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scheinlich. Wollte man dem Verfasser eine andere Theorie entgegenhalten, Ovid habe sich bei seinem gelehrten, sagenkundigen Freunde, dem kaiserlichen Bibliothekar Hyginus (Suet. gramm. 20: Ovidio familiarissimus), in den einzelnen Fällen Rath und Quellenschriften verschafft, so würde Hülsen gegen diese zwar auch nicht beweisbare, aber dem mehr auf den äusseren Schein bedachten Wesen Ovid's vielleicht entsprechendere Ansicht mit seinem Beweismaterial nicht obsiegen können. Immerhin ist die fleissige Sammlung der betreffenden Stellen von Nutzen, auch müssen wir die flüssige Latinität des Verfassers anerkennen. In seinen Thesen conjiciert Hülsen zu Fast. 2, 568 luctiferos quot, und 4, 709 urere captam.

Die Schrift wurde von G. Nick auch im Philologus 40, 380 - 382 recensiert, welcher dem Verfasser gleichfalls eine Reihe von Ungenauigkeiten und Auslassungen vorwirft; so werde z. B. seine Meinung, Ovid habe Iuba nicht benutzt, sehr mit Unrecht auf Plut. Q. R. 86 begründet.

The Fasti of Ovid edited with notes and indices by G. H. Hallam. London, Macmillan, 1882.

Eine Schulausgabe, wie andere, im Texte in dieser zweiten Auflage an meine Ausgabe, im kurz und rein praktisch gefassten Commentaran Peter sich anschliessend, mit einer das Notwendige bietenden Einleitung und zwei Karten versehen. Von Interesse aber und für deutsche Schulcommentare zur Nachahmung zu empfehlen ist in der Introduction der § 6: Modern parallels to Roman usages'. Da ist Weihnachten mit den Saturnalia und auch den Caristia (?) verglichen, zu 1, 185 an die Neujahrsgeschenke und -Karten, zu 3, 768 an die Osterferien, zu 4, 655 an die celtischen Freudenfeuer, zur februatio (2, 19 ff.) an Lichtmess, zu 5, 181 an May Queen und den May Day, zu 6, 121 an den Hexenglauben, zu 5, 623 f. daran erinnert, dass englische Bräute beim Verlassen des Vaterhauses mit einem Hagel von Reiskörnern begrüsst werden; zu 3, 256-8 erinnert der Verfasser an ähnliche christliche Ex Voto's; zu 6, 584 endlich an den Ritterschlag von Seiten des Souverains. Dergleichen kurz angemerkt bietet für schulmässige Erklärung eine wertvolle Anregung.

C. Schrader, Zu Ovidius' Fasten (Jahrb. f. Philol. 1880, S. 763 f.) sucht darzuthun, dass Ovid fast. 1, 645 -8 an den 16. Januar nicht des Jahres 12, sondern 10 n. Chr. denke; die Restauration des Tempels sei durch die Erfolge des Jahres 8 v. Chr. veranlasst.

De amicorum in Ovidii Tristibus persouis. Diss. inaug. Scr. Balduinus Lorentz. Leipzig 18818).

Eine schwierige und in den meisten Fällen unlösbare Frage (s. ob. S. 73) int es, die der Verfasser dieser Dissertation zu beantworten unter

8) Angezeigt von 0. Gruppe, Pbilol. Rundschau I 1619-1624.

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nimmt. Hat doch Ovid selbst das Möglichste gethan, um die Adressaten in den Tristien unkenntlich zu machen! Die wenigen persönlichen Züge aber, die wir in diesen absichtlich verwischten Bildern finden, passen immer gleich auf mehr als einen Mann. Wenn der Adressat z. B. tr. 4, 5, 29 mit seinem Bruder vereinigt genannt wird als ein edles Dioskurenpaar, so kann man neben den beiden Söhnen des Messalla ebenso auch an die zwei Ovid befreundeten Pomponier, Graecinus und Flaccus, denken. So schwindet jede Aussicht auf Sicherheit der Resultate; ich will deshalb nur kurz anführen, dass Lorentz den Cotta Maximus für Trist. 4, 4 und 5 (letztere ist nach Gräber an dessen Bruder gerichtet), den Sex. Pompeius für 1, 5 und 5, 9 (welche Gräber dem Celsus und Cotta zuteilt), den Fabius Maximus für 3, 6 und 5, 2, den Curtius Atticus für 4, 7, für 5, 4, 6 und 13, den Brutus für 1, 7 und 3, 14, den Carus für 1, 9, 3, 4 und 5 in Anspruch nimmt; die Gründe sind aber meist sehr unzureichend, wie wenn er z. B. Briefe, die eine gewisse 'anxietas et sollicitudo' wegen der Lässigkeit des Angeredeten zeigen, einfach deshalb an Curtius Atticus gerichtet sein lässt. Ovid wird denn doch einen gewissen (allerdings nicht hohen) Grad von Abwechselung den Einzelnen gegenüber erstrebt haben. Uebrigens ist tüchtiger Fleiss an der Arbeit anzuerkennen.

Ovid's Tristien, Elegieen eines Verbannten. Ein Gesammtbild ihres Inhalts und poetischen Gehalts. Von Franz Poland. Leipzig, Serbe, 1881.

Eine von einem älteren Manne mit warmer Begeisterung geschriebene, für die Freunde des klassischen Altertums und die reifere Jugend bestimmte Skizze über Ovid, die Ursachen und den Verlauf seiner Verbannung, seine Gattin und seine Freunde und Feinde und die Gedichte seiner späteren Zeit. Die Arbeit bietet der Wissenschaft zwar nichts Neues, ist aber lesbar und verständig geschrieben. Eine Anzahl von Einzelstellen sind in's Deutsche übertragen, leider aber öfter in recht mangelhaften Versen, wie es z. B. der Hexameter (S. 57): »Sei dir's vergönnt, ungestört deines Lebens Ziel zu erreichen« oder gar der Vers ist, der diesem unmittelbar vorangeht. Zum Schlusse spricht der Verfasser die gewiss erwägenswerte Ansicht aus, dass eine echte Dichterphantasie Ovid's Schicksale zu einem farbenreichen Trauerspiele gestalten könne, das sich auch zu glanzvoller äusserer Ausstattung eignen würde.

P. Ovidii Nasonis Ibis. Ex novis codicibus edidit, scholia vetera, commentarium cum prolegomenis appendice indice addidit R. Ellis. Oxonii, typis Clarendonianis 1881.

Eine sehr verdienstliche Arbeit, eine Frucht des unverdrossensten Fleisses. Soviel es durch das massenhafte Studium der zum Theil sehr unerquicklichen Erudition des späten Altertums möglich war, hat Ellis

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die Dunkelheit des ovidischen Gedichtes erhellt und ausserdem die Scholiensammlung auch quantitativ sehr bereichert. Es stand Ellis ein weit grösseres Material als seinen Vorgängern, deren letzter Merkel war, zu Gebote. Er konnte nicht nur die zahlreichen Citate aus Ibis benutzen, welche das von dem Schweizer Konradus de Mure im Jahre 1273 verfasste Repertorium vocabulorum exquisitorum darbietet und welche an einigen Stellen beachtenswerte Lesarten einer anderen Handschriftenfamilie zu enthalten scheinen, sondern es standen ihm auch zwei Handschriften zu Cambridge und zu Tours zur Verfügung, welche die bisher bekannten an Alter übertreffen, da sie beide dem 12. Jahrhundert angehören. In den Prolegomena verbreitet sich Ellis sorgfältig über alle mit dem Gedichte im Zusammenhang stehenden Fragen. Dieselben handeln 1. De causis Ibidis Ovidianae wobei Ellis an eine Verletzung des Cultus der Isis zu Rom denken will 2. de Callimachea Ibide wobei ihm die Abhandlung des Referenten (Jahrb. f. Philol. 1875 S. 377 ff.) entgangen ist, mit der er im Resultat gegen Schneider ziemlich übereinstimmt ; 3. de significatione Ibidis: 4. de fontibus Ibidis Ovidianae; 5. de distributione fabularum Ibidis; 6. de tralatis ex Aegypto; 7. Ovidiana Ibis a quibus citata vel expressa vel commemorata fuerit; 8. de codicibus; 9. de scholiis. Die Quellen des Gedichtes sieht Ellis theils in verschiedenen Schriften des Kallimachos, z. B. den Apria, zum Theil habe Ovid Fabeln aus seinen Metamorphosen hier nochmals benutzt. Auf den Text mit kritischem Commentar folgen die Scholien, auf weit sichererer Grundlage als bisher aufgebaut, in welchen Ellis Spuren einer Abfassung in gothischer Zeit zu finden glaubt, und sodann der erklärende Commentar zu dem abstrusen Gedichte, in welchem Ellis die ganze Fülle seiner Erudition zur Geltung bringt, und welcher wohl den verdienstlichsten Teil des ganzen Werkes bildet. Hier und da kann der Verfasser, von seiner fast übergrossen Belesenheit gedrängt, der Versuchung nicht widerstehen, auch solches beizubringen, und zwar bisweilen in reicher Menge, was das Verständnis schliesslich nicht fördert; an vielen anderen Stellen aber ist seine Arbeit von entschiedenem Nutzen; und dies Urteil gilt auch für das Ganze.

Berichtigungen. S. 72 Z. 16–18 sind die Worte »und die mir gleichfalls ... Hallam zu tilgen.

S. 72 Z. 19 muss heissen: „Berl. Gymn.-Zeitschr. XV 335 — 3689.

S. 73 Z. 14 y. u. ist zu setzen: » Cotta Maximus « statt Cotta Messalinus«.

A. Riese.

Jahresbericht über die Litteratur zur Anthologia

Latina aus den Jahren 1880 und 1881.

Von

Prof. Dr. Alex. Riese

in Frankfurt a. M.

Während auf dem an die hier zu besprechende Periode abwärts angrenzenden Gebiete das bedeutende Werk der 'Poetae latini aevi Carolini, rec. E. Dümmler. Tomi I pars 1. Berolini 1880, apud Weidmannos' erschien, welchem Arbeiten über karolingische Rhythmen von Ebert und Dümmler (Ztschr. f. deutsches Alterthum XII 144 ff. 151 ff.), Mitteilungen Aus Handschriften' von Dümmler (Neues Archiv V 621– 636) U. a. zur Seite stehen, ist die 1869 versprochene Sammlung der lateinischen metrischen Inschriften durch Bücheler wie schon lange, so leider abermals umsonst erwartet worden. Aus dem engeren Gebiet der Anthologie sind folgende Publikationen zu besprechen.

Poetae latini minores, rec. et emend. Aemilius Baehrens. vol. II 1880. III 1881. Leipzig, Teubner 1).

Nachdem ich mich über diese Ausgabe im allgemeinen, namentlich über ihre verfehlte Anordnung, schon in der Besprechung des ersten Bändchens (1879) ausgesprochen habe, bleibt nur noch kurz anzuzeigen, dass von den Gedichten der Anth. lat. in dem die Vergiliana enthaltenden volumen II die Nummern 773 - 775 und 777, in dem dritten Band aber, zwischen die lateinische Ilias, den Calpurnius, Sammonicus, Nemesianus und Catonis disticha eingestreut, die Gedichte 725 f. 723. 718. 682. 685. 688. 720. 883. 716. 664. 683. 731 (Phoenix), die Gedichte des Tiberianus, 721. 722. 485. 4. 742 — 760 sich finden. Ausserdem das Ruderlied Heia viri, die pseudo-ausonischen Septem sapientes und einige

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1) Angezeigt von E. Heydenreich, Jahrb. f. Phil. 121, 360–364. Derselbe vermutet AL. 779, 50 otia (so Meineke); 395, 45 contectans. Anzeige von Mähly, Philol. Rundschau I. 531-538; von Leo, Dtsch. Litt.-Ztg. 414 f.; Revue de philol. 1V 174; vom Referenten, Lit. Centr.-Bl. 1880, 1547 f. 1882, 219 f.

andere Verse, was meistens der Anthologie in Zukunft anzugehören hat (S. 169). Die Nummern der betreffenden Gedichte in der letzten Ausgabe sind je nach augenblicklicher Laune bald zugefügt, bald weggelassen. Der Herausgeber hat für manche Gedichte neue Handschriften oder von bekannten Handschriften neue Collationen benutzt, z. B. für C. 683 zwei Reginenses, für 716 gleichfalls zwei Reginenses, einen codex aus Vorau und einen von Tours, u. a., und selbstverständlich in der Behandlung der Texte vielfache Neuerungen angebracht. Darunter befinden sich einige welchen man beistimmen muss, z. B. die vorzügliche Verbesserung quidque id sit vegetum 490, 32 (S. 268), wo sich das handschriftliche quicquid id est, wie ich denke, durch unzeitige Erinnerung an Aen. 2, 49 erklären lässt; ferner 725, 3 casti nemoris (S. 60); 726, 15 cespite pagus; 683, 21 (S. 245) vivebant' statt videbantur', was übrigens nicht nur Götz, wie Bährens angiebt, sondern auch J. Hilberg (Epist. critica ad Jo. Vahlenum, Wien 1877) gefunden hat; ebenso wie auch die handschriftlichen Mitteilungen da und dort frühere irrtümliche Angaben verbessern, was ich z. B. bei 720 (Ponticon praefatio, S. 172) constatiren konnte. Warum aber soll dies Gedicht späten afrikanischen Ursprungs sein? Composita wie aestifluus, Bildungen wie sanguinare, auf welche Bährens hinweist, beweisen dies noch keineswegs. Wenn Catull Composita wie fluentisonus, nemorivagus, oder Verba wie hilarare, scelerare, viridare anwendete, wenn Vergil luctificus und Ovid luctisonus sagen konnten, so wird man zwar nicht mit Wernsdorf das Gedicht auf Varro Atacinus zurückführen, aber doch dem Dichter für seine Nachahmung keine zu enge Zeitgrenze setzen dürfen. – Ueber die sonstige Behandlung der Texte habe ich mich schon im Lit. Centralblatt (s. oben die Anm.) ausgesprochen, und mein im Ganzen wenig zustimmendes Urteil mit einer Reihe von Beispielen begründet. Ich verweise noch weiter auf den will. kürlichen Archaismus ferundis (statt profundi) 720, 8; auf die ebenso unnötige Aenderung candere für gaudere 720, 20; auf totas aristas die ganze Ernte 726, 25. Oder was soll 490, 5 (S. 267) quom, wo Quicherat schon lange quo hergestellt hat? » Ein Name, an dem der Allmächtige sich freut, ein Name, vor dem die Erde zitterta. Und dafür zu setzen vein Name an dem der Allmächtige sich freut, wenn die Erde zittert«, das soll eine Verbesserung sein? Ich füge diesen zufällig herausgegriffenen Beispielen keine weiteren hinzu.

Einen Zuwachs zur Anthologie giebt:

Hermanni Hageni De codicis Bernensis n. CIX Tironianis disputatio duabus tabulis lithographica arte depictis adiuta. Bern 1880.

Aus diesem Rektoratsprogramm gehört in das Gebiet unseres Berichtes das im genannten Codex teilweise in Tironianischen Noten enthaltene, bisher unbekannte Gedicht:

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