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Hegel ein, ein Mann von so hoher Bedeutsamkeit in der Aesthetif, daß wir sein Urtheil nicht übergehen können. Er nennt es einerseits ein „idågengwerthes echt germanisches, deutsches Werf, dem es nicht an einem nationalen substantiellen Gehalte in Bezug auf Familie, Gattenliebe, Vasallenthum, Diensttreue, Heldenschaft und an innerer Marfigkeit fehle, daß es mehr dramatisch, als episch sei, wie schon ähnlid Goethe gejagt hatte, daß die Darstellung weder zu indivis tucllem Heichthum, noch zu wahrhaft lebendiger Anschaulichkeit heraustrete, fic in's Harte und Wilde verliere, daß die Charaftere, wenn auch derb und in ihrem Handeln prall, doch mehr rohen Holzbildern ähnlich wären, als der ausgearbeiteten, geiftvollen Individualis tät der Homerischen Helden und Frauen vergleichbar. Dieses im Nunbe eines sonst so eingehenden Mannes ziemlich oberflächliche Urtheil, dem wir übrigens einige Wahrheit durchaus nicht abstreiten . polen, wird fast lächerlich, wenn wir an einer andern Stelle lesen: ,,Schlimmer aber steht es mit der dauernden Lebendigkeit cinco Epos, benn fich im Verlauf der Jahrhunderte das geistige Bewußtsein und beben so umgewandelt hat, daß die Bande dieser späteren Vergangenheit und jenes Audgangspunktes ganz zerriffen sind. So ist es 18. klopstod in anderen Gebieten der Poesie mit seiner Hers telling einer nationalen Götterlehre und in ihrem Gefolge mit Her: mann und Thusnelda ergangen. Dasselbe ist von dem Nibelungenlicte zu sagen 2c." Dber ist es etwa nicht lächerlich, wenn die inhaltáloje, zum Theil selbsterdachte Götterlehre Klopstod's und seine phantastisch aufgedunsenen Helden der alten Eichenhainc mit dem Sibelungenliede, wenn auch nur von ferne, in Vergleid) gestellt wers tan? fast möchte man glauben, daß Hegel das Nibelungenlied gar nicht recht gelesen habe. Das Urtheil wird aber endlich durch seine Bitterteit verlegend, wenn es heißt: ,, Dergleichen jeßt noch zu etwas Nationalem oder gar zu einein Volfsbuche madhen zu wollen, ist der trivialite, platteste Einfal gewesen. In Tagen scheinbar neu auflodernder Jugend begeisterung war es ein Zeichen von dem Greisenalter einer in der Annäherung des Todes wieder findijd gewordenen Zeit, bie fide an Abgestorbenem erlabte und darin ihr Gefühl, ihre Gegenwart zu haben, auch Andern hat zumuthen fönnen." So, mit einer jelden najerümpfenden, obenhinfahrenden Vornehmigfeit über ein eingeftändlich „schågenswerthes, echt germanisches Wert“ zu reden, konnte wohl nur einem deutschen Philosophen gelingen. Im Jahre

1846 wird Martin von dem Minister Salvandy mit einer Miss sion in Bezug auf die deutschen Heldensagen beauftragt, und Martin zurückgekehrt, spricht im Moniteur den Wunsd aus, es möchte eine französische Uebersebung der Nibelungen und der Gudrun vers anstaltet werden, damit ,,diese classischen Werfe" auch in Franfreich das Bürgerrecht erhalten. Ein deutscher Philosoph erklärt es für den plattesten, trivialsten Einfall, „dergleichen“, nämlid) was er selbst echtgermanisch und deutsch genannt hat, zu etwas Nationalem zu machen, oder gar zu einem Volfsbuche, was, wenn auch in andes rer Gestalt, noch jeßt ein Volfsbudist! Wahrlich nicht jene jugendliche Begeisterung, welche den Werth eines echtgermanischen, deutschen Werfes vielleicht einmal etwas zu hoc, anschlug, und in beinselben nach den Worten eines Literarhistorifers eine ewige Säule erblickte, um die sich die wadern Deutschen gerne versammeln, um ihre heiligsten Gelübde zu erneuern", wohl aber die unangefochtene Herrschaft einer Beurtheilung, welche mit faltgründigem, interesselos sem Herzen über literarische Denkmale dieser Art anmaßlich abspricht, fönnte uns von der wirklichen Nähe des nationalen Greifenalters überzeugen. Dody warum mit Todten hadern! Auch das Andenken Hegel's wird in der deutschen Kunstgeschichte unvergessen bleis ben troß seines Urtheiles über das Nibelungenlied; und das Nibelungenlied das ist schon jeßt mit Gewißheit vorauszusehen wird wachsen und endlich feststehen in der Gunst, wenn nicht des ganzen Volfes, so doch der Ebelften des Volfes.

Immerhin aber muß man bedauernd es anerfennen, daß dem Deutschen auch in der Literatur, wie in den meisten andern Gebieten, tas seltene Glück nicht beschieden gewesen ist, die uranfänglichen Anlagen und Bildungsansäße in naturgemäßer Folge zu entwickeln und den großen Gewinn einer volbrachten Bildungsepoche in die neue geläutert und veredelt hinüberzunehmen. Den oft gerühmten Vorzug reicher Mannigfaltigkeit wissen auch wir anzuerkennen; aber der Mangel eines nationalen Grund charafters in Gehalt und Form wird einem ungewordenem Volfe", wie Herber uns nannte, jo lange immer schmerzlich fühlbar bleiben, als die Literatur leider noch immer unser einziger oder vorzugdweiser Zusammenhalt sein soll. Das Homerische Epos ward das Vorbild aller poetischen Darstellung; init dem Aeschylus mußten alle griechischen Dichter befennen : „wir speisen von dem Tische des Homer.“ Daß unser Nibelungens

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lied im Stande gewesen wäre, eine gleiche Stellung einzunehmen, bad möchten wir nun gerade nicht behaupten; denn es ist nicht zu läugnen, daß die Tafel des Homer reicher befeßt ist. Aber wünschen hatten wir doch allerdings mögen, daß jene trop Hegel zu lebendigjter Anschaulichkeit hervortretenden Urbilder germanischer Natur, wie sie in dem milden und starfen Siegfried, in der sinnigen heldenbaften Chriemhilde, in dem gewandten, furchtlosen Hagen, in dem tobestühnen, scherzbereiten Volfer 2. vorliegen, einen Kanon der Charakteristik für unsere Tragöden und Bildhauer abgegeben hätten. Der bloße Hinblick auf solche feste Gestalten hätte den meist thats losen, in fich gefehrten Helden der Goethe'schen Mufe, den zum Theil gespreizten und geschraubten Charakteren Schiller’s jene von Hegel hervorgehobene naturwüchsige Martigfeit verliehen, welche wir bei aller Anerkennung ihrer geist- und gemüthvollen Gebilde stets schmerzlich vermissen werden. Es kann vielleicht schon mit der Hoffnung auf allgemeinere Zustimmung ausgesprochen werden (obwohl das lebende Geschlecht sich schwer Preis giebt), daß durch unfere gange zweite claffische Periode sich ein frånfelnder Zug offenbart, der keinen aufgestellten Charafter so leicht zu fester innerer Gediegens heit, zur vollen, überzeugenden Naturwahrheit fominen läßt. Besons ber: ift dies mit den heldenhaften männlichen Charakteren der Fall. Nehmt den Goß von Berlichingen heraus und ihr werdet faum nocy einen und den andern ohne alles Bedenfen aufführen. Worin liegt bics? Gewiß vor Allem in dem Mangel vorgebildeter nationaler Typen, wie ein Achilles für die griechischen, ein Cid für die ipanischen Dichter. Ja dies war auch hier das Kreuz aller unserer Dichter, daß sie ihre Ansd;auungen fast immer aus den Fingern sau. gen mußten und vor aller Anforderung erschaffender Kraft nie so recht zum seligen Genusse sicher bildender Thätigfeit gelangen fonnten, wie sie selbst einem mittelmäßen griechischen Dichter noch eigen blieb. Goethe sowohl als S diller fühlten den Mangel einer nationalen Grundlage für ihre Dichtungen von Zeit zu Zeit aufs Tiefste. Sie griffen nach einem Ausdruce Goethe's, weil die Gegenwart zu ,,miserabel“ war und namentlich feine poetischen Charaktere darbot, bald in die Geschichte, bald in die Philosophie; und diese Griffe waren Doch nur wirksam, wenn, wie z. B. bei Wallenstein oder Tell, tie lebendige Volfssage, die geschichtliche Erinnerung, oder schlimmsten Falles, wie bei Marquis Posa, gegenwärtige Zeittendenzen zu,

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Hülfe famen. Im Gefühle dieser Mißstellung äußerte Goethe unter Anderm einmal: im Männerfache sei Nichts mehr zu machen; da habe Homer Alles vorweggenommen; gegen einen Achilles fäme Nights auf.. Es fonnte ihm leider nicht beifallen, daß wir in Siegfried und anderen Charakteren des Nibelungenliedes durchaus ebenbürtige Größen von der reinsten nationalen Eigenthümlichkeit besigen. Gebt uns die Hand eines Goethe zur Ausführung und Beseelung jener oft nur mit wenigen Strichen à la Michel Angelo hingeworfenen Charaktere, welche strahlenden Gebilde hätten wir dem oft nur ges brochenen Metall unseres allerdings oft harten und wilden Volfsepos entsteigen sehen! Db wir nun nach Vollendung der zweiten flasits schen Periode noch eine dritte, in der romantischen Schule schwach erstrebte, erwarten dürfen, in welcher eine aus der geistreichen Zerfahrenheit nach Oft und Weft glorreich wiedererstandene Nationalität fich aller ihrer Werfe darstellend wieder beivußt werde – das ist eine schwere, schmerzliche Frage, deren Beantwortung wir mit Geduld für einige Jahrhunderte der Geschichte anheimgeben wollen. Es gehörte dazu eine durchgreifende Verjüngung des Volfes, welche weder durch Bes schlüsse zu decretiren, noch allein durch den fleißigsten Anbau nationaler Wissenschaften, Künste und Sitten heranzuzwingen ist, sondern vor Alem in der von der Vorsehung geordneten Entwicelung der euros päischen Menschheit liegen muß.

Wie es aber auch sei, die Renntniß, das Studium unserer eis genen Literaturscäße wird uns nicht erlassen werden, so lange Bildung, so lange Interesse an uns selbst vorhanden ist. Alcibiades gab einmal einem Schulmeister eine Dhrfeige, der feinen Homer zu Hause hatte. Schulmeister, welche das Nibelungenlied nicht femen, giebt es bei uns noch gar zu viele; aber die Nichtwissenschaft im Fache der nationalen Literatur fängt bereits an, eine Rüge zu wers den; und die Schulen bieten bereits ziemlich allgemein die Hand zur Aushülfe dieses Mangels. Vielleicht ist die Zeit nicht mehr fern, wo man von einem abgehenden Gymnasiasten mit Gewißheit erwar: tet, daß er etwa Luther's Rede an den christliden Adel deutscher Nation ebenso gut verstehe, als die berühmte Rede quousque tandem Catilina --, daß er im Nibelungenlieb ebenso gut zu Hause sei als im Hos mer, oder wenigstens nicht schlechter als in der Aeneide und in den Metamorphosen Dvid's. Vielleicht - sagen wir, denn man fann sich noch nicht recht einig darüber werden, ob diese Dinge für die Schule gehören.

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Zwar hatte schon Schlegel im deutschen Museum verlangt, tas Nibelungenlied in die Schule einzuführen und ein Hauptbuch der Erziehung von Jugend an daraus zu machen. Gervinus, einer der einsichtigsten Renner auf diesem Gebiete, hiegegen eifernd, will dem Homer und der Bibel die erste Stelle in der Reihe der Erziehungsbücher nicht geraubt wissen und die Lecture des Nis belungenliedes „höchstens in der ersten Klasse räthlich finden, wo idon Vorfenntnisse da sind, die dem Werfe seinen historischen Werth absehen fönnen." Nun - mehr als das Lettere dürfte auch vor der Hand so leicht wohl Niemand verlangen. Mögen Bibel und Homer, wie Melanchthon es schon wünschte, stets die Grundbüder unserer religiösen und ästhetischen Erziehung bleiben. Auf die nächste Stelle nach ihnen in der Reihe der ethischen Bildung8mittel machen wir für die Denkmale und Geschichte des deutschen Volfss thumes Anspruch.

Bas nach den Worten Goethe's zu einer Bildungsstufe der Nation gehört, das muß auf jeden Fall von den höheren Bildungsanstalten in Angriff genommen werden. Die tägliche LebenserfahTung giebt ein unwiderlegliches Zeugniß dafür ab, daß außer den Gegenständen des besonderen Lebensberufes in einer Zeit so großer Anforderungen nicht leicht etwas an fich Schwieriges in den Kreis des wissenschaftlichen Interesses aufgenommen wird, was in der Shule nicht bereits seine Anregung gefunden hat. Es ist aber eben feine große Anforderung, wenn man von einem gebildeten Deutschen verlangt, das Nibelungenlied in der Ursprache gelesen und verstehen gelernt zu haben. Die sprachlichen Schwierigkeiten sind fast ebenso leidyt überwältigt, als die fremdartige Form einer Ueberseßung, in welcher Wohlflang, Eigenthümlichkeit und feineres Verständniß mehr oder weniger verloren gehen.

Wir möchten nicht ohne Unterschied die Gedichte des Mittelaltets zur Lectüre für die Jugend angepriesen haben. Die deutschen Winnesanger find im Ganzen zu frauenhaft und dabei zu einförmig, bie romantischen Ritterepen bei aller theilweisen Tiefe des Gehaltes und Vollendung der Form zu abenteuerlich, üppig und überspannt, als daß eine Jugend, welche solcher Richtung nicht die feste Männs liáfeit des Mittelalters entgegenzuseßen hat, durch ste nicht leicht in Berweidlichung und eine ungesunde Betrachtung menschlicher Dinge geführt werden fönnte. Unbedenklich aber find jene Gedichte, welche,

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