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gung zur Veränderung und Umgestaltung der Sprache absprechen und alle ihre Bereicherungen für Verderbniß erflären wil, weil diese nicht durch große Schriftsteller gleichsam sanctionirt und geschaffen seien. Es ist nicht richtig, wenn man behauptet, daß nur große Sdriftsteller eine Sprache umgestalten dürften und fönnten; man bedenfe nur, wer war denn z. B. zwischen Homer und den attischen Dramatifern vorhanden, wer erschuf denn jene großartige und bes rühmt gewordene vulgäre Sprache, welche Dante nicht erst machte, sondern bereits vorfand, oder wer wandelte denn die Sprache des Sachsenfönigs Alfred in die Ausdrucksweise um, der sich Chaucer für seine herrlichen Dichtungen bediente! Eine geschriebene Literatur fördert folche Entwicklung nicht, sondern ist ihr eher noch hinderlich. Uebrigens ward ja auch die Literatur aus England ganz herüber ges bracht, und die Sprache nahm in America ganz dieselben Verände: rungen an, wie in England, ja sogar die bloß gesprochenen Worte des gemeinen Lebens, die sogenannten cant words, famen herüber und natürlich bald in Gebrauch.

Die ersten gedruckten Verderbnisse einer Sprache zeigen sich ges wöhnlich in den Tagesblättern; die verschiedenartige ganz heterogene Beschaffenheit der Bevölferung gab die Sprache in America einiger: maßen dem Verderbniß preis. Das Dhr verlor allmålig die Feins heit in dem Entdecken von schlechter Aussprache, und man gewohnte sich an manche barbarische und unrichtige Ausdrücke und Wendungen. Es ist 3. B. ganz natürlich, daß das Deutsche in den Staaten von Dhio ein unvergängliches Andenfen hinterlassen wird, und die Bes schaffenheit der englischen Sprache erleidstert noch dazu die Einfühs rung neuer Zusäße in ganz besonderer Weise, denn sie besteht ja in ihrem großen Ganzen aus einer Mannigfaltigkeit der fremdartigsten Elemente, die scheinbar so lose zusammenhängen, daß sie oft gar feine eigentliche Lebenoverbindung zu haben, sondern nur in einer mechas nischen Beiordnung zu einander zu stehen scheinen.

Läßt sich hiernach nun zwar auch nicht in Abrede stellen, das die Veränderung, welche die englische Sprache in America anges nommen, nicht ganz unbedeutend ist, so fann man dagegen dasselbe auch von vielen Schriftstellern Englands selbst behaupten (man denfe nur z. B. an die neuere germanisirende Schule), und es ist unzweifelhaft, - um hier nur ein Beispiel anzuführen – daß die Druds

fachen der americanischen Missionare auf den Sandwichinseln in boss

serem Englisch geschrieben sind, als der Church of Englandism von Bentham.

Manche der sogenannten oddities (Seltsamkeiten) in America verdanken ihre Entstehung überhaupt mehr der Phantasie der Schriftfteller, als der eigentlichen Wahrheit, und man würde fich wahr: scheinlich ganz vergeblich bemühen, wenn man einen Sam Slick oder Jack Downing auffinden wollte. Viele der gewöhnlich aufgeführten Americanismen sind gar nicht americanischer Abstammung und wer: den noch dazu in guter Gesellschaft nie gebraucht. Wenn demnach Capitain Hall die Aussprache shivalry für chivalry und deef für deaf gehört haben will und dann noch hinzufügt, er habe sich gar nicht verständlich machen können, so ist das eine offenbare Uebertreibung. Eben so unerhört ist es, wenn Mrs. Trollope den Saß cis tirt: „Well I never seed such grumpy folks as you be,“ ober wenn sie ganz irrthümlich die Phrase anführt: „you sees“, da doch der gemeine, ungebildete Americaner nur spricht: „you seen“ oder „you seed“, und es beweist dieses zugleich, welchen Werth man überhaupt den Beobachtungen der in ihrer Eitelfeit gefränkten Dame beilegen fann. Außerdem darf man sich auch den schmußigen und ungrammatischen slang überhaupt nicht als Basis für die Beurtheis lung nehmen, denn das cockney. Gewäsch der schlechten ungestempelten Londoner Blätter steht wohl im Werthe nicht eben höher; und betrachtet man endlich die Ausstellungen, welche Murray und Dickens mit so viel Bitterfeit gemacht haben, etwas näher, so kann man unwillfürlich den Gedanfen nicht unterdrücken, diese beiden Schriftsteller würden audy in Nottingham, Hull, Paisley und Belfast eine recht übsche Sammlung veranstalten fönnen, wenn sie fich dort einmal in Paar Wochen aufhielten. Die bekannte Sammlung Haliwell's, elche 1817 in London unter dem Titel erschien Dictionary of Araic and Provincial words, ist weit größer als das Dictionary

Americanisms by John Russell Bartlett. New-York. 1848., Iches an Reichaltigkeit*) nichts zu wünschen übrig läßt und als

*) Die erste verdienstliche Zusammenstellung dieser Art ist von John Pickering, e außerordentlich viel zur Reinerhaltung der Sprache beigetragen hat. Das

eridien 1813 zuerst in den Schriften der americ. Academie unter dem Titel: bulary of Americanisms, being a collection of words and phrases, I have been supposed to be peculiar to the United States, with an

on the state of the English language in the U. St. Der Verf. legt ein werthvolles Zeichen der sorgfältigen Aufmerksamfeit begrüßt wers den mußte, die man auch in America der Neinerhaltung der Sprache widmet. Die englische Kritif hat sich nie an besondere Schriftsteller gehalten, sondern ihre Vorwürfe ftets dem ganzen Volfe gemacht, und diese parteiische Strenge trug die heilsamsten Folgen; denn die americanischen Gelehrten untersuchten mit großer Sorgfalt, in wie weit die gemachten Vorwürfe gerechtfertigt waren, fie riethen zur Vorsicht, nicht berechtigte Wörter durch den Gebrauch zu sanctioniren, und Picering gab dazu in seinem werthvollen vocabulary den ersten erfolgreichen Anstoß. Man erfannte es, daß die Sorge für die Rein: erhaltung der Sprache doppelt nothwendig sei wegen der ungeheuren Ausdehnung des Territoriume, weil man feine Hauptstadt, feinen Hof, feine Academic hatte, weil es an Wächtern fehlte, welche mit wirksamer Autorität versehen waren, ihren Aussprüchen gehöriges Ansehen zu geben.

Um eine Vergleichung rücksichtlich der Sprachreinheit Englands und Americas anzustellen, hat man sich häufig auf die im Parlamente und im Congresse gehaltenen Reden bezogen, cin Vergleid, welcher dann immer zum Vortheile des Mutterstaates ausfiel. Aber man vergaß dabei, daß in England cigentlich nur die Lords und die Parteiführer reden, die Farmers indessen gewöhnlich nur stimmen; in America muß dagegen jeder Abgeordnete schon seinen Wihlern zu Gefallen wenigstens einmal rebent. Wil man deßhalb gerecht sein, so muß man die gleichen Classen beider Länder mit einander vers gleichen, und solch ein Vergleich dürfte nicht gerade zum Nachtheile America's ausfallen.

Es ist ganz natürlich, daß man, wie schon oben bemerft warb, manches Fremde in die Sprade aufnimmt, wenn das fremde Wort

dar, daß zwar in N. - N. eine größere liebereinstimmung in der Sprache herride als in (England, Daß man aber auch in vielen Punkten von dem Nidrigen abge: wichen sei. Er giebt dann zu, daß man zwar in den V. St. cinige neue Wörter gebildet und alten eine neue Bedeutung gegeben habe, beweist aber zugleid, das die Zahl der cigentlichen Americanismen feineswegs so groß sei, als eine fleinlidye Kritik gewöhnlich behaupte. Für die meisten sogenannten Sprachcizentbumlichkeiten lassen sich auch in England genügende Belege finden und selbst die Murichtigkeiten in der Aussprache trifft man ganz ebenso in dem Mutterlande wieder. Dr. F. Flügel hat in dieser Zeitschrift IV. p. 130 die Arbeit Pickering's in sebr verdienst: licher Weise vervollständigt und überhaupt für die richtige Beurtheilıg der Frage schr danfenswerthe Beiträge geliefert.

entweder verständlicher ist oder auch vielleicht eine Sache bezeichnet, die unserer Sprache bisher ganz fremd war. Ebenso finden sich auch in jeder Sprache Provinzialisinen und niedere Ausdrüce in Gebrauch, welche man den Gelehrten und Gebildeten nicht Sdyuld geben fann. Denft man nun daran, wie verschiedenartig die einzelnen Theile America's sind und wie wenig fie zusammenhängen, fo fann man sich in so weniger darüber wundern, daß manche Gegenden in der Sprache so sehr von einander abweichen. Es war überdies ganz naturgemäß, daß für Berge, Seen, Flüsse und Staaten viele indische Austrücke in Gebrauch, famen, und daß man sogar die Nomenclatur aller Zeiten und Länder ziemlich erschöpfte. Wem fönnte es ferner auffallen, daß viele veraltete Wörter in Gebrauch blieben oder die alte ursprüngliche Betcutung für ein Wort beibehalten ward; daß man ferner englische Provinzialismen entlehnte, wie z. B. expect für suspect, reckon und calculate für think, guess für suppose, wie das in Rent und Derbyshire in Gebrauch war. Die Sprache ist der lebendige Körper des Gedanfens, welcher sich stets erneuert, und es ist darum auch nicht zu verwundern, daß man nach und nach alten guten Wörtern wieder eine neue besondere Bedeutung beilegte, z. B. clever für good-natured, desk für pulpit, improve für occupy oder employ, solemnize für to make serious, transpire für happen, temper für passion oder irritation u. a. in.

Unter allen Dialectischen Besonderheiten sind die Provinzialismen ron Neus England am verbreitetsten; sie finden sich, wie Bartlett in seinein berühmten Werfe behauptet, auch in New Yorf, Ohio, Indiana, Juinois und Michigan und haben die größte Aehnlichkeit mit der gewöhnlichen Sprechweise in den nörtlichen Grafschaften Engs lands, und cs findet sich dort auch fast dieselbe dialectische Aussprache verschiedener Wörter wieder und der gewöhnlidye Ton und Accent. Die humoristischen Sdriften des Judge Halliburton von Nova Scotia und die Briefe des Majors Downing geben eine anschauliche Vorftellung von der Redeweise in Neu-England, und Judge Hall, Mrs. Kirkland (Mary Glapers), die Verfasserin des New-Purchaser und Ch. Hoffmann schildern die Sprache des Westens, während Major Jones in seinen Schriften (Courtship, Sketches, Georgia Scenes) und Sherwood's Gazetteer of Georgia die Provinzialismen des Südens recht gut charafterisiren.

Die unmittelbare Nähe von verschiedenen Nationen, weldze ganz

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besondere Sprachen rebeten, und die fteten Wanderungen waren die Hauptquelle der verschiedenen Dialecte. Die ersten englischen Einwanderer brachten, wie schon gesagt, die dialectischen Verschiedenheiten aus ihrer Heimath mit; zu ihnen gesellte sich das Holländische in dem Staate New-Hort, das Deutsche in Pensylvanien und an vies len anderen Orten, das Französische und Spanische in Louisiana, Florida, Merico und Canada, und auch die große Zahl von schwes dischen, dänischen und norwegischen kleineren Niederlassungen lieferte so wie aud; die Sprache der Eingebornen eine nicht unbedeutende Anzahl neuer Wörter.

Als ursprünglich holländische Wörter verdienen Küchenauss drüde und Benennungen von Spielzeug aufgeführt zu werden, welche sich vorzüglich durch Dienstboten und Kinder in Gebrauch erhielten, z. B. cookey, Kuchen; crullers, Flinse, süßes Badwerf; olykoke, Specfuchen; spack and applejees, ein Gericht von Speck und Aepfeln; rullichies, Bratwürste; kohlslaa, Kohlsalat; ebenso scup, Brassen; hoople, Wiedehopf; peewee, Schusserchen, der kleine Knider; pile, Pfeil; pinkstern, Hintertheil.

In Pensylvanien und Dhio, wo die deutsche Bevölferung ganz von englischen Umgebungen eng eingeschlossen war, ist die deutsche Sprache freilich bereits sehr verdorben, aber es werden dort deutsche Zeitungen, Kalender und Bücher gedruct, und das deutsche Element wird daselbst unvergängliche Spuren hinterlassen.

Ebenso verhält es sich auch in den französischen Niederlassungen, und Wörter wie cache, loch, Erdfeller ; calaboose, Stochaus; bayou, Kanal; levee, der Deich; crevasse, Dammbruch, Kluft; charivari u. a. m. haben dadurch auch bei der englischen Bevölkes rung allgemein Eingang gefunden; die spanische Bevölkerung brachte Ausdrücke wie canyon, Hohlweg; cavortin, herumspringen; pistareen, eine Silbermünze == 17 Cents; rancho, Strohhütte, und vamos, fortgehen. Die indischen Bezeichnungen, welche vorzüglich Gegenstände der Geographie umfaßten, erhielten sich nur theilweise, indem man nämlich seit der Revolution die alten ursprünglichen Nas men großentheils abschaffte und anderen Stelle die Namen großer Männer seşte; man ging dabei auch auf das Alterthum zurück und überstürzte sich förmlich vor lauter flassischem Eifer. Außer manchen cingeschleppten Negerausdrüden (wie z. B. buckra) müssen nun noch die Bezeichnungen für jene Institutionen als neu geschaffen angeführt

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