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dåmonische Vision Drsina's in die chriftliche Vorstellungsweise übers seßen, bleibt wenigstens der Gedanfe an die sdrecfliche Strafe, welche den verbrecherischen Prinzen dermaleinst erwartet, als eine tröstliche Zuversicht in unserm Gemüthe haften. Nunmehr verzichten wir gern mit Ddoardo auf die Rache an dein Mörder Appiani's und theilen mit dein unglüdlichen Vater die beruhigende Hoffnung, das ein ganz Anderer (Gott) die Sache des gemordeten Bräutigams zu der feinigen machen werde. Nunmehr stimmen wir ganz mit der frominen Gefühlóweise Emilia's überein, welche den früher in der Seele Odoardo's aufgetauchten Racheplan gegen Marinelli und den Prinzen verwirft, weil dieses Leben Alles sei, was die Lafterhaften haben, und benken daran, daß derirdische Triumph der Sünter mit der ewigen Höllenqual in einer andern Welt theuer genug ers kauft wird. Denn das Blut Emilia’s wird nicht vergebens wider den Prinzen um Rache schreien und getrost erwarten wir ihn mit Ddoardo dort vor dem Richter unser Aller!

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Grefeld.

Dr. Eduard Niemeyer.

Schiller's Iungfrau von Orleans,

mit Rüdjicht auf die neuesten Erklärungen.

Ueber die Jungfrau von Drleans haben wir eine Monographie von Herrn Viehoff, hauptsächlich zum Zwec des Schulunterrichts. Gewiß steht aber Maria Stuart in dramatischer Hinsicht höher, als die Jungfrau von Drleans und verdient daher in der Schule weit mehr Berücksichtigung als diese. Wallenstein, Maria Stuart, Wils helin Tell find die gelungenften Dramen des Dichters, die Jungfrau von Drleans und die Braut von Messina bezeichnen Rüdichritte in der dramatischen Kunst. Vergl. Immermann in der Vorrede zum Trauerspiel in Tyrol.

S. 83 sagt H. Viehoff, die Aufgabe des Stüces fei, das Verhältniß und den Conflict des Weibes und der Gottesstreiterin darzustellen. Herr V. faßt daher besonders III, 1 in's Auge und versteht unter der Schuld der Jungfrau ihre Liebe zu Lionel. Diese Liebe sucht er im Widerspruch mit den allermeisten Kritifern als hins länglich motivirt nachzuweisen. Indessen wird es doch wohl bei Platen's Wort fein Bewenden haben:

„Etwas weniger, Freund, Liebschaften! So wärst du beliebt zwar

Weniger, weil ja so sehr Thekla gefallen und Mar.
ins doch find' ich zu starf, daß sell die begeisterte Jungfrau

Noch sich verliebt furchtbar schnell in den britischen Lord.“

Herrn Viehoffe Gründe laufen alle auf eine petitio principii hinaus. Er spricht von der urplöglich ergreifenden Gewalt der Liebe, von Johanna’8 reizbarer Phantasie, von Lionel's Schönheit; er meint, die Liebe werde bei ihr, wenn sie einmal den Zutritt gefunden - hic haeret aqua - in ganz ungewöhnlicher Gestalt auftreten u. dgl. Aber die Liebe hat vor ihrem Zusammentreffen mit Lionel keinen nachweißbaren Anknüpfungspunft in ihrem Wesen, der Dichter Ardiv f. n, Sprachen. XII,

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darf uns nicht so plößlich mit einer Liebesscene überraschen. Die ungewöhnliche Gestalt, in der die Liebe bei Johanna nach Herrn B. auftreten fou, fann doch nicht in der plöblichen Liebe zum Feind ihres Volfs bestehen? Herr V. meint, wenn einmal ein Augenblic unschlüsfigen Zauderns erflärt sei, so sei die Schwierigkeit gehoben. Nach einem solchen Augenblic noch mit schon fälterem Blute das Dpfer zu töbten, wäre wohl mehr, als alles Andere, was wir bisher die Kriegerin in ihrem schrecklichen Berufe ausüben fahen.“ Hier streift Herr V. an die richtige Auffassung, fehrt aber den wahren Sachs verhalt um. Nicht die Liebe ist das Erste und das Zaubern das Zweite, sondern das Zaubern ist das Erste und die Liebe das Zweite. Ihre Hauptschuld ist nicht die Liebe, sondern das Zaubern. Ihre Liebe ist durch das Zaubern motivirt, aber nicht genügend, weil das Zaudern, das Herausgehen aus der Unmittelbarkeit nicht zur nöthigen dramatischen Darstellung fommt, ein überwiegend innerlicher Act ift.

Mit II, 8 beginnt Johanna's Schuld. Hier tritt fie zuerst aus ihrer göttlichen Blindheit, ihrer naiven Unmittelbarfeit und reflectirt. Sie ist allein, fie bleibt in einiger Entfernung von Montgomery'8 Leichnam gedankenvoll stehen, sie gesteht sich, daß ihr Herz dem Mits leit nicht ganz fremd sei: „In Mitleid schmilzt die Seele und die Hand erbebt" u. 1. w. Die frische Farbe der Entschlossenheit hat während ihres Dialogs mit dem Walliser schon gelitten. Mitleid mit einem dem Tode verfallenen Jüngling fann aber noch nicht liebe heißen. Die Hingabe an die himmlische Maria siegt nun zwar über die Reflerion, aber einen Stoß hat ihre Naivetät doch bekommen. Johanna ist eine Jungfrau, eine Schäferin, des Schwertes unges wohnt; giebt sie fich nun einen Augenblid dem Zaubern hin, so ift das Menschliche an die Stelle des Göttlichen getreten; soll ihre irs bische Schwäche nicht hervortreten, so muß fie fortwährend vom Geifte der himmlischen Maria durchdrungen sein. Ganz falsch sagt Biese, deutsche Lit. Geschichte II, 473: „Schon früher in dem Zusammens treffen mit Montgomery hatte sie sich im Fanatismus des Blutvers gießens verhärtet gezeigt gegen die menschliche Empfindung, ohne zu ahnen, weld, ein übermächtiger Feind ihr in derselben erwachsen wverde.“

Also darin bestande hier die Schuld der Jungfrau, daß fie den Walliser umbringt, anstatt ihn zu verschonen! Eine bobenloic Ansicht, die durch die flarsten Worte der Jungfrau im Monolog am Schluß des Prologo, so wie im Dialog mit Montgomery selbst wis derlegt wird. Weit richtiger sagt Herr Viehoff S. 77: „Der Dichter wollte uns zeigen, daß ihr Gemüth Stärfe genug besaß, bie milderen weiblichen Regungen dem Gefühl ihrer Pflicht unterzuordnen.“ Doch ist dieß nicht erschöpfend.

Die zweite Stufe ihrer Schuld zeigt fich in der Scene mit dem schwarzen Ritter III, 9. Johanna befindet sich in einer andern oben Gegend des Schlachtfeldes, wohin fie der Ritter burch vers stellte Flucht gelockt hat. Der Ritter wil durch seine scheinbar guts gemeinten Worte den fichern Blick der Jungfrau verwirren, ihr klares Bewußtsein trüben, und dadurch, daß sie von Zweifeln, trüben Ahs nungen erfüllt wird, ihren Untergang herbeiführen. Das Schwan

. fende, Unbestimmte, das der Ritter in seinem ganzen Erscheinen hat, fol in die Jungfrau gleichfalls Zweifel und Schwanken bringen. Sie fühlt, daß ihr das Unglüd an der Seite steht. Bedeutsam ist hier wieder die Einsamkeit. Schon vor ihrem öffentlichen Auftreten liebte fie öde Berge, nächtliche Stille. Hier reiste ihr Geist, hier erschien ihr die heilige Jungfrau. Aber diese Intuition war nod; nicht reflectirt, mit Zweifeln verseßt, von Eindrüden der äußern Welt erschüttert. Sie war damals noch das Götterfind der heiligen Natur" III, 1, vgl. V, 4: „Ich kenne alle Kräuter“ u. s. f. V, 11: ,, Hått er mein Auge" u. s. f. I, 10 : ,, Ehrwürdger Herr, Johanna nennt man mich“ u. s. w. endlich den ganzen Prolog. Ihre Aufgabe ist nur die, diese Unmittelbarkeit auch im Kampf der Welt zu bewahren. In der Welt ist ihr die Einsamfeit gefährlich, hier sou fie lediglich handeln, (vgl. auch III, 4 am Schluß: ,,Befiehl, daß man die Kriegos drommete blase!" u. s. f.). Ein Augenblic sinnenden Stilleftehens fann ihr hier gefährlich werden. Bedeutsam ist ferner, daß der schwarze Ritter der Geist des als Atheist gestorbenen Talbot ift. Talbot ist ein Engländer. Auch in unserm Stúd sind die Engländer vorzugsweise Verstandeồmenschen, Frankreich dagegen ist das Land der Ritterlichkeit, der Romantik, der religiösen Begeisterung. Talbot heißt im Prolog: „Der himmelstürmend hunderthändige" freilich nimmt fich diese mythologische Bezeichnung im Munde der christlichen Schäferin sonders bar aus. So verwirrt denn in unserer Scene der ungläubige Englans der das Herz der gläubigen Französin. Die Erscheinung des Ritters thut, obgleich Johanna fich für den Augenblic wieder sammelt, doch sogleich ihre Wirkung. Der folgende Auftritt zeigt uns lionel. Hier ist es allerdings das Aeußerste pragmatisirender Verständlichkeit, zu

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sagen, die ganze Katastrophe hänge einzig und allein von der mehr oder minder befestigten Schnalle an Lionels Helm ab. (Roßebue kam auf diesen geistreichen Gedanken.) Man sieht ja mit dem Geist. Ware Johanna noch dieselbe, die sie war, so würde ihr auch der Anblid Lionel's nicht schaden; aber ihr Inneres war verändert.

„Mit deinem Blick fing dein Verbrechen an,
Unglüdliche! ein blindes Werkzeug jordert Gott;
Mit blinden Augen mußtest du's vollbringen;
Sobald du jahst, verließ sich Gottes Schild,

Ergriffen sich der Hölle Schlingen.“ Das Erste ist also hier die Reflerion, dieß, daß die Jungfrau den rechten Augenblic zur Tödtung Lionel's nicht ersteht und dieser rechte Augenblid ist der erste.

Die Gunst des Augenblics, des mächtigsten von allen Herrschern, ist eine Lieblingsitee Schiller’s. Daß Johanna überhaupt ihren Gegs ner anschaut, ist schon eine Sduld; nur die Folge davon ist die freilich äußerlich auffälligere Schuld der Liebe zu Lionel, dem Feinde ihres Volfes.

Ganz falsch fagt Huhn S. 436:, Johanna lehnt auf dem Gipfel ihres Ruhmes die Bewerbungen der französischen Heerführer mit ju großer Sicherheit ab, und wird dann plößlich von Liebe zu dem feindlichen Feldherrn ergriffen.“ Der Gegensaß wäre schön, leiter aber ist er nicht wahr. Er hat nirgends, namentlich nicht IV, 1 einen Anhaltspunkt. Wo steht denn in der Tragödie eine Silbe bavon, daß jene Bewerbungen je den mindesten Eindruck auf die Jungfrau gemacht hätten?

Nun erscheint ihre Liebe zu Lionel in einem anderen lidt. Sie ist unmotivirt, weil vorher von der Liebe nicht die Rede ist; motivirt, weil diese Liebe aus der Schulb der Reflerior, der verlors nen Unmittelbarkeit, göttlichen Blindheit hervorgeht. Aber diese Mos tivirung ist deswegen zu tabelit, weil der Uebergang zur Reflerion nicht genug zur Erscheinung und Darstellung fommt, von Theaters pomp, Scenenwechsel, räthselhaften Erscheinungen beinahe erdrüdt wird. Daher ist und bleibt ihre Liebe zu Lionel ein Sprung. Bes greiflicher wäre diese Liebe, wenn Johanna durch den Ritterets schüttert, alle Gedanken an Kampf aufgäbe, dem Lionel gegenüber gleich im Anfang finnend dastände u. f. w. Dieß ist aber nidt der

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