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Der Leibmedicu8.

Erftes Kapitel.

Würft Casimir III. war seinem hochseligen Herrn Vater, Fürst Casimir II., auf dem Throne gefolgt. Obgleich fid nun der Name des neuen Fürsten vom alten bloß durch den 5 Zuwachs eines kleinen Striches unterschied, so war der Strich, welcher Hofleben und Politif des Vaters und Sohnes trennte, dafür um so größer. Casimir II. hatte, wie so viele kleine Reichsfürsten des achtzehnten Jahrhunderts, breit und glanzvol Hof gehalten, viel gelebt und wenig geherrscht. Sehr 10 gründlich dagegen beherrschten ihn fammt dem Land feine Günstlinge. Der Sohn aber, welcher die Schmady dieser Wirthschaft von Jugend auf schweigend mit anschauen, die Last des Prunkes und Ceremonielles tragen und obendrein ein allezeit vergnügtes Gesicht dazu machen mußte, schlug 15 beim Regierungsantritt strads zum vollendeten Widerspiel seines Vaters um. Der halbe Hofstaat warb entlassen, die Feste eingestellt, die Günstlinge verschwanden; ein ganzes Dußend von Vertrauten hatte das Ohr des alten Casimir besessen, das Ohr des neuen Casimir besaß kein Mensch; er 20 regierte selber, und nicht einmal sein Sammerdiener konnte

sich persönlicher Einflüsse rühmen. Welch fabelhafte Neuerung für das ganze Land: ein Fürst, der selbst regierte, und ein Hof, an welchem es feine Einflüsse gab! Hätte nicht der

große Romet im Frühjahr Unerhörtes vorbedeutet, die alten 5 Hofleute würden solche Dinge nicht für möglich gehalten haben, selbst jeßt nicht, als sie längst schon wirklich waren.

Das Schloß schien verwaist. Der junge Fürst war noch unvermählt

, seine Mutter längst gestorben, die Schwester auss wärts verheirathet; es war ein Hof ohne Frauen. Rein 10 Wunder, daß es in den alten Mauern fo ftill wurde wie im

Kloster. Das einzige Vergnügen Casimirs war die Jagd, aber nicht in der damals beliebten Form prahlerischer Pars forcejagd-Fefte, sondern die einsame Waidmannslust im vecs

schwiegenen Waldesdickicht. 15 Nun geschah es einmal, daß der junge Fürst an einem

tüdischen Spätherbstabend ftatt des vergebens erlauerten Wildes ein Fieber mit nach Hause bradite. Seit den frühen Kindertagen war er nicht frank gewesen, er fonnte wohl mit

Grund auf seine stahlharte Leibesnatur bauen, die der Härte 20 seiner Willenskraft entsprach, und es war darum kein Wuns

der, daß er beim Regierungsantritt neben andern Hofbedienfteten auch den alten Leibmedicus als überzählig entlassen hatte. Er meinte damals, die Arbeit und das Waidwerk solle

ihm den Doktor und Apotheker sparen und hielt überhaupt 25 mit seinem Lieblingsdichter Molière nicht sonderlich viel von

der medicinischen Fakultät. Nun war er dennoch krank geworden, und das erschrecte ihn zehnmal mehr als andere Leute, weil er’s so gar nicht gewöhnt war. Da gelang es dem

Hofmarschall, einem tief gedemüthigten Ueberbleibsel des 30 früheren Hofes, dem im Augenblick besonders stark vom Fieber

geschüttelten hohen Patienten das Versprechen abzuringen, er wolle ärztliche Hülfe suchen, auch jedenfalls wieder einen Leibmedicus in aller Form anstellen. Die ungeheure Selbstüberwindung, zu welcher sich der Fürst bei diesem Entschluß aufraffte, wirkte wundersam. Unmittelbar nachdem er dem Hofmarschal das Wort gegeben, brach ein heftiger Schweiß 5 aus, dem alsbald ein tiefer Schlaf folgte, und als Fürst Ca: simir am andern Morgen erwachte, fühlte er sich fieberfrei.

Nun erschrack er freilich über das gestern dem Hofmarschau gegebene Wort und hielt feine Genesung fast für zu theuer er: kauft. Doch nach kurzem Besinnen biß er die Lippen zusam: 10 men, sprach zu fich felbft : ,,Ein Mann, ein Wort!" und ver: fügte die Bestallung eines Leibmedicus. Troß solches mannhaft ehrlichen Sinnes lauerte aber dennoch ber Schalt im Hintergrund. Denn während der Hofmarschall seinen Freunden bereits triumphirend in's Ohr flüsterte, daß das neue System 15 gebrochen sei und der alte Hofstaat wieder erstehe, fann der Fürst, wie er durch die Person des Leibarztes selber den leibärztlichen Posten zu eitel Trug und Schein machen wolle.

Zwei berühmte Aerzte der Residenz wurden von der öffentlichen Stimme als die einzig möglichen Candidaten 20 der beneideten Würde bezeichnet. Der Fürst aber wählte einen Dritten, an welchen kein Mensch gedacht. Die ganze Stadt fiel aus den Wolfen über diese Wahl, und wenn überhaupt Einer mehr aus den Wolfen fallen kann als · Andere, fo fiel der Gewählte felbft am meisten aus den 25 Wolfen. Er war ein blutjunger Bursche, faum von der Hochschule heimgekehrt, von wo er neben einer Braut auch den Doktorhut mitgebracht; außerdem war wenig von einem Doktor an ihm zu verspüren. Als frischer, artiger Lebemann stadtbekannt, wurde er in jede luftige Gesellschaft gerufen, 30 allein Niemand berief ihn an's Frankenbett; übrigens befaß

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er ein ausgezeichnetes Punschrecept, welches er für die Haus: frauen der halben Stadt abschreiben mußte; andere Recepte begehrte man nicht von ihm. Von sehr bürgerlicher Herkunft,

konnte er in vetterschaftlicher Gunst und Nachhülfe keinen 5 Ersaß für seine unerworbenen Renntnisse suchen, ja der uns

glüdliche Mensch hatte nicht einmal einen ordentlichen unters scheidenden Namen; denn er hieß Johann Jakob Müller! Und diesen Dr. Johann Jakob Müller berief der räthselhafte

Fürst zu seinem Leibarzt! Man konnte im Doppelsinne 10 des Wortes sagen: der Fürst war dieses Leibarztes herster" Patient.

Müller hatte jedoch eine für Aerzte besonders schäßbare Eigenschaft: er wußte, daß er nichts wußte, und da er eben

so offen und ehrlich gegen Andere als bescheiden in sich selbst 15 war, fo ftieg er, zur ersten Audienz berufen, die Marmor:

treppe des Schlosses mit dein festen Vorsaß hinan, dem Fürsten feine Unfähigkeit gerade heraus zu bekennen und ihn um allergnädigstes Verschonen mit der zugedachten Würde zu

bitten. Allein zu seinem Erstaunen nahm ihm der Fürst 20 die Gedanken aus der Seele, indem er ihn folgendergestalt anredete:

Mein lieber Doktor Müler! Er muß sich nicht einbilben, daß ich Ihn wegen Seiner ärztlichen Sunst zu meinem

Leibmedicus ernannt habe. Ich weiß, daß er auf univers 25 sitäten nichts gelernt hat. Allein die Doktores sind allesammt

Charlatans, und wer, gleich Ihm, feine Praris friegt, der kurirt wenigstens Niemanden zu Tode, und ist also fast in seiner Art der Beste. Weil Er Mutterwiß und Bescheidenheit

hat, darum soll Er mein Leibarzt sein, nicht wegen Seiner 30 Wissenschaft, um welche ich mich den Teufel fümmere. Ich

lasse die Natur walten, als den größten Arzt, und Er solu mir nicht brein reben. Es ist altherkömmlich an unserm Hofe, daß der Leibmedicus jeden Morgen präcis 8 Uhr im Stabinette des Fürsten erscheint, und da ich nach altem Brauch nun wieber einen Leibmedicus habe, so will ich ihn auch jeden Morgen zur rechten Stunde vor mir sehen. Im Uebrigen 5 kümmere er sich nicht um meine Gesundheit und schweige Er bis ich Ihn frage. Sei Er klug, stille und bescheiden, mein lieber Doktor, und Er fann Sein Glück machen.“

Durch diese Anrebe war Müller aus dem Concept ges bracht; er konnte nun nicht mehr ablehnen, denn just aus 10 demselben Grund, aus welchem er sich für unwürdig seines neuen Postens hielt

, erklärte ihn in der Fürst als dessen ganz besonders würdig. Auch erwachte bei den gnädigen groben Worten des Herrn sein natürlicher Leichtsinn wieder; er dachte im Stillen, für einen Fünfundzwanziger, der weiter 15 nichts befiße als eine Braut, sei folch ein Anfang nicht übel, und was der Fürst da von ihm forbere, das könne er fo gut leisten wie jeder Andere. Statt abzulehnen, dankte er also unterthänigst für die fürstliche Gnade und ward von dem wortfargen Herrn in aller Huld aus der Audienz entlassen.

Ais die beiden jungen Männer einander gegenüberstanden, war Jeder scheinbar recht zufrieden mit sich und seiner Rolle. Allein Beide waren redliche Gemüther. Darum pacte den Fürsten so gut wie den Doktor Scham und Aerger über das Spiel, so wie sie sich getrennt hatten. Der Fürst empfand es 25 nur zu klar, daß er sein Wort boch nur dem Buchstaben nach gehalten, dem Sinne nach aber gebrochen hatte, und dies däuchte ihm gar nicht fürstlich. Indem er åußerlich sich treu geblieben, war er inwendig von sich abgefallen. Ja noch mehr: um der Rückkehr zum alten Hofwesen zu troßen, hatte 30 er bei dessen faulstem Auswuchse wieder angefangen,

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er

R. N.

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