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sittsam in den Fußstapfen seines Herrn. Da schreitet ein Junfer aus den Geschlechtern tänzelnd und geziert über den Marktplaß; flugs springt Thasso zu ihm hinüber, fein Rufen, kein Pfeifen hilft, wie im Rausch hat er alle Lehren des nüchternen Morgens vergessen und friecht erst, demüthigst 5 wedelnd und um Verzeihung bittend, zu dem wüthenden Meister zurück, nachdem er den bis zum Fuß nieberfallenden langen Aermel des Patriziers mitten entzwei gerissen.

Des andern Tages schicte Meister Richwin dem Geschäs digten seinen eigenen Prunfrock mit den langen Aermeln zum 10 Ersaß. Wie fonnte ich solch ein Geck sein,“ rief er aus, ,, ein so widersinniges Soleib zu tragen? Müssen die langen, flatternden Tuchstreifen, müssen die hundert Bänder und Flitter nicht jeden Hund herausfordern, daß er daran zupfe ?"

Meister Richwin begann einen stillen Grimm auf die 15 Seleiderpracht und andere Hoffart der Geschlechter zu werfen und ging von da an nur noch im schlichtesten bürgerlichen Gewand.

Dazu dünfte ihm, die Patrizier hätten ganz besonders höhnische Blide, wenn er mit seinem Zöglinge an der Schnur 20 durch die Gassen schritt, oder wenn der entfesselte Thasso wieder einmal die Dhren verstopfte und durch Steinwürfe an feine Pflicht gemahnt werden mußte. Wie spöttisch hatte nicht neulich jene vornehme Jungfrau gelächelt, als Meister Richwin sie mit tiefer Verbeugung grüßte, indeß der Hund 25 am Strid unwiderstehlich zum nächsten Edstein hinüberzog, so daß die Verbeugung fich fast zum Fußfal gesteigert hätte? Und waren die edeln Herren nicht allezeit am gröbsten, wenn Thasso ja noch einmal an ihren galoppirenden Pferden hinaufsprang ? Wie duldsam nahmen das dagegen die fried- 30 lichen Schrittes einher reitenden Zünftler auf!

So vollbrachte Thaifo auch hier, was feinem Andern ges lungen war: an der Hundeschnur zog er seinen Herrn ganz leise von der Neutralität zur Partei der erbittertsten Zünftler

hinüber. 5 Das wurde fest und fertig, als die Weßlarer Saufleute * und Hantwerfer auf Ostern 1368 zur Frankfurter Messe gingen. Sie bildeten einen stattlichen Trupp, der geschlossen zusammenhielt bei der Fahrt durch die Wetterau, wegen

räuberischer Angriffe. Die Geschlechter waren vordem auch 10 mitgeritten in der Reiseschaar ihrer Stadt, und Meister Rich

win auf seinem stolzen Rappen hielt sich sonst lieber zu den vornehmen Leuten als zu den Zunftgenossen, die zu Fuß oder auf langsamen Sleppern die Nachhut bilbeten. Heuer aber

ließ er den Rappen zumeist bei seinen Saumthieren und ging 15 zu Fuß unter den Zünftlern. Denn Thasso lief zur Seite,

und vom Rok herab hätte er den Hund doch nur in halber Zucht halten fönnen. Die Zunftgenossen aber freuten sich gar sehr über die neue leutselige Art des Meisters, der den

schönsten Rappen beim Troß führen ließ, um mit ihnen zu 20 Fuß zu gehen. Da fiel gar manches Schmeichelwort, und

die Reben der Volfsmänner, welche früher bei Richwin gar nicht verfangen hatten, fanden jeßt die beste Statt in seiner Seele. Und als der Zug an der Friedberger Warte hielt

und herab sah auf die Thürme von Frankfurt, da war Meister 25 Richwin eingeweiht und eingeschworen in den Bund der

Zünfte wider die Geschlechter. Johannes Scodinger, der Hauptmann des Geheimbundes, schüttelte ihm dankend die Hand und rief : ,,Ach Meister, wie seid ihr ein besserer Mann

geworden, ja erst jeßt ein ganzer Mann, und das in der kurzen 30 Frist von Aschermittwoch bis Dstern!"

Gerhard fuhr auf wie aus einem Traum und erwiberte: „Ei freilich! Ich wußte wohl, daß der Hund von edler Art sei, und daß ihm nur die rechte Zucht fehle. Ja, Meister Sobinger, es geht nichts über eine gleichmäßige, ausbauernde und feste Schule, die bändigt selbst eine Bestie. Aber Thasso kann nun freigesprochen werden von der Lehre, und das soll 5 geschehen, sobald wir nach Weßlar heimgekehrt sind.“

Viertes Kapitel.

Der Sturm war in Weßlar losgebrochen, die Geschlechter waren verjagt, die Zünfte hatten das Feld und zugleich das Regiment der Reichsstadt gewonnen. Meister Richwin hatte 10 voran geleuchtet im Sampfe burch Ausbauer, Strenge gegen sich selbst und Andere und durch seinen unverföhnlichen Haß gegen die Patrizier. Die Mitbürger staunten über den ver. wandelten Mann.

Als der neue Rath nunmehr rein demokratisch aus den 15 Zünften gebildet wurde, fiel die Wahl auch auf Meister Richwin. Noch vor einem Jahre, da er sich doch gar nicht um das Gemeinwohl fümmerte, war es das süßeste Traumbild seines Ehrgeizes, einmal Rathsherr zu werden; heute, wo er heiß gearbeitet und gerungen hatte für die Stadt, lehnte er 20 ab. Niemand errieth die Ursache und Alle bestürmten den Meister, daß er in den Rath eintreten oder doch mindestens den Grund seiner Weigerung offenbaren möge.

Nach langem Zögern und mancherlei Ausflucht sprach er endlich: „Der Grund wird euch findisch scheinen. Mir aber 25 ist er ernst und schwer. Ich kann nicht täglich auf dem Rathhause sißen in dieser drangvollen Zeit, weil ich meinen Hund nicht mitnehmen darf. Lasse ich aber das Thier allein daheim,

R. N.

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so kommt wieder alles Unheil über mein Haus wie vordem. Ich sage wohl, der Hund hat ausgelernt; aber wer lernt jemals aus? Kein Mensch und kein Hund! Uebergebe ich

Thasso manchmal auf einen Tag dem Lehrjungen, so wird er 5 gleich wieder rücffällig, und es ist mir begegnet, daß ich

selber an einem solchen Tage auch wieder rückfällig geworden bin. Wir sind Beibe noch etwas schwach, wir dürfen uns nicht von einander trennen. In der Vorhalle der Kirche mag ich

die Messe so gut hören, wie drinnen im Schiff, und der Hund 10 steht an meiner Seite; als Rathsherr aber kann ich doch nicht

allezeit vor der Thüre des Rathssaales bleiben. Nehmet meinen Grund für feine Grille. Ich hege ben Aberglauben, daß mein Haus erst wieder fest stehen werde, wenn Thasso einmal

ganz fertig gezogen ist; ich darf mich noch nicht trennen von 15 dem Hunde. Und wie sollte ich das wankende Gemeinwesen festen helfen, wenn mein eigen Haus noch viel ärger wankt?"

Nach dieser Nede des Meisters, die dem Einen ernst, dem Andern spaßhaft dünkte, beschlossen die Rathsgenossen, es folle

Thasso vor allen Hunden der Stadt das Vorrecht eines Sißes 20 im Rathssaale unter dem Stuhle seines Herrn erhalten, jedoch

mit der Klausel, daß dieses Recht augenblicks erlösche, sowie sich der Hund eine Stimme anmaße.

Nach einigem Sträuben fügte sich Meister Ridhwin nun doch dem Willen seiner Mitbürger und erschien pünktlich zu 25 jeder Frist mit Thasso auf dem Rathhause. Diesen aber

nannten die Weßlarer feitdem den stummen Rathsherrn," und stumm blieb er in der That; man hörte in Jahr und Tagen nicht, daß er wider die Klausel seines Privilegs ges

fündigt hätte. 30 Auch auf der Straße schreckte er Niemand mehr durch seine

unbändige Spielerei; er war den Flegeljahren entwachsen und schritt, nach großer Hunde Art, so still und stolz hinter feinem Herrn einher, als sei er sich des Vorrechtes vor allen andern Hunden der Reichsstadt klar bewußt. Nun geschah es, daß

, Meister Richwin in der Ernte durch's Feld ging, hart an dem Graben, welcher das Stadtgebiet von einem Walde des 5 Grafen von Solms schied. Thasso schlich ruhig neben ihm. Mit einemmale aber war er verschwunden. Richwin spähte ringsum, rief und pfiff. Der Hund kam nicht. Da rauschte und frachte es in dem Dickicht jenseit des Grabens, und von Thasso wie von einem Wolfe gehegt, brach ein königlicher 10 Hirsch hervor, ein Zwanzigender zum mindesten, stupte, als er das freie Feld und den Mann fah, kehrte um, warf den Hund mit der ganzen Wucht seines Geweihes zur Seite und machte sich rückwärts wieder freie Bahn in die Büsche, unter dem Rauschen und Sniden der Blätter und Zweige. Aber 15 auch Thasso erhob sich von seiner augenblicklichen Niederlage und fuhr wie befefsen hinter dem Thiere brein, und man hörte balb nur noch fernher das Rauschen und das Pfeifen, womit der Hund Laut gab. Der arme Richwin pfiff sich die Lippen trođen und rief sich die Lungen athemlos; au seine feine 20 Dressur war verschlungen von Thasso's Jagdfieber. Zweimal trieb er ihm den Hirsch zum Graben entgegen, gleich als wolle er ihn dem Herrn zum Schusse stellen, und zweimal brach der Hirsch wieder zurück.

Beim drittenmale aber trat ein Solmscher Forstwart 25 aus dem Walbe hervor und legte seine Armbrust an, nicht auf das Wild, sondern auf den Hund. ,,Schämt euch, der ihr ein Jäger sein wollt und zielet auf den edelsten Hund, der doch nur von dem gleichen Jagdmuth berauscht ist, wie ihr selber!" rief der Meister dem Dienftmann entgegen. 30

Getroffen von der Wahrheit dieses Wortes und zugleid)

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