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matif dar! Betrachten wir z. B. das Zeitwort! Aeußerst fein drůdt hier der Sprachgenius ben durch die Conjugationen hindurchgehenden dualistischen Charakter (Beziehung auf die Gegenwart des Redenden oder nicht) in den Biegungsformen aus, indem die erste Reihe durchs weg fich an das Präsens auch äußerlich anschließt*). Auch in den feinen Nuancen von imparfait und défini **); in dem delicaten Ges brauch des Futur (faites comme vous voudrez) fowie in Höflichfeitswendungen 1. ***) spiegelt sich namentlich jener Zug des Sprachgeistes; von den zusammengeseßten Zeitformen ist der Gebrauch des plusquep. I. statt unseres Perfect (J'avais cru que etc.) +) der des plusq. II. in den von aussitôt que etc. eingeleiteten Neben. fäßen, sowie die Anwendung des zusammengeseßten futur hervorzuheben. Die Krone der verbalen délicatesse bieten aber unstreitig die beiden Conditionnels, oder, wie sie Mäßner richtig nennt, die Future der Vergangenheit, sowohl in unabhängigen Säßen, wo sie der politesse besonderen Vorschub leisten tt), als in Nebensäßen. Man denke ferner an die zarte Schattirung, welche durch den Gebrauch von avoir und être bei intransitiven Zeitwörtern hervorgebracht wird (échapper etc.), an den feinen Unterschied, der durch die Umschreis bung mit „êtres cum partic. pres. hervorgebracht (être agissant und agir ttt), mag auch die leßtere Ausdrucsart dem Franzosen weniger geläufig sein als dem Engländer), an die feine, orthographisch ausgedrüdte Scheidung des eigentlichen (gerundivischen) und adjecs tivischen Particip8 excellant-excellent, différent-différant etc.) *+). Besonders zahlreiche Belege zur délicatesse des französ. Sprachgeistes liefert auch das Kapitel vom Pronom, namentlich dessen Scheidung

*) Måner I, 56. *) Cfr. namentlich auch das imparfait in Nebenfäßen, Mäßner I, 81. **) Máßner I, 73.

†) Máßner I, 102.

tt) In diesem Falle sind sie als elliptische Hauptsiße zu betrachten, zu denen ein hypothetischer Nebensaß ergänzt werden muß. Måpner I, 109.

117) Máßner I, 41. Hierher gehört auch der eben ebensowenig von Maßner, als von anderen Grammatikern erwähnte feine Gebrauch des partic. passif für unser hier ungenaucé partic. actif. grammaire comparée, anatomie comparée etc., migrend der im Gebrauch einiger part. prés. (air chantant = leicht zu singende Arie und couleur voyante) liegende Galliciømus unter den Begriff der légèreté fällt. +) Máßner I, 383.

in conjoint und disjoint, bie fich selbst bis auf die unbestimmteu pronom: chaque, quelque herab erstreckt. Hinsichtlich diefer feis neren Nuancirung übertrifft das Französische an délicatesse alle anderen romanischen Joiome*). Dasselbe gilt von den Negationen, die deßhalb auch Diez **), abweichend von seinem sonstigen Verfahren, für die französische Sprache getrennt behandelt hat. Die charakteristis fchen Schattirungen einer halben und ganzen Verneinung, dann wieder die Verstärkung der vollen Negation durch point etc. an der Stelle von pas, der von besonders feiner Anschauungsweise zeugende Gebrauch der Negation in abhängigen Säßen, die delicate Anwendung von jamais ***), rien etc. in scheinbar positiven Säßen geben uns hinlänglich Gelegenheit, die Superiorität des französischen Genius in dieser Hinsicht zu bewundern. Aus der Sphäre der Präpositionen deute ich nur den feinen Unterschied zwischen en und dans (namentlich im temporalen Sinne), sowie besonders die Feinheit der Beziehungen an, in denen die französ. Präposition sur vorfommtt); auch die von uns bei der légèreté erwähnten Doppelpräpositionen tt) erweisen der délicatesse des Ausbruds besondere Dienste. Auch der Abschnitt vom Artifel ist eine reiche Fundgrube für unsern Zug des Sprachs genius. Namentlich die Behandlung des Artifeld bei Eigennamen (les peuples de la France, les villes de France) ttt) fann sehr fein verschiedene Gesichtspunfte des Sprechenden andeuten; der dem Neus französischen eigenthümliche Gebrauch des Artikels vor quel, wenn nach einem oder mehreren Individuen aus einer bestimmten Anzahl gefragt wird (lequel de etc.), die feinere, durch den Gebrauch oder Nichtgebrauch des Artifels hervorgebrachte Schattirung des Gedankens beim attributiven Genitiv oder Dativ (les plantes à fleurs, marché aux fleurs) mögen hier statt vieler Belege stehen. Besonders her: vorzuheben sind noch die feinen Nuancen, die durch die Wortstellung

*) Mäfner I, 461.

Nomanische Grammatik III, 401. ***) „Mettre pour jamais habit bas“ (Béranger) mourir; avez-vous jamais été à Paris? sind für uns rein positiv gedacht.

+) Mäßner I, 299–303.

ft) Auch andere sprachlidye Erscheinungen fönnen zu "beiten Eigenschaften des franz. génie gezogen werden, z. B. du veau“ nebst seinen Analogien, eine ebenso legère, als delicate Ausdrucksweise (cfr. du canon etc.)."

ttt) Måpner I, 429.

(nainentlich bei Adjectiven) hervorgebracht werden, sowie die Delicatesse, die sich in der bestimmten Aufeinanderfolge versdiedener advers bialer Bestimmungen zeigt*); neben der später zu besprechenden Klarheit sind hier hauptsächlich Wohllaut und Symmetrie, die beide in das Gebiet der délicatesse fallen, entscheidend. Aus der Saßfügung gehört das ung pleonastisch erscheinende et in Wendungen wie: „cette profession périlleuse et que la mère détestait ebenfalls hierher.

Der leßtbesprochene Punft führt uns von selbst auf das Gebiet ber Stylistit hinüber. Wir werden hier wiederum eine mehr außers liche délicatesse (galanterie und politesse) sowie eine geistigere délicatesse zu unterscheiden haben. Die erste zeigt sich namentlid in der im Französischen besonders beliebten Anwendung der dritten Pers son statt der angerebeten (Monsieur veut-il etc.), in dem höflichen Gebrauche des Imperativs von vouloir , veuillez voir par vousmême“, in dem ausgedehnten Gebrauche des: s'il vous plait, wo: init felbft der Kellner beehrt wird, in Wendungen wie: Cela se fait pour vos beaux yeux, il fait un temps de demoiselle deux amours de (allerliebste) robes etc. Nahe verwandt damit sind die Euphes mismen. Besonders wichtig ist in dieser Hinsicht en. „Il en a reçu, „en imposer“ liefern dazu Belege**). So tritt prendre an die Stelle von boire; manger bien an die Stelle von beaucoup; aimer bedeutet: gern essen, gern trinken, in diner und souper hat der Franzose den Begriff des Essens ganz veririscht. „La donner bonne,“ „la garder bonne“ gehören ebenfalls hierher ***). Eine Menge von inchr oder weniger euphemistischen Wendungen liefert das Lerifon. Nicht als ob der Franzose besonders prüde ware! Natürliche Dinge nennt er gern beim rechten Namen; allaiter un enfant, enfant du premier lit, faire des enfants (accoucher), nourrir du propre lait gelten im Munde einer Dame durchaus nicht für anstös fig. „Le lait lui est monté à la tête“ fommt in einem Hugo'ichen

*) Mäßner II, 334 ff.

**) Ueberall ist hier en Stellvertreter eines Genitivg. Man vergleiche die Phrasen: On en vient aux mains (sc. des paroles), on en appèle à un tribunal (sc. d'une cour inférieure); j'en suis là (sc. à ce point de ce sujet); il s'en est allé (sc. de ce lieu); je l'ai châtié, mais il n'en est pas devenu moins méchant (sc. de ou par cette punition).

***) Cfr. die auf den Tod bezüglichen Cuphemionen im ersten Artifel.

Gedichte vor und sevrer, sevrage werden gern auch im bildlichen Sinne gebraucht *). Dagegen sucht er, „s'il a pris du monde“, moralische Schwächen und sociale Mißstände aus politesse gern durch Euphemismen zu verdeden. Folgende Beispiele mögen genüs gen: Etre entre deux vins, se griser, commencer à verdir, avoir une pointe, une chique etc. **) dienen zur Bezeichnung der verschiedes nen Grade der Trunkenheit; selbst der ouvrier hat sein „prendre une rincette (auch un canon), un petit verre, se mettre en ribotte" Coffrer qn. flanquer qn. à l'ombre = emprisonner ***); un individu bouché, boutonné, au jugement épais, un homme qui est bien de son village“ sind Ausdrüde für Einfältigkeit; être en délicatesse avec qn. (= être brouillé). Eine Dame, qui a de l'usage“ wird statt „amoureuse“ lieber frappée oder höchstens éprise gebrauchen. „Un mariage au 13 arrondissement (wilde Ehe), mari (oncle) à la mode de Bretagne (ebenso); faire bien ses orges (sein Profitchen machen)†), graisser le marteau sowie das famis liäre graisser la patte à qn., faire haut le pied (montrer les talons, fausser compagnie), avoir la tête fêlee (verrückt sein), un tour de maître Gonin; le pot aux roses; prendre de l'humeur, prendre le bonnet vert; eau benite de cour; à d'autres; avoir du guignon (du malheur); aller sur le termin (sich duelliren); on le relèvera bien de sa sentinelle; aller son petit bon homme de chemin“ gehören ebenfalls hierher.

Die eigentlich geistige Seite der délicatesse wird aber durch die feine Synonymit repräsentirt, welche die unbedeutendste Vers schiedenheit der Ausdrüde benußt, um daran Nuancen des Sinnes ju knüpfen. Die Armuth der französischen Sprache hat hauptsächlich zu dieser Feinheit beigetragen. Man vergleiche nur das treffliche Wert Lafaye's tt) über die Synonymen à radicaux identiques dont

*) Sevrer la monde de poésie. „L'esprit revolutionnaire même dans les plus bouillants ne va guères (sc. en Allemagne) au delà de l'allaite ment du premier enfant et finit avec le sevrage (Marc-Girardin).

**) In der Sdyweiz unterscheidet man chique fédéral und cantonale. ***) Aehnlich wird auch die Vorladung vor die police correctionelle in Paris familiär durch die Nummer des Zimmers bezeichnet.

t) Cfr. die oben angeführten: mettre du foin dans les bottes und faire sauter la grenouille de la société.

it) Synonymes français par Benjamin Lafaye vol. I, Paris 1841.

avoir peine

toute la différence extérieure provient de divers caractères grammaticaux on se borne à la diversité des préfixes et des terminaisons.“ Die Mehrzahl der feinen, hier erzielten Nuancen läßt sich ohne Umschreibung nicht wiedergeben. „Se noircir - noircir etc.; attaquer qn. — s'attaquer à qn. etc.; prétendre qch. prétendre à qch.; préférer mourir - p. de mourir; parler musique – parler de musique etc.; commencer de – commencer à etc.; de la peine etc.; vivacité – vivacités etc. deus

“ ten einige der Kategorien an, welche hier in Betracht kommen. Zur Probe von dem bei dieser Unterscheidung bewicsenen feinen Tafte gebe ich die Regel, welche Lafaye über die besonders wichtige zweite Klasse von Synonymen (Unterschied zwischen dem verbe actif und dem verbe pronominal saisir qch. - se saisir de qch.) aufs stellt. „Le verbe actif indique le fait ou l'acte en lui-même ou relativement à l'objet. Le même verbe devenu pronominal implique l'idée d'un rapport particulier au sujet; il représente l'action comme plus personnelle, il exprime un retour vers le sujet, il fait penser à lui, aux sentiments qui l'animent, à ses efforts, aux idées qu'il conçoit *)".

All die verschiedenen Stufen der délicatesse, vereint mit der légèreté, bilden die Factoren der französischen causerie, dem getreuen Ausdruc des specifischen „esprit.“

Drůben in den schattigen Laubgängen von Petit-Trianon, dein Lieblingsaufenthalte der geistreichen Marie Antoinette, das in jener Periode entstand, welche die causerie von M. de Sévigné „cette blonde rieuse, fort enjouée et badines geerbt hatte, fönnen wir in ungestörter ländlicher Einsamkeit über diese goldene Frucht der vereinten légèreté und délicatesse nachdenken. Klein - Trianon war nicht immer so still und einsam; fein „hameau champêtre“, der jeft jo ode und verfallen baliegt, war einst voller Leben und selige Paare ergingen sich an den Ufern seines fleinen Sees. „Ce jour (so ruft Marie-Antoinette, an einein glüdlichen Tage, bei A. Dumas aus) me rappele mes premiers jours dans mon Trianon chéri, et les escapades que nous faisions, Andrée et moi; ce jour me rappele

*) Mitunter freilich, wie z. B. in der Unterscheidung zwischen on und l'on, vou denen er letteres für das allgemeinere hält, raisonnirt er subjective Ansichten in die Sprache hinein.

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