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Gar malerisch ist nun in dieser Stelle der Ausdrud: das Glüd tappt unter die Menge. Wir sehen den Zufall, wie er mit wers bundenen Augen auf dem volgedrängten Markte des Lebens umhers wandelt, und ein Mal um das andere die Hand umhertappend auss stredt und seine Gaben des Glüds und Unglüds austheilt; jeßt der lodigen Unschuld den Todesfelch reicht; ießt auf den fahlen idhuldis gen Scheitel ein unverdientes Glüd legt. Auch hier waltet feine nach Verdienst waltende höhere Einsicht; feine der Schuld gemäß strafende Hand; den Elementen wie dem Glüde ist der Mensd ein Spielbal, blinder Widfür preisgegeben *).

Nady ewigen, ehernen
Großen Gesetzen
Müssen wir alle
Unseres Daseins

Kreise vollenden. Was Gefeß der Naturordnung ist, dem ist auch der Mensch unterworfen und ihm muß er sich schweigend fügen; wir werden ges boren, wir genießen, wir leiden, wir sterben – und der irbiste Kreislauf ist geschlossen; diesen Bedingungen des Daseins, die die Natur dictirt, ist der Höchste gleichwie der Niedrigste unterworfen: Widerstreben gegen diese Naturgesebe, thörichte Anmaßung gegen ihre große unumstößliche Ordnung hilft auf der einen Seite nichts; auf der anderen trägt sie sogar zu um so schnellerer Vernichtung des Eins zelnen bei.

Jedoch der Mensch steht auch höher als die Natur ; er ist nicht bloß Körper; er hat einen benfenden Geist, hat Willen, hat Gefühl für das Schöne; tritt er als geistiges Wesen auf, dann erhebt er fich hoch über die Natur.

Nur allein der Mensch
Vermag das linmöglide:
Er unterscheidet,
Wählet und richtet;
Er kann dem Augenblid
Dauer verleihen.

*) Cic. I. 1. Sic enim res se habet, ut ad prosperam adversamve fortunam, qualis sis aut quemadmodum vixeris, nihil intersit.

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Er allein darf
Den Guten lohnen
Den Bösen strafen,
Heilen und retten,
Alles Irrende, Schweifende

Nüßlich verbinden. Der Mensch vermag das Unmöglich e: er zeigt dem Blige den Weg, unschädlich an seiner Wohnung nieder zu gleiten; er bes nußt die Elemente, die Wirksamkeit des Wassers und Feuers, zu neuen herrlichen Schöpfungen; mit dem Compaß findet er den Weg über die unermeßlichen Müften des Dceans; mit dem Fernrohr beobachtet er den Lauf der Gestirne und sagt ihre Veränderungen voraus: furz, als denkendes Wesen ist der Mensch weit über die Natur erhaben; er beherrscht sie als König.

Dodj auch in der ihn umgebenden Menschenwelt hat er bindende Drdnung, Recht und Gefeß eingeführt: er ist es, der Gutes und Böses, Nüßliches und Schädliches gegen einander hält und unter: scheidet, und dann erst seine Wahl mit Besonnenheit trifft: er ist es, der die Empfindung des Augenblics durch Wort und Schrift fesselt, und so das, was er gedacht und empfunden, fernen Jahrhunderten überliefert. Er geht also nicht unter, sondern, obschon eine vorübergehende Erscheinung auf dieser Erde, lebt er in seinen Thaten, in seinen Werfen unsterblich fort; er hat, wie die Götter selbst, Unsterblichkeit.

Wirft er dies durch seinen Verstand, durch seine Einsicht und Kenntnisse, so ist er als moralisches Wesen nicht minder groß. Die Natur belohnt nicht, bestraft nicht, sie wirkt nach nothwendigen Ges seßen: der Mensch hingegen lohnt den Guten, straft den Bösen; er hat der Natur ihre geheimsten Kräfte abgelauscht, er heilt und rettet; er erwedt, wie die Alten von ihrem Aleskulap dichtend sagen, die Todten. Das Einzelne, Zerstreute, scheinbar zu keinem Zweck Vors handene, weiß er in nübliche Verbindung zu seßen, und gleich einem Gotte Neues hervorzubringen; die vereinzelten Kräfte läßt er zusammenwirken zu guten und nüßlichen, der Menschenwelt heilsamen Zwes den. So hilft er dem Elend ab, öffnet Hülføquellen der Nahrung für seine Mitbrüder, und die Künste erstehen und bevölfern die Erde mit Göttergestalten, erfreuen alle feine Sinne durch den Genuß des Schönen.

lind in diesen drei Strophen möchte ich noch aufmerksam ma

dhen auf den Gedankenfortschritt in ,müffen, verin ag, darf,
wenn schon der Dichter nicht geflissentlich darauf Rüdficht genommen
haben mag. Denn diese drei Bezeichnungen deuten doch wieder hin
auf des Menschen dreifache Natur, seine förperlichen, geistigen und
moralischen Beziehungen. Den Naturgeseßen muß der Mensch sich
unterwerfen; er vermag mit seinen geistigen Anlagen das unmöglich
Scheinende; èr Darf belohnen und strafen, weil in ihin ein untrügs
liches Gefühl wohnt, das ihm gebietet das Gute anzuerkennen, das
Boje zu bekämpfen. Das höhere, umfassendere Walten der Gott-
heit wird auf dem geistigen und moralischen Gebiete von dem sterblichen
Menschen wiederholt; er steht also der Gottheit näher als alle übris
gen Wesen; er ist von ihrem Hauche angeweht und durchbrungen;
er hat höhere, göttliche Berechtigungen.
Freilich an die Wirksamkeit der Götter wird der Mensch nie reichen:

Und wir verehren
Die Unsterblichen,
Als wären sie Menschen,
Thaten im Großen,
Was der Beste im Kleinen

Thut oder möchte. Auch ber Ebelfte und Trefflichste thut höchstens im Kleinen, was jene höheren Wesen in unendlich größerem Maaßstabe, im Bezug auf die Welt im Ganzen genommen thun. Doch auch das Kleine ift Verdienst des Menschen, das ihm Niemand rauben oder schmålern fann; und indem er in seinem kleinen Leben den Göttern gleich zu handeln strebt, indem er das Gute befördert, dem Bösen steuert und abhilft, erfüllt er den besten Gottesdienst; einen Gottess dienst, der nicht in Worten, sondern in Thaten; nicht in träumes rischem Sinnen, sondern in lebendiger, der Menschenwelt zum Heile gereichender Wirksamkeit besteht.

Und so ist der Dichter wieder bei dem Hauptgebanken, von dem er ausging, zurückgekehrt; der Kreis ist geschlossen; mit dem Accorde, mit dem der Tonkünstler seine Tonschöpfung a lfing, in demselben schließt er sie, wenn er schon in mancherlei Tonarten ausgewichen und den Hauptgedanken vielfach variirt hat. Der Dichter endet so:

Der edle Mensch
Sei hülfreich und gut!
Inermüdet schaff er,
Das Nüßliche, Rechte

Sei uns ein Vorbild
Jener geahneten Wesen!

Es ist wohl faum nöthig zu bemerken, daß das ganze Gedicht mehr in antifem als in modernem Geiste gedacht und gehalten ist. Obschon die reinsten Ideen des Christenthums *) darin ausgesprochen find, manche Worte sogar unınittelbar an die Worte der Schrift erinnern, so ist doch der Ausdruck, da von den Göttern ftets in der Mehrheit gesprochen wird, griechisch und erinnert an die Vorstelluns gen der alten Welt.

Allein solche Einfleidung, zumal da die alten Götter doc) weis ter nichts als Personificationen höherer Kräfte find, aus denen der abftrahirende Verstand ein allgemeines Höchste entnommen hat, muß auch dem christlichen Dichter frei gestellt bleiben **).

*) Schiller in den Briefen an Göthe (v. 17 Aug. 1795.) sagt: „Ich finde in der christlichen Religion die Anlage zu dem Höchsten und Edelsten. Gált man sich an den eigentlichen Charakterzug des Christenthums, der es von allen monotheistischen Religionen unterscheidet, so liegt er in nichts Anderem, als in der Aufhebung des Gefeßes, an dessen Stelle das Christenthum eine freie Neigung gesebt haben will. Es ist also, in feiner reinen Form, Darstellung schöner Sittlich feit oder der Mensch werdung des Heiligen.

**) Schiller, der sich vielfach dieselbe Freiheit nimmt, äußert sich darüber im Vorworte zur Braut von Messina folgendermaßen: „Id halte es für ein Recht der Poesie, die verschiedenen Religionen als ein collectives Ganze für die Einbildungsfraft zu behandeln. Inter der Hülle aller Religionen liegt die Religion selbst, die Jree eines Göttlichen, und es muß dem Dichter erlaubt sein, dieses audzusprechen, in welcher Form er es jedesmal am trefflichsten und bequemsten findet.“ Indosjen vgl. man hierzu Viehoff, Commentar zur Jungfrau von Drleans, S. 128.

Zwidau.

Rector Hertel.

Ardw i. 1. pradyen XI.

• 12

Englisde Mundarten.

Da die an Devonshire angrenzende Grafschaft Cornwallis vers möge ihrer Mischung mit feltischen Wörtern und vermöge des Eins flufjes, den bas Keltische überhaupt auf die Aussprache und Gestals tung der englischen Wörter geübt hat, unter den westlichen Munds arten Englands eine gewisse Selbstständigkeit behauptet, so behalten wir dieselbe einer spätern Betrachtung vor und wenden uns zunächit zu dem südlichen Nachbar von Somerset, zu

3) Dorset. Quellen. Hauptquelle: Poems of rural life in the Dorset dialect with a dissertation and a glossary, by William Barnes. Lond. and Dorchester 1844. 373 S. 8.

Ein fleißiges Buch, das uns namentlich über die Ausjprate in Dorset genaue Auskunft giebt. Die Gedichte, welche Barnes uns mittheilt, find theilweise ganz hübsch, aber volf8thümlich dürften fie nicht werden.

The unioneers und John Bull and Tom Stiles, 2 Flugs schriften, Blandford und Dorchester 1838, ziemlich unbedeutend.

Dorset war wahrscheinlich eine der lepten Eroberungen der Sachsen; wenigstens haben wir fein Zeugniß, daß es um die Mitte des 6. Jahrhunderts bereits in ihren Händen gewesen wäre. Nad der Vereinigung der sächsischen Reiche war Dorset vorzüglich den Angriffen der Dånen ausgeseßt. Egbert ward bei Charmouth 832 von den Dánen geschlagen, die sich in der Folge an mehreren Rüftenpunften festfesten.

Als eine Eigenthümlichkeit der Dorset - Mundart giebt Barnes an, daß sie von französischen Wörtern viel reiner geblieben ist, als das Englische. Haben nun auch alle Mundarten eine gute Anzaht alter sächsischer Ausbrüde erhalten, die im Englischen verloren fint, so mag Barnes doch in sofern Recht haben, daß Dorset, als ein

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