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fennt man seinen Charakter gånzlich und schreibt dem Dichter eine Abscheulichfeit zu, an die er schlechterdings nicht gedacht hat. Friis her zwar, als er an den Mord Appiani's durch den Prinzen denft, ist cß ihm eine Genugthuung, daß, wie er glaubt (er glaubt dies, weil er damals seine Tochter lebendig aus den Händen ihres Raus bers zu retten hoffte), der Mörter des Grafen die Frucht seines Freveló nicht genießen wird, und er schwelgt in dem Gedanken, daß den Prinzen dies mehr martern werde als das Verbreden selbst. Aber diesen Triumph fonnte er nachher nicht durch den Mord seis ner Tochter erkaufen wollen; einer solchen Rachsucht ist ein tugends hafter Vater nicht fähig. Hätte Lessing dies nur im Mindeften bes absichtigt, so würde er wenigstens nach dem Tode Emilia's den Vater in Gegenwart des Prinzen haben triumphiren lassen, daß er ihm die fichre Beute entrissen hätte. Der Dichter hat dies aber nicht gethan, und wenn er den Vater sagen läßt: „ Nun da, Prina! Gefädt fie Ihnen noch? Reizt sie noch Ihre Lüste? Noch, in dies sem Blute, das wider Sie um Rache schreiet?", so ist dies nur der bitterste, schmerzlichfte Vorwurf, daß des Prinzen Wollust Urs fache war, weshalb Emilia den Tod erleiden mußte. Wäre die Entreißung der Beute eine Rache, über welche Odoardo frohlodte, so könnte er nicht sagen, daß Emilia's Blut wider den Prinzen um Rache schreie. Denn dann würde er cine Rache verlangen, die er schon genöffe.

Es ist also flar, daß das eine gewaltthätige Mittel, die Ermors dung des Räubers, wie in der Geschichte der Virginia durch die Situation, so hier durch den Charakter Dboardo's unmöglich ges macht wird. Freilich ist jene Unmöglichfeit fdlagender, evidenter, in die Augen springender als diese, aber ein großer Schauspieler, welcher den Dichter versteht, wird nicht verfehlen die Rolle so zu geben, daß es dem Publicum begreiflich wird, warum ein Mann wie Odoardo unmöglich zu dem an sich natürlichsten Mittel, der Erinordung des Prinzen, schreiten fann.

Eben dadurch wird nun das zweite gewaltthätige Mittel, die Ermordung der Tochter, das an fich unnatürlichfte, natürlich.

Engel meint zwar, moralisch unmöglich hätte die Ermordung seines Kindes dem Vater noch eher sein müssen, als die Ermordung des Prinzen. Aber es fostete dem Vater auch Ueberwindung genug, frine Tochter zu ermorden und überbem treten hier noch ganz andere Factoren hinzu, welche die Umstände, unter denen die That des Virginius geschah, vollständig aufwiegen. Er hatte den Vorsaß ges faßt in einen Anfal dumpfer Verzweiflung; er hat nicht das Herz, es sich zu sagen, was er für seine Tochter thun wil; er benft so was; so was, was sich nur denfen läßt. Gräßlich dủnft ihm das Mittel, er schaudert zurück vor ihm und will der unnatürlichen That entrinnen. Sein Vaterherz sträubt sich dagegen, das Blut seiner Tochter zu vergießen, er wälzt die Rettung dem Himmel zu, seine Hand foll fich nicht mit dem Blute seiner Tochter beflecfen. Nur weil er in der Ankunft Emilia's, welche ießt eben aus einem prinzs lichen Genache heraustritt, den Winf der Vorsehung zu sehen meint, wird er in dem Vorsaß bestärkt, was bei seiner religiösen Grundrichs tung nicht befremden darf. Die Haltung Emilia's erleichtert ihin die That: sie weist hin auf seine Pflicht als Vater, sie nicht in den Händen des Räubers zu lassen; sie entwidelt eine Herzhaftigkeit, eine Ruhe, die ihm die seinige wiedergiebt, indem sie nicht die Hände in den Schooß gelegt wissen will; indem sie sagt, man dürfe nicht leiden, was man nicht folite, nidyt dulden, was man nicht dürfte. Die männliche Entschlossenheit seiner Tochter, die er bewuns dert, giebt auch ihm die Ruhe der Thatfraft. Er ist nun gefaßt zu thun, was er für Pflicht hält, was er aus der besten Absicht thun will, und überzeugt sich durch eine Prüfung, daß audy seine Tochter gefaßt ist. Aber er fann es nicht sehen, daß seine Tochter sich selbst ermorden will. Immer noch zaudert er, seiner Tochter den Todesstreich zu geben, troßdem daß fie flagt, er wollte sie zur Buhlerin machen, er wollte ihre Entehrung dulden, und er hat ftatt der That nur den schmerzvollen Ausruf „D meine Tochter“, aus welchem Emilia errathen fou, was er thun will, aber noch nicht den Muth hat zu thun. Endlich überwindet die Ehrliebe und das ins ständige Flehen seiner Tochter den zaghaften Muth, das Mitleid mit ihrem Schicksal ftahlt feine Hand, das Mißtrauen Emilia's in seinen Muth und ihre stachelnde Erinnerung an die heroische That des alten Römers verseßt ihn in Walung, und in dieser Wallung, wo er fid, selbst vergißt, durchsticht er fie. Gleich darauf fomnint er zu sich und beflagt seine That auf das schmerzlichste. Wir sehen also, daß ein großer Theil der That auf Rechnung Emilia's fällt; die ungeheure Verantwortung für den Mord trägt der Vater nicht allein: er theilt ie mit seiner Tochter. Nicht aus eigener Machtvollfoinmenheit begeht er das Verbrechen: er achtet in der Tochter, wie es dem Vater der modernen Welt zufommt, die freie Selbstbestimmung und ist nur der mitleidige Vollstreder ihres Willens. Der Heroismus, der zu einer solchen That gehört, ist hier auf Vater und Tochter vertheilt, uin ihn wahrscheinlich zu machen, während uns bei dein Römer nicht auffällt, daß er allein die heldenmüthige That verübt.

Engel ift geneigt, die Chat Odoardo's auch deshalb ale eine nicht genug motivirte anzusehen, weil das Schicksal Emilia's nicht so entschieden sei, daß weder dem Vater noch ihr selbst irgend ein anderer Weg zu ihrer Rettung geblieben wäre; Odoardo lasie zu ichnell alle Hoffnung fahren. Indeffen was war noch zu hoffen von der Mäßigung eines Prinzen, der um Emilia's willen sogar einen Mord hatte geschehen lassen? der einen Teufel wie Marinelli zum Freunde hatte? der den Gegenstand seiner entflammten Begierde in ein Freudenhaus bringen wollte? defsen finnliche Leidenschaft feis nen Widerstand duldete? Was fonnte zumal Odoardo hoffen, der jo tief überzeugt war von der Verderbtheit der Welt? der immer ges neigt war, das Schlimmste zu fürchten und aus einer Rlcinigfeit den höchsten Argwohn zu schöpfen? Er war so ganz außer Fassung gebracht durch die raffinirte Büberei des Prinzen und seines teuflis schen Helfershelfers, daß er hoffnungslog in den Abgrund blidte, der sich vor ihm aufthat, und über den Gipfel der menschlichen Bers dorbenheit den Verstand zu verlieren im Begriff war. Einen Augens llid, wo er sich vergessen hatte, fonnte er wähnen, daß, wenn der Prinz Emilien in das Haus der Grimaldi bringen zu wollen els flärte, wenigstens Marinelli bewogen werden könnte, auf Verwahrung im tiefsten Kerfer zu dringen. Er bat also in einer Anwands lung von Selbstvergessenheit den Kammerherrn um Schuß da fiel ihm aber plößlich der furchtbare Gebanfe wieder ein, daß Beite Sdurfen waren, die das Bubenstüd abgefartet und auch die Madyt hatten es auszuführen. Denn der Prinz war unumschränfter Herrscher und durch die Gluth verbrecherischer Leidenschaft zu Allem fås hig; Marinelli ale unentbehrlicher Kuppler der allmächtige Günstling tes Fürsten! Dies Bewußtsein hatte auf den rechtschaffenen Mann eine solche Wirkung, daß er an einer Abwendung des Uns heile verzweifelte und fich hoffnungslos in die unvermeidliche Noth: wendigfeit ergab. Engel verlangt, Odoardo soll Bedenflich feiten gegen die Verwahrung seiner Tochter im Hause der Grimaldi äußern.

Als ob er das nicht gethan, nicht die Erfolglosigfcit aller Einwens dungen dagegen erfahren hätte! Odoardo fol, fordert der Kritifer, darauf bringen, daß die Unglüdliche der Aufsicht des Camillo Rota oder irgend eines rechtschaffenen Mannes in Guastella übergeben werde. Mit andern Worten: Ddoardo foll bei dem fie verfolgenden Prinzen darauf bringen, daß Emilia vor den Verfolgungen des Prinzen gesichert werde. Wo anders fonnte aber die Verfolgte sichrer sein, als in einem Kloster, wohin fie ihr Beschüßer zu bringen gedachte? Hatte aber der dahin gehende Antrag des Vaters etwas geholfen? Nein, gerade im Gegentheil: in das Haus der Freude sollte sie gebracht werden. Wenn 8 ferner in der That eine Freistatt der Tugend sein sollte, wohin Emilia hätte gebracht werden müssen, warum brauchte Dann Camillo Rota, ein Fremder, incommodirt zu werden? Warum follte dann die Tochter nicht den Händen ihres rechtschaffes nen Vaters zurüdgegeben werden, bei dem die natürlichste und ficherste Zufluchtsstätte ihrer Tugend war? Håtte also Dboardo dens fen dürfen, daß der Prinz der Unschuld Emilia's einen Schußort bewilligen würde, so fonnte er nur darauf bestehen, daß sie zu ihm zurüdgebracht wurde. Da aber Odoardo dies nicht denfen durfte, so wäre es eine gewissenlose Selbsttäuschung gewesen, wenn er das Unterbringen Emilia's im Hause des Camillo Rota hätte beantras gen wollen, weil dies ihr Schidfal nur aufhalten, nicht verhindern fonnte. Denn Emilia blieb dann doch immer in der Gewalt des Prinzen und fonnte, wenn der Vater fie einmal aus den Händen gelassen hatte, schon am nächsten Tage, entweder mit oder ohne Vorwand, in das Haus gebracht werden, wo der Prinz am ehesten eine Demoralisation der tugendhaften Jungfrau erwarten durfte.

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2.

Ueber den Schluß des Stücs haben sich verschiebenartige Ans fichten geltend gemacht. Rötscher glaubt nicht an eine ernstliche Bes kehrung des Prinzen und erflärt sich mit der Auffassung Seydels manns einverstanden, welcher als Marinelli wie ein Getrösteter hins wegging, während Kurnit eine positive, dauernde Besserung des Fürsten und eine eiige Verbannung Marinelli's annimmt und eine Rettung des Staates daraus folgert. Hölscher in seiner sorgfältigen und gehaltvollen Abhandlung zum Programm des Gymnasis um zu Herford nimmt einen mittleren Standpunft ein: er weist

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die Auffassung Seydelmanns zurüd, verwirft den Calcul, ob der Prinz ernstlich bekehrt und Marinelli auf ewig verbannt sei oder nicht, als eine außer den Grenzen des Dramas liegende Frage, fieht in dem Schmerz des Prinzen nur die innerliche Niederlage der im Bunde mit dem schlauen Verstande schranfenlos ihr Ziel verfolgenden niedrigen Leidenschaft gegenüber der Energie des fittlichen Willens und in der Vernichtung jener Gewalten den Triumph der moralischen Weltordnung, und lehnt alle Folgerungen Kurnits für den Staat aus dem Grunde ab, weil Lessing nichts weniger als eine politische Tragödie habe dichten wollen.

„Ist Marinelli bestraft? Ist der Prinz befehrt?" Will man die beiben Fragen nach theoretischen Grundsäßen beantworten, so forbert die poetische Gerechtigkeit, daß wir am Schlusse den Verbrecher bes ftraft und den Sünder befehrt fehen. Wenn man freilich die Sache nach Lessings eigenen Regeln beurtheilt, so ist die poetische Gerechtigfeit nicht absolut nothwendig, denn er sagt in der Dramaturgie: „, juh weiß nicht, woher so viele fomische Dichter die Regel genommen haben, daß der Böse nothwendig am Ende des Stücfes entweder bes straft werden oder sich bessern müsse. In der Tragödie möchte diese Regel noch eher gelten; fie fann uns da mit dem Schidsale versöhs nen und Murren in Mitleid fehren.“ Man hat oft ,,Emilia Gas lotti" alo eine praktische Ausführung der in der Dramaturgie auss gesprochenen Principien betrachtet, und hätte Lessing daselbst einen entschiedenen Saß für die poetische Gerechtigkeit in der Tragödie aufgestellt, so wäre freilich dies zuvörderst ausgemacht, daß der Dichter selbst den Schurfen von Rammerherrn als moralisch vernichtet und den prinzlichen Wollüstling als befehrt angesehen wissen wollte. Aber die vorsichtige Fassung der Stelle in der Dramaturgie tritt dieser bequemen Art der Beweisführung hindernd in den Weg. Sie läßt eben eine doppelte Annahme zu: entweder hat der Dichter in dein Stüde die poetische Gerechtigfeit üben wollen oder nicht. Gefeßt die erste Annahme wäre richtig, fo fönnte man entweder die Einfleis dung des citirten Passus bloß al8 mildernde Form einer positiven Ueberzeugung von der Nothwendigkeit der poetischen Gerechtigfeit in der Tragödie betrachten, oder die Ansicht hegen, daß der Kritifer in der „Emilia Galotti" gerade einen Beleg der Regel lies fern wollte, welche er dessenungeachtet nicht al8 eine schlechthin güls tige ansah; in beiden Fällen würde dann allerdings der Dichter die

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