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verlacht er die idealen Mächte auch, wo er, im Act des Frevelns selbst, fie für sich in Anspruch nimmt, denn da macht er sie thatsächlid zum Werfzeug der Erhaltung seines sinnlichen Daseins, wie wenn er die Straßenräuber tapfer nennt und in diesem seinem Beruf fich als der Vertreter der Bedrängten geberbet. Immer ist er die Verlebendigung der Form der Freiheit, die der Mensch als Indivi: buum, als bloß natürliches Wesen erreicht.

Das also ist der Standpunkt Fal staff'8 und die Stellung, die er zu der Idee des Dramas hat. So gefaßt tritt er nun aber auch zu allen einzelnen Personen in innere Beziehung. Auf den König wiesen wir schon hin. Zu diesem steht er zunächst von Seiten des Schuldbewußtseins im Contrast; denn den König machte sein Ges wissen unfrei, weil er durch seine Schuld dahin gekommen war, fich als fittliches Wesen zu erfassen. Er ferner litt unter dem Aufschub seiner ersehnten und gehofften Sühne, den die innere Nothwendigkeit seiner Lage als Usurpator bewirfte, Falstaff dagegen überwindet jedes Scheitern seiner Pläne und Hoffnungen kampflos und sicher. Percy dann ist der Gegensaß Falstaff'8 von Seiten jenes Hingebens an ein bestimmtes Pathos, das ihn völlig beherrschte, sowie durch seine Sclaverei der Affekte, die dieser gar nicht fennt. Glendower’s Aberglauben farrifirt Falstaff durch seine Annahme der Hererei, die ihm dann dienen muß, fich von persönlicher Verantwortung für seinen lasterhaften Wandel freizusprechen. Worcester endlich, der unter Ans fennung der Nothwendigkeit wie in den Kampf mit dem König, so in den Tod geht, steht er theils mit seiner Nothwendigkeit, theils mit seinem Davonlaufen vor dem Tode, den Prinz Heinrich ihm als nothwendig darstellen wil, gegenüber. Und ebenso wären auch noch zwischen andern Personen unseres Stüdes und ihm innere Bezüge aufzuweisen. Der wahrhaft Freie aber ift Prinz Heinridy, mit dem wir die Reihe der Personen, in denen die Idee des Dra: mas sich bethätigt, abschließen.

Daß zunächst der Prinz in irgend einer Beziehung zu der Idee des Dramas stehen müsse, geht schon aus seinem Verhältniß zu Falstaff hervor, der nach der sinnlichen Seite hin als Repräsentant derselben gelten kann. In seinem Monologe freilich am Schluß der zweiten Scene stellt Prinz Heinrich dies Verhältniß als ein Wert politischer Berechnung dar und scheint damit die innere Bedeutung desselben für sich zu leugnen. Aber weit entfernt, daß diese dadurch

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wirklich aufgehoben wird, führt uns eben jener Monolog vielmehr zur Erfenntniß der Natur der Stellung, die der Prinz sowohl zu Falstaff als zu der Idee des Stückes selbst hat. Denn in demselben erscheint der Prinz als selbstbewußter Mensch, zwar selbstbes ivußt nicht in dem Sinne des allgemeinen Selbstbewußtseins, das fid) als die Substanz der Welt weiß und durch den Brud, mit ihr hindurchgegangen ist - diese Stufe der Freiheit haben wir für die Welt, die unser Drama darstellt, schon von vornherein ausgeschlossen wohl aber stellt er die höchste Stufe der Freiheit dar, die der Mensch als natürlicher, als ungetrennte Einheit von Geist und Natur, erreichen fann, das Selbstbewußtsein als unmittelbares, dessen erste Erscheinungsform zwar jugendlicher Uebermuth ist, das aber nichtsdestoweniger jeden Augenblic zum Gefäß für jeden fittlichen Ins halt werden fann, ja, das sogar wesentlich auf dem unmittelbaren Wissen seiner Einheit mit der Welt und den sittlichen Mächten selbst beruht. So tritt Prinz Heinrich in jenem Monologe vor uns, in Wahrheit also als die Ergänzung Falstaff's, mit dem er, als der Repräsentant der geistigen Seite der Idee des Dramas fich zusammenschließt, um diese selbst zu bilden. Oder vielmehr, da er die ungetrennte Einheit von Natur und Geist ist, mithin auch sinnlicher Mensch wie Falstaff: so nimmt er diesen in sich auf und flellt für sich allein die Freiheit des natürlichen Mens fchen nach der sinnlichen wie geistigen Seite dar. Und eine andere Bedeutung hat in der That sein Verkehr mit Falstaff nicht, als daß er in diesem die Ansdauung seiner finnlichen Natur hat, deren Fesseln ihn nicht drücken, weil er in unmittelbarer Einheit mit der Welt ein für alle Mal ficher ist, fie abstreifen zu fönnen, um sich einen fittlichen Inhalt zu geben. Falstaff's innere Beziehung zu dem Prinzen bleibt also trop jener Aeußerung des Leşteren stehen und diese reduzirt sich auf das bloß Thatsächliche, daß er vermöge feines Selbstbewußtseins auf den Verkehr mit Falstaff jeden Augenblid verzichten könnte.

Es liegt mir jeßt ob, das hier aufgestellte Augemeine im Eins zelnen zu erweisen und die reale Entfaltung seines Wesens zu verfolgen. Was zunädist jene Einheit von Natur und Geist betrifft, die wir von ihm aussagten, so geht dieselbe besonders in den harmlosen Scherzen, die er mit dem Kellner treibt, bis zur Kindlichfeit fort, und schon die Thatfache seiner Selbstverbannung von dem Hofe

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und seines Verkehrs mit der Verförperung des guten alten Adam" zeugt für diese Seite seines Wesens, das in der That ein acht menjdliches ist. Wie frei er ferner von sich selbst und zugleich wie felbftgewiß er ist, zeigt theils die Vertraulichkeit, die er seinen Ges nossen gestattet, theils die Unbefangenheit und Sorglosigkeit, mit der er beim Eintreffen der Nachrichten über den drohenden gefahrvollen Bürgerkrieg noch Romödie zu spielen vermag. Wie sicher ferner zeigt er sich noch insbesondere der fittlichen Natur des Menschen idon durch seinen bloßen Verkehr mit Falstaff, den alle Welt vers achtet, und sein herzliches Lachen über dessen ftete Selbstbeschönis gung! Denn wenn auch sein jugendlicher Uebermuth als Triebfeder dieses Verkehrs mehr betheiligt ist, als er selbst einzuräumen scheint ; tod wissen wir, daß seine Anschauung von vornherein sittlichen Inhalt hat, den er also durch Falstaffs Liederlichkeit nicht negirt steht. Mithin war der Schluß berechtigt, daß er in Falstaff seine eigene kreiheit von der sinnlichen Natur anschaut. Seinem Vater gegenüber aber, aus dessen Nähe ihn zu verscheuchen dessen innere Unfreiheit nothwendig mitgewirft hat, ist er zwar würdevoll, doch auch voll Pietåt, und räumt, so überlegen er ihm ist, doch willig ein, daß ft gefehlt habe. Und als er dann geschworen, hunderttausend Tobe zu sterben, oder Percy zu erschlagen, und mit diesein Schwur in die Súlacht zieht, da ist er, sagt Bernon, der ihn und seine Gefährten diltert:

Ganz rustig, ganz in Waffen, ganz befiedert
Wie Strauße, die dem Winde Flügel leihn,
Gespreizt wie Adler, die vom Baden kommen;
Mit Goldstoff angethan wie Heiligenbilder,
So voller Leben wie der Monat Mai,
Und herrlich, wie die Sonn' im Sommers Mitte;
Wie Geißen munter, wild wie junge Stiere.
Ich sah den jungen Heinrich, Sturmhut auf,
Die Schienen an den Schenfeln, stolz gewaffnet,
Wie der beflügelte Mercur vom Boden
So leicht gewandt sich in den Sattel schwingen,
Als schwebt ein Engel nieder aus den Wolken,
Den Pegasus zu tummeln und die Welt

Mit edlen Reiterkünsten zu bezaubern.
Das muß der Held des Stüces sein, den Shafspeare dieser
Perle seiner Poesie gewürdigt hat! Hier steht er ganz als der Ver-
treter der Idee des Stückes yor uns, insofern die Geistesfreiheit,

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die er hier im Angesicht der drohendsten Gefahr behauptet, ihren Austrud in dem å ußern Menschen findet. Und ebenso giebt er ihr auch in Worten, in der Gesinnung ihren völlig adäquaten Ausdruc. 3c lafse wieder Vernon reden, der ihn schildert, wie er Percy zum Einzelfampf gefordert habe:

Zeitlebens hört ich nicht
Bescheidner einen Feind herausgefordert,
Es müßt ein Bruder denn den Bruder mahnen
Zur Waffenprob' und friedlichem Gefecht.
Er gab Euch alle Pflichten eines Manns,
Staffirt Gu'r Lob mit fürstlich reicher Zunge,
Zählt Gu'r Verdienst wie eine Chronik auf,
Euch immer höher stellend als sein Lob,
Das er zu schwad, fand gegen Euren Werth;
Und, was ihm ganz wie einem Prinzen stand,
Er that erröthende Erwähnung seiner,
Und schalt mit Anmuth seine träge Jugend,
Als wär' er da zwiefachen Geistes Herr,

Zu lehren und zu lernen auf ein Mal. Hier berührt sich Heinrich in einem Punkte mit dem Rónig, seinem Vater, dessen Freiheit von fid selbst in feinem Urtheil über seine Feinde wir an ihrem Ort hervorgehoben haben wahrhaft groß erscheint er aber erft, als er seiner Geiftesfreiheit auch in Thas ten Ausdruck giebt, wir meinen, Falstaff gegenüber, dem er ohne Zögern den Ruhm des Sieges über Percy abtritt.

Somit meine ich denn dargethan zu haben, daß in der That die von mir aufgestellte allgemein menschliche Idee in den einzelnen Personen als ihre Grundmacht thätig ift. Auf die Handlung selbst im Ganzen wie im Einzelnen näher einzugehen, um auch in ihr fte nachzuweisen, dessen bedarf es nun nicht mehr, da in den Haupts characteren auch die einzelnen Momente der Handlung schon bespros chen sind. Die Collision z. B. zwischen dein König und Percy wird auf der einen Seite durch die Furcht vor Mortimer, durch innere Uns sicherheit also, und auf der andern durch den Jähzorn, die Sclaverei der Leidenschaft herbeigeführt. Die Beilegung des Zwistes dann, die der König vermöge seiner Freiheit von sich selbst wünscht, wird durch die Furcht Worcester's gehindert, Glendower ferner bleibt aus Abers glauben fern von dem Schauplaß der Entscheidung u. f. w. Nur der Schluß des Ganzen und die fünstlerische Befriedigung, die er uns gibt, sei noch besonders erwähnt. Es ist nämlid) augenscheinlicy, wie diese uns nur durch die Freiheit der handelnden Personen von fich selbst zu Theil wird und wie selbst Worcester, der sein Loos , geduldig" hinnímint, in diesem Sinne zu ihr mitwirft. Von König Heinrich aber und dem Prinzen ist bereits gesprochen und Percy's Tod durch den Prinzen Heinrich dient auch, den Sieg der Freiheit zu befräftigen.

Soll nun schließlich noch die historische Idee unseres Dramas in dem oben angegebenen Sinne besprochen oder vielinehr angedeutet werden, fo fann ich dieselbe nur so formuliren, daß das Drama, obs gleich noch auf dem Boden des unmittelbaren Selbstbewußtseins stehend, doch diesen durch die Schuld des Königsmordes, der auf England und Heinrich IV. laftet, schon als wankend oder vielmehr als einen Reim in seinem Schooße tragend darstellt, der in seiner Entfaltung aus jenem unmittelbaren Selbstbewußtsein heraus und durch das Böse hindurch zum allgemeinen Selbstbewußtsein führt, zu dem Bewußtsein unsrer Zeit, wie es zuerst Shafspeare erstiegen und in seinem Hamlet nach der theoretischen Seite, im Lear*) in seis nen praftischen Consequenzen dargestellt hat. Das nämlich ist für mich die Bedeutung der von Vischer aufgestellten, von ihm aber rein politisch gefaßten Idee dieser Dramenreihe als einer Darstellung des Todesfampfes des Mittelalters, daß dieser mit dem Entwidlungos kampfe deß allgemeinen Selbstbewußtseins zusammenfällt, das sich am Schluß der Dramenreihe freilich zunächst noch als nega: tive Unendlichkeit, als das Selbstbewußtsein des bösen Willens offenbart, das aber dann im Hamlet und Lear auch positiv auftritt. Danach wären dann Richard II. und der erste Theil Heinricho IV. – denn Der zweite hat wie eine durchaus verschiedene menschliche Idee, so auch ein anderes Moment der historischen Idee darzustellen die Grundlegung jener Entwidlung: Richard, insofern er theils ein durch Lurus und sinnlichen Genuß verderbtes Geschlecht

*) Lear nämlich stellt feineswego, wie selbst Vischer und Rötscher annehmen, die Bedeutung der Familie dar als Grundstein der ganzen objectiven Dronung, mit dessen Weichen auch diese wante; vielmehr ist sein Gegenstand die unter dem Drud des Egoismus leidende Menschheit, und zwar ist der Maß: stab, der an die Leiden selbst gelegt wird, von dem selbstbewußten Menschen bergenommen, der in der materiellen Noth die Quelle der fittlichen Entwürdigung tee Mensdon fieht. Jd, habe diese Auffassung in meiner Bearbeitung des Lear begründet.

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