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ob sich denn nicht zu einem besseren Ergebnis die von ihm selbst und von anderen gesammelten Materialien verwerten liessen. Indess wer die Schrift liest, bekommt die Ueberzeugung, dass sich in der That auf diesem Gebiete wenig oder gar nichts ermitteln lässt, was zur Lösung der schwierigen Frage beitragen könnte. Denn es liegt doch wirklich, wie auch der Verfasser zugiebt, bei den homerischen Gedichten anders, als bei den lateinischen Kunstdichtern, die so strengen Regeln folgten, dass ihre Vernachlässigung als ein Zeichen von Unechtheit angesehen werden kann. Selbst wenn man keine »nebelhaften Vorstellungen von der Volksepik und dem dichtenden Gesammtgeist« hat, wird man doch zugeben müssen, dass die homerische Sprache und Verskunst Produkt einer Jahrhunderte langen Entwicklung ist. Gerade dem griechischen Dichter aber war es erlaubt, aus der reichen Fülle der ausgebildeten Formen nach Belieben zu schöpfen, so dass es für uns unmöglich ist, altes und neues in jedem Einzelfalle zu unterscheiden. Auch giebt der Verfasser zu, dass die sprachlichen und metrischen Anzeichen »nur die Bedeutung beanspruchen können, Sätze, welche aus dem Inhalt und der Composition der Ilias und Odyssee erkannt wurden, hinterdrein auch mit formalen Gründen zu unterstützen und zu bestätigena. Und unter diesem Gesichtspunkte ist das beigebrachte sprachliche Material nicht ohne Wert.

Zuerst nun handelt der Verfasser über das Digamma (S. 144-170). Er geht dabei von der Ueberzeugung aus, dass die homerischen Gedichte lange Zeit mündlich fortgepflanzt wurden, und dass die uns erhaltene Form derselben wahrscheinlich aus der Redaction des Pisistratus stammt, wobei er es dahingestellt sein lässt, ob die Gelehrten des Pisistratus die ersten waren, welche die alten Lieder überhaupt niederschrieben (S. 145). Die Aoeden und Rhapsoden seien in der Fälschung nicht weit gegangen; »sie liessen die meisten Härten, welche ehedem durch das Digamma entschuldigt waren, unangetastet stehen und entfernten nur die wenigen, welche sich durch das v ÈYEÀxuotexov, die Einfügung eines überschüssigen te nach ráp und dem Relativpronomen, oder andere leichte Mittel beseitigen liessen« (S. 146). Da nun diese Umgestaltungen zum grossen Teile leicht zu erkennen sind, wie der Verfasser glaubt, und sicher entfernt werden können, »so ist geradezu der Rückschluss gerechtfertigt, dass, wenn sich kein Unterschied im Gebrauch des Digammas zwischen Ilias und Odyssee und zwischen den einzelnen Teilen jener Epen zeigt, dann auch keine grosse Zeit zwischen den Anfängen und dem Abschluss jener Dichtungen verflossen sein kanna. Die Richtigkeit dieser Schlussfolgerung muss ich nach dem eben Bemerkten bestreiten. Und wenn wir uns ansehen, was der Verfasser nach Aufführung 1) der Wörter, deren Digamma vernachlässigt ist oder vernachlässigt zu sein scheint (S. 150–162), 2) der Stellen mit vernachlässigtem Digamma (162 - 164), 3) der Verse, in denen eine kurze Silbe in der Thesis vor nachfolgendem Digamma verlängert ist (164 - 166), findet, so

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werden wir nur in unserer Meinung bestätigt. Obwohl nämlich der Verfasser in der Annahme des Digammas noch nicht soweit geht, wie Hoffmann, Bekker und neuerdings Wackernagel, so kommt er doch zu dem Schluss, dass »schon in den ältesten homerischen Gesängen das Digamma seine volle Kraft verloren hatte«, dass es aber »auch in den jüngeren, jedenfalls in späterer Zeit, wenn selbst auch noch von demselben Sänger gedichteten Rhapsodieen in Kraft ist«. Nur die jüngeren Interpolationen kleineren Umfangs sollen in einer Zeit gedichtet sein, »in der das Digamma seine Kraft fast schon ganz verloren hatte, so dass dasselbe nur noch in formelhaften, aus älterer Zeit stammenden Phrasen und Wortverbindungen bewahrt worden zu sein scheinta (S. 166. 167). »Gleichwohl verdient es Beachtung, dass in einzelnen Gesängen das Digamma ungewöhnlich häufig und selbst in Wortformen mit zäh erhaltenem consonantischen Anlaut vernachlässigt ist. Manchmal mag hier der Zufall sein Spiel getrieben haben, aber für nicht zufällig, sondern für ein Zeichen späteren Ursprungs halte ich es, dass in der kleinen Nekyia w 1- 204 nicht blos das Digamma oft abgeworfen ist, sondern sich auch die unentschuldigten und die durch das Digamma zu entschuldigenden Hiate so ziemlich die Wage halten, und dass so oft in Hektor's Abschied Il. 2 selbst das Pronomen der dritten Person sein Digamma eingebüsst hat. Auch die grosse Anzahl von Verstössen gegen das Digamma in der Nekyia (Od. 2) dürfte mit der Sonderstellung dieses Buches und mit seinem jüngeren Ursprunge zusammenhängen« (S. 168). Kirchhoff schreibt den Schluss der Odyssee, von 4 297 an, einem Verfasser zu, und es lässt sich in der That kein Grund absehen, warum w 1–204 einen besonders späten Verfasser haben sollte; a aber rechnet Kirchhoff zum alten Nostos! Man sieht, wohin diese Beobachtungen führen, namentlich wenn man sie mit dem vergleicht, was Naber (Quaestiones homericae p. 79) gegen Bekker's Methode vorbringt: „Jmm. Bekkerus in altera Homeri editione digamma ubique reduxit, sed reliquit locos CCLXX, quos probabili ratione emendare se posse negavit: ex his loci sunt in Odyssea viginti tantum plures quam in Iliade. In nullo libro reliquit locos plus quam duodecim, nempe in Odysseae nono libro et undecimo; contra tres libri sunt, in quibus bini loci relicti sunt nondum correcti, nempe Iliadis tertius liber et decimus et Odysseae liber duodevicesimus. Unicus tantum liber est in quo unus tantum locus probabiliter emendari non potuit: liber is est Iliadis duodecimus«. In der That widerstreiten diese Thatsachen gerade dem aus andern Gründen fast als unumstösslich sicher Ermittelten: Das neunte Buch der Odyssee gehört zu den ältesten Bestandteilen des Epos, und das zehnte Buch der Ilias ebenso zu den allerjüngsten. Hat doch A. Gemoll (s. u.) beweisen wollen, dass dieses Buch die ganze Odyssee in ihrer jetzigen Form voraussetzt. Eine »individuelle Neigung des Dichtersa aber hier voraussetzen (S. 169), heisst doch der Untersuchung jede sichere Grundlage entziehen.

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Nicht weiter führt die Betrachtung der rythmischen Eigentümlichkeiten (S. 170—186). Der Verfasser unterscheidet hier sieben Klassen fehlerhafter Verse (a) Verse mit zwei schliessenden Spondeen und Wortschluss nach dem fünften Fuss, z. B. K 299, 1 639; b) Verse mit zwei spondeischen Wortformen im Versanfange, ohne Sinneinschnitt nach dem ersten Fuss, z. B. K 435, 2 486; c) Verse mit zwei Spondeen im Anfang, gebildet aus vier einsilbigen, oder zwei einsilbigen und einem zweisilbigen Worte, oder einem viersilbigen Worte, z. B. À 484, 9362; d) Verse mit vier schliessenden Spondeen, z. B. y 15, + 546; e) Verse mit drei schliessenden Spondeen ohne Einschnitt im fünften Fuss, wie B 167, o 200; f) Verse ohne Worteinschnitt im zweiten und fünften Fuss, oder mit Interpunktion am Schlusse des dritten Fusses, wie o 83, y 34; g) Verse mit ungewöhnlichen Freiheiten im ersten Fusse, wie E 358, 1 435) und kommt nach einer Uebersicht der fehlerhaften Verse nach diesen Gesichtspunkten (S. 182 – 184) zu dem Schluss (S. 186), erstens odass ein grosser Unterschied besteht zwischen der rythmischen Technik der Ilias und Odyssee, zweitens dass diejenigen Gesänge der Ilias, welche nach den Anzeichen des Inhalts und teilweise auch des Digammas zu den jüngeren gehören, wie Hektor's Abschied und Zeus' Täuschung, rythmisch vollendet sind wie wenige, drittens dass die grössten Freiheiten, nicht Missklänge, im Versbau den älteren Partieen der Ilias eigen sind und nur durch Wiederholung des gleichen Verses auch in die jüngeren Gesänge sich eingeschlichen habena. Für mich folgt dies keineswegs aus der gegebenen Uebersichta. Denn wenn wir bedenken, dass die Ilias mehr als 3000 Verse mehr als die Odyssee enthält, so dürfte die Zahl der pfehlerhaften. Verse in der Ilias und Odyssee so ziemlich gleich sein, wobei noch dahin gestellt bleiben muss, wieviel von den Fehlern, soweit sie Spondeen anlangen, für die alte Dichtung wirklich vorhanden gewesen sind. Aber auch für die einzelnen Bücher stellt sich das Resultat nicht günstiger. Der Schiffskatalog in B wird zu den spätesten Teilen gerechnet, und doch enthält er in den dreihundert Versen noch einmal soviel Fehler als A. Ebensowenig wird man Y zu den ältesten Teilen der Ilias rechnen wollen, und doch enthält er die meisten »Fehlera. Nicht besser steht es in der Odyssee: 5, welches Kirchhoff zum alten Nostos rechnet, enthält nur einen sicheren Anstoss (Vs. 8), während My sicher eins der jüngsten Bücher, acht sichere und drei unsichere Fehler zeigt. Ich meine diese Proben genügen, um die Ueberzeugung zu erwecken, dass auf diesem Wege die homerische Frage nicht gelöst werden kann. Wenn irgend wo, kommt es hierbei auf »die Individualitäta des Dichters an, ja von Euripides wissen wir, dass er gerade im vorgeschrittneren Alter die Verse immer lottriger gebaut hat. Auf den dritten Teil »prosodische und sprachliche Eigentümlichkeitena (S. 186 – 205) brauche ich hier um so weniger einzugehen, als es der Verfasser selbst unterlässt, daraus irgend welche Schlüsse auf das Alter Jahresbericht für Alterthumswissenschaft XXVI. (1881. I.)

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einzelner Gesänge zu ziehen und von der Sammlung behauptet, dass sie »keinen Anspruch auf Vollständigkeit macht und mehr ein Versuch auf diesem Wege der Forschung sein soll« (S. 192).

Von ungleich höherem Werte für die Homerforschung ist die folgende Abhandlung von demselben Verfasser:

8) W. v. Christ, Die Wiederholungen gleicher und ähnlicher Verse in der Ilias. Sitzungber. der königl. bayer. Akad. der Wissensch. 1880. Phil.-histor. Klasse. Bd. I. S. 221 - 272.

Dass eine Vergleichung der Verse, welche sich an verschiedenen Stellen der Ilias und Odyssee entweder genau oder mit geringen Abweichungen wiederholt finden, wichtige Resultate für die Homerforschung liefern könnte, erkannte schon Fr. A. Wolf (Proleg. S. 138), ohne sich jedoch weiter auf die schwierige Frage einzulassen. Wesentlich gefördert wurde diese durch die berühmte Abhandlung Gottfried Hermann's: »De iteratis apud Homerum« aus dem Jahre 1840 (jetzt Opusc. VIII); denn dieser stellte zuerst das Princip auf, dass man bei solchen Wiederholungen unterscheiden müsse zwischen formelhaften Wendungen, die Eigentum der epischen Sprache überhaupt geworden seien, und solchen, die nur für die eine Stelle gedichtet und dann fehlerhaft an einer anderen wiederholt seien. Weiter betonte Geppert (Ueber den Ursprung der Homerischen Gedichte, Leipzig 1840 S. 250), dass man nicht nur die späteren Dichtungen mit den älteren, sondern auch diese unter einander vergleichen müsse, um einen Anhalt für die zeitliche Aufeinanderfolge der einzelnen Gedichte zu gewinnen. Doch führte auch diese Bemerkung noch zu keiner methodischen Behandlung der ganzen Frage. Im Einzelnen zwar wurde, namentlich von den Lachmannianern, gern neben anderen Gründen für die Unechtheit einer Stelle auch der angeführt, dass sie besonders reich an Entlehnungen sei, wobei aber oft der Nachweis unterlassen wurde, dass an der betreffenden Stelle Nachahmung originaler Fassung vorliege (vergl. z. B. Haupt in Lachmann's Betrachtungen über die Ilias S. 993, 1063). In weiterem Umfange führte das Princip Kayser durch in der Schrift: ”De iuterpolatore Homerico« (wiederabgedruckt in den Homerischen Abhandlungen« Leipzig 1881 S. 47 --78), und mit grossem Erfolge wurde es angewandt von Kirchhoff, welcher in seinem ersten Excurs (s. 0.) damit den schlagenden Beweis führte, dass das erste Buch der Odyssee nach dem zweiten, und zwar mit bestimmter Anlehnung an dasselbe entstanden seien. Doch behandelte Kirchhoff, wie Kayser, nur die Stellen, welche mit seiner Hypothese im Zusammenhang standen. Mehr Stellen, aber ohne den Stoff zu erschöpfen, behandelte schon Düntzer in dem Aufsatz: »Die Bedeutung der Wiederholungen für die Homerische Kritik« (N. Jahrb. 1863 S. 729). Im Jahre 1875 erschien endlich von Lushington Prendergast eine Concordance of the Ilias, in welcher die gleichen Stellen der Ilias zusammengestellt

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werden, wofür ja auch die meisten Homererklärer, besonders La Roche und Ameis, schon viel gethan haben. Indess gebührt Christ das Verdienst, die Frage systematisch behandelt zu haben, wenn man auch sagen muss, dass darin noch lange nicht das letzte Wort gesprochen ist. Christ geht, wie er sagt, mit voller Unbefangenheit an die Frage heran und will sich »vorerst von dem Strome tragen lassen«, wenn ihm auch vals fernes Ziel die Klärung der homerischen Fragea vorschwebt (S. 223). Zuerst nun weist er die Ansicht derer zurück, welche der Frage kein Gewicht beilegen, sondern diese Wiederholungen einfach als eine charakteristische Eigenschaft der epischen Poesie erklären und aus dem Wesen derselben abzuleiten suchen. Dies könne wohl von Versen gelten, welche vollkommen gleich wiederkehrende Handlungen schilderten, 2. Β. δούπησεν δε πεσών, αράβησε δε τεύχε' επ' αυτώ, aber nicht von grösseren Versgruppen, oder wenn da, wo eine andere Fassung und namentlich ein anderer Vergleich möglich war, dieselben Worte in eintöniger Weise wiederkehrena. So »ist es des Guten zuviel«, wenn die Achaeer von Agamemnon dreimal (B 111-118, I 18–25, 3 65 – 81) und zum Teil mit denselben Worten auf die Probe gestellt werden. »Noch befremdender ist es, wenn die eschene Lanze des Achilles zweimal (Il 141 – 144 T 388-391) und zwar ganz genau mit denselben Worten beschrieben wird, oder wenn wir gar dieselbe Notiz, wie die von der Herkunft des Medon, zweimal (0 333 - 336 = N 694—697) vorgesetzt erhalten. Und ist es nicht läppisch und ein Zeichen von Unbeholfenheit, wenn in ganz kurzen Zwischenräumen dieselbe Uebergangsformel wiederkehrt, wie das si urs ão à vónos in 6 91 und 132, oder wenn in demselben Gesang (Y 200 – 202 = 431 – 433) der ohnehin etwas triviale Gedanke

Πηλείδη μη δη με Fέπεσσί γε νηπύτιον ώς
έλπεο δειδίξεσθαι, επεί σάφα Foίδα και αυτός

ημεν κερτομίας ήδ' αίσυλα μυθήσασθαι zweimal, von Aineias und Hektor, ausgesprochen wird?« Dafür müsse man, wenn man nicht »zu dem Seciermesser greifen« wolle, einen anderen Erklärungsgrund suchen als die vepische Objectivitäta. Und diesen findet Christ mit Gottfried Hermann (Opusc. VIII. 15 ff.) in der Vortragsweise der homerischen Gedichte. Hintereinander hat selbst in später Zeit nur selten eine Versammlung alle Gesänge der Ilias gehört: in älterer Zeit, selbst als schon die poetische Kraft über die Periode des epischen Liedes hinausgegangen war und mehrere Lieder zu einem epischen Gedicht zusammenzuweben begonnen hatte, wurden immer nur einzelne Rhapsodieen oder kleinere Cyklen von Gesängen vorgetragena (S. 226). Als solche Cyklen können betrachtet werden die "Opxła mit der sich daran schliessenden Διομήδεια (ΓΔΕ), die 'Αριστεία 'Αγαμέμνονος (Λ), der Mauer- und Schiffskampf (MNE 01) und die Darpóxhera (03 11 P E).

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