Page images
PDF
EPUB

sich von Shafspeare; und um diese Trennung tiefer zu motiviren, legte er dem Scherasmin die Erzählung von Gangolf und Rosetten in den Mund, die er von Pope entlehnte aber besser als dieserbes arbeitete *). In dieser Erzählung entwidelt auch bei Wieland Titania einen Zug der Frivolität, indem sie die untreue und ehebrecherische Rosette schüßt, ein Zug, der an Titania's leichtfertiges Wesen in Sommernachtstraum erinnert. Aber die tiefe Theilnahme des empfindenden Herzens theilt sie mit Oberon. Sie bereut jene That, durch welche sie die Liebe ihres Gatten verscherzte:

Verhaßt ist ihr nunmehr der Elfen Scherz, der Tanz
Im Mondenlicht, verhaßt in seinem Nosenkleide
Der schöne Mai. Ihr schmückt kein Myrthenfranz..
Die Stirne mehr. Der Anblick jeder Freude

[ocr errors]

*) Pope entlehnte seinerseits den Stoff zu seiner Erzählung aus Chaucer. Sie findet sich in The works of Alexander Pope, Lond. 1754, II p. 79 und führt den Titel: January and May, Namen, die Wieland (6, 42) zu einem Vergleiche benußt. Auch in dieser Erzählung spielen bei Bieland wie bei Pope die Elfen eine Rolle. Einige Stellen des ersteren find mit Pope zu vergleichen 6, 83:

Nun saß von ungefähr, da alles dieß geschah,
Auf einer Blumenbank, dem guten blinden Alten
Vorüber Oberon, um mit Titania,
Der Feenkönigin, hier Mittagsruh zu halten;
Indeß die zephyrgleiche Schaar
Der Elfen, ihr Gefolg, zerstreut im ganzen Garten
Und meist versteckt in Blumenbüschen war,

Am schlummernd dort den Mondschein zu erwarten.
Ilnd 6, 88, wo Oberon spricht:

Allein bei meinem Thron, bei diesem Lilienstab,
Und bei der furchtbarn Macht, die mir das Reich der Elfen
Mit diesem Zepter übergab,

Nichts roll ihr ihre List, nichts seine Blindbeit helfen!
Dagegen Pope 2, p. 101.

It so befel, in that fair morning-tide
The Fairies sported on the garden side,
And in the midst their Monarch and his bride.
So featly tripp'd the light-foot ladies round,
The knights so nimbly o'er the greensword bound,
That scarce they bent the flow'rs, or touch'd the ground.
The dances ended, all the fairy train
For pinks and daisies search'd the flow'ry plain ;
While on a bank reclin'd of rising green
Thus, with a frown, de King bespoke his Queen.

Reißt ihre Wunden auf. Sie flattert durch das Leer
Der weiten Luft im Sturmwind hin und her,
Find't nirgends Ruh und sucht mit trübem Blicke

Nach einem Ort, der sich zu ihrer Schwermuth schicke. Und wie nun Dberon's Hülfe nur den edlen Menschen zu Theil wird, so auch Titania's. In ihrem Grame über den Verlust des Gatten sucht sie eine Einöde und verwandelt sie zuleßt in ein blühens des Paradies. Es ist das die Insel, auf welche Hüon und Regia aus den Wogen des Meeres fich retten, auf welcher der eble Greis Alfonso lebt. Der Dichter giebt in der Schilderung dieser Insel und der auf ihr lebenden Personen eine Joylle der reizendsten Art. Gegen die Unruhe und den Sturm des Weltlebens bildet diese Insel einen Gegensaß der Ruhe und des tiefsten Friedens. Hier wohnt der edle Greis Alfonso, der aus dem Getümmel der Leidensdaften, aus der Eitelkeit weltlicher Bestrebungen und getäuschter Hoffnungen nach dem Verluste der theuersten Personen, der Gattin und Kinder hier: her sich zurüdgezogen hat, der von einer schönen Natur umgeben die Welt außer ihm vergißt, der Läuterung seiner Seele lebt und den Blick auf den Himmel gerichtet hält, der mit Recht auf Amanden den Eindruc eines Heiligen macht. Hier läutern fich Hüon und Amanda von der begangenen Schuld und ein tiefer Seelenfriede mit der Natureinfalt eines arbeitsamen Lebens verbunden, breitet sich über die Personen aus. Hier waltet auch Titania unsichtbar, aber hülfreich. Wenn der edle Alfonso , halb entschlummert hört, wie Engels stimmen aus dem Hain hervor sanft zu ihm herüberhalen, wenn er dann die dünne Scheidewand fallen fühlt, die ihn noch faum von seinen Lieben trennt, wenn er an seiner Wang? ein geistig Weh'n verspürt, so war es Titania, die ungesehen an ihm vorüberwallte“. (Vgl. 8, 27. 28. 66).

Das Schicfal der Regia liegt der Titania nicht minder am Herzen. Mit ihren Elfen steht fie derselben bei der Geburt tes

. Hüonnet bei. Als sie Gefahren für Regia zu fürchten Ursache hat, entzieht sie ihr den schönen Knaben und übergiebt ihn ihren , Gras zien“ zur Dbhut (9, 34):

Cilt, rettet dieses Kind in meine schönste Laube,
Und pfleget sein als wär's mein eigner Sohn.

p. 102:

Now by my own dread majesty I swear
And by this aweful sceptre which I bear.

Dieser Zug erinnert an einen ähnlichen im Sommernachtstraum. Auch hier liebt Titania den indischen Knaben, den Sohn ihrer Freundin. - Die fornische Seite, welche Titania in ihrem Verhältniß zu Zettel entwicelt, fonnte Wieland nach der Anlage der Charaftere und dem Plane der ganzen Dichtung nicht aufnehmen. Daher hat auch der Puc des Sommernachtstraum seine nedischen Eigenschaften bei Wieland verloren; er ist bei dem deutschen Dichter nicht mehr der Lustigmacher am Hofe des Oberon. Er erscheint offenbar bei Wieland in der Person des Elfen, der der Vertraute des Dberon", aber voller Ehrfurcht vor demselben ist (10, 14. 15.) und der auf seines Herrn Geheiß den Hüon von seinen Banden bes freit und ihn über Meer und Länder durch die Lüfte vor die Thür des alten Ibrahim trägt (10, 22).

Ein zweiter Umstand, in welchem Wieland von dem Sommernachtstraum einen Einfluß erfahren hat, ist die Anwendung des Trauing. Bei Shafspeare sind die von Oberon und Puc hervors gerufenen Verwirrungen in der Weise eines Traumes zu nehmen; die aus dem Schlafe erwachende Titania, welche den eselsköpfigen Zettel liebte, glaubt ein Traumgesicht gehabt zu haben (4, 1) und nach Puds Bemerkung (5, 1) sollen die Zuschauer des Sommers nachtstraums glauben, daß sie in Nachtgesichten ihres eigenen Hirnes Dichten geschaut haben, das wie leere Träume schwand. Diese Träume aber bringen Oberon und Puc hervor und in Romeo und Julie ist die Königin Mab ausdrüdlich als die Bringerin der Träume beschrieben. Auch in Wielands Oberon gehen die bedeutungsvollen Träume von den Elfen aus. Die Umstände, unter welchen Hüon im dritten Gesange in den Schlaf sinft, find ähnlich wie im Sommers nachtstraum, wo die Elfen die Nachtigallen um ein Schlummerlied für die Titania bitten. Die lieblichste Musik erfüllt den stillen Raum der Lüfte,

68 tönt als ob ringdum auf jedein Baum
Ein jedes Blatt zur Reble worden wäre,
Und Mara's Engelston, der Zauber aller Seeleu,
Erschallte tausendfach aus allen diesen Kehlen.

Allmählig (ant die süße Harmonie,
Gleich voll, doch schwächer stets, herunter bis zum Säuseln
Der sanftsten Sommerluft, wenn faum sich je und je
Gin Blatt bewegt und um der Nymphe Knie
Im stillen Bache sich die Silberwellen Präuseln.
Der Ritter zwischen Schlaf und Wachen höret fie

Stets leiser wehn, bis unter ihrem Wiegen

Die Sinne unvermerkt dem Schlummer unterliegen. Ein wunderbarer Traum erschüttert nun sein Innerstes. Am Ufer eines Stromes geht er durch schattige Gefilde; ein göttergleiches Weib steht vor seinen Augen (vgl. 3, 58 fg.). Sein Schidjal ist entschieden. Hủon selbst vermuthet, daß Oberon die schöne Jungfrau ihm habe erscheinen lassen (4, 8). Dies ist auch außer Zweifel durch das Schidsal der Regia. Auch sie hatte einen Traum, in welchem ein wunderschöner Zwerg ihr rettend erschien, an seiner Seite ein junger schöner Ritter mit blauem Auge und langem, gels bem Haar (4, 46. 47). Der Traum Regias entzündete in ihrer Brust dasselbe Feuer der Liebe, welches Hüon empfand, und Obes ron bewirkt also durch Träume die gegenseitige Liebe. „Den Knos ten hat das Schidjal selbst gewunden“, ist Hüons Ueberzeugung (4, 60)

Der schöne Zwerg redt seinen Lilienstab,

Und leitet ihn im Traum zur Quelle seines Glüdes (4, 59). Nicht minder spielt Titania die Rolle der Traumsenderin, ob gleich nicht im Sinne der Königin Mab in Romeo und Julie. Der vom Unglück gebeugten Regia flößt sie Muth und Hoffnung ein, ins dem sie ihr im Traume erscheint *).

*) Die schöne Stelle ist 10, 9:

Mitleidig reicht er ihr die abgezehrte Rand,
Der lebte, treuste Freund der Leitenden! Sie steiget
Hinab mit ihm ins stille Schattenland,
Wo aller Schmerz, wo aller Jammer schweiget;
Bu feine Kette mehr die freie Sicle reibt,
Die Scenen dieser Welt wie Kinderträume fdywinden.
Und nichts aus ihr als unser Herz uns bleibt,
Da wird sie alles, was sie liebte, wiederfinden!

Wie ein verblutend Lamm, still duldend, liegt sie da,
lind seufzt dem leßten Augenblic entgegen:
Als in der stillen Nadit fich ihr Titania
Trost bringend naht. Ein unsichtbarer Regen
Von Schlummerduften stärkt der schönen Dulderin
Matt schlagend Herz, und schläft den äußern Sinn
Unmerklich ein. Da zeigt sich ihr ein Traumgesichte,
Die Elfenkönigin in ihrem Rosenlichte.

Eine dritte Eigenthümlichkeit des Wielandischen Oberon, die allem Anscheine nach ebenfalls aus dem Sommernachtstraum ftammt, ist das fomische Licht, in welches einige Charaktere und Situationen gestellt sind. Der Komifer in dem Epos ist Scherasmin. Er ist eine höchst originale Gestalt und der Dichter fand in dem Ritters buche zu dem Charakter des Scherasmin nur schwache Andeutungen. Nach dem Ritterbuche findet Hüon, als er nach der Küste des rothen Meeres zieht, in einem Walde umherirrend einen Greis mit weißem Barte von riesiger Größe, welcher nadt aber mit langen Haaren bes dedt ift. Sein Name ist Gerasmes; er hatte auf einen Turnier einen edlen Ritter erschlagen und wurde deshalb aus Frankreich verbannt. Durch Hüons Vater, den Herzog Serin, erlangte er von dem Könige Gnade unter der Bedingung zum heiligen Grabe zu wallfahrten. Als er in seine Heimath zurüdfehren wollte, wurde er von 10 Sarazenen gefangen genommen und hatte zwei Jahr in Babylon das Elend der Gefangenschaft zu ertragen. Durch eine edle Dame befreit, entfloh er in den Wald, wo ihn Hüon trifft, und in welchem er seit dreißig Jahren verweilt. Gerasmes folgt nun dem Hion als Begleiter*). Diesem Gerasmes hat Wieland in der Person des Scherasmin eine andere und zwar ungleich poetischere Gestalt ges geben, als er im Ritterbuche hat. Denn es ist weit schöner, daß Sdherasmin in dem jungen Ritter den Sohn seines ehemaligen Herrn erfennt, mit dem er zum heiligen Grabe zog und dein er die Augen im frühen Tode schloß, den er in den Feløflüften des Libanon seit 16 Jahren beweint. Er erneuert 'den Dienst, den er dem Vater leistete, nun dem Sohne und beweist dieselbe schöne und unverbrüchs liche Treue. Diesem einfachen treuen Gemüthe hat der Dichter einen Zug der Vaterlandsliebe geliehen, der den Leser des Oberon auf das Innigste ansprechen muß.

Während Hüon und Schera&min dem Lauf des Euphrat nachziehen, „von Palmen und Gebüsd vorm Sonnenstrahl geborgen, durchs schönste Land der Welt,“ wird durch die reine Luft, durch den angenehmen Mors gen, durch den Lustgesang der Vögel und den stillen Lauf des Stro

*) Vgl. „Huon of Bordeaux“, eine englische Neberfeßung des Ritterbuches mitgetheilt von Halliwell, fairy mythology p. 94. Eine Inhaltsanzeige des Ros wans giebt Dunlop, Geschichte der Prosadichtungen. Aus dem Englischen von 3. Liebrecht, Berl. 1881, p. 123 fg.

« PreviousContinue »