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GESCHICHTE DER PHYSIK

VON

ARISTOTELES BIS AUF DIE NEUESTE ZEIT

VON

AUGUST HELLER,

PROFESSOR IN BUDAPEST.

ZWEI BÄNDE.

II. BAND:

VON DESCARTES BIS ROBERT MAYER.

STUTTGART.

VERLAG VON FERDINAND ENKE.

1884.

B

HARVARD
UNIVERSITY
LIBRARY

.

Druck von Gebrüder Kröner in Stuttgart.

Vorrede.

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Schier erdrückend ist die Menge des zu bewältigenden Stoffes, welcher sich vor demjenigen aufthürmt, der es unternimmt, eine geschichtliche Darstellung der Entstehung und Entwicklung unserer Wissenschaft von den Naturerscheinungen zu schreiben. Je mehr wir uns der neuesten Zeit nähern, in um so grösserem Masse schwillt das Material an und macht ein um so sorgfältigeres Auswählen des zu bietenden Stoffes nothwendig, wenn die Darstellung nicht über einen mässig grossen Rahmen hinauswachsen soll.

Die in diesem zweiten Bande vorliegenden Werkes bearbeitete Periode umfasst zwar in zeitlicher Hinsicht einen viel kleineren Raum, als jene, welche den Inhalt des ersten Bandes bildet, jedoch mit Rücksicht auf die grosse Anzahl derjenigen, welche sich nach dem sechszehnten Jahrhunderte an der Forschungsarbeit betheiligt haben, hatte die Darstellung naturgemäss viel umfangreicher auszufallen. Als wichtigste und umfangreichste Periode erscheint der Zeitraum von Galilei's bis zu Newton's Tode, da um jene Zeit die zwei mächtigen Verbündeten der exacten Naturwissenschaft: die Philosophie und die Mathematik durch die Arbeiten einiger hervorragender Denker in ausgiebiger Weise gefördert wurden, welche Förderung verwandter Wissenschaften von unmittelbarem Einflusse auf unsere Wissenschaft war. In diesen Zeitraum fällt die Erneuerung der Philosophie durch Descartes, die Erfindung der Coordinatengeometrie durch denselben, ferner die Entwicklung der Infinitesimalanalysis durch die Bemühungen Newton's und Leibnizens. Die Entdeckung der Gravitationsmechanik kann als die erste Frucht jener mathematischen Erfindungen betrachtet werden. Als zweite Periode der neueren Geschichte unserer Wissenschaft rechnen wir den Zeitraum, der sich von Newton's Tode bis zur Entdeckung des

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Galvanismus erstreckt. Hiebei ist es natürlich nicht zu vermeiden, dass einzelne Forscher, deren Arbeiten über ähnliche Gegenstände fast gleichzeitig entstanden, in der Darstellung räumlich geschieden erscheinen, sowie überhaupt scharfe Grenzen inmitten der in rascher Entwicklung begriffenen modernen Wissenschaft unzulässig erscheinen. Diese erwähnte zweite Periode, obwohl noch immer bedeutend in mathematisch-mechanischer Beziehung, ist es doch weniger betreffs der Prinzipien, bezüglich welcher sie gegen die vordem genannte jedenfalls weit zurücksteht. In jener zweiten Periode wird jedoch das Gebiet der bekannten Erscheinungen durch das Studium der elektrischen Phänomene wesentlich erweitert, sowie ja überhaupt die Entdeckung einer neuen Art elektrischer Vorgänge den Abschluss dieser ganzen Periode bewerkstelligt. Mit dem dritten Zeitraume, der den Schluss der ganzen Darstellung bildet, tritt die Physik in ein neues Stadium. Der menschliche Geist hatte sich bisher begnügt, die Kräfte der Natur an den vorhandenen Naturerscheinungen zu studiren und wenn er diese Kräfte auch in der mannigfaltigsten Weise auf seine Apparate und Maschinen wirken liess, um deren Natur zu ergründen, oder sich dieselben nutzbar zu machen, so waren es doch die nämlichen Agentien, welche in ihren Wirkungen uns die Natur selbst vor Augen führt. Von nun an beginnt der menschliche Geist, als der mit einer gewissen physikalischen Phantasie und Combinationsgabe versehene Künstler in den Gang der Natur selbstständig einzugreifen, indem er Erscheinungen hervorruft, welche vor ihm in der Natur bloss in virtualer Weise vorhanden waren, die jedoch erst durch den Menschen in actualer Weise zu Stande kamen. Unsere Telegraphen, Telephone, unsere Dynamomaschinen stehen ohne Beispiel in der Natur da; niemals hat das Licht vordem durch Vermittlung eines galvanischen Stromes Töne erregt. Dasselbe lässt sich von den in vergangenen Tagen zuerst verwendeten Naturkräften nicht behaupten: die Expansion des Dampfes wirkt in unserer Dampfmaschine in derselben Weise, wie dort, wo sie in der freien Natur vulkanische Massen emportreibt oder die oberen Schichten der Erdrinde erschüttert; die optischen Apparate haben ihr Vorbild in der Natur am Auge, dessen optischer Theil eine regelrechte Camera obscura ist. So liessen sich die Beispiele in beliebiger Weise häufen. Aehnlich verhält es sich mit der organischen Chemie, welche ebenfalls solche Verbindungen herzustellen im Stande ist, die in der Natur nirgends vorkommen. Es ist an und für sich klar, dass bei dem Systeme der ewigen Gesetze, denen die Materie unterworfen ist, eine Reihe von Erscheinungen zu Stande kommen müsse, welche jedoch nur einen unendlich kleinen Theil aller, mit Hülfe jener Gesetze mög.

lichen Erscheinungen ausmachen. Durch diese neuere Gestaltung unserer Wissenschaft ergibt sich für dieselbe eine zweifache Richtung der Thätigkeit: einerseits ein stets eingehenderes Studium der in der Natur thatsächlich vorkommenden Erscheinungen, anderseits Hervorbringung neuer, in der Natur nicht vorkommender Phänomene. Ist schon die erste Aufgabe eine solche, welche niemals zu vollständigem Abschlusse gelangen kann, so ist die zweite, welche der physikalischen Phantasie unbegrenzten Spielraum erlaubt, geradezu unendlich.

Die Sinneswerkzeuge, mit denen uns die Natur ausgerüstet hat, sind zur Lebensführung wohl in vorzüglicher Weise geeignet, für unsere Bemühungen jedoch, das Wesen der Aussenwelt zu erkennen, liefern sie uns bloss einseitiges Material und rohe Wahrnehinungen, welche erst durch den Verstand zu scharfbegrenzten Vorstellungen verarbeitet werden. Der menschliche Geist ist viel feiner, als sein Werkzeug: der Sinnesapparat, deshalb ersinnt er künstliche Instrumente, um sich auf diese Weise neue Sinne zu schaffen; es sei hier bloss das Thermometer, der Thermomultiplicator und das Spectroskop genannt. In dieser, ebenfalls der freien Combination und Spekulation unterworfenen Thätigkeit, eröffnet sich gleichfalls ein unendliches Feld für den menschlichen Forschungstrieb.

Wir haben unsere Darstellung bis zur zweiten Hälfte des gegenwärtigen Jahrhunderts fortgeführt. Ein wissenschaftliches Ereigniss, welches in das letzte Dezennium der von uns in den Rahmen der Darstellung gezogenen Zeit fällt, dient als naturgemässer Abschluss derselben. Es ist die Begründung der Theorie von der Energieverwandlung, welche unsere allerneueste Periode der Physik einleitet, mit der wir von unserem Gegenstande Abschied nehmen. In welcher Weise es dem Schreiber gelungen ist, berechtigten Anforderungen zu entsprechen, das zu beurtheilen, stellt er jenen in diesem Fache rühmlichst bekannten Gelehrten anheim, die ja auch den ersten Band dieser Arbeit eingehender Besprechungen gewürdigt haben. Im Ganzen und Grossen kann der Verfasser mit jenen Recensionen, welche ihm über sein Buch zu Gesichte gekommen sind, wohl zufrieden sein, trotz der mannigfachen Ausstellungen, die durch jene gewiegten Fachgelehrten gemacht wurden. Dieselben haben nämlich fast ausnahmslos anerkannt, dass die Tendenz dieser Schrift in jene Richtung falle, in welcher sich die richtig aufgefasste Geschichte unserer Wissenschaft zu bewegen hat. Der Verfasser hat aus jenen, grossentheils in durchaus wohlwollendem Sinne geschriebenen, in den hervorragendsten Fachjournalen erschienenen, mitunter höchst eingehenden Recensionen vieles gelernt und so manche

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