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mes die Phantasie der beiden auf verschiedene Weise erregt. Der
Ritter denkt an die schöne Jungfrau, die ihm im Traume erschien;
Scherasmin dagegen verseßt sich aus der paradiesischen Gegend ans
Ufer der Garonne, wo er als Kind den ersten Strauß gepflügt:

Nein, denkt er, nirgends scheint doch unsers Herrgotts Sonne
So mild als da, wo sie zuerst mir schien,
So lachend feine Flur, so frisch fein anderes Grün.

Du fleiner Ort, wo ich das erste Licht gesogen,
Den ersten Schmerz, die erste Lust empfand,
Sei immerhin unscheinbar, unbekannt,
Mein Herz bleibt ewig doch vor Allem Dir gewogen,
Fühlt überall nach Dir sich heimlich hingezogen,
Fühlt selbst im Paradies sich noch aus Dir verbannt,
O möchte wenigstens mich nicht die Abnung trügen,

Bei meinen Vätern einst in Deinem Schooß zu liegen!

Dieser Schera8min ist nun neben Hüon eine Art Sancho Pansa, er hält dem phantasiereichen und schwärmerischen Ritter ein realistisches Gegengewicht; in Bezug auf Oberon hat er anfangs feine Zweifel, er gleicht darin dem Theseus im Sommernachtstraum, oder sein Glaube an die Elfen ist von der Art, wie ihn Shafspeare seinen lustigen Burschen von geringer Bildung, wie dem Dromio in den Irrungen, beilegt*). Er hält nicht viel von Träumen und den lebhaften Traum des Hüon erklärt er in der Weise Mercutio's „Ihr lagt vermuthlich wohl zu lange auf dem Rücken ?" (2, 106) und vom Alpbrücken weiß er zu erzählen (4, 13) **).

Es ist nicht nothwendig, alle Züge anzuführen, in welchen die foinische Seite des Charafters des Scherasmin weiter hervortritt; bemerkenswerth ist aber, daß der Dichter überhaupt oft die wunders baren Ereignisse in einem ironischen Tone erzählt. Darüber hat Gruber in seiner Biographie Wielands ausführlich gehandelt und auf den Oberon die Bemerkung angewendet, welche Tief in Bezug auf Shafspeare's Sturm macht, daß es die fomischen Scenen vorzüglich seien, durch welche der Dichter unsere Aufmerksamkeit zerstreue und verhindere, daß wir nicht ein zu festes und prüfendes Auge auf die Wesen seiner Imagination heften, daß fie nicht aushalten

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*) Vgl. 2, 22. p. 118.
**) Wielands Leben von Gruber 3, 391.

würden. Wenn Wieland die Abficht hatte, die Gruber ihm hier

" beilegt, was wir nicht bezweifeln, so hatte er aus dem Studium Shafspeare's und vor Adem des Sommernachtstraums und Sturms diesen Kunstgriff gelernt. Freilich war Shafspeare ungleich glüdlicher. In seinen Dramen ist das Wunderbare so beschaffen, daß durch dasselbe den handelnden Personen keine Gewalt angethan wird, diese vielmehr sich immer noch frei entwideln und auch ohne das Wunders bare dieselbe Richtung genommen haben würden. Auch Wieland hat die Vorstellung, daß der Mensch die Sterne feines Schidjals in seiner eignen Brust trage, und er sagt in , Klelia und Sinnibald" ganz ausdrüdlich:

Der Dämon steckt in unsrer eignen Haut.
Du selber bist Dein Teufel oder Engel.
Und Oberon sogar, mit seinem Lilienstängel
Und seinem Horn, (das sonst sehr wohl zu brauchen ist,)

Hilft Dir zu nichts, wenn Du fein Füon bist. Aber in seinem Oberon hat doch Wieland von der Maschinerie des Wunderbaren, wie es in den Ritterdichtungen des Mittelalters vors fommt, zu viel beibehalten und Oberon's Horn und Zauberbecher, seine Fahrten durch die Luft, seine Errettung und dergleichen tragen ganz den Charakter des willfürlich Phantastischen.

Zuleßt ist noch zu bemerken, daß Wieland auch in der Schils derung der Drte, welche die Elfen lieben, wie in der Darstellung der Natur Shafspeare sich nähert. Im Sommernachtstraum lieben die Elfen die anmuthige Natur, den Hain, die Wiese, den beschilften Bach, den Klippenstrand des Meeres; sie lieben die Blumen. So ist 18 auch bei Wieland. Oberon hat feinen Wohnsiß in einem Walde, wie freilich auch schon im Ritterbuche; als er von seiner Gemahlin fich trennt, ruft er aus (6, 99):

Nie werden wir in Wasser noch in Luft,
Noch wo im Blüthenhain die Zweige Balsam regnen,
Noch wo der hagre Greif in ewig finstrer Gruft

Bei Zauberschäßen wacht, einander mehr begegnen!
Titania verwandelt, wie wir bereits angeführt haben, die iüfte
Insel in ein blühendes Eden und die anmuthige Schilderung des
Frühlings, welche der Dichter 8, 52 entwirft, ftimmt eben so zu
dem Wesen der Titania, wie Aehnliches im Sommernachtstraum.

Der Einfluß Shakspeare's ist sichtbar, indem der Dichter einzelne Bilder geradezu entlehnt hat *).

*) Bgl. 6, 4:

Und junger Epheu fann am Stamm nicht brünstger Fleben,

Als sie um seinen Leib die runden Arme schrántt.
Sommernachtstraum 4, 1:

So sind umflicht mit süßen Blüthenranfen
Das Geisblatt; so umringelt, weiblich zart

Der Spheu seines Ulmbaums rauhe Finger.
Ferner Oberon 3, 63:

Er hört ihr ängstlich Schrei'n, wid nach, o Höllenpein,
Und fann nicht! steht entseelt vor Schrecken,

Starr wie ein Bild auf einem Leichenstein.
Was ihr wollt 2,- 4:

,,Sich härmend und in bleicher welfer Schwermuth
Saß sie wie die Geduld auf einer Gruft
(like patience on a monument).

(Fortsegung folgt.)

Halberstadt.

Dr. Carl Conrad Hense.

Studien zu Shakspeare's Macbeth.

Nachdem ich des Herrn Director'ð Breier Gegenbemerkungen zu meinen Studien zu Shaføpeare's Macbeth gelesen, gedachte ich ans fangs nicht wieder darauf zu antworten, einmal weil mir Herr Breier viel zu voreingenommen und zu gereizt schien, um einer unbefangenen Grörterung der Sache zugänglich zu sein; und dann, um diesen Artikel : Studien u. f. w. nicht ungebührlich auszudehnen und den Leser allgemach vielleicht damit zu langweilen. Indeß ist und bleibt es eines Jeden Pflicht für das Wahre und Rechte einzustehen, so weit er es vermag und so weit er es selbst erkannt zu haben glaubt; und da wir inzwischen von Herrn Dr. Delius ein „Shafspeare-Lerifon" er: halten haben, das mir auch in Manchem den unrechten Weg einzuschlagen scheint, so wird man mir erlauben, noch einmal einzelne ftrittig gewordene Punkte zu besprechen, um das Rechte möglichst überzeugend herauszustellen und zu begründen. Einen andern Zwed habe ich durchaus nicht; es gilt natürlich bloß und allein der Sache, nirgends der Person.

Was zunächst die Stelle Act I, 3 betrifft, so ist fte eigentlich niemals ftrittig gewesen, bis es ohnlängst Herrn Heussi gefiel, statt ports points zu lesen, und zwar aus reiner Wilführ, denn eins mal will fich diese Lesart nirgends auffinden lassen und dann ist ein innerer zwingender Grund für diese Veränderung durchaus nicht vors handen. Denn was fann einfacher und klarer sein, als daß die Here, die sich in die Rolle eines Schiffers verseßt, sagt: „ich danfe; ich selbst habe (in meinem Besit, meiner Macht) alle andern (Winde) und (habe) selbft (logar) die Häfen, die sie (die Winde) bestreichen und alle Himmelsviertel, von und nach denen sie, wie die Windrose zeigt, ihren Lauf nehmen (that they know i'the shipman's card). Wie gezwungen dagegen und geradezu grammatisch und logisch uns richtig wird die Stelle durch die neue Lesart points: denn wer hat je gehört, daß man sagt und sagen fann to blow a point, ftatt to

blow to (towards) a point to blow from a point; oder to blow a quarter? Indeß quarters scheint Herr Breier nicht als Dbject von to blow zu nehmen, denn er überseßt: „Nach allen vier Feldern der Windrose.“ Wie läßt sich aber das nach hier rechtfertigen? Soll all the quarters fo viel sein als according to all the quarters, oder wie sonst? Soll aber all the quarters' Object zu to blow sein, wie in der vorigen Zeile „points“, so stellt sich zus gleich ein logischer Uebelstand heraus; denn erst sollen die Winde ,, auf ein Haar“ (very!) die einzelnen Punkte (points) bestreichen und dann erst hinterher , alle vier Felder der Windrose. Aber eben dadurch, daß fie alle vier Felder der Windrose bestreichen, bestreichen sie ja wohl die einzelnen Punkte, nicht umgekehrt, wenigstens würde dieß nicht leicht jemand, und so auch unser Shafspeare nicht, umge's kehrt sagen: ste bestreichen die (einzelnen) Punfte und alle vier Fels der der Windrose. Doch Herr Breier wird einwenden: „Die Punkte: nach allen vier Feldern der Windrose. Aber dann kommen wir wieder zu den obigen grammatischen Fragen, wie erklärt sich nach und wie to blow a point? Dagegen fällt alle und jede Schwierigkeit weg, wenn wir sowohl ports als quarters als Object von I myself have nehmen und nach ports ein that suppliren, das in der nächsten Zeile nach quarters auch wirklich steht. Herrn Breier’s Grundirrthum ist, daß er meint, die Here wolle, mit den in Rede stehenden Worten die Güte und Vortrefflichkeit dieser Winde rühmen." Das fält aber der Here (und resp. Shalspeare) gar nicht ein und ist auch wohl bis ießt feinem Leser dabei eingefallen. Ich sollte aber meinen, Shafspeare biete der wirklichen Schwierigkeiten gerade genug, um jede Art eingebildeter und gemachter entbehren zu können. Auf die einzelnen Einwendungen Herrn Breier'8 gegent ports mag ich nach alle dem nicht weitläufig eingehen, denn sie sind zu sehr aus der Luft gegriffen und zu völlig haltlos. So soll das very bei ports, ganz unmotivirt erscheinen, weil es der Here ganz einerlei sein konnte, wo sie ihren Feind traf, auf offener See oder im Hafen.“ Aber wozu das Ades? welches einzige Wort in unserm Tert führt auf solche Gedanken oder läßt einen solchen Gedanfengang zu? Ferner fragt Herr Breier, als Einwurf gegen ports, - ,was haben die Winde (immer die Winde!!) mit der Hafenfunde zu thun, fie, die sicher find, auf ihrer Bahn alles zu bestreichen, was in ihrer Region fich vorfindet ?" Aber wo steht denn in unserm Tert ein Wort von der

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