Page images
PDF
EPUB
[ocr errors]

Aber ist es deshalb weniger Unrecht, wenn der Dichter auch die redlichen Charaftere mit diesen Verworfenen in eine Reihe ftellt und, wie ich oben gesagt, wegen der der Erscheinung anhaftenden Ges brechen die Idee an sich angreift?

Aber sehen wir einmal ab von der Idee, welche sich in der vorliegenden Komödie ausprägt, und betrachten die fünstlerische Coms position. Der einzige fomische Charakter, der sich rorfindet, ist der Ortsrichter; ober vielmehr es hätte aus ihm eine fomische Figur ges bildet werden können. Wenn Göthe nämlid; es so angelegt hätte, daß in ihm eine jener Demagogenriecher gezeichnet worden wäre, welche aus einer Müde einen Elephanten machen, nur um ihren Amtseifer zu bethätigen: so hätte eine solche aus dem Leben gegriffene Figur des Eindrucs gewiß nicht verfehlt. Damit aber hätte Göthe der Richtung und Anschauungsweise, welcher er selbst angehörte, einen wenn gleich gerechten Angriff gemacht. Natürlich also, daß er baran nicht denfen konnte. So muß denn der gute Ortsrichter nicht aus übertriebenem Amtseifer, sondern aus persönlicher Feindschaft auf Untersuchung bringen, wodurch einer der wirksamsten Züge verloren geht. Das Sdynaps, der Barbier, und der Bauer in der Si. tuation, als der erstere diesem den Topf abjagen oder vielmehr ab: demonstriren will, einige fomische Kraft haben, soll nicht geleugnet werden; jedoch ist diese feinesfalls nachhaltig genug, um das ganze Lustspiel zu halten. Denn der Edelmann, welcher nur deshalb schon vor der Schlußscene einmal auftritt, um nicht als völliger deus ex machina zu erscheinen, trägt hierzu eben so wenig bei als das junge Ehepaar, welches mit seiner sentimentalen Zärtlichkeit das Stüd eine leitet und durchweg begleitet.

Deinach will es scheinen, als ob Göthe in diesem Lustspiel zwar seiner bekannten politischen Gesinnung einen Ausdruck gegeben, eine feines Namens würdige Stärfe aber in dieser so wenig als in den schon betrachteten Komödien gezeigt habe.

Meiningen.

Dr. August Henneberger.

Geschichte des Sommernachtstraums.

(Fortfeßung zu Band X, seft 2.)

Bei weitem wichtiger als die Episode aus Lilly's Drama ist die ,,getreue Schäferin" von Fletcher für unsere Betrachtung.

Das Drama von Fletcher die getreue Schäferin“ kann man nicht lesen, ohne in vielen Beziehungen an Shafspeare überhaupt, insbesondere aber an den Sommernachtstraum erinnert zu werden.

Fletcher verseßt uns in diesem Werfe in die Schäferwelt und man fönnte seine Dichtung eine dramatische Joyle nennen; solche Dichtungen liebte das Zeitalter. Auch Shafspeare hat in „Wie es euch gefält" ein reizendes Gemälde eines Schäferlebens gegeben, das er mit der höhern Welt der gebildeten Gesellschaft in Verbindung bringt; in idyllischer Schönheit steht die Schäferscene im vierten Acte des Wintermährchens unvergleichlich da. Fletcher's Dichtung zeichnet fich durch höchst anmuthige Stellen aus, durch eine schöne fließende Sprache, durch Eleganz der Versbaus; in den Charakteren ist so große Mannigfaltigkeit, als diese in einer einförmigen Schäferwelt zu erreichen war. Die Freunde Fletcher’& waren von dieser Dichtung hingerissen, und Ben Jonson erhebt dieselbe in einem besonderen Ge: dichte, das den Werfen Beaumont's und Fletcher's vorgedrudt ift *). Aber

*) Vgl. The Works of Beaumont and Fletcher with an introduction by G. Darley, Lond. 1840. I, p. LXXX. Archiv f. n. Svracen. XI.

10

wie sehr man auch sich anstrengte, Fletcher über Shafspeare zu erhes ben, hinter dem ,,Scwane von Avon" steht der elegante und geistreiche Dichter doch weit zurüd; und die Huldigung, welche Fletcher dem größeren Shafspeare schuldig war, legt er in dem Umstande an den Tag, daß er ihn nachahinte. Die getreue Schäferin" giebt den Beweis, daß Fletcher in diesem Drama von Shafspeare's Sommernachtstraum mindestens die ftarfften Einbrüde erfahren hatte.

In der „getreuen Schäferin“ ist die Scene ein Wald, in welchem bei Nacht verabredete Zusainmenkünfte zwischen Liebenden gehalten und durch verschuldete wie durch unverschuldete Störungen unterbrochen werden, wie im Sommernachtstraum. Eine Schäferin Clorin tritt zuerst auf, welche ihren Geliebten begraben hat und bei seiner Gruft ein heiliges Leben führen will, wie Signue in Wolframs Par: cival bei dem leichname des Tschionatulander; ihr bringt ein Satyr anbetende Huldigungen bar. Der Schäfer Perigot wil mit seiner treuen und feuschen Ainoret (der getreuen Schäferin) bei einer heiligen Quelle zusammenkommen, um dort dem Bündniß der Seelen eine heilige Weihe zu geben*); den Perigot liebt die Schäferin Amarillis und erflärt ihm ohne Weiteres ihre Leidenschaft; da sie von Perigot erfährt, daß sein Herz der Amoret gehört, daß er eine nächtliche Zusainmenkunst an der heis

*) Er sagt zu Amoret die schönen Worte (p. 266):

Only my intent
To draw you thither, was to plight our troths
With interchange of mutual chaste embraces,
And ceremonious tying of our souls:
For to that holy wood is consecrate
A virtuous well, about whose flow'ry banks
The nimble-footed fairies dance theire rounds,
By the pale moon-shine, dipping oftentimes
Their stolen children, so to make them free
From dying flesh and dull mortality:
By this fair fount hath many a shepherd sworn,
And given away his freedom, many a troth
Been plight, which neither envy, nor old time
Could ever break, with many a chaste kiss given
In hope of coming happiness.
By this fresh fountain, many a blushing maid
Hath crown'd the head of her long-loved shepherd
With gaudy flowers, whilst the happy sung
Lays of his love and dear captivity etc.

ligen Waldquelle mit ihr beschlossen hat, folgt sie ihn bei Nacht in den Wald wie Helena im Sommernachttraum dem Demetrius, und sucht die Liebe beider zu zerstören. Um diesen Zwed zu erreichen, wendet sie sich an einen tüdischen Schäfer (sullen shepherd), tem sie ihre Liebe verspricht, wofern er ihr diene. Wie im Sommers nachtstraum Oberon seinen Zauber durch eine Pflanze (Liebe in Müßiggang) bewirft, so hat in der getreuen Schäferin" die ges nannte heilige Quelle wunderwirfende Kräfte: fie hat die Macht, wie Amarillis bem tüdischen Schäfer erzählt, die Form jeder Creatur in die gewünschte Gestalt zu verwandeln, wofern fie dreimal eingetaucht und dazu die Zauberformel gesprochen wird. Amarillis läßt sich schlas fend durch den tüdischen Schäfer dreimal eintauchen; die Zauberfors mel, deren er fich bedient, erinnert an Aehnliches in Shafspeare's Macbeth *). Amarillis erwacht in der Gestalt der Amoret, welche fie anzunehmen wünschte. In dieser Gestalt hat Amarillis die Zusammenfunft mit Perigot, ehe die wirkliche Amoret fommt, welche bei der nächtlichen Wanderung sich verirrt, wie solche Verirrungen auch im Sommernachtstraum vorfommen. Amarillis ist aber der Perigot nur in der Gestalt ähnlich nicht in der Gesinnung; ihre üppigen Aeußerungen und Anträge empören den sittsamen Perigot, daß er aus Verzweiflung fich tödten, zurückgehalten aber die vermeintliche Amoret strafen will und sie verfolgt. Da erscheint plößlich der ,,tüs dische Schäfer“ und verwandelt Amarillis in ihre wirkliche Gestalt. Die wahre Amoret kommt nun und Perigot verwundet sie. Der tüdische Schäfer wirft fie in die heilige Quelle, um fie vollends zu tödten.

*) Vgl. 3, 1, p. 273 :

Fly away
Ev'ry thing, that loves the day:
Truth, that hath but one face,
Thus I charm thee from this place.
Snakes, that cast your coats for new,
Camelions, that alter hue,
Hares, that yearly sexes change,
Proteus altering oft and strange,
Hecate, with shapes three,
Let this maiden changed be,
With this holy water wet,
To the shape of Amoret.

Aber der Gott der Quelle empfängt und rettet fie und fann ihre Wunde heilen, da sie cine feusche reine Jungfrau ift. Perigot spricht seine Verzweiflung in Worten aus, die in ihrer erhabenen Furcht: barkeit an Lear's Reden erinnern: „Stürmne, du Nordwestwind, rust er aus, und erhebe die See zu Gebirgen; laß die Bäume, welche deiner rasenden Wuth Widerstand leisten wollen, ihren festen Grund verlieren; friech' in die Erde und schüttle die Welt wie bei der gråßs lichen Geburt eines neuen Wunders; während ich standhaft bin, dics sen treuen Speer in meiner Hand halte und so hineinfalle *)!" Aber Amarillis hålt ihn zurück, indem sie gesteht, daß sie selbft Amorets Gestalt angenommen habe, diese aber treu und rein sei. Amoret selbst, als sie mit Perigot wieder zusammentrifft, versichert schwörend **) ihre

*) 4, 1; Darley p. 277:

She is untrue, unconstant, and unkind;
She's gone, she's gone! Blow high, thou nordwest wind
And raise the sea to mountains; let the trees
That dare oppose thy raging fury, leese
Their firm foundation; creep into the earth
And shake the world, as at the monstrous birth
Of some new prodigy; whilst I constant stand,
Holding this trusty boar-spear in my band,

And falling thus upon it!
Aehnlich die Situation im Lear, wo der greije König, durch deu lindant seiner
Töchter in Verzweiflung, ausruft 3, 2:

Blow winds and crack your cheeks! rage, blow!
You cataracts and hurricanoes, spout
Till you have drench'd our steeples, drown'd the cocks !
You sulphurous and thought-executing fires,
Vaunt-couriers to oak-cleaving thunder-bolts,
Singe my white head! And thou all-shaking thunder
Strike flat the thick rotuntidy o' the world!
Crack nature's moulds; all germens spill at once,

That make ingrateful man!
**) 4, 4; in der Ausgabe von Darley p. 280 :

Then hear me, heaven, to whom I call for right,
And you fair twinkling stars, that crown the night;
And hear me, woods, and silence of this place,
And ye sad hours that move a sullen pace;
Hear me, ye shadows, that delight to dwell
In horrid darkness, and ye powers of hell,

« PreviousContinue »