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erst zerreissen, ehe sie auseinander springen könnten (VI 122f.), der Impuls geht der Bewegung voran (III 188) u. s. w. I 670 und anderswo ist quodcunque suis mutatum finibus exit missverstanden. In Fällen, wie II 412f. expergefacta figurant und V 693 ornata notarunt steht das Part. perf. pass. gewissermassen stellvertretend für das Part. praes. act., das niemand für proleptisch oder tautologisch halten würde.

Nur hinweisen kann ich hier auf die gediegenen Exkurse über coepisse S. 16 Anm. und consistere stare constare extare als eine Art von Copula S. 19 Anm. sowie auf kritische Erörterungen über II 473 ff. (vermeinter Ausfall eines Verses), und quo possunt Lamb. S. 5 f., über I 188 ff., wo crescentes ignoscendum potius quam corrigendum sei

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Zweierlei mag hier noch bemerkt werden. Einmal ist zu bedauern, dass Kraetsch Lobeck's meisterhafte Untersuchung 'De figura etymologica', Paralip. gramm. graec. II 498 ff. nicht für seinen Zweck ausgebeutet hat. Er hätte für manche Abundanzen dort sehr merkwürdige griechische Analoga gefunden. Jetzt bietet auch Gustav Landgraf's Schrift 'De figuris etymologicis linguae Latinae' (Erlangae apud A. Deichert. 1880, auch in den Acta seminarii philologici Erlangensis Bd. II 1 - 63), besprochen von Thielmann in den neuen Jahrb. für class. Philologie, Hft. 10 und 11 S. 774 ff., einiges für diese Frage.

Ein anderer Punkt, auf welchen Kraetsch, in achtbarer Selbstbeschränkung, nicht eingegangen ist, obgleich er recht eigentlich zu seiner Erörterung die Brücke geschlagen hat, ist die Frage doppelter Recensionen, d. h. neben einander erhaltener, aber nicht zum Nebeneinanderbestehen bestimmt geweser verschiedener Gestaltungen desselben Gedankens, wie Susemihl, ich und andere sie an manchen Stellen angenommen haben, s. Jahrb. für class. Philol. 1875 Hft. 9, S. 618 f. natürlich aber gehört sie nur in soweit hierher, als die als Doppelrecensionen angesprochenen Partien so geartet und gestaltet sind, dass ihr Nebeneinander noch als eine Abundanz der Sätze, also gleichsam als eine Abundanz höherer Stufe, gedeutet werden kann.

Eine solche würde man, wenn man sich nicht für die Annahme einer Doppelrecension entscheidet, in III 404, 405 + 406 f. V 210—212 III 297, 298 (s. Philol. XXIII 464) finden können: sie liegt entschieden vor an Stellen wie VI 323 f. Mobilitas autem fit fulminis et gravis ictus, et celeri ferme percurrunt fulmina lapsu und VI 1074 f. Non si Neptuni fluctu renovare operam des, non, mare si totum velit eluere omnibus undis,

wohl auch IV 202, 203 Lm. Per totum caeli spatium diffundere sese perque volare mare ac terras caelumque rigare, wo der letztere Ausdruck dann als eine Steigerung gegenüber von per totum caeli spatium diffundere sese anzusehen sein dürfte. Vielleicht nimmt der Verfasser der hier besprochenen verdienstlichen Schrift die Untersuchung einmal in der Weise wieder auf, dass er sie auf diejenige Fülle und Breite der Darstellung ausdehnt, welche über die Grenze des Rhetorisch-Formalen binausliegt.

XII. So ausführlich ich Kraetsch's wertvolle Arbeit besprochen habe, so kurz kann ich Spangenberg's gleichfalls ein Kapitel der ars rhetorica' des Lucrez ein bedenklicher Ausdruck! behandelnde Dissertation abmachen. Der Verfasser hat elf Ueberschriften gemacht, A. De translatione, De prosopopoeia, B. De periphrasi, C. De Epithetis, D. De antonomasia' etc., ohne sich irgendwie klar zu machen, was denn diese termini der Rhetorenschule für die Würdigung der Dichtersprache bedeuten; dann hat er alles, was ihm Tropus zu sein schien, gesammelt und in diesen elf Schubfächern untergebracht. Die Sammlung der Stellen ist nicht einmal vollständig und grösstenteils unkritisch, so dass das Opus selbst als Vorarbeit nur geringen Wert hat. Proben zur Begründung des Urteils: 'Pertorquent ora sapore

imbuunt, S. 16'foedera naturai = leges naturales', als ob das weniger übertragen wäre, S. 18. VI 420 f.'violento vulnere (i. e. fulminis ictu)' doch vielmehr die durch diesen bewirkte Verstümmelung. ibid. 'Fucata sonore; nos quoque de (1. die?) »Tonfarbea dicimus' S. 23. Incurrit amnis' u. ä. ist für Spangenberg eine Prosopopoeie, ein Beispiel dazu aus Vergil: summoque ulularunt vertice Nymphae (!). S. 24, 25. Simul ac species patefactast verna diei = uer patefactum est; diei superfluum videtur esse' S. 40. I 257 corpora deponunt pro considunt' legimus', S. 42, also considunt pecudes. "claro comitari hymenao nubere', visitque exortum lumina solis = nascitur'. Als fingirtes Beispiel für einen gewissen Sprachgebrauch lesen wir 'bona viri' f. bonus vir' (' ita ut' (poeta), pro' bonus vir 'e. gr. bona viri' ponat) S. 43. Signa soll I, 2 = stellae sein S. 46. Haud ullo pacto für nullo 'Ironie', S. 49. Pupillae IV 714 '= oculi', S. 50. Ad caelum ferat flammai fulgura und ähnliches ist eine Hyperbel, als ob es bedeuten müsste: bis in den Himmel hinein S. 53. IV 759 rellicta vita, II 342 parturiunt genus etc., II 1082 hominum genitam prolem, I 720 dividit undans, II 358 f. querellis ... assidueis ohne textkritische Bemerkung. Dazu zahlreiche Druckfehler. - In der Einleitung lesen wir, beiläufig, das Lehrgedicht gehöre bei den Griechen erst der späteren Zeit an, si Hesiodi et Orphei carmina praetermittimus'.

XIII. Ein Kapitel der Lucrezischen Realien behandelt G.C. Gneisse in der Untersuchung über den Begriff des omne bei Lucretius'.

Nach Gneisse ist das omne die Gesamtheit der gestalteten und ungestalteten Materie, das inane, res in quo quaeque geruntur, mit eingeschlossen, welche sich innerhalb des omne quod est spatium bewegt, das erstere ist also ‘enger' als das letztere. Die Notwendigkeit, ein solches Verhältnis beider anzunehmen, soll sich aus dem ewigen Fall der Atome ergeben. Aus diesem folgte aber höchstens nur eine Leere unterhalb,

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nicht eine Leere unterhalb und seitlich der fallenden Atomenmasse, wie Gneisse annimmt.

Seine Untersuchung beginnt Gneisse mit der Entwickelung des angeblichen Gedankeninhaltes von I (951 - 957 +) 958 -- 983. Lucrez lehre, das All könne begrenzt sein, einmal, wenn es einen Gegenstand ausserhalb desselben gebe, der es begrenze. Nun, einen solchen giebt es ja bei Gneisse's Annahme, nämlich die Leere, mit welcher der Raum über das All hinausreichen würde, vgl. 1009. Zweitens soll das All begreuzt sein können, wenn der Raum begrenzt sei. Diese Annabme widerlege der Dichter 968 -- 983. Die Argumentation desselben wird folgendermassen wiedergegeben. Angenommen, es schösse jemand von einem von unserem Standpunkte möglichst entfernten Punkte (nein: ab oris extremis) einen Pfeil ab (beiläufig: eine Lanze, wie das validis contortum viribus zeigt), so sind zwei Fälle denkbar: der Pfeil fliegt oder es bindert ihn ein Gegenstand daran, in beiden Fällen ist er nicht von der Grenze des omne ausgegangen' u. s. w. Die Folgerung, welche Lucrez aus der zweiten Alternative zieht, lautet nach Gneisse folgendermassen. Das Geschoss ist nicht von der Grenze des omne ausgegangen, wenn etwas vorhanden ist, wodurch es gehindert wird sein Ziel zu erreichen und sich an die Grenze zu begeben'. Hier haben wir den Irrtum, von welchem Gneisse ausgegangen zu sein scheint. Sprachlich können die Worte ud oras extremas nach si iam finitum constituatur omne quod est spatium ohne die äusserste Willkür von keinem andern äussersten Saum als eben von dem des omne quod est spatium verstanden werden, während Gneisse sie von dem des omne versteht, sachlich erscheint die Annahme ungeheuerlich, Lucrez wolle den von der ora extrema entsandten Pfeil (s. 0.), wenn ihn nichts hindere, seinen Flug bis zur Grenze des Raumes fortsetzen lassen. Wenn ferner Gneisse meint, wenn nichts die Bewegung des Pfeiles aufhalte, so sei vor dem betreffenden Punkte noch Raum gelegen, die Materie könne sich also nach dieser Seite noch ausdehnen und thue es auch, so übersieht er, dass nicht dasjenige grenzenlos ist, was seine Grenzen immerfort vorschieben kann, sondern das, was überhaupt keine Grenzen hat. Auch ist ja ganz klar, dass es in einem solchen' omne', das doch in jedem Augenblicke eine ganz bestimmte Grenze haben würde, keineswegs gleich ist, quibus adsistas regionibus eius'. Gneisse meint nun freilich, wenn dem Dichter omne und omne quod est spatium dieselbe Ausdehnung gehabt hätte, so könne bei der Annahme der Begrenztheit des letzteren nicht mehr von der Unbegrenztheit des ersteren die Rede sein. Das heisst doch das Wesen der απαγωγή εις το αδύνατον ganz und gar verkennen. Was den Ausdruck unserer Stelle betrifft, das finique locet se und non est a fine profectum, so erinnere man sich nur, dass auch in der griechischen Quelle an beiden Stellen dasselbe Wort, nämlich tépha, gestanden haben kann. Dann war dem Dichter das Wortspiel mit finis

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welches so ganz seinem Geschmack entspricht s. II 942, wo merkwürdiger Weise auch Munro das Wortspiel omnituentes und tuentur verkennt, und I 875 ff. recht bequem. Eine Stelle, welche Gneisse ziemlich direkt widerlegt, II 303 f. sucht er durch eine sehr gekünstelte Erklärung unschädlich zu machen. Eine andere, welche ein authentisches Zeugnis wider seine eigentümliche Behauptung ablegt, hat er übersehen. Im Prooemium von B. III, v. 17 sagt Lucrez totum video per inane geri res: er kennt also kein inane ausserhalb des omne.

Auf Gneisse's weitere Ausführungen kann ich hier nicht eingehen, brauche es aber auch nicht, da, wenn ich bis hierher Recht habe, die Fundamente der Gneisse'schen Annahme zerstört sind. Dass in der Vorstellung des Epikur und seines Schülers kein Raum existirt, wo noch keine Atome wirbeln, dass ihm also auch die Masse der Atome nicht als fallend in der Phantasie gegenwärtig ist und dass endlich nicht einmal die Welten fallen sollen, kann ich hier nur behaupten, den Beweis werde ich an einem andern Orte in einem schon beinahe vollendeten Aufsatze führen. Für jetzt verweise ich in Betreff des Lucrezischen Begriffes des omne auf die grundlegende Untersuchung von Hoerschelmann, Quaest. Lucret. II, vor allem S. 19 ff.

XIV. In dem Zeitraume, welchen dieser Bericht umfasst, ist, ob 1880 oder 1881, finde ich nicht angegeben, eine Uebersetzung des Lucrezischen Gedichtes erschienen, von Max Seydel. Der Uebersetzer (ord. Professor des bayer. Verfassungs- und Verwaltungsrechts an der Universität München) scheint Geschmack und Gewandtheit zu besitzen, auch seine Verse, wenn auch etwas leger, so doch nach einem gesunden Grundprincipe zu bauen. Viel mehr kann ich nicht sagen, da ich von dem Werke nur die wenigen Proben kenne, welche ein ungenannter Berichterstatter in der Augsbg. Allg. Ztg. vom 1. Dec. 1881 Beil. mitteilt.

Jene Proben gebe ich hier zum grössten Teile.

Das Prooemium von II beginnt: » Wonnegefühl ist's wenn sich im Sturm aufbäumen die Wogen, Weilend am sicheren Strand zu betrachten den ringenden Schiffer; Nicht weil Lust es gewährt an der Anderen Noth sich zu weiden, Sondern des eigenen Leids Abwesenheit merkst du am fremden. Wonnegefühl auch ist's ohn' eigene Lebensgefährdung Spähend die Schlacht zu verfolgen, die fern sich über's Gefild wälzt. Aber das Seligste ist auf des Wissens gewaltiger Hochburg Stehend hernieder zu schau'n von den leuchtenden Tempeln der Weisheit. Lächelnd blickst du herab auf das niedrige Treiben der Menschen, Wie sie da hasten und rennen den Pfad zu suchen des Lebens, Irrenden Laufs sich messen an Geist, sich streiten um Adel, (?) Tag und Nacht sich verzehren in rastlos keuchender Mühsal, Dass sie empor sich drängen zur Macht und zum Steuer des Staatesa. Ich reihe hier das Prooemium von IV an: »Froh in der Musen Geleit pfadlose Gefilde durchwall' ich, Stätten erforschend begeisterten Sinns, die noch keiner betreten; Freudig schlürf' ich die Fluth jungfräulicher Quellen, und freudig Pflück' ich und wind' ich zum Kranz so duftige Blüthe, wie niemals Einem der Sterblichen sie auf die Schläfe die Muse gedrückt hat. Denn von Erhabenem meldet mein Lied, aus der argen Umstrickung Trügenden Glaubens versucht den gefesselten Geist es zu lösen; Leuchtenden Lichtglanz streuet es aus in das Dunkel der Dinge. Alles gewinnt an gefälligem Reiz durch Zauber der Dichtung. Wähne nicht eitel den Schmuck, in den die Belehrung sich einhüllt, Sondern wie heilend der Arzt, wenn den Kleinen er widrigen Wermuth Darreicht, erst noch den Becher am Rand mit dem goldigen Honig Lieblicher Süsse bestreicht, dass die kindliche Lippe dann arglos Schlürfe die herbe Arznei, ob getäuscht auch, doch nicht betrogen, Da um der Täuschung Preis den Gewinn der Genesung sie eintauscht: Ebenso will ich, nachdem Unkundigen meistens die Lehre Trostlos deucht, die ich künde, und vollends dem Pöbel ein Gräuel, Unsere Philosophie zu melodischen Rhythmen gestalten, Will ich versüssen mein Wort durch der Dichtung iieblichen Honig, Und so gelingt's vielleicht mit der goldnen Fessel der Verse Fest dich zu halten, bis ganz das Gefüge der Welt du erkannt hast, Aber mit diesem zugleich auch den Vortheil solcher Belehrung«. Mit dem goldenen Honig lieblicher Süsse und Die Philosophie zu Rhythmen gestalten' erscheint mir nicht deutsch. Mit welchem Rechte die Worte ac persentis utilitatem vom Uebersetzer mit einem aber .... zugleich auch' angeknüpft werden, verstehe ich nicht. Sonst ist der Sinn richtig erfasst und wiedergegeben. Creech sagt: donec ... istius cognitionis utilitatem percipias', hat also die Stelle gleichfalls verstanden, Munro dagegen übersetzt: 'till such time as you apprehend all the nature of things and throughly feel what use it has', was im günstigsten Falle zweideutig ist.

XV. Endlich gestatte ich mir, alle, die sich mit dem Studium des Lucrez eingehend und nicht bloss einseitig beschäftigen, auf's neue auf das ausgezeichnete Buch von Constant Martha hinzuweisen, welches im vorigen Jahr in dritter Auflage erschienen ist. Eingehend besprochen habe ich es im Jahresbericht für 1873.

Nur beiläufig erwähne ich das philosophische Gedicht von J. T. L. Schlenther, welches Stirb und Werde' betitelt ist und sich als ein Weltbild nach Lucrez und Andern' ankündigt. Nicht Epikur, sondern Hegel ist seines Liedes Held' IX 26, von Lucrez aber entlehnt er das Prooemium, I Str. 1-4. Im Anfange von Canto II ist Lucr. V 920 - 1133 in einzelnen Zügen benutzt und so auch sonst gelegentlich. Das neue

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