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Herrn Trissotin, Schöngeist und Dichter von Profession, der fie damit angesteckt hat, verheirathen. Vater Chrysale, nichts weniger als Schöngeist, wil sie dem jungen Clitander, dem Sohn eines alten Jugendfreundes, zuwenden. Der Poet, der sich hinter die ,

, Mutter steckt, um zur Tochter zu gelangen, oder vielmehr zur Mitgift, siegt in diesem Rampfe, denn Madame regiert im Hause mit dem Pantoffel, den sie stets unverhüllt in Händen trägt; er fällt aber noch zur rechten Zeit in eine ihm vom Sdwager Arifte, ter für die Liebenden wirft, gelegte Falle. Im Augenblick der Contract: Unterzeichnung fommt ein Brief, der meldet, Chrysale habe sein Vermögen verloren; Trissotin tritt mit edler Resignation: et je ne veux point d'un coeur qui ne se donne pas, zurück und räumt dem Clitander, der auch ohne Mitgift liebt, das Felt. Schluß: Verlobung des Paars mit Einwilligung von Madame, die nidyt ihrem Manne, sondern den Umständen weicht. Je le savais bien que vous l'épouseriez, fagt jener zu seiner Lieblingstochter und bildet sich ein, er allein hätte Alles gemacht und sein Wille trage den Sieg davon.

Mit dieser etwas dürftigen Handlung füllt der Dichter, ohne daß wir uns langweilen, fünf Acte aus und ersetzt den Mangel äußerer Dramatit durch ein frei entwickeltes Spiel der Leidensdiaften, durdy scharfe Charafterzeichnung und vor Adem durch eine Vollen: dung der Sprache und des Verses, wie er sie bis dahin noch nicht erreicht hatte. – Die Gattung einmal angenommen, kann ich auch nicht finden, daß Tendenz, Moral und Didaktif in diesem Stücke störend und prosaisch hervortreten; die Sentenzen und Discussionen find so fein in das Ganze gewebt, stehen so sehr überall am rechten Fleck und dienen so sehr zur Charakteristik der Personen, daß fie fein müssiges Beiwert sind. – Zumal bei dem Gegenstande, um den es fich hier handelt, war das Ueberwiegen der Conversation unvermeidlich, wenn er in seinem ganzen Umfang und mit voller Schärfe aufgefaßt werden sollte.

Damals hatte sich das pretentiöse, schöngeistige' und pedantische Wesen, welches die höheren Stände sich aus dem hôtel Rambouillet geholt hatten, schon den ihnen nachstrebenden mittleren mitgetheilt, und die Frauen, bei ihrer leichten Reizbarkeit, waren am meisten davon inficirt worden. Die damaligen alten und jungen Blauftrümpfe begnügten sich nicht mit der Aesthetif, fondern verstiegen sich sogar in Astronomie, Physik u. s. w., mochte auch, wie Chrys sale sagt, mancher Ralbsbraten darüber verbrennen, mancher Topf ungewaschen bleiben.

Vor Adem war es ihnen aber um eine gewählte Ausbrucos weise zu thun, und Baugelas erseßte in ihren Händen den parfait cuisinier. Die Damen unsere Stüdes wollen ja sogar eine weibs liche Afademie der Wohlredenheit einführen. - Es gab damals für viele Dinge zwei Ausdrücke, einen adligen und einen bürgerlichen. Diese oft von unserem Dichter, besonders aber in diesem Stück vers spottete Albernheit war ein natürlicher Auswuchs löblicher Sorgfalt, mit der gerade damals die Schrifts und Conversationssprache cultis virt wurde und ihr noch heute troß den Romantifern bestehendes Gepräge erhielt.

Molière, der Dichter des gesunden Menschenverstandes, steuerte durch seine Comödien diesem Unwesen und hat, wie viele Zeugnisse der Zeit beweisen, nicht wenig zur Einführung eines besseren Ges schmackes beigetragen.

Sein Stück nahm sich aber auch der Ehemanner an, deren Knöpfe unangeseßt, deren Strümpfe ungestopft blieben, der Mägde, die man wegen sprachlicher Schnißer fortjagte, der Töchter, die, wie Henriette, von gelehrten Müttern vernachlässigt wurden.

Wie Schlegel in diesem Bestreben des Dichters eine Gering. Ichäßung aller höheren weiblichen Bildung fehen fonnte, ist unbes greiflich. Nur der Hausvater und die ungrammatische Köchin wissen fich etwas mit ihrer Unwissenheit, find sie doch die Vertreter des entgegengeseßten Ertreme, und müssen dies nach des Dichters Intens tion thun. Die anderen, nicht von der Krankheit befallenen Personen haben ganz perständige, durchaus nicht beschränkte Ansichten, wie sich unten zeigen wird, verspotten aber mit Recht falsche Wissens-Pråtens sion und selbstgefällige Pedanterie. Am wenigsten fönnten wir aber mit Schlegel so beschränfte Ansichten aus des Dichters Lage und Erziehung begreifen, die ihm bekanntlich viel Gelegenheit zu litteras rischer, ja gelehrter Bildung gab, während seine mannichfachen Lebenos erfahrungen, die besser als Doctrin und Stubengelehrsamfeit dazu dienen, ihn zum Lehrer der Mensch heit zu bilden, sehr geeignet waren.

Besonders in den weiblichen Charakteren tritt nun jene Vers fehrtheit hervor, und der Dichter zeigt an ihnen mit dem feinsten psydyologischen Tacte, wie bloß äußerlich des Glänzens halber Ange: eignetes nie die innere Bildung zu fördern und zur idealen Richtung zu erheben vermag, sondern nur dazu dient, die natürlichen Schwächen noch um eine neue, anspruchsvolle Affectation zu vers mehren.

Frau Philaminthe, die Philosophin, gleicht mehr der Frau des alten angebeteten Weisen, als ihm, und braust troß allem Stoicismus bei der geringsten Gelegenheit auf, sie geräth über einen Sprachfehler der Magd in Harnisch und affectirt, wo Grund zur Unruhe ist, wie beim Verlust des Vermögens, einen ebenso albernen Gleichmuth.

Die schon verblühte Tante Belise, besonders starf in Astronomie und Rhetorif, tröstet sich über ihre unfreiwillige Entsagung mit der visionsartigen Täuschung, daß alle Männer in sie verliebt seien und nur nicht wagten, es ihr zu zeigen; sie sieht in Vernachlässigung, ja Grobheit, versteckte Liebeserklärungen und wittert etwas der Art felbst in Clitanber's Behauptung, er wolle fich lieber hängen lassen, als sie heirathen, einer der übervollen Pinselstriche, die Molière mits unter dem Bühneneffect zu Liebe sich erlaubt.

So weit wie die etwas phlegmatische, in seliger Selbsttäuschung dahin lebende Belise hat es ihre Nichte, die sensitive Armande, noch nicht gebracht. Obgleich sie die Ehe als ein projaisches hausbacenes Institut verachtet, so fischte sie doch gern den früher von ihr zurücfgewiesenen Clitander wieder und seßt alle Maschinen in Bewegung, ihn ihrer Schwester abspänstig zu machen, geberdet sich aber so, als wolle fie nur aus Gefälligkeit seine Anbetung dulden.

Diesen drei Thörinnen, denen Molière durch feine Nüancen einen besondern Charakter zu geben wußte, – auch ohne Personenangabe fönnte man jedesmal fagen, wer von ihnen spricht, - steht die jüngere Schwester Henriette gegenüber, das einfady natürliche Mädchen; sie hat sich ganz aus sich selbst herausgebildet, die Ver's fehrtheit der anderen hat ihr den rechten Weg gezeigt. Wie ihre ungeschminkte, natürliche Sprache, die sie jedod), wenn es gilt zu persifliren, auch zum Ton der précieuses emporzuschrauben weiß, gegen das Kauderwelsch der anderen absticht, so sticht auch ihr sicheres, harmonisch in sich begründetes Wesen gegen die Gezerrt- und Geziertheit der anderen ab. Sie liebt ihren Clitander von ganzer Scele, aber nicht nach den Romanen der Frau von Scudéry und ohne fala schen Pathos. Die Ehe ist ihr das Ziel der Liebe, aber sie weiß ihr auch zu entsagen und führt ihren eraltirten Liebhaber auf das wahre Maaß zurüc:

L’amour, dans son transport, parle toujours ainsi,
Des retours importuns évitons les soucis.

Act. V. Scene V.

Dabei hat sie aber andererseits auch Kraft genug, fich jedem Zwange zu widerseßen. Sie spricht init anständiger Offenheit ihre Wünsche und Hoffnungen aus, ist aber dabei reineren Herzens, als ihre prüde Schwester, der das Wort Ehe und Hochzeit das Blut in die Wangen treibt. Kurz, sie ist eine der liebenswürdigsten Schöpfungen des Dichters und gleicht durch sanft gehaltene Zdealisation einer jener Göthischen Gestalten, indem sie durch die verschrobene Umgebung cin um so schöneres Licht erhält. – Auch Martine, die so schlecht spricht und so ausgezeichnet focht, ist mit ihrem fecfen Mutterwiß vortrefflich gehalten und schaut gleid) jener Dorine des Tartüffe so flug in Alles hinein; sie behält auch immer das legte Wort, und doch ist der Unterschied zwischen Köchin und Zofe genau beobachtet.

Von den männlichen Charakteren ist Vater Chrysale ein wahres Prachtstück, eine frisch aus dem Leben gegriffene Figur; wir sind ihm schon irgendwo begegnet, wahrscheinlich in einer jener reichgewordenen Kaufmannsfamilien, wo der weibliche Theil sich durch Bildung vornehm zu machen sucht, während Papa im Comptoir arbeitet. Der alte Herr möchte sich und Andere glauben machen, er regiere im Hause, darum bonnert und blißt er, so oft Madame nicht dabei ist, und giebt seinen Töchtern die jener zugedachte Badung. Er nimmt immer einen gewaltigen Anlauf zur Mannheit. Ich habe zu res gieren, was ich will, das soll geschehen!“ so spricht er mit großer Festigkeit und wagt selbst einen ersten Angriff voll Kraft and Feuer, indem er sich dabei auf sein gutes Recht stůßt; beim ersten dürren Wort von Madame, die nicht mehr braucht, ihn zur Raison zul bringen, zieht er sich aber zurück, läßt Alles über sich ergehen und freut sich, wenn die Köchin für ihn eintritt. Aber wie gut ist er dabei, wie freut er fich über die Zärtlichkeit des jugendlichen Liebes: paares, das ihm seine grünen Jahre zurückruft, wie flar übersieht er die Thorheit seiner Umgebung, wie drollig weiß er sie zu schildern. Der verständige Mann unter dem Pantoffel der thö: richten Frau, das ist der fomische Kern des Stüdrs. Vergebens

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sucht sein etwas langweiliger Bruder ihm Kraft und Beharrlichkeit gegen die Weiber einzuflößen.

Trissotin, mit dem Molière fich am Abbé Tricotin rächte, ist ein schöngeistiger Tartüffe, der gleichfalls die Familie in zwei feinds liche Lager theilt, nur ist er in so fern fein Heuchler, als er sich für einen großen Dichter hält. Seine Seelengemeinheit und fein Eigennuß springen überall durch seine schönseligen Redensarten hervor und der ganze Mensch charakterisirt vortrefflich jene anspruchsvolle Winfels litteratur, die schon damals in Frankreich grassirte. Hübsch ist, daß er am Schluß selbst das Vertrauen der ihn anbetenden Frau Philaminthe verliert.

Schlegel tabelt hier, daß der schriftstellerischen Eitelkeit Eigennuß beigeinischt sei; es gebe, meint er, für den leşteren ersprießlidhere Laufbahnen, als die des Schriftstellers. Wer die damalige Zeit fennt, wird diesen Einwurf nicht für richtig halten. Schon damals führte gerade wie heute ein litterarischer Name in Frankreich nicht allein zu Ehre und Ansehen, sondern auch zu Geld und Besib. Molière felber ist ein Beleg dazu.

Ein Seitenstück zu Trissotin ist der Pedant Vadius, mit dem Menage gemeint zu sein scheint; er zeigt sich nur einmal, benußt aber seine furze Zeit redlich, um an sich die gelehrten Charlatans der Zeit, die schwarz bemäntelten Herren in us lächerlich zu machen.

Clitander, der freie, offene, verständige und uneigennüßige Jüngling, der die Narren und Närrinnen, wo sie ihm den Weg zur feurig geliebten Henriette versperren, derb nach Hause leuchtet, ist derselben so würdig, daß wir uns innig über seine schließliche Verbindung mit ihr freuen. - Molière ist von allen französischen Dramatifern vielleicht der wahrste Zeichner ächter, inniger Herzensliebe und weiß dieselbe mit sicherem Tacte jo darzustellen, daß sie sich von der auf der französischen Bühne nur allzu gewöhnlichen conventionellen Gespreiztheit eben so wie von der leichtfertigen Galanterie gleich fern hält, und dabei wird er nie monoton, denn troß der oft wiederfehrenden Gleichheit des Verhältnisses, zum Beispiel im Liebeszanf, den er wenigstens fünfmal geschildert hat, herrscht doch eine große Verschiedenheit in der Darstellung. Rein französischer Dramatifer hat aber auch diese Leidenschaft aus so mannichfaltigen subjectiven Erfahrungen fennen gelernt. Wo er Liebe und Eifersucht inalt, fühlt inan gleich, daß er vom eigenen hinzuthut.

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