Page images
PDF
EPUB

literarhistorischer Darstellung zu machen, und an dieselbe stets dou vollständigen und unveränderten Abdruck wenigstens eines ganzen Drama anzureiben, und daß dieser Aufsaß von Lohenstein als Probe dienen soll, in welcher Weise die Hers ausgeber die Aufgabe zu lösen gerenfen. Wir haben diese Erklärung vorauegos schickt, da wir uns über das linternehmen gefreut bätten, wenn wir die bloße Ankündigung, gelesen, derselben aber mit Sehnsucht entgegenseben, nachdem wir die Arbeit selbst durchgenommen. Den Inhalt eines Programme wiedergeben, heißt bei einer Schrist von nur 21 Seiten Quart den Verfasser ausschreiben, oder über ihn sich in einer Kritik zergehen. Beides liegt uns fern; unser Zwed fann nur sein, die Leser des Archivs auf diese Schrift selbst hinzuweisen, die übrigens mit dem Ganzen so zusammenhängt, daß sie nicht unbeachtet bleiben kann. Nada dem der Verfasser, der von seinem Gegenstande Peineswegs voreingenommen ist, in einem vergleichenden Worte zwischen Gryphius und Lohenstein es begreiflid, findet, dajz lepterer auf die Gegenwart feine ästhetisdie Anziehungskraft aufübt, stellt er fein dichterisches Wesen und Wirken auf dramatischem Gebiet und in sprach licher Beziehung car, und gibt in bestinimten Umrissen ein Bild des faiserliden Raths, ressen Gelehrsamkeit, Rechtlichkeit, amtliche Thätigkeit und Tüchtigkeit alle Zeitgenossen rühmen, und dessen Mußestunden und Krankenlager durch dichterische Beschäftigung verschönt und verfürzt werden. Er geht über die „Blumeni,“ zablo reiche lyrische Gedichte, in denen Cohenstein ein unselbstständiger Nachahmer bort mannswaliau's ist, so wie über seinen 3000 Seiten Quart füllenden Roman , Arminius und Thusnelre“ weg, obschon in demselben eine umfassende Gelehrsamteit verarbeitet ist, und er zu den Besten gehört, was funstmäßige Prosa dos 17ten Jahrhunderts geleistet hat, und jdreitet zur Betrachtung der sechs Trauerspiele:

svrabim Basja, Cicopatra, Agrippina, Epicharis, Sophoniebe, Ibrahim Sultan, von denen er die erste Dichtung als Jugendarbeit bezeidynet und in das Jahr 1650 verlegt, die legte in's Jahr 1673 (Lobenstein starb 1683).

Der Berjasjer theilt die Gründe mit, welde darthun, daß nur Cleopatra, Su: phonisbe und Ibrahim Sultan zur Aufführung bestimmt waren. Ganz den Dicha tern der ersten schlesischen Dichterschule, die ein neubelebter edler Dichterstolz hob, entgegengesept, urtheilt Lohenstein von seinen Gedichten „ich mache von diesen Gerichten selbst wenig Wert's, zumal da allezeit meine wichtigeren Geschäfte nuir hiemit viel Zeit zu verschwenden, zerbotben, sondern mir selbte nur als bloge Nebendinge einen erleichternden Zeitvertreib, nicht aber eine beschwerliche Bemühung abgegeben“ und „lleber jij babe ich aus der Tichter - Kunst niemals ein vani: werdt gemacht, weniger davon Auffenthalt oder Gewinn zu suchen von nötben ge: babt,“ und zeigt, daß er die Dichtkunst an und für sich wenig wirdigte, obidon er nicht nur Hofmanswaldau, jonderu aud) a. Gruphius und Logau rühmt und leßterem buldigt, „durch deisen Regung sid mein Geist zuerst gefühlt,“ vor allen aber M. Opiß.

In seinen Trauerspielen hält Lohenstein sich an die von Gryphius aufge: stellten Gesepe, an die Vertbeilung der Handlung in füuf Aufzüge, an die „Reven“ und vor allem an con bochtragischen Pathos; adier sowohl in der Auswahl seiner Steffe, in welchen die brutale Gewalt einen blutigen Sieg davon trägt, wie auch in der Verarbeitung liegt eine rein äußerliche Auffassung klar zu Tage, denn ein Haupts mittel des Effects sind Geistererscheinungen, die allein den überlieferten Stuff, an den sich lohenstein mit gelehrter Pedanterie bålt, poetisch machen sollen. Passow jagt sebr bezeichnend über den Gang der şandlung, und belegt diesen Saß durdy Stellen aus Agrippina : „Es bleibt deshalb für die einzelnen Auftritte bauptsädys lich ein dreifacher Inhalt: entweder werden Ereignisse, die außerhalb der Bühne fallen, erzählt, oder das auf der Bühne Geschehende durd die Neden der Handelnden veranschau: licht, oder es tauschen mehrere Personen, mag auch der Stand der Handluug noch so sehr zur raschen That crången, ihre verschiedenen An- und Absichten im Betreff fünftiger Þandlungen auf das Langwierigste gegeneinander aus, wobei denn schließlich eine der an: dern nadgeben muß; dies leştere jedoch wird mit so geringen Aufwante innerer Wahr: beit bewirft, daß der entgegengesepte Auôngang immer ebenso möglich als wahrschein: lich ist.“ Von (Sharakterzeichnung ist nicht die Rede, da jede Vertiefung in das Innere fehlt und alle Personen ohne Unterschied in dem hod tragischen Tone spredjen. Die Jugendarbeit hat in dieser Beziehung Borzüge, welche später durch verfchrte Ansichten des Dichters, der immer selbst spricht, nic seine Helden sprechen läßt, aufgehoben wer: den. Die Sprache ist ganz abweichend von der gewöhnlichen, und wie in den Stoffen das Gräßlich ste, so wird auch in den Bildern das Ungewöbulichste erstrebt, und die gange unverkennbare Fülle der Sprache durch Mangel an Läuterung und Bildung aufgehoben. Durchweg ist der langweilige Alerandriner, nur die Reyen und Geistererscheinungen haben stellenweise Gewandtheit und Reichthum der lyrischen Form. Den größten Werth legte Lohenstein nach der Sitte der Gelehrten seiner Zeit, auf die Citate, in welchen er ein staunenswerthes Wissen an den Tag legt. Aus allem geht bervor, die Wichtigkeit der Lobenst

. Tragödien beruben einerseits auf der literarischen Stellung des Mannes während fast eines Jahrhuns derte und anderseits auf dem (influß für die Geschichte der deutschen Sprache. Passow meint, daß bei Lobenstein in der Orthographie von Regel und Geseß faum die Rede sci, auch die grammatische Richtigkeit dem Neimzwang unterlegen habe, und die Nection wenig beachtet erscheine, fügt aber hinzu, daß die Ausbeute in lericalischer Beziehung reich und wichtig sei, indem nicht nur viele Wörter andere Bes deutungen haben, als in der heutigen Schriftsprache, sonderu viele andere vorhan: den sind, die jest gar nicht mehr gangbar, und endlich Ableitungen und Zusammenseßungen, die nicht mehr gebräuchlich, obschon die Stämme noch da sind. Der Verfasser gibt viele Beispiele, meint aber selbst, daß seine Sammlung nicht vod: ständig genug sei, um eine irgend eingehende Vergleichung mit der Sprache ande: rer Dichter des 17ten Jahrhunderts vornehmen zu können, und verweist in dieser Hinsicht auf das versprochene Wörterbuch der Brüder Grimm, welches auch die Sprache zur Zeit der schlesischen Dichterschule veranschaulichen wird.

Kr.

Ueber den lyrischen Standpunkt bei Auffassung und Erklärung lyris

scher Gedichte, mit besonderer Rüdsicht auf Horaz. I. Vom Pros fessor H. Bone. Programm der Rhein. Ritteracademie zu Beds burg.

Der Verfasser der vorliegenden Abhandlung fämpft besonders safür, daß man in einem lyrischen Gedichte nicht suchen müsse nach einer sogenannten Idee, dadurch werde das Gedicht zur Proja berabgewürdigt; man müsse vielmehr in einem lyric (chen Gedichte alles Mögliche und noch etwas mehr finden, Scherz und Ernst in Ernst und Scherz, niemals fich genug gethan zu haben glauben, und wer auf die Frage, warum ein Gedicht ihm so sebr gefalle, immer noch beizufügen habe :

das ist es Alles nicht, ich fann es nicht sagen, ich fühle es," der stehe auf dem wahrsten lyrischen Standpunkte, wobne im Sänger und fühle den Sänger in sich wohnen. Die Anwendung dieser Grundsäße auf Voragische Lyrif soll im nächsten Programm folgen und zeigen, daß man zu sehr bisher dieselben ins Reich des Gedankens und der Idee gezogen, statt den Mittelpunkt der Empfindung zu erfassen und das individuelle Leben des Gesanges zu enthüllen. In diesem Theile wird nur betrachtet oder nachempfunden das Lied Mosis II, 15: „und da Moses seine Hand ausstrecte" 11. f. w., ein Mailied von Claudius, Göthe’s Harfenspieler, Píalm 116 und das lateinische Kirchenlied Veni creator spiritus. Die loftere Betrachtung ent: hüllt die Tiefe des christfatholischen Dogmne, aber auch etwa Göthe's Harfenspieler muß nothwendig und- hinüberführen zu der Empfindung der Gnade, die im Christenthume uns geworden. Mag inan eine solche Erklärung, sagt der Verfasser, immerhin eine „Brühe“ nennen, sie ist einmal nothwendig, um sie Tiefe der Lyril zu erfassen; es ist fein äußerer lyrijcher Standpunkt da bei Göthe's þarfenspieler, sondern nur das allgemeine Wort Schulo rasjelt in düsterer Tiefe, mit schauerlich einsamem Klange umher, so daß des Liedes Motiv wie mit Ketten festgesdomierct erscheint und zu jeder Zeit unaufhörlich Schmerzenslaute entpressen mag.“ Diese

Bersenkung des warnien Gefühls muß aber bei jedes Wortes Klange stattfinden, sonst wird das lebendige Podhen des Dichterherzens nicht gefühlt.“ înd wenn das Lied, fährt der Verfasser fort, anfängt mit „Wer nie," so wissen wir bis dahin allerdings noch nicht einmal, ob nicht gar etwas fommt wie „Wer niemals einen Rauíd gehabt,“ gesungen freilich oder aud nur aus demjenigen şerzen gesprochen dem es angehört, würre uns das einzige Wort „Ber" idon cin zitterndes Eche entgegentragen, aber das, glaube idy, wissen wir auch schon an diesen geschriebenen Worten, daß das was da gejagt wird, als eine tief empfundene, auf dem Grunde eigener Erfahrung geschöpfte und was ned mehr ist, einzig durch cigene Grfabrung zu erfassende Bahrbeit erscheinen soll, daß somit eine lange Betrachtung oder eine lang getragene Empfindung vorhergeht.“ Der Verfasser wid somit, daß bei der lyrijchen Betrachtung lyrischer Gedichte der Subjectivitát Thor und Thür geöffnet und der alte Standpunkt, wonach man mühsam nach der Veranlassung des Gerichts umherspåbt, verlassen werde.

Die Ueberreste deutscher Dichtung aus der Zeit vor Einführung des

Christenthums. Vom Oberlehrer Wilhelm Püß. Programm des fath. Gymnasiums zu Cöln. 1851.

Diese werthrolle Abhandlung beschäftigt sich mit den sogenannten Merseburger Sprūdien und dem Hildebranosliete. Sie gibt eine Geschichte der Gerichte, den Tert, die Ueberseßung und eine, mit Benußung aller rabin einschlagenden Literas tur, umfangreiche und sehr genaue, bauptsächlich spradilidie Erläuterung. Bei dem ersten Zauberspruch erklärt sich der Verfasser für die Deutung Badernagels, welche der von I. Grimm befolgten und aud von Schrein in den „Preben" adoptirten an Na: türlichkeit vorzuziehen ist, die Atlitteration ist durch gesperrten Erud bezeidinct. Beim zweiten Zauberspruch nimmt nach lidirenki Frußner einen Ausfall an. Beim Hilde: brantáliere gibt der Verfasser zuerst den Inhalt, einen Vergleich mit der Darstellung in der Vilfinasaga und erklärt sich mit Recht darüber, daß der Anfang nidit veritünimelt rei, cann erörtert er das Verhältniß der Sage zur Gesdichte, die Sprache und den Versbau, was ihm Veranlassung gibt zu einer Aukcinanderseßung der Geschichte des Gedichts. Er erklärt sich gegen ron racicalen Versuch Wilbrandts, handelt über das Geleß der Allitteration und der ältesten Metrik und geht hierauf auf das Einzelne über. Der Tert legt die neueste Restitution zu Grunde, mit wesentlichen Abweichungen also von Ladmanns Einrichtung, die unter Anderen vou Kehrein angenommen ist. V. 1. muotin, nach Ladymann : Begegnung; so nocy im Plattdeutsden: möte. V. 7. fersches frôtôro, sdcint die liebersebung: An Geist „flüger“ der angenommenen „lebenserfahrener“ im Zusammenhang vorzuziehen zu sein. V. 19. unwahsan ist der Mehrheit nach wohl zu fassen: noch nicht gebo: ren. V. 62. ist übersehen die Conj. Roths: chluban, den Steinrand spalteten sie (im Archir 1849. VI. p. 464), die von Sehrein aufgenommen ist.

Erinnerungen an Friedrich Leopold Grafen zu Stolberg. Jugends

jahre bis zum Ende des Jahres 1775 und an die deutsche Literatur. Von Dr. Theodor Menge. 1. Abtheilung. Progr. des Gymm. zu Aachen 1851.

An sich mag es auffallend erscheinen, daß heut zu Tage auf den Dichter Leopold Stolberg noch ein solcher Werth gelegt wird, daß er zum Gegenstand ciner beson: Tern Abhanrlung gewählt wird; die Stelle, die Pruß ihm in der Geschichte des Göttinger Dichterbundes angewiesen hat, ist unzweifelhaft sein richtiger Plas. Doch würden wir immerhin die vorliegende Abhandlung mit Dant aufzunehmen bereit sein, wofern dieselbe uns neue Aufschlüsse über Stolberg brachte; auch die Geister zweiten und dritten Ranges sollen als geschichtliche Personen in den Lites raturwerken verzeichnet Anspruch auf Beachtung machen. Der Verfasser hat aber seinen Stoff wunderlich sich zurechtgelegt. Nachdem nämlich zuerst von dem Vater des Dichterpaares erzählt ist, wie er auf seinen Gütern die Leibeigenschaft aufgehoben und dann nach Ropenhagen berufen wurde, gibt die Bekanntschaft, in welche die Familie mit Klopstod fam, dem Verfasser Beranlassung, zu zeigen, daß Klop: stod ein großer Dichter gewesen, uns den Entwicelungsgang der deutschen Litera: tur von der Völkerwanderung bis Haller und Hagedorn einschließlich von S. 11 bis 28 vorzulegen. Damit schließt die Abhandlung, ohne daß wir von Leopold Stolberg etwas gehört haben. Vorläufig also haben wir nur „Erinnerungen an die Deutsche Literatur,“ welchen sonderbaren Titel der Aufschrift der Abhandlung der Verfasser zugefügt hat. Von einzelnen Personen ist in diesem Abriß ausführlicher gesprochen, von Peinem etwas Neues mitgetheilt, auch neuere Untersuchungen, wie von Danzel, Pruß und anderen sind nicht berücksichtigt; doch bleibt es Jedermann unverwehrt, besondere Gedanken bei der Durchlesung in sich aufsteigen zu lassen.

Hölscher.

Mi s cellen.

[ocr errors]

bartig

Zur deutschen Sprachkunde. Nachstehende linguistische Fragen, welche bei der Philologen-Versammlung in Ulm 1842 von mir gerne näher besprodhen worden waren, aber bei der Kürze der zu einem Vortrag über Phonologie eingeräumten Zeit beruben mußten, haben für Freunde der deutschen Sprache gewiß auch jeßt noch Interesse.

Zur deutschen Wortbildungslehre. Woher das Eigenthümliche und Abweichende in ganz ähnlichen Fällen? Man vergleiche : adj. mit ig. sprachlich

) — sächlich Mit bar, sam, haft. brandig (1..)–ständig (unb...) handlich ländlich männlich--mannbar(-haft) sdywammig stámmig

faßlich bäßlich fräntlich krankhaft baftig lästig paßlich läßlich spärlich sparsam morastig

uupäßlich råthlich rathjam fustig astig

fraglich flaglich schädlich schachaft faftig fräftig

erstaunlich bräunlich jträflich strafbar haarig jährig

forglich förmlid) ständig ftandhaft artig gewärtig

berrohlich fröhlich svässig spaßhaft unbårtig

ordentlich * wöchentlich föstlid, fostbar faltig einfältig

rundlich ítündlich (gr.) böslich boshaft einmalig allmålig

jugendlich jüngierlich • bürbar gehorsam ballig fällig sommerlich fümmerlich núßlich nutbar strahlig

nord- und östlich fümmerlich funimerhaft ftaubig hiurig ost: und nördlich

Mit heit. totbig nöthig

namentlich lächerlich drollig völlig

Mit isch. närrisch — Narrbeit Inollig zöllig

ränisch – spanisch franklich Krankbeit zornig

schwäbisch badisch griblich Grobbeit rubig müßig

westphälisc gallisch hos Bosbeit muthig wüthig

fränkisch flandrisch Tumm Dummheit anmuthig einmuthig

italienisch romanisch mißmuthig übermüthig

englisch

Rompos. mit voll u.

sicilianisch unmuthig wehmüthig

bannóvrisd nordisch wundervoll-vertrauensvoll blutig faltblütig sächsisch

sardisch werthvoll zweifelsvoll durstig blutdürftig französisch russisch wertblos zweifellos dunstig günstig

römisch punisch leidrodil mitleideron **funfzig fünfzig altvaterisch bublerisch muthvoll unmuthsvoll

böfisch Mit lich.

rubmlos irrtbumslos sllavisch affich

kunstvoll sebnjuchtsvoll amtlid sämmtlich läppisch u.

funstlos wirkunslos Wie? wenn man es versuchte, die Ordnung des Sprachgebrauchs auf der einen und andern Seite gerade umzutehren --- orero Ades gleichförmig zu machen?!

wählig

förnig

« PreviousContinue »