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weise, aber sie sollen wieder beginnen, gleich in nächster Woche!“

Dem Leibmedicus ging plößlich ein helles Licht auf: der Anblid Anna's chien den wunderbaren Umschlag beim Fürften erzeugt zu haben; denn die starrsten Weiberhaffer pflegen 5 gerade am raschesten und wie durch Zauberei von Weiberaugen besiegt zu werden. In seiner Herzensangst vergaß darum der arme Doktor alle Klugheit und die Bitte des Hofmarschals obendrein, und plagte mit dem ärztlichen Rathe heraus, daß Seine Durchlaucht doch nicht allzu jäh das 10 gewohnte Arbeits- und Jägerleben mit dem schwülen Ges tümmel der Repräsentations- und Ballfäle vertauschen möge. Der Fürft sah bei diesem unerbetenen Gutachten den Doktor fast ebenso erstaunt an, wie vorher der Doktor den Fürsten, erhob drohend den Finger, rief: „Schweigen 15 bis ich frage!" und beschloß mit diesem Worte die kurze Audienz.

Am Abend desselben Tages besuchte der Hofmarschall den Leibmedicus, nicht etwa zu Fuß, nein, er fam bedeutsam und zum Wunder der Nachbarn mit einem Bebienten vorge 20 fahren und sagte dem Günstling Dank für seine Fürsprache, die so schnell des Fürsten ehernen Willen gewendet. Und nicht bloß seinen Dank brachte er, sondern auch den Dank der Prinzessin. Denn was des Fürften eigener Schwester und dem ältesten Hofmanne nicht gelungen, das hatte, so 25 meinte er, dieser verwünschte Müller, sein „lieber Müller" vermocht, und zwar in der kürzesten Audienz, deren sidh die lauernde Dienerschaft jemals entfann. Doktor Müller aber dachte bei sich : so bin und bleibe ich denn verdammt, zu protegiren; wenn ich nichts thue, protegire ich, wenn ich abrathe, 30 protegire ich, ja, wenn ich zum erstenmale den Mund öffne,

um gegen die Wünsche der Leute zu reden, so protegire ich sie dennoch.

Inzwischen kam, was er voraussah: der Dheim fuhr zu Hofe und ward mit der schönen Nichte zum nächsten Hofball 5 geladen. Und am Tage nach dem Bal hörte der Medicus

dann auch genau, was er zu hören angstvoll erwartet hatte. Der ganze Adel der Stadt war voll Neid auf die grüne Landpomeranze, die Lehberg ; denn für sie allein schien der

Fürst nur Blick und Rede zu haben. Viele meinten zwar, 10 das komme daher, weil sie die Braut des Günstlings fei,

allein die Klügeren versicherten, der Fürft habe ganz gewiß von dem plebejischen Bräutigam fein Wort gerebet und dieser werde feinen Freund und Fürsten balb in den gefährlichsten Nebenbuhler verwandelt fehen. Dem Medicus drohe jeßt

. 15 eine Krisis, bei welcher ihm zwischen zwei äußersten Gegens

fäßen die Wahl bleibe; entweder er sei flüger als verliebt, dann werde seine Günstlingschaft jeßt erst recht wie in Erz gegossen sich festigen, ja er könne sogar (etwa mit dem Namen

eines Herrn von und zu Müllerburg) in den Adelstand er 20 hoben werden; sei er aber verliebter als klug, dann werbe der

Günstling wieder zusammensinken zu der namenlosen Gestalt eines Dr. Müller ohne Praris.

In des Leibmedicus Seele aber freuzten sich die Schreck gebanken der Eifersucht mit der Furcht, eine Stellung zu ver25 lieren, die er eigentlich nie beseffen und von welcher troßdem

bas Glück seines Lebens abhing. Es galt rasch zu handeln; Schweigen und Harren konnte von heute an nicht mehr das Stichwort seiner Politik sein.

Er eilte zur Braut und eröffnete dem staunenden Mäd30 chen, daß sie jeßt oder nie zum Abschluß des Ehebundes

drängen müßten. Zwar sei der Fürst ein solcher Weibers

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haffer, daß er selbst seiner Umgebung und Dienerschaft das Heirathen versage, allein er, Müller, habe sich ein Herz gefaßt, er werde morgen schon dem Herren in offenem, warmem Wort seine Lage schildern und der Mann müsse von Eis oder Stein sein, wenn er ihm, dem treuesten Diener, die Ehe mit 5 einem so liebenswürdigen Fräulein nicht gestatten wolle. Und doch fürchte ich," fügte er kleinlaut hinzu, überrascht von dem Selbstbetrug, auf welchem er sich in seinen eigenen Wors ten ertappte, „ich fürchte, es wird Alles schief gehen!" Anna aber tröstete ihn, meinte, der Fürst fei ja gar nicht der Weis 10 berfeind, wie man ihn male, und habe sich gegen sie zumal über die Maßen artig und theilnehmend auf dem Balle er: wiesen. Mit diesem zweideutigen Troste des arglosen Lindes rüstete sich der Doktor zu dem schweren Gang.

Als er folgenden Tages die Marmortreppe hinanstieg, 15 brummte ihm beständig das allerhöchste Wort im Ohr:

Schweige Er, bis er gefragt wird !" und als er auf der obersten Stufe stand, mußte er stillehalten, um wieder zu Athem zu kommen, so bleischwer lag ihm die Angst auf der Brust. Doch der Anblick des Fürsten gab ihm wieder festen 20 Muth und während des unvermeidlichen Wettergesprächs nahm er wieder ganz feine fünf Sinne zusammen. Er bat also um eine Minute gnädiges Gehör und entschuldigte sich, daß er ein Gesuch mündlich vorzubringen wage, welches nach der Regel schriftlich einzugeben sei. Der Fürst unterbrach 25 ihn: ,,Reine Vorrebe, lieber Doktor, komme Er gleich zum Tert. Was will Er? Sage Er's frischweg in drei Wors ten!" — ,,Ich will heirathen."

. Der Fürst lächelte über die buchstäblichen drei Worte und fragte recht gnädig: ,,Wen?" — ,,Fräulein Anna von Lehberg !" — Bei dieser 30 Antwort lächelte Sereniffimus nicht mehr und gnädig sah er

auch nicht mehr aus, sondern wie versteinert von Zorn und Ueberraschung; er schritt eine Weile schweigend durch das Zimmer und maß den Doktor mit durchbohrendem Blick.

Dann fragte er, ob ihn denn das Fräulein wolle, und ob er 5 sich denn einbilde, daß die Lehbergs eine solche Mißheirath

zugeben würden? Als der Medicus ein festes ,,Ia" entgegnete, wuchs das Staunen des Fürsten. Es gab wiederum eine lange Pause; aber Müller konnte diesmal nicht wie bei

den alltäglichen großen Pausen die Hunde auf der Schweins10 jagd und die Baumblätter der Tapete zählen, es verschwamm

ihm Alles vor den Augen. Endlich sprach der Fürst, in der Leidenschaft eben so kurz und gemessen wie im ruhigen Vers kehr: ,,Erstlich bulbe ich nicht, daß einer meiner Diener

heirathe, also bleibe Er entweder ledig oder gehe aus meinem 15 Dienst. Zweitens dulde ich keine Mesalliancen bei meinem

alten Adel; wenn Er also fortgehen und schlechterdings heirathen will, so suche Er sich eine Andere als die Lehberg. Und drittens braucht Er überhaupt nicht wiederzukommen zum täglichen Besuch, bis ich Ihn rufen lasse. Gott befohlen!"

Wie Müller nach dieser Audienz den Heimweg gefunden, wußte er selbst nicht. Genug, er fand sich selbst und seine Gedanken mit einemmal in seinem Zimmer wieder. Das Ende mit Schrecken war nun also wirklich da. Nie hatte er

Einflüsse üben wollen, nie auch nur eine Bitte an den Fürsten 25 gewagt, dennoch war er der Gönner und Fürsprecher aller

Welt, und seine eingebildete Gönnerschaft hatte ihm und Andern nur Nußen, niemals Nachtheil gebracht. Seßt aber, ba er zum erstenmal eine wirkliche Fürsprache wagte, fiel er

aufs schrecklichste durch, fein ganzes Lebensglück stand auf 30 einer verlorenen Karte, er war beschimpft vor aller Welt, am

meisten jedoch vor seiner Braut und ihrer Familie.

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Es war der herbste Bußtag seines Lebens, und die Stunde, wo er feiner Braut beichtete, die herbfte Stunde dieses Tages. Man hätte wohl benken sollen, die Unters lassungssünden seiner vergeudeten Lehrjahre seien nun genug gesühnt.

5 Inzwischen wurde es stadtkundig, daß der Leibmedicus in Ungnade gefallen sei. Die Gegner jubelten schadenfroh, die Freunde erschracen zwar heftig, freuten sich aber doch nebenbei, denn einem hervorragenden Manne gönnen die meisten Leute den Sturz von Herzen, auch wenn sie selber die 10 Folgen dieses Sturzes fürchten sollten.

Beim Fürsten hatte bisher Niemand über den Doktor zu reden gewagt; denn ihn anzuschwärzen getraute sich Steiner, weil dies bei der geheimnisvollen Zuneigung gefährlich schien, rühmen wollte ihn aber auch Niemand, denn sonst hätte ja 15 Serenifsimus am Ende noch größere Stücke auf den Günstling gehalten. Und auf alle Fälle war es mißlich, mit dem hohen Herren ein unerbetenes Wort zu reden. Seßt aber lösten fich die Zungen. Zuerst gratulirte die Prinzessin ihrem Bruder, daß er sich aus den Schlingen des Arztes befreit. Sie 20 erzählte, das ganze Land athme auf nach dem Sturze des Günstlings, und bemerkte nebenbei, daß sogar an den Nach: barhöfen das Müller’sche Regiment das peinlichste Aufsehen erregt habe, ja mehrere verwandte Fürstenhäuser seien auf dem Punkte gewesen, den Fürsten Casimir brieflich abzumah: 25 nen von der Fortführung so ungiemlichen Verkehrs mit einem gemeinen bürgerlichen Doktor.

Der Fürst fiel aus den Wolken. Also unbefugte Eins flüsse hatte dieser Müller geübt, im Stillen ein Günstlingsregiment geführt, das ganze Land in Parteien gespalten! 30 Ohnehin mißtrauischen Gemüthes, ahnte der Herr mit einem

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