Page images
PDF
EPUB

aller Art über die verschiedenen Wissenschaften gesammelt. Man fann hieraus ersehen, daß er ein Mann von eisernem Fleiße und bewundernswerther Thatkraft war.

Volpone oder the Fox, fein nächstes Stüc, fam im Jahre 1605 im Globe-Theater zur Aufführung und erfreute sich des wohls verdienten Beifaus. Seine Popularität nahm außerordentlich zu, und der Hof wetteiferte mit den städtischen Körperschaften in der Freiges bigkeit für seine kleineren Gelegenheitsdichtungen und Possenspiele. Jonson hatte in dieser Zeit bedeutende Einnahmen; aber er verschwens dete sie bei seinen vielen Bedürfnissen auch mit derselben Leichtigfeit wieder, mit welcher er sie erworben hatte. Er ward dadurcy leider zu größeren Schöpfungen ganz unluftig und unfähig und führte diese Lebensweise bis zum Jahre 1609 fort, in welchem sein schönes Stüd The Silent Woman vollendet ward; im folgenden Jahre fam dann The Alchemist zur Aufführung, welches mit Recht für sein bestes Werf gehalten wirb.

Die Tragödie Catiline, ein in mancher Beziehung werthvolles flaffisches Kunstwert, erschien darauf im Jahre 1611 und lieferte den Beweis, daß der Verfasser mit gründlichem Fleiße die Alten studirt hatte; das Stüc war indessen zu gelehrt, als daß es dem großen Publikum hätte recht gefallen fönnen.

Bei seiner großen Vorliebe für das Reisen entschloß er sich gegen das Ende des Jahres 1612 zu einem längeren Ausfluge nady Frankreich; 1613 finden wir ihn in Paris, wo er mit Cardinal du Perron und verschiedenen Gelehrten verfchrte. Im Jahre 1614 war er schon wieder nach London zurückgekehrt und brachte dort seine Posse „Bartholomew Fair“ zuerst zur Auffülrung, ein Stück, wels ches weniger Lob verdiente als ihm zu Theil ward, indem es nur von einer sehr genauen Kenntniß der Laster Londons zeugte, aber im Ganzen wenig Geist verrieth.

Im Jahre 1616 erschien sein letztes beachtungswerthes dramas tisches Werf „The Devil is an Ass“, welches stellenweise wißig, aber eigentlich mehr satirisch war. Um diese Zeit beschenkte ihn Rös nig Jakob mit einer lebenslänglichen Pension von 100 Marf, und seine zufälligen Einnahmen für gelegentliche Dienstleistungen mehrten fich in folder Weise, daß er erst im Jahre 1625 wieder daran dachte, für die Bühne zu arbeiten, als ihn die Noth dazu zwang.

Im Jahre 1618 machte Jonson seine berühmte Fußreise nach

[ocr errors]

Shottland, wo er mit den literarischen Notabilitäten und den reichen Adligen in der Nähe von Edinburgh viel verkehrte und sich unter andern eine längere Zeit bei Drummond in Hawthorndon aufhielt. Leşterer zeichnete verschiedene vertrauliche Mittheilungen seines Gastes auf, die er über literarische Gegenstände im Laufe des Gespräches ges macht hatte. Diese Memorabilien wurden später veröffentlidit und waren die Veranlassung, daß Drummond – und zwar nicht ganz mit Unrecht - der Verråtherei beschuldigt ward. Denn was Drummond's Vertheidiger zu seinen Gunsten auch sagen mögen, es ist und bleibt eine Thatjadhe, daß er in derselben Zeit, als er Jonson als einen „drunkard – a hypocrite – a vain braggart – irascible vindictive ill natured und infidel“ schilderte, ihm (1619) nach London die zärtlichsten Briefe schrieb, in welchen Phrasen wie ,,there is nothing I wish more than to be in the catalogue of them that love you" die ganz gewöhnlichen sind. Die Naturschönheiten Schottlands ergriffen auf diesem Ausfluge Jonson so gewaltig, daß er fich längere Zeit mit dein Plane eines größeren Gedichtes auf den Lochlomond eifrig beschäftigte.

Im Jahre 1619 verlieh ihin die Universität Drford einen alas demischen Grad, und es wurden ihm überhaupt Auszeichnungen verschiedener Art zu Theil*). Aber wie schon oben angedeutet worden ist, beschäftigte er sich vorzugsweise mit der Abfassung von Masken und dergleichen Stüden und hatte die Luft zu größeren dramatischen Schöpfungen fast ganz verloren, da nach seiner Ansicht das Public fum seine besten Leistungen nicht recht zu schäßen wußte. Eine Reihe von Aufsäßen über Aristoteles, die englische **) Grammatif, die Bes idreibung seiner Reise nach Schottland, eine Lebensbeschreibung Heins richs V. und einzelne Gedichte, deren Abfassung in diese Zeit fällt, Alles dieses ging ihm leider großentheils durch eine Feuersbrunst verloren.

Nach dem Tode seines föniglichen Gönners traf ihn manchfas ches Unglück; ein heftiger Anfall von Schlagfluß warf ihn auf's

[ocr errors]

*) Jakob wollte ihn in den Mitterstand erheben, cine Ehrenbezeugung, weldie er Söflich ablehnte.

**) Bir besigen davon interessante Bruchstücke, welche auf ou Werth des Ganzin schließen lassen.

Krankenbett, und da er nie das Geringste zurüdgelegt hatte, sah er fich plößlich in bittere Noth verseßt; er versuchte sich von Neuem im Drama, um seinen Lebensunterhalt zu gewinnen, aber seine Staple of News fand nur sehr wenig Beifall, das folgende Stück The New Inn fiel förmlich durch und verursachte die ausgelassenste Schadenfreude seiner zahlreichen Feinde. Zugleich erregte dieser Unfall aber auch das Mitleid und schirmte ihn dadurch vor dem höchsten Elende. König Karl sandte ihm 100 Pf. Sterl., und auch von anderen Seis ten flossen dem unglücklichen Dichter namhafte Unterstüßungen zu; aber er verstand es nun einmal nicht, haushälterisch mit seinem Vers mögen umzugehen, und fam deshalb eigentlich nie recht aus der Noth heraus. Dbwohl er von der Bühne feine Erfolge mehr zu ers warten hatte, machte er dennoch noch einige schwache Versuche, mit den Stüden „The Magnetic Lady“ und „The Tale of a Tuba die pc prene Gunst wieder zu gewinnen, aber es war vergebens; feine Kraft war erloschen und seine Schöpfungen waren überdies ohne allen Reiz der Neuheit.

Von seinen leßten Tagen haben wir feine ausführlichen Nachs richten; es ist nur so viel bekannt, daß er mit wahrer Herzenszers fnirschung *) und aufrichtiger Reue feiner viclen Schwächen unb Sünden gedachte und in August 1637 - im 64. Lebensjahre seine Seele aushauchte.

Man bestattete ihn in der Westminster-Abtei, und es sollte ihin dort ein schönes Denkmal geseßt werden; aber die Ungunst der stür- . mischen Zeiten verhinderte die Ausführung dieses Beschlusses. Ein einfacher Stein dedt ießt die irbische Hülle des Dichters, auf wels chem die Worte eingegraben sind:

O rare Ben Jonson!

Sein Hinscheiden wurde als ein allgemeiner Verlust tief beflagt, und unzählige Elegien feierten das Andenken des geachteten Dichters. Er verdiente soldie Anerkennung auch als Mensdy; das Herz faß

*) Seine Erzichung muß allem Anscheine nach sehr religios gewesen sein; seine Werke zeugen von den lebhaftesten religiöjen (mpfindungen des Didyters, und der Bischof ron Winchester berichtete, iß sein Reimgang christlich und wahrhaft erbaus lidt gewesen sei.

ihm auf der rechten Stelle, und er war, nach verschiedenen untrüglichen Zeugnissen, im vollem Sinne des Wortes ein ehrenwerther Mann.

Lord Falkland machte über ihn die Bemerkung, daß er nicht wisie, ob man die Biederfeit und Redlichfeit des Dichters höher ftels len folle, als die ihm von der Natur verliehenen Talente. Seiner rührenden Liebe zu Frau und Kindern ist bereits oben Erwähnung geschehen; mit derfelben Wärme war er auch seinem alten Lehrer Camden zugethan, und selten hat die Pietät eine lieblichere Sprache gefunden, als in der Dedication zu Every Man in his Humour und in verschiedenen Epigrammen, welche der dankbare Schüler seinem Lehrer widmete; man denfe nur z. B. an die bekannten Worte:

„Camden, most reverend head, to whom I owe
All that I am in arts, und all I know. u. s. w.

man

Er zeigte sich seinen Freunden und Befannten gegenüber frei und unbefangen, fern von aller Zurüdhaltung, ja oftmals selbst völlig unvorsichtig. Zum Neide, welchen man ihm vielfach vorgeworfen, hatte er gar keinen Grund; der König gab ihm bei jeder Gelegenheit Bes weise seiner Werthschäßung, und der Hof, die städtischen Corporatios nen und das große Publifum spendeten ihm mehr Beifall, als irgend einem andern Dichter. Es ist ferner eine Thatsache, daß er die Werke anderer talentvoller Schriftsteller auf's Wärmste empfahl, denke nur an Selden, Hacet, Raleigh, Hobbes u. A. m.

und daß er nie mit Stolz redete, als wenn er von den Werfen seiner Feinde sprac. Dieses waren großentheils nur unbedeutende Mensden, welche den Werth seiner langen gründlichen Studien faum zu würdigen wußten und ihm durch die boshaftesten Verläumdungen und Verkleinerungen das Leben zu verbittern suchten. Wie natürlich, daß der beleidigte Dichter solchen Leuten gegenüber eine immer hös here Meinung von sich erhielt und bei seiner Freimüthigkeit die ents ichiedenste Verachtung gegen dieses im Finstern schleichende Geschlecht mit voller Härte aussprach. Daß er hierin manchmal zu weit ges gangen, wer möchte es läugnen, wer aber wollte ihn auch deßhalb ganz verdammen? Er hatte viel gearbeitet und wußte dieses, er wollte den Vorurtheilen Niemandes schmeicheln, und daher erhielt seine Sprache zuweilen den Ton des Hochmuths und der Selbstgenügsamfeit gegenüber den Anmaßungen der Unwissenbeit; aber sein ganzes Leben bietet auch nicht ein einziges Beispiel, daß er sich irgend cine unfreundliche That gegen seine Neider und Verkleinerer habe zu Schulden kommen lassen *).

B. Jonson schuf sich eine ganz neue Bahn im Drama und ward zum Vorfämpfer einer Partei, welche man mit Recht die fritische genannt hat. Im Gegensaße zu dem zarteren und bescheidenen Vers dienste Shakespeare's, dessen Werfe Studium, Scharfsinn und Vers stand bei der Beurtheilung vorausseßen, wollte er durch Eigenschaften glänzen, welche sogleich in die Augen fallen und leicht Anerfennung finden können; es genügte ihm nicht, aubekannte Thatsachen wieder vorzubringen, er wollte durch überraschende Effecte den Beifall gewinnen; er überließ es seinem schaffenden Genius nicht, ein Kunstwerk frei zu gestalten, sondern mit bewußter Absicht und vollster Sicherheit lag ihin die Wirkung seiner scharf begrenzten Zeichnungen wohl berechnet vor Augen. Bei einer wunderbaren Kenntnis des realen Lebens und einer sicheren Beobachtung der menschlichen Thors heiten und Laster; bei einer wahrhaft epigrammatischen Verdichtung eines fräftigen, männlichen Styles, dessen Eindruck durch den Glanz bedeutender Gelehrsamkeit nur noch vertieft ward, mußte der Triumph der neuen Richtung im höchsten Grade gesichert erscheinen, und man darf sich faum wundern, daß Shakespeare fast erst nach Verlauf eines Jahrhunderts aus der Vergessenheit herangezogen ward.

Jonson besaß eine sehr hohe Ansicht von der Bedeutung des Dramatifers, und er hielt es deshalb für gerecht, Schöpfungen ent

*) Im Jahre 1616 veröffentlichte Junson eine Folio-Ausgabe seiner Schriften, welche außer verschiedenen Comödien, Tragödien und Masken, eine Sanımlung von Gerichten unter dem Titel The Forest enthält; die zweite Folio-Nusgabe, welche nicht von ihm selbst besorgt ward und wahrsdyeinlich erst nach seinem Tode herauskam, ist eine leichtsinnige, ungenigende Arbeit. Im Jahre 1640 wurden zwei Ausgaben seiner kleineren Stücke gedruckt; 1692 erschien ferner cine bessere Ausgabe des Folio-Druces und 1715 eine andere in Octav (6 Bde.), nadidem bereits früher viele seiner Stücke gleich nach der Restauration cinzeln gedruckt waren. 1736 veröffentlichte Peter Whalley die erste Gesammtausgave in 7 Octav-Ban: den, welcher sich später die neueste und beste Ausgabe von H. Gifford rühmlich ansdloß. (The Works of Ben Jonson with a biographical memoir by W. Gifford. A new edition 1843. Lond.)

« PreviousContinue »