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leicht eine Frage übergangen hat, welche hier von Interesse sein könnte.

Hr. Schacht ist durch das nicht minder geistvoll geschriebene und feine Bemerkungen enthaltende frankfurter Programm von Hrn. Schwenck zu seiner Schrift angeregt worden. Die Idee des sophokleischen Stücks, schon so vielfach besprochen, setzt der Letztere nämlich in die Veranschaulichung schweren Leides, welches hervorgerufen durch den Conflict *) zweier an sich sittlichen, aber mit starrer Unnachgiebigkeit verfolgten Ideen, der Religion und Pietät, und des Gehorsams gegen die Gebote der weltlichen Gewalt, beide Theile trifft. Sie ist daher sehr geeignet, fährt Hr. Schwenck fort, ernst an das Maass zu mahnen, welches uns Menschen in allen Dingen ziemt, und zu lehren, wie schrecklich dem zu enden beschieden sein kann, der unnachgiebig in leidenschaftlicher Aufregung mit Trotz den von ihm für Recht erkannten Weg verfolgt, unbekümmert um die, deren Weg der seinige hemmend und störend durchkreuzt. Der Hr. Verf, weist auf den analogen Conflict in allen christlichen Reichen hin, wo der religiöse Scrupel mit dem Staatsgesetz in Zwiespalt geräth, auf die vielen Fälle geringerer Verhältnisse, wo selbst bei den ehrbarsten Gesinnungen das einseitige Verfolgen einer Idee zu einer Verhärtung und Starrheit führe, welche im Zusammenstoss mit gleicher Starrheit breche oder beide Theile vernichte. In diesem Sinne, fährt er fort ist die Antigone des Sophokles nicht veraltet und wird nie veralten; wie überhaupt keine Dichtung, welche auf das Reinmenschliche gegründet ist, in ihrer wahren Wesentlichkeit und Form, sondern höchstens in einigen Bedingungen ihrer äussern Erscheinung veralten kann. **)

Aber diese Auffassung der Idee, welche dem sophokleischen Stücke zum Grunde liege, setzt einė gleichmässig vertheilte Schuld der beiden Vertreter zweier Principe voraus: wogegen

*) Dass unsere Tragödie den Conflict des Staats und der Familie behandle, ist die von Welcker. Gr. Tr. I. p. 251. repetirte Ansicht von K. O. Müller in den Götting. Anz. 1836 p. 1821.

**) Auch der Verf. von Nr. 2. stimmt pag. 6 sq. bei: die Motive der Mehrzahl der alten Tragödien und namentlich der Antigone sind ein so rein Menschliches und darum allgemein Gültiges und Wahres, dass zu ihrem Verständniss überhaupt nur die Fähigkeit erfordert wird, sich in die Eigenthümlichkeit der Zeit und des Orts und in die Lage der handelnden Personen hinein zu denken: eine Fähigkeit, ohne die kein dramatisches Kunstwerk, dessen Stoff nicht der unmittelbarsten Gegenwart entnommen ist, begriffen werden kann. Bekanntlich hatte A. W. Schlegel in seinem Werke über dramatische Kunst und Literatur p. 117. eine ganz entgegengesetzte Ansicht. Inwiefern Beides zu beschränken, liegt in unsern Rügen, die wir unten den Erklärungsschriften machen,

Tage.

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Hr. Schacht meint, das geringe Körnchen von Schuld, das der Dichter mit Fleiss dem Benehmen der Antigone hinzugethan, nämlich ihr aus tief verletztem Gefühle und aus Entschlossenheit entspringender Trotz, wodurch sie als Heldin hervortrete, wiege unendlich weniger als die Masse von Schuld, welche Kreon durch sein politisch scheinendes Machtgebot, durch die unpolitisch unmenschliche Anwendung desselben und durch die Miskennung der Edelthat Antigone's auf sich lade.

Es entstände hier also die Frage, ob die beiden im Stücke streitenden Parteien von gleichmässiger Schuld gedrückt werden, zu deren Entscheidung es nothwendig, beide Charactere nach denjenigen Zügen zu schildern, welche der Dichter ihnen angeheftet. Darum hat sowohl Hr. Schwenck wie Hr. Schacht sich dieser Aufgabe unterzogen. Wenn wir hier ein Gleiches thun, wenigstens die vorzüglichsten Momente der Dichtung in dieser Beziehung hervorheben, so fassen wir zugleich Nr. 2. der obigen Schriften sowie das Held’sche, mit vielem Fleisse und klarer Einsicht geschriebene Programm, das die Beleuchtung des Kreontischen Characters sich zur Aufgabe gestellt hat, speciell ins Auge. Es wird sich dabei von vorn herein häufig die Gelegenheit finden, die Uebersetzungen in ihren Schwächen und Vorzügen darzustellen. Hrn. Schwenck ist „Kreon, der neue Herrscher Thebens, in keiner Hinsicht ein unwürdiger und böser Mensch, welcher den Willen zeigt, um seines Vortheils oder seiner Launen willen eine Ungerechtigkeit zu begehen oder welcher kalt und hartherzig den sanfteren Gefühlen und dem Mitleid unzugänglich wäre. Ihn erfüllt ganz die neue Herrscherpflicht und er ist, weil er argwöhnt, es möge ihm der Thron missgönnt und insgeheim bedroht werden, eifersüchtig auf die neue Herrschaft, welche ihm nach Erlöschung des ihm nahverwandten Königsstammes rechtmässig zugefallen war, und er will erproben, ob seine Gebote gehalten werden, da er Argwohn hegt, es möchten sich welche gegen dieselben sträuben und sie etwa insgeheim vereiteln. Aber schuldlos ist weder Antigone noch Kreon, denn beide sind hartnäckig und beharren mit rücksichtsloser Unbeugsamkeit auf ihrem Sinne, indem jeder Recht zu haben glaubt und, an und für sich betrachtet, auch Recht hat. Auch Hr. Held schreibt dem Kreon, als einem von der Würde und Bedeutung seines Herrscheramtes Durchdrungenen, den edlen Vorsatz zu, die Wohlfahrt und das Glück der Bürger das Ziel aller seiner Handlungen sein zu lassen; aber er verbande die Schranken, welche jeder menschlichen Herrschaft gesetzt sind, er verwechsle das der Obrigkeit zustehende Recht mit willkührlicher Eigenmächtigkeit, setze an die Stelle ruhiger gemessner Handhabung der öffentlichen Gewalt die reizbare, aufbrausende Eifersucht persönlicher Ansprüche. Das sei der kranke Fleck, bei dessen jedesmaliger Berührung sein böser Geist ihn fasse, die Heftigkeit seiner Gemüths

art anfrege, Verwirrung in alle seine Verhältnisse bringe und ihn blind mache gegen alle Liebe, Treue und Fürsorge, die ihm entgegenkomme. So werde er aus einem Verehrer der Götter zum Uebertreter ihrer Gebote, aus einem Gerechtigkeit liebenden Könige ein Peiniger derjenigen, die höhere Pflichten üben, als irgend eine Staatsgewalt sie vorschreiben kann, aus einem Beschirmer der Wohlfahrt seines Volkes ein argwöhnischer Verfolger böser Absichten, die er überall vermuthe, aus einem zärtlichen, liebevollen Vater ein Mörder seines Sohnes, seiner Gattin. In allen seinen Verhältnissen, zu den Göttern und ihren Dienern, zum Staate und seinen Bürgern, zu seinem Geschlechte und seiner Familie stehe er ursprünglich auf dem guten. Grunde eines löblichen Willens, edler Gefühle und grösstentheils richtiger Einsicht. In dem Einen aber irre er, dass er auch die ewigen, ungeschriebenen, unwandelbaren Gesetze der Götter der menschlichen Obrigkeit und Gerechtigkeit unterordnen zu dürfen glaube. Und als dieser Irrthum in seiner Ausführung nothwendigen Widerstand finde, da erwache die thörichte Begier des hoffärtigen Herzens, welches nie Unrecht haben wolle, welches Belehrung für Beleidigung nehme und stolz auf die äusserlich hohe gebieterische Stellung Jeden, der in besster Absicht zu widersprechen wage, mit Zorn überschütte. Irrthum und Leidenschaft in einander verschlungen und sich gegenseitig immer neu erzeugend, treibe Kreon's Seele zu dem ungeahnten Ziele des Unglücks und Verderbeps.

Mit dem Sophocleischen Motto: ου γαρ δίκαιον ούτε τους κακούς μάτην χρηστους νομίζειν ούτε τους χρηστους κακούς ausgerüstet, wollen wir zunächst untersuchen, ob der Dichter die hier angegebenen guten Seiten des Kreontischen Characters wirklich erkennen lässt. *) Folgen wir dem Laufe des Stücks, so muss das erste Auftreten des Herrschers, seine erste Rede offenbar gleich dahin zielende Winke geben, denn Sophokles lässt nicht gern seine Zuschauer in Unklarheit über diejenigen Charactere, welche als die hauptsächlichsten der Dichtung dastehen. Man hat die erste Rede des Kreon für das Programm seines Regierungsantritts angesehen, mit welchem er sich der Treue der Ersten im Staate versichern wolle. Man hat hierbei nur allgemein vergessen, dass nach der Sophokleischen Auffassung Kreon bereits längere Zeit das Heft der Regierung in Händen gehabt hat. Scbon die Worte der Ismene v. 14. deuten darauf, dass die Brüder nicht an dem vorhergegangenen Tage erst gefallen sind, denn die Flucht der Feinde wird als ein doch etwas späteres Ereigniss hingestellt; Kreon ist also seit jenem Wechselmorde Re

*) Auch Aug. Boeckh sagt, Niemand könne verkennen, dass Sophokles den Kreon als einen edlen, Recht und Ordnung suchenden Alleinherrscher darstelle.

gent, und hat als solcher bereits Eteocl. bestatten lassen (v. 25.) und das Verbot in Bezug auf Polyn. gegeben. Gesetzt, man glaubte, diese beiden Regentenhandlungen datirten aus der Zeit derjenigen Nacht*), mit deren letztem Theile die Tragödie anhebt, deutet denn nicht Kreon mit den Worten v. 290.: džia taŰTa xai ráλαι πόλεως άνδρες μόλις φέροντες ερρόθουν εμοί, κρυφή κάρα σείοντες: ουδ' υπό ζυγω λόφον δικαίως είχον, ως στέργειν žué genugsam an,

denn tauta ist wohl zu beachten! dass die Zeit des Verbotes schon länger vergangen sei? In v. 381. ferner, wo Tires. den Versicherungen des Kreon, nie von des Sehers Mahnungen abgewichen zu sein, entgegensetzt: touyào δι' ορθής τήνδε ναυκληρεϊς πόλιν, würde diess eine offenbare Ironie sein, wenn man's auf den Raum desjenigen Tages allein beziehen müsste, an welchem das Stück spielt. Nicht minder sind die Worte des Boten v. 1146.:

Κρέων γαρ ήν ζηλωτός, ως έμοί, ποτέ
σώσας μέν εχθρών τήνδε Καδμείαν χθόνα
λαβών τε χώρας παντελή μοναρχίαν

εύθυνε, θάλλων ευγενεί τέκνων σπορά hier wohl zu erwägen. Vom frühen Morgen bis zum Abende des Tages, an welchem das Stück spielt, kann Kreon unmöglich en2wtós genannt werden, denn er hat ja steten Streit gehabt. Selbst das ist wunderbar, dass Kreon, seitdem er den ältern Sohn geopfert **), um eine blühende Kinderschaar beneidenswerth ge

haben mag.

*) Boeckh meint p. 180., der Befehl könne erst an dem Tage gegeben sein, mit welchem das Stück spiele', da selbst der Chor noch nichts davon wisse: über solche Unwahrscheinlichkeit in Rücksicht auf die Zeit möge sich Sophokles hinweggesetzt haben. Wir geben zu, dass der Dichter, wie das auch Schiller thut, die Wahrscheinlichkeit der Zeitberechnung eigentlich nur für den Verlauf der Handlung auf der Bühne zu berücksichtigen hat, aber hier ist die Annahme unnöthig, da es wohl denkbar ist, dass der Chor der Greise davon nichts vernommen, was un. mittelbar nach der Flucht Kreon den grade anwesenden Bürgern gesagt

Die Flucht geschah šv rñdɛ voxti (16.), also konnte der Dichter, ohne die Wahrscheinlichkeit zu verletzen, annehmen, dass der am späten Abend gegebene Befehl wohl der Antigone zu Obren gekommen sei, etwa von der Begleitung des Kreon, dagegen dem Chore, den Aeltesten der Stadt, erst am folgenden Morgen mitgetheilt wurde. Dass übrigens der Chor noch nichts davon wisse, steht auch noch dahin, folgt wenigstens nicht unbedingt aus v. 158. 712. vulg., welche Stellen etwa für diese Behauptung angeführt werden könnten. Wer v. 220. in dem Aaveiv die Strafe für den Uebertreter, nicht für den ovyxwpôv sieh könnte eher behaupten, der Chor kenne den Befehl schon, denn K hatte dort ihm gegenüber noch gar keine Strafe hingestellt.

**) Es geschieht desselben (Megareu's nennt ihn Sophokles) Ers nung v. 1288 H. und offenbar spielt Kreon v. 981. dem Tiresias gege

nannt wird, da ausser Haemon kein weiteres Kind bei Sophokles erwähnt wird, auch sonst dem Selbstmorde der Eurydice das genügende Motiv fehlen würde. Zwänge die Erwähnung der Befreiung von Feindesmacht nicht dazu, an den Zeitpunkt der Verjagung der Thebaner zu denken, würde man die Worte auf eine noch frühere Zeit zu beziehen geneigt sein. Endlich ist aus Haemon's Worten ersichtlich, dass Kreon schou länger das Heft der Regierung in Händen hat.

Wie sich der Dichter das gedacht hat, sehen wir aus den übrigen Stücken der laischen Pragmatie. Am Ende des Oedip. Tyr. v. 1417. gilt Kreon dem Chore als der einzige an Oedipus Stelle zurückgelassene qúlag rólews, und als solcher zeigt er sich in seinem ganzen dortigen Auftreten. Die beiden Söhne des Oedipus kommen dort gar nicht in Betracht: um sie branchst du nicht zu sorgen, hatte dort v. 1460. Oedipus zum Kreon gesagt, άνδρες είσιν, ώστε μη σπάνιν ποτέ σχεϊν, ένθ' άν ωσι, του plov, hatte dagegen die hülflosen Mädchen aufs dringendste der Fürsorge des Kreon anbefohlen. Also denkt Oedip selbst nicht daran, dass seine Söhne ihm folgen könnten in der Regierung, und diese sind ebenfalls von dem Entsetzlichen, das ihr Haus betroffen, so ergriffen, dass, wie's Oedip. Col. v. 367. heisst, sie den Thron dem Kreon lassen, um den Staat nicht zu beflecken (zoalveogai). In dieser Zeit also hat Kreon bereits die Zügel der Regierung in seinen Händen gehabt *), die ihm erst später wieder genommen wurden, damals als Oedip selbst wieder Lust hatte, den Thron wieder einzunehmen. So heiss nämlich auch des Oedips Wunsch gewesen war, aus dem Vaterlande gleich vertrieben zu werden, als er das entsetzliche Verbrechen erkannt hatte, welches von der Gottheit über ihn verhängt war, so linderte doch die Zeit die Heftigkeit seiner Verzweiflung;

χρόνω δ', ότ' ήδη πάς ο μόχθος ήν πέπων,
καμάνθανον τον θυμόν εκδραμόντα μοι

μείζω κολαστής των πρίν ημαρτημένων: : da wollte er in Theben bleiben **), wurde aber nun vertrieben und musste, wie er klagend ausruft (Oed. Col. v. 443.) wie ein Flücht

über darauf an. Sonderbar ist's, dass Hr. Rempel p. XVIII. diess Opfer nach dem Zweikampfe erst eintreten lässt. Sonst pflegt er, wo er's nicht sollte, auf Euripides und Aeschylus zu recurriren; hier hätte er es thun dürfen.

*) Dass er sie auch schon früher einmal, nämlich nach dem Tode des Laios gehabt, erzählt Hygin. Vgl. G. Hermann in der Ztschr. f. Alterth. 1837 p. 794.

**) Unbegreiflich ist das freilich, wenn man den von Kreon im Oed. Tyr. v. 98 sq. angeführten Orakelspruch vergleicht: uiaoua zágas thaívelv - ανδρηλατούντας ή φόνο φόνον πάλιν λύοντας, ως τόδ' αίμα κειμάζον πόλιν. . Wären, wie Schöll gemeint, die drei Sophokleischen Stücke einer

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