Page images
PDF
EPUB

Das Bild seiner verlassenen Geliebten, von bösen Geistern heraufs gezaubert, wedt ihn aus seinem nächtlichen Schlummer und scheucht ihn von der Seite seiner nun nicht mehr geliebten Gattin. Er hat die Wirklichkeit nun näher fennen gelernt, er ist aus seinem Traume, in den ihn der Taumel der Leidenschaft gewiegt hatte, erwacht, er hat eine gute, liebe Frau“, aber - es ist eine Frau, es ist nicht die Geliebte seiner Träuine. Seine Phantasie zaubert ihm sein ges träumtes Paradies mit aller Farbenpracht vor die Seele; die Wirts lichkeit efelt ihn an. „Ich schlief,“ ruft er aus, , seit meinem Hochs zeitstage den Sdlar der Erschlafften, den Schlaf der Sdlemmer, den Schlaf eines deutschen Fabrifanten neben einer deutschen Frau die ganze Welt entschlief gleichsam um mich, gleich mir - ich bes suchte Verwandte, Aerzte, Waarenlager, und da mir ein Kind soul geboren werden, dachte ich an eine Amme." - Er möchte das Band zerreißen, das zwei Körper an einander fesselt, deren Seelen sich ab: stoßen; er schwört der Truggestalt seiner Geliebten, ihr zu folgen, wenn sie wiederkehre. „Alsdann,“ ruft er aus, ,,lebe mir wohl, Gärtchen und Häuschen, und du, geschaffen fürs Gärtchen und Hauss chen, aber nicht für mich.“ Das häusliche Glüd ist dahin; auch seine Frau fühlt das. Die falten einsilbigen Antworten des Mans nes lassen sie fürchten, was ihr bald aus seinen Worten: „ich fühle, daß ich dich lieben sollte," flar wird. In ihrem unaussprechlichen Schmerze fieht sie ihn an, ihr Kind nicht zu verlassen, ihr Kind zu lieben. In diesem Augenblice verkündet eine wilde Musif die Ans funft des Mäddyens. Die Frau sieht die bleiche Todtengestalt, das erloschene Auge – das Todtenhemde, das ihr in Feßen von den Schultern fällt“; der Mann sieht „ihre heitre Stirn, ihr blumens befrånztes Haar'', sieht sie „von Lichtglanz umflossen“ und wil ihr folgen; und als die Frau ihn zurüdzuhalten sucht, reißt er sich los init den Worten: „Weib aus Lehm und Roth, eifre nicht, frevle nicht, lästere nicht sich das ist der erste Gedanke Gottes von dir; aber du folgtest dem Rathe der. Schlange und wurdest, was du bist!" Taub für den herzzerreißenden Ruf seiner Frau: „„Heinrich Heinrich"! stürzt er der Erscheinung nach.

Das Bündniß ist zerrissen. Zwar läßt die Gräfin noch an ihrem Sohne den Taufact vollziehen, aber die erschütternden Scenen haben ihren sonst so flaren Geist zerrüttet, was sich sdon aus der tiefergreifenden Frage: „wo ist dein Vater, Drcio ?" mit der sie die

[ocr errors]

heilige Handlung unterbricht, ahnen läßt, und vollends flar wird, ale sie, ohne auf die Erinnerung des Geistlichen und der Pathen zu achten, fortfährt: „ich segne dich, Drcio; id segne mein Rind werd' ein Dichter, daß dein Vater dich liebe, dich nicht einst vers stoße." —

- „Du wird deinem Vater gefallen – und dann wird er deiner Mutter verzeihen.“ , 3ch verfluche dich, wenn du fein Dichter wirst!"

Unterdessen jagt der Graf seinem Traumbilde, dein Schatteits und Trugbilde seiner Geliebten, nach und preist sich glüdlicy, der „Welt der Menschen" entronnen zu sein. Doch die Enttäusdung bleibt nicht aus. Die Stimme des Mädchens lodt ihn immer weiter; die heitern Gefilde bleiben hinter ihm zurüf, und Klippen und Schluchten, das Bild seiner Verirrungen, umgeben ihn; die Luft verfinstert sid), Stürme umbrausen ihn, und ein Abgrund, an dem er sich plößlich findet, droht ihn zu verschlingen. Stimmen böser Geister verhöhnen ihn, „das große Herz, die große Seele, die im Nu den Himmel durchfliegen wollte,“ und nun elend zusammensinfe. Da erfennt er seinen 3rrthum; sein Traumbild erscheint ihin in seiner wahren Gestalt: „die Blumen lösen sich von den Schlafen und fallen zu Boden und wie sie ihn berühren, schlüpfen sie wie Eidechsen und friechen wie Nattern; - der Wind reißt das Gewand in Feben von den Schultern; Regen trieft aus dem Haar; Knochen ragen aus dem Sdooße hervor; ein Blisstrahl verzehrt den Augenstern." Verzweiflungsvol ruft er aus: ,,Gott, verdammst du mich, weil ich glaubte, deine Schönheit überrage um einen ganzen Himmel die Schönheit dieser Erde? weil ich ihr nachjagte, bis ich ein Spiel der Teufel wurde. - Eine unsichtbare Madt drängt mich immer weiter Umsonst ist der Kampf - die Sehnsucht nach dein Abs grunde ergreift mich - meine Seele schwindelt - Gott - dein Feind fiegt!" Und die Erkenntniß seiner Verirrungen und die Reue find seine Rettung. Der Schußengel über dem Meere berus higt die Wogen: „denn in diesem Augenblicke fließt das heilige Wasser auf das Haupt deines Kindes - fehre heim und sündige nicht mehr – fehre beim und liebe dein Rind!"

Und er fehrt bein. Hier aber findet er seine Frau im Jrrens hause und flieht mit Grausen, daß er in seinem Wahnsinne seinen Himmel zerstört und Fluch über sich und sein Haus gebracht habe.

Mit dem Tode der Gräfin schließt der erste Thcil.

Der eheliche Bund ist durch den Tod gelöst. Die Frucht dieses Bundes und zugleich ein lebendiges Bild des barin obwaltenden Mißverhältniffes ist der Knabe Orcio, den der Dichter in der prologähnlichen Einleitung zum zweiten Theile folgendermaßen charats terisirt: „Warum, mein Kindden, reitest du nicht auf dem Stöds chen, spielst nicht mit dem Püppchen, tödtest feine Fliegen, spießeft feine Schmetterlinge, wälzest dich nicht auf dem Nasen, stiehlst feine Ledereien, bethrånst nicht alle Buchstaben von A – 3? Du König der Fliegen und Schmetterlinge, du Freund Policinels, fleines Teufelchen, warum gleichst du fo einem Engelchen? Was bedeuten die blauen Augen, gesenft und doch so lebhaft, vou Erinnerung, und doch fißen sie dir faum länger als einige Lenze im Kopfe? Was ftüßest du die Stirn auf die weißen Händchen und scheinst zu träumen, und wie eine vom Thau besdhwerte Blume sind deine Schläfe geneigt von Gedanken.“ ,,,Wenn eine welfende Blume eine Feuerseele und Himmelsbegeisterung hätte, wenn auf jedem zur Erde geneigten Blättchen ein Engelsgedanke läge ftatt eines Tropfs chens Thau, eine solche Blume gliche dir, mein Kindchen." - Die Mutter hatte ihm in dem legten Augenblide ihres Flaren Bewußts feins, als sie noch fühlte, wodurch sie die Liebe ihres Gatten vers loren, mit ihrem Fluch gedroht, wenn er fein Dichter würde; und er ist ein Dichter, aber ein Dichter, wie ihn sich der beschränkte Geift der Mutter vorstellte. Am Grabe der Mutter gehen die eins gelernten Worte des Gebetes plößlich in einen poetischen Erguß aus, denn die Worte drängen sich ihin auf, und schmerzen ihn im Kopfe, so daß er sie aussprechen muß,“ wie audy seine Mutter sich im Irrs finn einbildete, daß ihr Jemand eine Lampe im Kopfe aufgehängt habe, „die fie unsäglich schmerze." In seinen Träumereien sicht er oft seine Mutter und sie sagt ihm, fie sammle „Schwärme von Gestalten, Begeisterung und Gedanfen“ für ihn „Pie fülle seinen Mund mit Wohlflang und Kraft, schmüde seine Stirn mit Klarheit und wede der Mutter Liebe in ihm und Alles, was die Menschen auf Erden und die Engel im Himmel Schönheit nennen, — damit fein Vater ihn liebhabe!" Das wedt in dem Grafen die Erinnes rung an die ganze Schönheit, das ganze Unglüd des Wesens, dessen Gludseligkeit er vergiftet hat; „jedes seiner Worte fällt mit der gans zen Last seiner vollen Bedeutung auf sein Herz und durchbohrt sein Innerstes," so daß er in Zerknirschung ausruft: „Gott erbarme dich

.

[ocr errors]

über unser Kind, bas bu, wie es scheint, in deinem Zorn dem Wahnsinn und dem frühen Tode bestimmt haft. - Blide auf die Leiden des Vaters und gieb dies Engelchen nicht der Hölle preis. Laß midy mein Kind in Frieden lieben und möge endlich Friede werden zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpfe."

So ist Drcio der strafende Engel seines Vaters, die Stimme des Ges wissens, die ihm das Gericht Gottes verkündet."

Aus den Trümmern seines zerstörten Familienglüc8 flüchtet sich der Graf in das Staatsleben. Sein scharfer Blid zeigt ihm die von allen Seiten hinaufziehenden Wetterwolfen, die in zerstörenden Gewittern sich über der bürgerlichen Gesellschaft zu entladen drohen, er kennt den Vulcan, auf dem das ganze Staatsgebäude steht, er sieht voraus, daß die Gesellschaft, in der er aufgewadysen,“ in Ges fahr sei, gesprengt zu werden. Aber auch hier versteht er die Welt nicht, auch hier reißt ihn seine überspannte Phantasie aus der Bahn des Rechten, er findet das Band nicht, die sich lodernden Glieder der bürgerlichen Gesellschaft mit einander zu verfnüpfen und aneins ander zu fesseln; denn ihm fehlt die Liebe. Bergebeng. ruft ilin Daher der Schußengel zu: „Liebe die Siechen, die Hungernden, die Verzweifelnden, deine Nächsten, deine armen Nächsten, und du wirst gerettet werden." Satan lodt ihn durch sein zweites Trugbild, den Ruhm in der Gestalt eines ungeheuren schwarzen Adlers, dessen Flügel pfeifen, „wie Tausende von Kugeln in der Schlacht," auf die Bahn des Ruhmes, die ihn zum Verderben führt. Es gilt ben Kampf der Vergangenheit mit der Zukunft. Mit dem Schwerte deiner Väter," ruft ihm der Adler zu, ,,kämpfe für ihre Ehre und Macht - weiche nicht, weiche niemals – und deine Feinde, deine niedrigen Feinde fađen in den Staub.“ Und so tritt er auf als Vorfämpfer der Vergangenheit gegen die Neuerungen der Zukunft und beschließt den Kampf auf Tod und Leben „mit seinen Brüdern.“ - Sein häusliches Unglüd hat endlich den höchsten Grad erreicht. Drcio, der im Schlafe wandelt, ist erblindet. Und doch muß cr fidh von ihm losreißen, denn der Kampf ist nicht mehr fern. „Möge mein Segen auf dir ruhen, so ruft er dem Schlafenden zu, weiter kann ich dir Nichts geben, nicht Glück, nicht licht, nicht Rulm die Stunde schlägt, in der ich werde fämpfen müssen, streiten mit wenig Menschen gegen viele Menschen - wo wirst du bleiben, ganz allein und unter hundert Abgründen blind, fraftlog, Kind und Dichter

[ocr errors]
[ocr errors]

[ocr errors]

zugleich, du armer Sänger ohne Zuhörer, mit der Seele lebend über dem Erdfreise hinaus, mit dem Körper an die Erde geschmiedet o du unglüclicher, du unglüdlichster der Engel - O du mein Sohn.“

Jin dritten Theile beginnen die Vorbereitungen zum Entscheis dungskampfe zwischen der Vergangenheit und der Zukunft. Das Proletariat, der besißlose Theil der bürgerlichen Gesellschaft hat sich erhoben gegen die Besißenden, gegen Staat und Kirche. Die robe Masse hat die Oberhand gewonnen, hat gemordet, gejengt und ges plündert; ein kleiner Rest der Besibenden hat sich in die Beste Sta. Troyca geworfen; der Graf ist im Begriff, fidzu ihnen durchzus schlagen und mit ihnen den lepten verzweifelnden Kampf zu wagen. Diese Masse schildert der Dichter in der Einleitung zum dritten Theile. „Siehst du jene Schaaren vor den Thoren der Stadt? Zelte, lange Bretter, bedeđt mit Fleischspeisen. Der Becher fliegt von Hand zu Hand – und wo er den Mund berührt, da bricht Geschrei hervor, eine Drohung, ein Schwur oder ein Fluch. – Er fliegt und fehrt wieder, freist und tanzt, immer voll, flirrend, blins fend unter den Tausenden. — E8 lebe der Becher der Trunfenheit und des Trostes.“ „Seht ihr, wie jene ungeduldig harren, unter einander murmeln, sich zum Geschrei anschiden? Alle elend, Schweiß auf der Stirn, das Haar zerzaust, in Lumpen gehüllt, mit ausges dörrten Gesichtern, die Haut der Hände eingeschrumpft von der Arbeit. Diese tragen Sensen, jene schwingen Hämmer, Hebes bäume; fieh, der Lange hat ein Veil in der Hand, jener schwingt einen eisernen Ladestod über dem Kopfe. Auch Weiber find da, ihre Mütter, ihre Frauen, hungrig und elend wie jene, vor der Zeit verwelft, von Schönheit feine Spur auf ihren Haaren Staub der Landstraße ihre Augen erloschen, düster dod bald beleben fie sich der Becher fliegt umher. - Es lebe der Becher der Trunkenheit und des Trostes." - Der Anführer dieser wilden Rots

. ten, der Vorfämpfer der Zufunft tritt unter fie, besteigt einen Tisch, springt auf einen Stuhl, beherrscht fie, spricht zu ihnen. – Seine Stimme ist gedehnt, (darf, deutlich -- jedes Wort ist zu verstehen. - Seine Bewegungen sind langsam, leicht, sie begleiten die Worte, wie die Musik das Lied. - Die Stirn hoch, breit, fein Haar auf dem Schädel - die Haut angetrocnet an Schädel und Wangen, gelblich, zwischen Knochen und Muskeln eingeknickt ron den

[ocr errors]

« PreviousContinue »