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Gedicht vom Wesen der Dinge hat viel Byron'sches, giebt aber dessen ungeachtet, was es aus Lucrez entlehnt, verständnisvoll und schön wieder.

Der Verfasser dieses Berichtes hat sich mehr als einmal erlaubt, auf Lücken in der Lucrezphilologie hinzuweisen und anzudeuten, wie nach seinem unmassgeblichen Dafürhalten diese am zweckmässigsten ausgefüllt werden könnten. Auch jetzt möge man ihm vergönnen in einer Art von Nachwort einige allgemeine Bemerkungen von praktischer Tendenz auszusprechen.

Vor allem bringe ich die Ueberzeugung zum Ausdruck, dass der Lucreztext, wie er in den Leidener Handschriften vorliegt, im Allgemeinen nicht zu kühnen und tief einschneidenden Konjekturen herausfordert. So bleiben im ersten Buche, wo die Ueberlieferung im ganzen eine vortreffliche ist, wenn man die Stellen abzieht, die durch leichte und im ganzen unbestrittene Korrektur hergestellt sind, vielleicht nur 25 oder höchstens 30 Verse übrig, welche die Kunst des Kritikers erfordern. Eine grosse Menge von Konjekturen, vor allem von Lachmann'schen Konjekturen, hat sich der fortschreitenden Ergründung des lucrezischen Gedichtes und seiner Sprache gegenüber als unnötig erwiesen

S. Jahresb. 1873, 1104 ff. und Referent selbst muss viele seiner früheren Vermutungen fallen lassen *). Von vornherein verdächtig sind allzu künstlich ausgedüftelte Konjekturen, dann solche, welche an mehr als einer Stelle des Verses oder gar in zwei auf einander folgenden Versen ändern. Verwerflich sind alle zum Zweck der Uniformirung des Lucrezischen Sprachgebrauches gemachten Aenderungen, wenn sie nicht den Charakter von Korrekturen haben oder von dem allgemeinen klassischen Sprachgebrauche gebieterisch gefordert zu werden scheinen. Aber auch im letzteren Falle sind noch Zweifel möglich, wie bei minent VI 563, ferner mirande multa IV 462, während mirande abdita IV 418 allerdings sehr bedenklich ist. Willkürlichkeiten, wie Lachmann's Verpönung von

*) Da es nicht selten vorgekommen ist, das Konjekturen, welche der Referent in Folge genauerer Erkenntnis der Eigentümlichkeiten der Lucrezi. schen Sprache oder der Lehre Epikur's oder endlich des örtlichen Zusammenhanges aufgegeben hat, in neueren Untersuchungen entweder gebilligt oder auch bekämpft werden, so mögen hier diejenigen eigenen oder adoptirten fremden Vermutungen zusammengestellt werden, welche er entweder unbedingt aufgiebt oder doch nur als möglich gelten lassen will. Vorgetragen sind diese Vermutungen in den Bänden XIV, XXIII, XXIV. XXV, XXVII, XXIX und XXXII des Philologus.

I 217 mortale a cunctis partibus; e cunctis p. ist richtig. 220 externaque long a flumina suppeditant; longe . suppeditant r. v. 282 quod largis imbribus auget f., 8. Jahresber. 1878 Abt. II S. 196 f. 722 eructans für eruplos .. ignis vielleicht richtig, aber iterum ohne Grund angetastet. 996 injerna (Lachmann aeterna) ist richtig, aber nicht Munro's Erklärung. 1024 motata für mu tata unnötig und also zu verwerfen. 1033 summaque ut, Lachmann's summissaque besser.

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etiam, von despicere aliquid etwas unter sich erblicken' und ähnliches, sollten keinen Verteidiger mehr finden. Auch sonst sollte Lachmann's Autorität auf das eigene Urteil der Kritiker nicht so drücken, wie wir das zuweilen wahrnehmen; so bei caeli tonitralia templa (Mss. tonetralia), wofür Lachmann penetralia schreibt, s. dagegen Philol. XXIII S. 641, Jahresber. 1878 S. 202 und, wegen der Form, Lucr. VI 163 und 171 (tonitrum : tonitralis), ferner bei spicarumque III 198, wo die Kritiker, nachdem Lachmann die Stelle missverstanden hatte (s. Jahresber. 1877 S. 1119), einander in unnützen Konjekturen überboten haben, so bei moris ... indupedita exiguis VI 453 f. statt modis indupedita exiguis, welches Bockemüller wiederhergestellt hat. Moris giebt, wie die beigebrachten Beispiele und der Zusammenhang zeigen, hier gar keinen Sinn.

Vor allem kann der Lucrezkritiker der Kenntnis des dargestellten Systems nicht entraten, für dessen Erklärung allerdings noch sehr wenig geschehen ist. Fast nur die Hoerschelmannsche Arbeit (Observ. Lucretianae alterae) kann als eine hervorragende Leistung auf diesem Gebiete gelten, natürlich abgesehen von dem vielen Brauchbaren, was Munro's und hie und da auch Bockemüller's Kommentar enthält.

Was die grammatische und lexilogische Lucrezforschung betrifft, so ist hier eine grössere Akribie notwendig, als man sie zuweilen angewendet findet. Auch müssen die Kenntnisse und Anschauungen dessen, welcher sich an grammatische Untersuchungen macht, um ein beträchtliches über das Elementare hinausgehen. Sind diese Bedingungen nicht erfüllt, so mögen solche Arbeiten oft beinahe mehr schaden als nützen, wenigstens wenn sie jemand in gutem Glauben als Fundament für weitere und umfassendere Forschungen benutzt oder sich in der Kritik oder Exegese auf sie stützt.

Man wird dem Referenten diese Expektorationen verzeihen: sie sind von einem durchaus sachlichen Interesse eingegeben.

Il 42f. magnis et duris .... armis hastis wohl zu künstlich. 116 per inane ist optisch aufzufassen und also richtig. 241 porro für per se f. 362 fluminaque illa (nicht alma). 547 si iam hoce velis (mss. sumant oculi) zu künstlich. In uli steckt jedenfalls uti. 579 vagitibus aegris ist richtig. 659, 680 dum vera re tamen ips a (f. ipse) religione, nicht notwendig. 789 und 819; Lücken hinter diesen Versen mit Unrecht angenommen, s. Jahrb. f. class. Philol. 1875 S. 612. 829 ff. An distractum est ohne zwingenden Grund Anstoss genommen, cf. I 391f., wo keine Lücke anzunehmen ist. 892 f. carent res sensu , i am extemplo scheint, trotz Polle's Zustimmung, zu künstlich. Winckelmann ändert mit Recht nur die Interpunktion: quae cunque creant res sensilia, extemplo, diese Stelle und 895 sensile quae faci unt stützen sich gegenseitig. III 717 sincer is membris von Munro erklärt. IV 166 quocunque obvertimus oris (ollis') ist nicht unerklärbar. IV 397 extantisque procul ... montis classibus inter quos (Mss. Winckelmann, Munro, Polle) ist vielleicht doch richtig.

Jahresbericht über Terentius und die übrigen scenischen Dichter ausser Plautus*) für 1878—1881.

Von

Gymn.- Professor Dr. A. Spengel

in München.

Terentius.

Historisches. 1) Herm. Schindler, Observationes criticae et historicae in Terentium. Diss. inaug. Halis, Sax. 1881. 53 S. 8.

(Recens. Philol. Wochenschrift II (1882) No. 32 S. 998 - 1000 von H. Draheim.)

Die Abhandlung besteht aus drei Theilen. I. De Arusiani Messii testimoniis Terentianis. Seitdem Keil im VII. Band der Grammatici latini den Arusianus edirte und zeigte, dass alle Handschriften desselben auf den cod. Neapolitanus zurückgehen, ist für den Text dieses Grammatikers eine sichere Grundlage gewonnen. Schindler weist nun durch Zusammenstellung der Citate aus Terentius nach, dass der Text derselben weitaus am meisten mit dem cod. Victorianus (D) des Terentius übereinstimmt, woraus er den weiteren Schluss zieht, dass dieser codex nicht der Calliopischen Recension angehören könne.

II. Quo tempore Terenti Adelphoe primum acta sit. Die Ansicht, dass die Adelphoe schon vor dem Jahre 594, in welchem nach der Didaskalie das Stück dargestellt wurde, einmal aufgeführt worden, zuerst von Wilmanns aufgestellt, von anderen Gelehrten theils angenommen theils verworfen, greift Schindler auf und sucht als Zeit der ersten Aufführung das Jahr 592 nachzuweisen. Dabei stützt er sich namentlich auf die Aehnlichkeit des Inhalts der Prologe. Dass sowohl im Prolog des Heautont. als in dem der Adelphoe von den amici die Rede ist, die den

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*) Ausgeschlossen wurden die Schriften, welche auf Plautus und Terentius zugleich Bezug haben und schon oben im Jahresbericht für Plautus von A. Lorenz besprochen wurden. Jahresbericht für Alterthumswissenschaft XXVII. (1881. II.)

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Dichter bei seiner Arbeit unterstützen, und dass sowohl im Prolog der Adelphoe als in dem zum Eunuchus von dem Vorwurf des litterarischen Diebstahls gesprochen wird, dies lasse auf eine ziemlich gleichzeitige Abfassung der betreffenden Stücke schliessen. Ich möchte jedoch nicht glauben, dass damit die schwierige Frage zur Entscheidung gebracht ist, was sich der Verfasser auch nach seinen Schlussworten nicht verheblt zu haben scheint. – III. Hecyrae prologos ab Ambivio Turpione esse conscriptos. Mit Recht wird die Echtheit beider Prologe vertheidigt. Ambivius selbst, nicht Terentius habe sie beide verfasst und der Dichter sei zur Zeit der dritten Aufführung der Hecyra nicht mehr in Rom gewesen, sondern im Sommer oder Frühjahr des Jahres 594 nach Griechenland abgereist. Jedenfalls ist der zweite Prolog so verfasst, dass Ambivius nur in seinem eigenen Namen spricht. Eine Mitwirkung des Terentius bei seiner Conception scheint mir nicht als unmöglich ausgeschlossen, zumal die Abwesenheit des Dichters von Rom zur Zeit der dritten Aufführung sich nicht sicher erweisen lässt.

2) Arthur Niemir, Ueber die Didaskalien des Terenz. Luckenwalde 1879. Progr. No. 95. 13 S. 4.

Der Verfasser bietet nichts neues, stellt aber das vorhandene in übersichtlicher Weise zusammen und zieht Vergleiche zwischen den antiken und modernen Einrichtungen dieser Art. Ein Widerspruch ist es, wenn S. 4 in der Didaskalie der Andria die zwei Schauspielernamen auf zwei verschiedene Aufführungen bezogen werden, während S. 13 Anm. 27 mit Schoell zwei catervae darunter verstanden werden, die wegen der grösseren Anzahl der Personen sich zur Aufführung vereinigten. Auch bätte sich der Verfasser nicht durch die angeblich Pompeianische tessera: CAV · II CVN · III GRAD · VIII CASINA PLAVTI (aus Ritschl's Parerga p. 219) täuschen lassen sollen, nachdem schon vor 30 Jahren Wieseler Theatergebäude S. 37 f. den Irrthum nachgewiesen hat.

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3) E. Naumann, De personarum usu in P. Terentii comoediis. Egyet. Philol. Körl. II 1878 p. 350—356.

Lateinisch geschriebene Abhandlung.

4) Otto Franke, Terenz auf dem Weimar'schen Hoftheater zu Anfang unseres Jahrhunderts. Deutsche Studienblätter, Organ für Litteratur und Kunst. III. Jahrg. 1878 No. 1 S. 2 – 10. Leipzig, Webel.

Der kleine Aufsatz bespricht die Vorführung einzelner Komödien des Terentius, nämlich der Adelphoe, des Eunuchus und der Andria, auf dem Weimar'schen Theater unter Goethe's Leitung nach der deutschen Uebertragung des Kammerherrn F. H. v. Einsiedeln. Die erste Aufführung der Adelphoe nannte A. W. Schlegel einen wahrhaft attischen

Abend. Interessant ist namentlich, was über die Anwendung der Masken gesagt ist, auf welche Goethe, wie mehrere seiner Aussprüche beweisen, sehr grossen Werth legte. Man wählte nur die Maskierung von Stirne, Nase und Kinn und liess den übrigen Theil des Gesichtes unbedeckt.

Auf Grammatik und Textkritik beziehen sich :

1) Carolus Rein, De pronominum apud Terentium collocatione capita quattuor. Leipzig, Stauffer 1879. 66 S. 8.

Wie früher von Mahler die Stellung der Personalpronomina bei Plautus behandelt worden, so wird hier ihre Stellung bei Terentius und zwar nicht ausschliesslich die der Personalpronomina einer eingehenden Untersuchung unterzogen. Im ersten der vier Abschnitte wird gezeigt, dass Terentius (wie Plautus) den Nominativ eines Personalprouomens jedem Casus obliquus desselben oder eines anderen Personal pronomens voranstellt und von dieser Stellung nur dann in bewusster Weise abgeht, wenn der Casus obliquus besonders hervorgehoben werden soll. Auch der Accusativ wird den übrigen Casus obliqui in der Regel vorangestellt. Das Reflexivpronomen tritt möglichst nahe an dasjenige Wort mit dem es sich zu einem Begriff verbindet. Im zweiten Abschnitt, der die Stellen begreift, an welchen zweimal ein Casus eines gleichen Pronomens sich vorfindet, wird dasselbe Gesetz durchgeführt, dass der Nominativ vor dem Accusativ und den übrigen Casus, der Accusativ vor den anderen Casus obliqui zu stehen kommt. Der dritte Theil bespricht die Wortstellung, wenn Pronomina personalia mit den possessiva verbunden sind. Nominativ und Accusativ des Personalpronomens stehen wieder den anderen Casus der Possessivpronomina voran. Der vierte Abschnitt geht von einer Bemerkung Ritschl's (Opusc. II, 418) aus, dass idem, wenn es mit einem Pronomen demonstrativum in Verbindung tritt, diesem unmittelbar voranzugehen pflegt, so immer idem hic, idem iste, idem ille, während ipse nachgestellt wird. An drei Stellen findet sich bei idem die entgegengesetzte Wortfolge, die deshalb von Rein durch Aenderung beseitigt werden, schwerlich mit Recht, zumal an zweien derselben zwischen idem und dem Demonstrativpronomen zwei, resp. drei Wörter gestellt sind. So verdienstvoll es aber ist, dass dem Sprachgebrauch hinsichtlich der Stellung bestimmter Wörter nachgespürt wird, so ist es doch gerade hierin sehr gewagt aus dem häufigen Vorkommen ein unverbrüchliches Gesetz abzuleiten und das lebendige Wort in spanische Stiefel einzuschnüren. Keines der obigen Gesetze ist ausnahmslos durchzuführen und Rein hätte besser gethan die entgegenstehenden Stellen einfach zu verzeichnen statt sie abzuändern. Im Anschluss an die vorliegenden Fragen hat übrigens der Verfasser eine ziemliche Anzahl von Versen des Terentius kritisch besprochen und ebensosehr Kenntnis der Litteratur als gesundes Urteil an den Tag gelegt.

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