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poetische Gerechtigkeit befolgt zu haben scheinen wollen. Sollte dies der Fall sein, so wäre es wieder ein neues Beispiel für die Wahrs nehmung, daß Leffing oft eine Kunstforderung bloß mechanisch c. h. den Worten oder dem Scheine nach erfüllt, so daß man hinter mans chen Stellen den Dichter mit ausgestrecktem Zeigefinger zu erblicken vermeint, als ob er sagen wollte: „Seht Ihr nicht, wie ich hier die und die ästhetische Regel anwende?“ Dann wäre die Schlußs scene des Stücfes eine von den Partieen, wo das berühinte Bes fenntniß Leffing8 „Ich bin fein Dichter“ Bestätigung fände. Denn, um es kurz zu sagen, was sogleich bewiesen werden soll, weder ist Marinelli im Ernste bestraft noch der Prinz im Ernste befehrt. Wir wollen zu dem Ende die leßte Scene einmal furz analysiren. Odos ardo hat seine Tochter erbolcht, weil er die Rose brechen wollte, ehe der Sturm fie entblätterte. Da tritt der Prinz mit Marinelli herein und sieht, als er näher kommt, mit Entseßen die sterbende Geliebte. Marinelli sagt: „Weh mir!" denn er fürchtet für Fidy, es ergreift ihn die Furcht vor Rache, das böse Gewissen hält ihm das schredliche Bild der Strafe vor. Entweder glaubt er, daß der Dolch des fanatischen Vaters sich auch gegen ihn wenden wird, oder er fürchtet die Rache des Prinzen. Möglich auch, daß er sowohl den rasenden Vater als ben betrogenen Liebhaber fürchtet. Der Prinz macht dem grausamen Vater Vorwürfe: da erfährt er aus dem Munde Odoars do's, daß Emilia nur gemordet worden, um ihre Unschuld vor ihrem Verfolger fidher zu stellen. Emilia stirbt und der entseelte Leichnam liegt auf dein Boden. Nunmehr dröhnt dem Prinzen die schreckliche Anflage des Vaters, daß das Blut Emilia's wider ihn um Rache schreie, und die Berufung Odoardo’s auf das göttliche Weltgericht in die Dhren. Welche Wirkung hat dies? Keine zunächst, als daß der Prinz, nachdem Odoardo fortgegangen ist, stillschweigend den Körper der Gemorbeten, nach dem ihm so sehr gelüstet hatte, mit Entfeßen und Verzweiflung betrachtet. Man sollte meinen, daß die gerfnirschteste Reue, die verzweifeltste Selbstanklage ihn martern würde. Mit nichten! Sondern er ist so nachsichtig gegen sich felbft, daß sein ganzer Zorn fich gegen Marinelli richtet. Wenn Marinelli vorhin die persönliche Rache Odoardo's gefürchtet hatte, so fonnte er ießt nach dem Verschwinden des drohenden Würgengels wieder aufathinen, denn er hatte es nun bloß noch mit seinem gnädigen Herrn zu thun. Dieser befiehlt ihm, den blutigen Doldy, den Odoardo auf den Boden geschleudert hatte, aufzuheben. Warum? fragen wir. Der schwache Fürst will des Richteramtes über Marinelli gern überhoben sein: er will ihm Gelegenheit geben, sich selbst zu richten. Marinelli aber zaudert, denn theils ist er zu feig, um den Dolch gegen sich zu fehren, theils glaubt er nicht an den Emst des Prinzen. Dieser fragt zornig: „Nun? Du bedenfft Dich ?" Marinelli zögert noch immer, da nennt ihn der Prinz einen Clenden. Nunmehr hebt Marinelli den Dolch wirflich auf und giebt sich den Anschein, als ob er sich mit dem Dolch erftechen wollte. Dies war zu viel für den Prinzen, er fann es nicht mit ansehen und reißt ihm den Dolch aus der Hand unter dem fchidlichen Vorwande, daß sich das Blut Marinelli's nicht mit dem Blute Emilia's vermischen dürfe. Wir sehen, der Parorid: inus des moralischen Zornes ist im Fallen begriffen. Während der Fürst vorher das Verbrechen seines Dieners als ein todtwürdiges zu erfennen schien, wenn er auch die Erecution nicht selbst volstreden wollte, begnadigt er ießt idon den Günstling zu ewiger Verbannung. Marinelli fann aber auch bei dieser Strafe an den Ernst des Prins zen nicht glauben, bis der Gebieter ihn noch einmal gehen heißt. Er geht nun zwar wirklich, nachdem er gemerft hat, daß es dein Fürften Ernst ist, aber er geht mit der tröftlichen Zuversicht, daß es der Prinz bloß für den Augenblid ernstlich meint und daß er ihn bald wieder zu brauchen geruhen werde. Und was thut der zurüds bleibende Prinz? Er mad;t die schwächliche Beinerfung: „Ist es, zum Unglüce so Mancher, nicht genug, daß Fürsten Menschen find: müssen sich auch noch Teufel in ihren Freund verstellen?" Heißt das nicht sehr milde gegen sich sein? Ist es nicht eine Beschönigung, die Wollust als eine Mensdylichkeit; nicht cinc Bemäntelung, die Sünde als cine Schwachheit zu bezcichnen? Man sieht also, wenn die Bes fehrung des Sünders eine ernste war, so fonnte sie schon teshalb nicht lange dauern, weil ihr fein tiefgehendes Bewußtsein der Sünde zum Grunde lag. Welche Nachricht übt der Schwächling gegen sich felbft, daß er seine eigene Menschlichkeit gleichsam beiläufig in einem vorangestellten Nebensaße erwähnt, während er in einem gewichtigen Haupt- und Nachsaße alle Sduld auf den ,,Teufel" Marinelli sdicbt, der sich in seinen Freund verstellt habe. Hieraus geht der moralische Banferott ors Prinzen unziveideutig hervor und wenn er feinen Freund einen Teufel nennt, so weiß man, wie lodend der Ver kehr mit dein Teufel ist: sollte wohl der Prinz lange warten fönnen, bis er einen neuen Pact mit ihm schließt? Man sage nicht, daß die sitredliche Ratastrophe der Ermordung Emilia's, der Anblid der ents jcclten Geliebten, das Donnerwort Dooardo's einen so furchtbaren Schlag auf das Gemüth des Prinzen geführt habe, daß eine daus ernde Besserung herbeigeführt sein müsse. Die schlagartige Wirkung Der tragischen Scene reicht nicht weiter, als ein Blikschlag zu reichen pflegt: in dem Augenblice, wo das Drama schließt, scheint der Wollüstling befehrt, aber die Befehrung ist nur eine momentane Aufwallung des fittlichen Gefühls, welche der finnlichen Leidenschaft des Schwächlings in fürzester Frist weichen muß. Wer sollte ferner Marinelli für wirflich bestraft halten? Nun in, er wird von dem Prinzen verbannt, auf ewig verbannt und mochte freilich die Herrs schaft über den dywachen Fürsten, den er am Gängelbande führte, ungern einbußen. Denn welche Mühe hatte er sich gegeben, um jene Herrschaft zu erringen! Aber da die Strafe von dem Prinzen dictirt wurde, fo fonnte fich Marinelli getrösten, denn er fannte ihn zu gut, um nicht zu wissen, daß der Sinnenmensch ihn bald wieder als dienstbeflissenen Kuppler vermissen würde. Gefeßt aber auch, die Strafe wäre als eine ernsthafte zu denken: ist ewige Verbannung wohl eine hinreichende Strafe für den schurfischen Mörder? Wahrlich, er fann von Glüd sagen, dieser Marinelli: er nimmt eine Bande von Meuchelmördern in Sold, läßt einen verhaften Nebenbuhler Knall und Fall niederschießen – und wird an dem Galgen vorbei bloß über die Grenze gebracht. Wie tröstlich mußte ihin diese Landesverweisung sein, wodurch er sein theures Leben in Sicherheit brachte! Diese Landesverweisung mit der sichern Aussicht auf bals dige Amnestie oder auf Fortseßung des Kupplerhandwerks unter einem andern Himmelbstriche, wo es höchst wahrscheinlich auch solche Prinzen gab! Es haben übrigens schon zu Lesfinge Zeit Viele herausgemerft, daß Marinelli im Grunde nicht bestraft wird, wie uns Nicolai in einem Briefe an Lessing (XIII. 380) berichtet. Der scharfsichtige Freund des Dichters bemerkt über diese vox populi: Hicrauf antwortete id): Es ist genug, wenn Jedermann den Marinelli vers abscheut. Und ich leihe Ihnen noch einen Grund: 3ch sage, dies ist die lebhafteste Schilderung des Charafters schlechter Prinzen, und jugleich eine treffende Satire auf dieselben. Wenn sie sich von ihren Günstlingen, die ihren Wollüsten fröhnen, Schritt für Schritt vers führen lassen, die größten Gewaltthätigkeiten und Sdyandthaten durch

Zulassung zu begehen: so bestrafen sie den Günstling mit einer Pers weisung auf seine Güter, und nehmen einen andern. Denen, die hiers mit nicht zufrieden sind, sage ich, daß ich eine komische Dper: Maris nelli's Grecution, unter der Feder habe, worin der Gerechtigkeit Ges nüge geschehen soll.“ Freilid verlangt das moralische Gefühl des Publicums, daß der Teufel Marinelli gerichtet wird und der prinzliche Sünder gebessert ist, aber der unbefangene Leser oder Hörer des Stůds fann sich den Schwächling nicht belehrt und folglich auch den Günstling nicht ernsthaft bestraft denken. Man sollte nun meinen, daß dasjenige, was der nicht von theoretischen Vorurtheilen erfüllte Leser unbes fangen fühlt, auch der gesunde Dichter empfunden haben müsse. Dazu fommt, daß Lessing, wo er eine dramatische Person befehren will, viel ges flissentlicher zu Werfe geht und ganze Acte, ja ganze Stüde dazu vers wendet: man denke nur an die Befehrung des Freigeistes, Melcforts, Telheims!

Es bleibt nur also die zweite Annahme übrig, daß Lessing die berufene Forderung der poetischen Gerechtigfeit nicht hat befriedigen wollen. Und wenn man zugeben muß, das der Gräfin Drsina eine Seherrolle in dein Organismus der Tragödie zuertheilt ist, so fann nicht bezweifelt werden, daß der Prinz nicht als ernsthaft befehrt dats gestellt werden soll, denn der Dichter läßt durch den Mund dieser Prophetin verfündigen, daß der Prinz ebensowenig die Treue gegen Emilia als gegen die Gräfin bewahren, sondern eine Geliebte nach der andern verlassen werde (IV. 7.). Dadurch ist zunächst die ges priesene Consequenz in der Charafteristik des Prinzen, auf welche der Dichter jedenfalls mehr Werth legte, erst wirklich gerettet. Aber auch die Zeitgemäßheit des Stüdes ist mit jener Annahme, daß die poetische Gerechtigkeit nicht beabsichtigt worden, gewahrt. Wer náms lich die Schauspiele Lesfinge genau betrachtet, wird wenigstens die befanntesten unter ihnen als reinen Spiegel ihrer Entstehungsperiode erfennen. ,,Die Juden" ist ganz und gar ein Tendenzluftspiel, wels ches auf eine Emancipation des verachteten Volfes hinarbeitet; ,,det Freigeist" enthält eine Befämpfung des aus England eingedrungenen Atheismus; „Minna von Barnhelm“ repräsentirt ganz treu den Zeitraum des fiebenjährigen Kriego; ,,Nathan" ist ein Kind der theologischen Polemik Lessings mit den Orthodoren. So scheint mir ,,Emilia Galotti" nirgends den Charafter der Modernität zu verleugnen und bejonders tarin den fläglichen Zustand des achtzehn

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ten Jahrhunderts zu verrathen, daß der Arin der weltlichen Gerechtigkeit die nichtswürdigen Höflinge nicht erreichen und der Wollust eines Fürs ften fein Zügel angelegt werden kann. Freilich ist dieser Eindruc der Schlußscene ein sehr niederschlagender und nicht ohne Abscheu blidt man auf die offene Wunde, aber dennoch darf man dem Dichter nicht vorwerfen, daß er für das bittere Schmerzgefühl, welches der fcheinbare Triumph des Bösen erregt, feinen heilenden Balsam in Bereitschaft hielte. Denn, um es mit einem Worte zu sagen, der Iroft, mit welchem uns hier der Dramatifer entlaßt, liegt in der Sphäre der Religion, die Versöhnung ist für den Gläubigen in dem Hinblick auf ein ausgleichendes Jenseits enthalten. Die Kleinmüthis gen aber, welche leicht an der ewigen Gerechtigteit Gottes verzweis feln, werden von dem Dichter selbst an mehreren Stellen bedeutsam hingewiesen auf die allwaltende Vorsehung, so daß die Absicht Less singø, ben Mangel ästhetischer Befriedigung durch die Tröstungen der Religion zu ergänzen, ganz unzweideutig hervorblidt. Dies ist bas påbagogische Element des Dramas, welches durchaus nicht vers fannt werden darf und mit der tiefgewurzelten Ueberzeugung des Vers fassers von der Erziehung des Menschengeschlechts durch die Religion zusammenhängt. Wer freilich für religiöse Motive überhaupt fein Drgan hat, der fann eine solche Art der dramatischen Versöhnung bloß nichtig oder unzureichend finden. Das übrigens die Annahme einer religiösen Versöhnung, auf welche das Stüd hinweise, nicht aus der Luft gegriffen ist, beweisen die zahlreichen Fingerzeige des Dichters. Wie innig hängt nicht mit der ganzen religiösen Anlage des Kunstwerks die Figur der Orsina zusammen, deren folgenschweres Erscheinen auf dem prinzlichen Luftschlosse Dosalo troß ihres von dem Prinzen nicht gelesenen Briefes der Dichter nicht aus dem Ges fichtspunkte des Zufalls, sondern als die Folge eines unmittelbaren Eingriffs der Vorsehung betrachtet wissen will. Ja, er läßt diese religiöse Tendenz so bestimmt hervortreten, daß Drsina auf das nachdrüdlichste das Wort Zufal als eine Gotteslästerung, als einen Frevel bezeichnet und ihren Glauben an eine almächtige, algütige Vorsicht in der leidenschaftlichsten Weise zu erfennen giebt. Wenn ferner diese bea trogene Geliebte sich mit dem ganzen Heer der Verlaffenen in Furien, in Bacchantinnen verwandelt denft und den treulosen Liebhaber zu zerfleischen wähnt, so müssen wir zwar diesen wahnsinnigen und beidnischen Durst nach Selbstrache verwerfen, aber, indem wir die

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