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32) M. Tullii Ciceronis de Legibus libri tres. Erklärt von Dr. Adolf Du Mesnil. Leipzig, Teubner. 1879. VIII, 272 S. 8.

Das vom Kreis der Lektüre an den höheren Schulen bisher ganz ausgeschlossene Werk Cicero's de Legibus durch eine umfassende und eingehende Erklärung jenen zugänglich zu machen, bezeichnet der Herausgeber als seinen Hauptzweck und vou diesem Standpunkt aus ist auch das in Anbetracht der Schwierigkeiten, welche der überlieferte Text und der Inhalt des Werkes bietet, keineswegs leichte Unternehmen zu beurtheilen. Der Textgestaltung legte er die Recension von Vahlen zu Grunde, ohne sich jedoch in allem ihm anzuschliessen; C. F. W. Müller's Ausgabe konnte er noch nachträglich benutzen. Ueber den Werth der eigenen Emendationen Du Mesnil's vgl. das wohlmotivirte Urtheil von Strelitz im Philol. Anz. X 491 -- 495. Der Schwerpunkt seiner Leistung liegt in der sachlichen und sprachlichen Erklärung. In ersterer Beziehung ist nicht nur der Fleiss anzuerkennen, mit der das umfassende antiquarische Material, das heranzuziehen war, gesammelt und verwerthet wurde - zu 16 Clodius s. Unger Philol. Suppl. IIIp. 9, II 28 über die Kapellen der Febris Jordan, Topogr. der Stadt Rom I 1, 150 Anm. —, sondern auch der Scharfsinn hervorzuheben, mit dem der Verfasser den Gedankengang Cicero's verfolgt und, wo es ihm nöthig schien, bis auf die Ausdrucksweise nach streng logischem Massstab kritisirt. Die sprachliche Seite der Erklärung zeugt von einem eingehenden Studium des Ciceronianischen Sprachgebrauchs. Im Einzelnen bemerken wir hier Folgendes. I 1. Zu den sicheren Ciceronianischen Beispielen der Beziehung zum entfernteren Nomen gehört noch Fam. V 21, 4 praeter culpam ac peccatum qua semper caruisti; vgl. Wesenberg bei Halm im lat. Commentar zur Sestiana S. 261; C. F. W. Müller Praef. Cic. Opp. IV 3 ad p. 6, 37, Kühner Lat. Gr. II 1, 32. I 5 verlangt Du Mesnil mit Recht, wie auch Müller schreibt: Quippe; cum etc. = Allerdings, Ja wohl; s. Heitland's Ausgabe der Rede pro Mur. iin Appendix S. 118, woselbst eine Sammlung von hierher gehörigen Beispielen sich findet; über nam und enim in Antworten und über die falsche Annahme einer Ellipse Nägelsb. Stil. S. 626 7. Aufl. I 34. Die seltenere Stellung in der alliterirenden Verbindung late longeque findet sich auch Cic. Balb. 13; vgl. jetzt Wölfflin, Ueber die allit. Verbindungen, S. 64 und 65 ff.

I 42 Ueber den sogenannten Gräcismus obtemperatio scriptis legibus s. Klussmann, Tulliana S. 15. I 53 audire memini. Ueber die Auslassung des Accusatives der Reflexivpronomina s. C. F. W. Müller Praef. Opp. Cic. II, 1 ad p. 51, 19; H. Busch im Philol. Anz. III 175 ff. Ueber den Gebrauch von solum und solus bei unus, duo, tres s. die Beispiele bei Krebs

Allg. $. V. solum, wo übrigens über das Adverbium solum nicht richtig gesprochen wird. Für das archaistische Latein in den GesetzesJahresbericht für Alterthumswissenschaft XXVII. (1881. II.)

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bestimmungen des 2. und 3. Buches wird bei einer künftigen Auflage Jordan's Forschung (s. nr. 31) nicht umgangen werden dürfen. II 23 gehören die Stellen für sane quam aus dem 8. Buch ad fam. dem Caelius und die aus dem 11. Buch dem D. Brutus an; s. Wölffin, Lat. und Röm. Compar. S. 27. 28. — II 69. Zu dem parenthetischen Gebrauch von spero vgl. Ep. ad Quint. fratr. I 4, 3 de nouis autem tribunis plebis est ille quidem in me officiosissimus Sestius et, spero, Curius. Die Ausgabe kann besonders jungen Philologen, die sich mit den philosophischen Schriften Cicero's beschäftigen wollen, zum gründlichen Studium empfohlen werden.

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33) Dr. Hochdanz, Quaestiones criticae in Timaeum Ciceronis e Platone transcriptum, Nordhausen 1880 (Gymnasial - Programm). 14 S. 4.

K. Fr. Hermann war in seiner Abhandlung De interpretatione Timaei Plat. dial. a Cicerone relicta, Göttingen 1842, zu dem Ergebnis gelangt, dass der Hauptzweck des Ciceronischen Timaeus nicht war, durch eine Uebersetzung den Platonischen Timaeus seinen Landsleuten zugängjich zu machen, sondern über die Probleme der Naturphilosophie überhaupt zu orientiren und zwar in Form eines Dialogs, in welchem der in der Einleitung genannte P. Nigidius Figulus, der Erneuerer des Pythagoreismus, als Mitunterredner den Platonischen Dialog im Lateinischen Gewande wiedergiebt, so dass derselbe nur als Theil eines grösseren Ganzen zu betrachten wäre. Diese Ansicht blieb unangefochten; Teuffel Röm. Litg. § 1873, 9 Anm. hält sie für wahrscheinlich; Hirzel (Unters. I, 2. 3) für gewiss: »An der Richtigkeit ihres Ergebnisses kann kein Zweifel sein«. Der Verfasser vorliegender Abhandlung bestreitet die Behauptung, dass die Uebersetzung bestimmt war einem grösseren dia. logischen Ganzen über Naturphilosophie einverleibt zu werden und als Bruchstück eines pythagorisirenden Vortrages zu gelten, mit einigen beachtungswerthen Gründen. Einerseits würde der Dialog Cicero's durch die Aufnahme des ganzen Platonischen Werkes einen unverhältnismässigen Umfang bekommen haben; andererseits widerspräche eine derartige Aufnahme der sonstigen Gewohnheit Cicero's nur kleinere Bruchstücke aus griechischen Schriftstellern übersetzt in seine Schriften aufzunehmen. Aber Hochdanz geht noch weiter. Er glaubt, der Platonische Dialog sei überhaupt nur bis zu der Stelle, bis zu welcher die Uebersetzung in unseren Handschriften reicht (Tim. p. 47 B), übersetzt worden und selbst dieses Stück würde von Cicero in den Dialog nicht in förmlicher Uebersetzung, sondern in stark veränderter Gestalt eingefügt worden sein, wenn er es hätte einfügen wollen. Die Analogie freilich, die er für Letzteres anführt, ist gänzlich unzutreffend. Obwohl er etwas davon gehört hat, dass man neuerdings aufhört in dem einst dem Phaedrus, jetzt dem

Philodemus zugeschriebenen Herculanensischen Bruchstück geschichtsphilosophischen Inhalts die direkte Quelle für Cic. N. D. I 25 - 41 zu erblicken (s. oben nr. 13 ff. und Ref. in den Gött. Gel. Anz. 1882 S. 1361 ff.), so hindert ihn dies nicht, zu N. D. I 15, 38—41 den betreffenden Abschnitt aus Philodemus (wunderlicher Weise nicht nach Gomperz oder Diels Doxogr.) zu stellen, um den Nachweis, mit welcher Freiheit Cicero seine griechischen Quellen behandelte, zu erbringen. An die obige Ansicht knüpft er nun die Folgerung, dass Cicero die Uebersetzung des Platonischen Abschnittes gar nicht dem Dialog einverleibte, sondern wahrscheinlich aus ihr nur die wesentlichsten Punkte excerpirte und für seine Zwecke verarbeitete. Die Uebersetzung selbst rührt nach Hochdanz und dies ist der Kernpunkt der Abhandlung nicht von Cicero her, ist nicht etwa eine seiner Jugendarbeiten, die er zur Abfassung des Dialogs Timaeus wieder hervorsuchte, sondern das Werk eines litterarischen Genossen, wahrscheinlich seines Freigelassenen Tiro, dem er den Auftrag hierzu gegeben hatte. Als ob Cicero, der über das ungleich schwerer verständliche Griechisch so mancher Stoiker und Epikureer Herr wurde, für die summarische Benutzung des Platonischen Timaeus des Umwegs einer lateinischen Uebersetzung von fremden Händen be. durft hätte! Konnte der vielbeschäftigte Schriftsteller nicht, wie er nachmals bei der Ausarbeitung der Officien sich vom Athenodorus Calvus eine summarische Uebersicht (td zeválaca) einer Schrift des Stoikers Antipater erbat (Att. XVI 11, 4), eine Šretouaus dem Timaeus des Plato sich anfertigen lassen, wenn er deren zu seiner Erleichterung bedurfte?

Dem Beweise, dass die Uebersetzung nicht von Cicero ist, sind die ersten Seiten der Abhandlung gewidmet. Ueber die Uebersetzung wird S. 7 geurtheilt: deest omnino elegantia, fluxus orationis, uerborum ad numerum conclusio, ne longus sim, maxima illa admirabilisque exercitatio atque facilitas orationis, quam in nullo magni illius Romanorum scriptoris opere desideramus, ne in iis quidem locis, quos uerbo tenus ab eo ex Graecis translatos habemus'. Den Beweis der Unåchtheit sucht Hochdanz hauptsächlich aus den Abweichungen vom sonstigen aus den philosophischen Schriften Cicero's bekannten Sprachgebrauch zu führen. Man erwartet nun, dass jene Abweichungen nach bestimmten Gesichtspunkten geordnet und mit sorgfältiger Abwägung den anderen fast in jeder philosophischen Schrift vorkommenden Ungewöhnlichkeiten gegenüber dem Leser vorgeführt würden. Statt dessen geht der Verfasser S. 2–6 Zeile für Zeile der zweiten Orellischen Ausgabe durch und knüpft an den Text seine, häufig aphoristischen, Bemerkungen, die im bunten Durcheinander auf Ungewöhnliches im Ausdruck, in Form und Construktion und auf Textkritisches das Augenmerk lenken. So dankeuswerth das Unternehmen des Verfassers ist die Frage nach der Aechtheit des Uebersetzungsfragments in Fluss gebracht zu

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haben und so gern wir ihm einen gewissen Scharfsinn in der Auffindung der Discrepanzen zuerkennen, so macht doch das Ganze allzusehr den Eindruck des Unverarbeiteten und Unfertigen sowohl in der Sammlung und Sichtung des Materials als in der Beweisführung (selbst im Stil, der uns einen philosophum poeticissimum bietet), als dass es schon an der Zeit wäre die Hypothese, die hier vertreten wird, im Einzelnen zu discutiren.

(Fortsetzung und Schluss folgt im nächsten Jahrgang.)

Bericht über die Litteratur zu Lucretius, die

Jahre 1880 und 1881 umfassend.

Von

Dr. A. Brieger

in Halle.

I) Dr. J. Woltjer, Serta Romana. Poetarum decem Latinorum carmina selecta, scholarum causa collegit et notis instruxit Dr. J. Woltjer. Groningae apud J. B. Wolters, MDCCCLXXX. Darin Lucret. Buch I vs. 1–43, 271–297 etc. etc. 8. 1.-43.

II) Samuel Brandt, Eclogae poetarum Latinorum. In usum Gymnasiorum composuit S. Brandt. Lipsiae in aedibus B. G. Teubneri. MDCCCLXXXI.

Extraits de Lucrèce etc. par J. Helleu. Neue Aufl. Vgl. den Jahresbericht f. 1876 Abt. II S. 179.

Lucrèce. Morceaux choisis . . . . par C. Poyard. Neue Aufl. Vgl. d. Jahresbericht f. 1879 Abt. II, S. 195.

(Morceaux choisis (de Lucrèce) expliqués littéralement, traduits en franç. et annot. par F. de Parnajon. Paris, Hachette, 1880 (?).

III) Hermann Sauppe, Quaest. Lucret. Ind. scholar. acad. Gotting. MDCCCLXXX. sem. aestiv.

Anzeige: Revue de Philol. N. S. T. IV, 21. S. 143.

IV) J. Woltjer, De archetypo quodam codice Lucretiano. Jahrb. f. class. Philol. 1881 Heft 11 S. 769 ff.

V) C. M. Francken, Ad Lucretium. Jahrb. f. class. Philol. 1880 Heft 11 S. 765 ff.

VI) S. Brandt, Ad Lucretium. Ebendaselbst, S. 771 ff.

(Eusebius, De vocab. Numen ex duob. Lucr. locis iniuria a Lachmanno expuncto. Aug. Taurin. Loescher).

(Markland, Unedited conjectures in Cat. Tib. Lucretium. Hermathena. 1880. N. 7, S. 153).

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