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Martius a. a. O. p. 322 über die Botokuden: „Auch bei diesen Wilden fällt die ganze Sorge des Haushaltes den Weibern zu, sogar bisweilen die Errichtung der Hütten." Und Prinz zu Neuwied a. a. O. II (1821) p. 17 über dieselben: „Die Frau muss dem Manne knechtisch gehorchen. Was nicht zur Jagd und zum Kriege gehört, ist alles ihr Geschäft. Sie müssen die Hütten erbauen, Früchte aller Art zur Nahrung aufsuchen, und auf Reisen sind sie beladen wie Lasttiere."

Bei den Feuerländern ist auch der Fischfang Sache der Weiber. Siehe Hyades a. a. O. p. 336: ,,La pêche est pratiquée seulement par les femmes." Und Bridges, „Moeurs et coutumes des Fuégiens" im Bull. de la Soc. d'Anthrop. de Paris Tome VII (III. S.) (Paris 1884) p. 172: „Très rarement les hommes aident leur femmes à pêcher le poisson."

Es ist die Theorie aufgestellt worden, dass die ursprünglichste oder älteste Form der Eheschliessung der Frauenraub sei. Aus dem Frauenraub sei dann allmählich, wie die Sitten mildere geworden, der Frauenkauf hervorgegangen, und schliesslich, wie die Civilisation noch mehr vorgeschritten, habe sich der Frauenkauf zu einer blossen Darbringung von Geschenken an die Eltern oder Vormünder der Braut verflüchtigt oder abgeschwächt.

Diese Theorie stimmt nicht zu den Thatsachen.

Bei Völkern, welche sich noch auf der untersten wirtschaftlichen Stufe, der Stufe des Jägerund Fischerlebens, befinden, kommt Frauenraub nur höchst selten, und Frauenkauf noch überhaupt garnicht vor. Vielmehr werden gerade auf der untersten Stufe dem Vater resp. den Eltern der Braut nur Geschenke dargebracht. Oder aber die Ehe kommt auch noch ohne jede ,,captatio benevolentiae" der Eltern und doch auf friedlichem Wege d. h. mit ausdrücklicher oder stillschweigender Zustimmung des Vaters oder der Eltern der Braut zu Stande.

S. Sarasin a. a. O. p. 459 über die Weddas: „Sehr bezeichnend war ferner die Antwort des von der Regierung zum Kulturwedda umgeschaffenen und schon öfter erwähnten Küstenweddas Pereman: „Früher, als sie noch im Walde lebten, hätten Mann und Frau das ganze Leben zusammengelebt, eine bestimmte

Ceremonie beim Eingehen der Ehe habe es nicht gegeben. Mann und Weib hätten sich einfach vereinigt, jetzt müssten sie die Eltern der Braut um ihren Willen fragen.“ p. 461: „Ein Eingehen der Ehe ohne jede Ceremonie fanden wir an zwei Orten der Küste. Dieses vollständig ceremonienlose Eingehen des Ehebündnisses ist als das ursprünglichste anzusehen, welches es geben kann." - ,,Bis jetzt müssen wir als Thatsache ansehen, dass bei gewissen Naturweddas völlig ceremonienloses Eingehen der Ehe statthabe oder bis noch vor kurzem bestand." „Die Sitte, dem Vater, resp. den Eltern der Braut, Geschenke darzubringen oder auch sie anzufragen, fanden wir nur in Dewilane und im Distrikt von Mahaoya." p. 460: „Nach Davy besteht keine besondere Art zu freien; der Wedda, welcher ein Weib will, geht ohne weiteres zu ihren Eltern, erfrägt ihre Zustimmung und wird nie abgewiesen, wenn er der erste ist. Dasselbe berichtet der Anonymus 1823 und fügt hinzu, dass Hochzeitsgeschenke nicht gegeben würden. Lamprey erfuhr von seinem Wedda, man gebe gewöhnlich den Eltern des Mädchens ein gutes Geschenk von Hirschfleich und Honig, und wenn diese zustimmten, gehe das Weib ohne irgend welche Ceremonie nach der Wohnung des Freiers.“ p. 548: „Diebstahl und gewaltsamer Raub fehlen vollkommen; die Wedda zeichnen sich auch darin von ihren Kulturnachbarn vorteilhaft aus." S. ferner Hartshorne, The Weddas" in,,The Indian Antiquary" (Bombay 1878) vol. VIII p. 320: „A marriage is attended with no ceremony beyond the presentation of some food to the parents of the bride." Und Bailey a. a. O. p. 292: „The bachelor Veddah providing himself with the greatest delicacies of the season, for example a pot of honey and a tried ignano, proceeds to her fathers hut."

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S. ferner Fritsch a. a. O. p. 444: „Bei den Buschmännern werden die Frauen durch Geschenke erworben."

Bancroft, „The native races of the Pacific States of North Amerika" (London 1875) vol. I p. 92 über die Aleuten: „Presents are made to the relatives of the bride.“

v. Wrangell a. a. O. p. 87 über die Indianer von Obercalifornien: „Die Heiraten werden ohne alle Ceremonie vollzogen." S. auch Loskiel, „Gesch. der Mission der evang. Brüder unter den Indianern Nordamerikas" (Barby 1789) p. 73 und Catlin, „Die Indianer Nordamerikas", aus dem Engl. v. Berghaus (1848) p. 88.

S. ferner Martius a. a. O. p. 109 über noch auf der untersten Stufe stehende Völkerstämme Brasiliens.

Fintsch „Neu-Guinea" (Bremen 1865) p. 86, 91 über die Waka auf Neu-Guinea und die Bewohner der Insel Adie.

Waitz, Anthr. VI p. 772 über die Australier. Ferner Curr a. a. O. vol. I p. 188 über dieselben: „Only on rare occasions is a wife captured from another tribe and

carried off." Die Regel bei den Australiern ist die, dass die Mädchen schon als kleine Kinder verlobt werden. Siehe Grey a. a. O. vol. II p. 229: „Female children are always betrothed within a few days after their birth." Ebenso Eyre a. a. O. vol. II. p. 319: Female children are betrothed usually from early infancy." Also friedliche Uebereinkunft, nicht Raub. Ebenso z. B. bei den Botokuden. Siehe Martius a. a. O. p. 322.

Siehe ferner Journ. of the Anthr. Inst. vol. XIV (1855) p. 124 über die Kubus auf Sumatra.

Riedel a. a. O. p. 173 über die Goragui oder Tunga auf Kola und Kobroor: heiraten ohne Brautschatz."

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Bickmore, „Some Notes of the Ainos", in Trans. Ethn. Soc. London 1879 p. 18: „live chiefly by hunting and fishing do not buy their wives, but make presents to the parents."

Der Sitte des Frauenkaufs begegnen wir erst bei Völkern, welche schon auf der Stufe des Hirtenlebens oder aber des Ackerbaues und Grundeigentums stehen. Und auch der Frauenraub kommt erst auf diesen Stufen häufiger vor.

Der ursprüngliche Entwicklungsgang ist also, was die Form der Eheschliessung betrifft, gerade der umgekehrte von dem, welchen die Theorie bis jetzt angenommen hat. Die Darbringung von Geschenken ist nicht erst dem Kaufe gefolgt, sondern demselben vielmehr entwicklungsgeschichtlich vorausgegangen, d. h. älter als der Kauf. Und auch der Raub oder die gewaltsame, d. h. gegen den Willen des Vaters resp. der Eltern bewerkstelligte, Entführung der Braut wird mit dem Uebergang zur Viehzucht oder zum Ackerbau nicht seltener, sondern vielmehr häufiger. Und das erklärt sich auch auf ganz natürliche Weise. Auf der Stufe des Jäger- und Fischerlebens gibt es noch kein Vermögen und daher auch noch kein Vermögensinteresse. Es wird auf dieser Stufe noch nicht gerechnet. Man kennt nur die Genusssucht, aber noch nicht die Habsucht und den Geiz, und daher fordert der Vater auch noch keinen Preis, keine Kompensation, kein Entgelt für seine Tochter, sondern begnügt sich, wie gesagt, noch mit blossen Geschenken oder erwartet nicht einmal

diese. Unter diesen Umständen liegt daher auch nur selten ein Grund oder Anlass vor, die Braut zu rauben. Denn zur Gewalt greift man immer oder wenigstens in der Regel nur dann, wenn der friedliche Weg nicht zum Ziele führt. Solange aber noch blosse Geschenke genügen, um die Zustimmung des Vaters resp. der Eltern der Braut zu erwirken, resp. auf kein Veto seitens derselben zu stossen, tritt dieser kritische Fall nur selten ein. Erst wenn ein Kaufpreis für das Weib begehrt wird, der friedliche Erwerb also mit Kosten verknüpft ist, bleibt dem Armen oft gar nichts anderes übrig, als zum Raube seine Zuflucht zu nehmen. Und der Reiche wird unter solchen Umständen wiederum häufig durch den Geiz zu demselben Schritte veranlasst.

S. (Georgi),,Beschr. aller Nationen des russ. Reiches“ (Petersburg 1776) p. 56: „Bei den Tschermissen und überhaupt allen Völkern, die die Weiber kaufen, am öftersten aber bei den Wotjäken, ereignet es sich, dass arme oder abgewiesene Liebhaber ihre Mädchen rauben."

Ebenda p. 220: „Bei den Kirgisen haben die meisten geringen Leute nur eine Frau und würden zum Teil auch die nicht haben können, wenn sie nicht ab und zu Weibervolk von den Nachbarn raubten."

Ahlquist, Acta Soc. Fenn. Tom. XIV p. 291: „Um der Bezahlung des Brautpreises zu entgehen, überredet mancher Ostjake die Erwählte seines Herzens, sich von ihm entführen zu lassen."

Waiz, Anthr. V p 149: „Viele (Lampongs auf Sumatra) entführen die Braut, damit deren Eltern sich mit einer geringeren Summe begnügen."

Eine andere, ebenfalls noch sehr weit verbreitete, Theorie ist die, dass es ursprünglich noch überhaupt keine Ehe, im Sinne des Alleinbesitzes einer Frau, gegeben, sondern die Frauen noch Gemeingut gewesen seien, oder nur sogenannte,,Stammesoder Gruppenehe" bestanden habe, aus der erst allmählich die ‚Einzelehe“ hervorgegangen sei. Und daraus erkläre es sich denn auch, so hat man weiter gemeint, dass ursprünglich noch kein,,Vaterrecht", sondern Mutterrecht bestanden habe. S. z. B. Kohler, „Studien über Franenraub und Frauenkauf“, in Zeitschr. f. vergleichende Rechtswissenschaft, Bd. V (1884)

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p. 336:,,Dass die Ehe ursprünglich Frauenraub und zum Frauenkauf geworden ist, weiss jeder, der einmal ein Kollegium vergleichender Rechtswissenschaft gehört hat. Raub oder Kauf waren es, welche die Frau zuerst aus dem Kommunismus herausgeholt und zum Eigengut des Einzelnen gemacht haben.“ Derselbe,,,Die Ehe mit und ohne Mundium", in derselben Zeitschr. Bd. VI (1886) p. 333: „Bekanntlich ist es einerseits der Frauenraub, anderseits der Frauenkauf gewesen, welcher den Mann zum Herrn der Frau gemacht und dadurch das Patriarchat inaugurirt hat."

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Auch diese Theorie ist nicht von den Thatsachen abstrahirt, sondern nur der vorgefassten und ganz unbegründeten Meinung entsprungen, als ob das, was unseren heutigen ethischen Begriffen oder Forderungen am fernsten liege, immer auch das älteste oder ursprünglichste Stadium gewesen sein müsse.

Bei Völkern, welche sich noch auf der untersten wirtschaftlichen Stufe befinden, begegnen wir niemals und nirgends einem Zustande der Frauengemeinschaft oder ,,Promiscuität". Vielmehr besitzt hier der einzelne Mann seine Frau immer ganz ausschliesslich für sich, und niemals teilt er sie mit anderen, oder findet auch nur die geringste Spur eines Pêle-mêle zwischen Männern und Weibern statt.

S. Sarasin a. a. O. p. 458 über die Weddas: „Polygamie und Polyandrie fehlen, desgleichen die Prostitution." ,,Sie halten überhaupt auf Keuschheit ihrer Weiber, sind eifersüchtig." Ferner Bailey a. a. O. p. 292 über dieselben: „Polyandry is unknown among them".,,With the very smallest cause, the men are exceedingly jealous of their most unattractive wives, and are very careful to keep them apart from their companions. I asked a Veddah once, what the consequence would be, if one of their women were to live with two husbands, and the unaffected vehemence with which he raised his axe, and said: a blow would settle it, showed conclusively to my mind the natural repugnance with which they regard this national custom of their Kandyan neighbours", und Hartshorne a. a. O. p. 320 über dieselben: „The practice of polygamy and polyandry which still exist to some extent amongst their neighbours, the Singalese, is to them entirely unknown."

Curr a. a. O. I p. 126 über die Australier: „In Australia men and women have never been found living in a state of promiscuous intercourse but the reverse is a matter of notoriety." There are no grounds for saying that in our tribes several men may be seen living in a state of promiscuous cohabi

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