Ein 143 mm langes und 24 mm breites Rippenstück [2146], unten spitz zugeschliffen, mit schrägen Linien verziert, die nicht gerade laufen, sondern unregelmässig gekrümmt sind, einige sind doppelt. Die äussere convexe Seite der Rippe ist nicht verziert.

4) Ein 120 mm langes und 22 mm breites Rippenstück [2149], welches auf der convexen Seite zwei sich kreuzende und mehrere schräg gerichtete Linien zeigt.

5) Ein 165 mm langes und 35 mm breites Stück eines grossen Röhrenknochens [2114], welcher im frischen Zustande aufgeschlagen ist und quer gerichtete Rinnen zeigt, die allerdings wie Nagespuren aussehen, weil sie nicht mit einem scharfen Steine gemacht sind. Auffallend ist nur, dass man nicht die Spur beider Zahnreihen gewahr wird, wie es doch sonst der Fall ist. Ein ganz ähnlicher mit Querlinien unregelmässig gezeichneter Knochen vom Pferd ist in der paläontologischen Abtheilung des Brüsseler Museums und stammt ebenfalls aus der Höhle von Goyet.

6) Ein 156 mm langes und 23 mm breites Stück Elfenbein [2139] Taf. VIII, ws 5, welches an einem Ende falzbeinartig zugespitzt ist. Die platte Fläche, welche die vorspringenden Rippen des Elfenbeins erkennen lässt, ist mit schräg sich kreuzenden Linien verziert, die in ziemlich gleichen Abständen stehen und in der Mitte ziemlich regelmässige Rauten bilden. Auf der convexen Seite sind solche Linien nicht erkennbar. Beide Flächen zeigen dieselben Mangandendriten, die auf den menschlichen Schädelstücken vorkommen.

7) Ein kürzeres, nur 74 mm langes und in der Mitte 34 mm breites Stück Elfenbein [2142] Taf. VIII, ws 2, welches auf der flachen Seite mit dichter stehenden, aber nicht so geraden und nicht so regelmässig von einander abstehenden, sich durchkreuzenden Strichen geziert ist. Auf der gewölbten Fläche sind die Linien noch unregelmässiger gezogen. Auch dieses Stück ist mit Mangandendriten bedeckt. Die Linien sind mit einem scharf ritzenden Instrumente, also wohl mit einem Feuerstein, gemacht. Vorher wurde das Elfenbeinstück in eine nach beiden Seiten zulaufende Kante geschliffen; in der Mitte ist dasselbe 15 mm dick. Diese den Falzbeinen ähnlichen Geräthe von unbekanntem Gebrauche sind reicher, aber ebenfalls mit Rauten verziert, auch in der Höhle von Thayingen und Freudenthal in der Schweiz gefunden und beim Anthropologen-Congresse in Constanz vorgezeigt worden. Von Fälschung kann hier nicht die Rede sein, denn eines der gezeichneten Stücke von Steeten habe

ich selbst an einer Stelle noch von dem die Linien bedeckenden Kalksinter befreit.

Zwei wichtige Funde sind noch in dem mit Steinen und Geröll überschütteten Boden der benachbarten Höhle „Wildhaus“ gemacht, in der aber, vielleicht weil sie höher liegt, kein Löss abgelagert ist und Reste von Mammuth und Rennthier fehlen. Es ist eine grosse Waffe aus Knochen [5553] Taf. VIII, wн 7, einem Dolche oder kurzem Schwerte ähnlich, 40,5 cm lang und an der breitesten Stelle 56 mm breit; die obere Seite ist convex und scheint die natürliche Oberfläche des Knochens zu sein, woraus die Waffe gefertigt ist, die untere ist schwach concav und zeigt das balkenartige Gefüge des Knochengewebes; sie ist am unteren abgerundeten Ende 8-10 mm, in der Mitte 9-11 mm, gegen die Spitze hin 6 mm dick. Kein anderes Thier hat einen so langen Knochen, aus dem dieser Dolch gefertigt sein könnte, als der Elephant und zwar muss sie aus dem Radius desselben gemacht sein, der allein in solcher Länge gerade ist. Die Diaphyse desselben, d. h. das gerade Mittelstück ohne die Gelenkenden, misst an dem schönen Mammuthskelet des Brüsseler Museums 63 cm, es ist 60-70 mm breit. Auch die Krümmung der gewölbten Oberfläche des Dolches entspricht mehr dem Radius als dem dünneren Wadenbein, dessen Diaphyse 61,7 cm lang und unten 90, in der Mitte 45 und oben an der schmalsten Stelle 34 mm breit ist. Bei Bos ist das Femur zwar 42,5 cm lang, aber das gerade Mittelstück misst nur 29 cm.

Für eine so lange und dünne Waffe, wie dieser Dolch ist, war es aber ganz besonders erforderlich, dass sie von festem Stoffe war und man könnte hier mit viel grösserer Sicherheit, als bei den bearbeiteten Elfenbeinstücken schliessen, dass das Werkzeug aus einem frischen Mammuthknochen gemacht worden ist. Dieser merkwürdige Fund ist nicht der einzige seiner Art. Graf Zawisza hat neuerdings in der Mammuthhöhle bei Krakau unter zahlreichen Resten des Mammuth zwischen paläolitischen Steingeräthen mehrere rundliche und ein herzförmiges Anhängsel aus Elfenbein und eine 46 cm lange Waffe aus einer Mammuthrippe gefunden. Sie war in Paris ausgestellt. An einem Ende ist sie, wie zum bequemen Fassen mit der Hand, abgerundet, das andere scheint zugespitzt gewesen zu sein, sie ist auf einer Seite convex, auf der andern flach und ist nicht gerade, wie das Knochenschwert von Steeten, sondern hat die Krümmung der Rippe, aus der sie gemacht. Zawisza's Bericht wird in den Mém. de la Soc. d'Anthrop. de Paris 2. S. T. I, 1878, erscheinen. Ich besitze von ihm die Abbildung dieses Schwertes.

Sodann ist ebendaselbst eine schön grün patinirte Pfeilspitze,

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