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IO

Rein und glatt, in gediegenem Wuchs, erhebt sie sich einzeln,

Steiner der Nachbarn rührt ihr an den seidenen Schmuck. 5 Nings, so weit sein Gezweig der stattliche Baum ausbreitet,

Grünet der Nasen, das Aug' still zu erquiden, umher; Gleich nach allen Seiten umzirft er den Stamm in der Mitte;

Kunstlos schuf die Natur selber dies liebliche Rund. Zartes Gebüsch umgränzet es erst ; hochstämmige Bäume,

Folgend in dichtem Gedräng', wehren dem himmlischen Blau. Neben der dunkleren Fülle des Eichbaums wieget die Birke

Shr jungfräuliches Haupt schüchtern im goldenen Licht. Als ich unlängst einsam, von neuen Gestalten des Sommers

Ab vom Pfade gelockt, dort im Gebüsch mich verlor, 15 Führt ein freundlicher Geist, des Hains auflauschende Gottheit,

Hier mich zum erstenmal plößlich, den Staunenden, ein. Welch Entzücken! Es war um die hohe Stunde des Mittags,

Lautlos alles, es schwieg selber der Vogel im Laub. Und ich zauderte noch auf den zierlichen Teppich zu treten,

Festlich empfieng er den Fuß, leise beschritt er ihn nur. Jego gelehnt an den Stamm (er trägt das breite Gewölbe

Nicht zu hoch), ließ ich rundum die Augen ergeln, Wo den beschatteten Kreis die feurig strahlende Sonne

Fast gleich messend umher fäumte mit blendendem Ranb. 25 Aber ich stand und rührte mich nicht; dämonischer Stille,

Unergründlicher Ruhlauschte mein innerer Sinn. Eingeschlossen mit dir in diesem sonnigen Zauber Gürtel, o Einsamkeit, fühlt' ich und dachte nur dich.

Ed. Mörite.

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23. Chelidono. Wo die Platane sich riesig erhebt im Schatten der Waldschlucht,

Ragt, in Trümmern bereits fallend, das Kloster empor.

Längst ist der Mönche Gesang in der Kirche verhallt, und es

duftet Weihrauch nimmer ; des Chors ewige Lampe verlosch: Aber der Quell, der fühl am Altar aufsprudelt, erquicft noch 5 Häufig den Wandrer; er spricht dankend ein kurzes Gebet.

Geibel (1839).

24. Grab des Tbemistoliles. Wo am zadigen Fels das Gewog sich brandend emporbäumt,

Senften die Freunde bei Nacht heimlich Themistokles Leib In heimathlichen Grund. Festgaben und Todtengeschenke

Brachten sie dar, und es floß reichlich die Spende des Weins. Aber den Zorn des verblendeten Volfes kleinmüthig befürchtend

Stahlen sie leise fich heim, ehe die Dämmrung erschien. Denksteinlos nun schlummert der Held. Doch drüben im Spät:

roth Ragt ihm, ein ewiges Mal, Salamis Felsengestab.

Geibel (1839)

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25. Onomen. .

1.

Bist du der Selbstsucht los, so gehorche der ahnenden Seele,

Und das Bezweifeln der Welt stüre dir nimmer den Weg; Folge getrost. Am schroffesten Hang wallt sicher die Unschuld,

Durch die Grube des Leu'n führt sie beschirmend ein Gott. Selber das Unglück wandelt sich ihr zur erhebenden Staffel ;

Gieng doch aus finsterer Haft Joseph im Purpur hervor. Aber fürchte die Schulb, und mehr noch fürchte den Hochmuth,

Der wie berauschender Wein rasch dir die Sinne verwirrt. Auch Alerander erlag, der gewaltige Liebling des Schicksals,

Eh sein Ziel er erreicht, weil er der Götter vergaß.

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II.

Stühl zu deinem Verstand spricht jegliche Lehre; sie bleibt dir

Ewig ein Tobtes, sobald fremd sie von außen bir kommt. Was dir ein Anderer giebt, und wär' es das Köstlichste, frommt

nicht, Wenn du den schlafenden Slang tief in der Seele nicht trugft. 5 Wunder begreifen sich nicht, du mußt sie im Innern erleben,

Jeglicher Glaub' ist ein Wahn, den du nicht selber erfuhrst. Nur was selbst du erkennst als ein Göttliches, bas bir herabfam, Hat, ein lebendiger Hauch, dich zu verwandeln die Macht.

Seibel.

26. Shakespeare
Keiner erkannte den Menschen wie du, glorwürdiger Britte,

Aber ein Höheres noch, Meister, verehr' ich an dir :
Daß du in sterblicher Brust stets klar die geheiligte Saßung
Trugst, nach welcher der Belt Lenker die Dinge regiert.

Seibel.

27. Gott und Mensch. Menschen, willst du sie lieben, so mußt du zuvor sie erkennen, Gott erkennest du nur, Suchender, wenn du ihn liebst.

Geibel,

28. Der Glaube. unsichtbar, wie das Wasser den Baum von der Wurzel zum

Gipfel
Tränft und jeglichem Zweig Blätter und Blüthen erwedt,
So durchströme mit Rraft dein innerstes Leben der Glaube,
Doch man erkenn' ihn nur an der gezeitigten Frucht.

Geibel (1877).

NOTES.

I.

I.

In this poem Schlegel describes and illustrates by his own example the varied character and graphic power of the dactylic hexameter, as the peculiar measure of epic (v. 6, 15), didactic (v. 16), and idyllic (v. 17) poetry.

The first part of the sentence which contains the simile, embraces v. 1-4; the apodosis (so auch) is contained in v. 5.—dem=demjenigen; it is the demonstrative pronoun, and therefore long.–turchschiffen is transitive, but the simple verb schiffen is intransitive. In this manner many intransitive verbs may become transitive when compounded with prepositions. Comp. the constructions of navigare and circumnavigare in Latin, and of alcîv and trepitev in Greek.— The common form is tie Meereshöhe.

2. We say both nirgend and nirgends, but the latter is, perhaps, more common in ordinary German. - umschränkt=ringsum eingeschränkt. 3. Daß=so daß.

Die Luft athmet hell is a highly poetical expression. The verb athmen ('to breathe') is properly employed of a living being; but, as J. Grimm says (Wört. 1. 593) nicht bloß Menschen oder Thiere ath men, auch der übrigen Natur wird ein Athmen, gleichsam Duften, Wehen, Leuchten beigelegt, and he quotes from Goethe süß wie die athmende Luft (Werther8 Leiden, p. 116 Hempel) where Goethe translates from Macpherson's Ossianic poem "The Songs of Selma.' The corresponding English words are 'sweet as the breathing gale' (Ossian, Lond. 1796, vol. I. p. 192). Grimm himself compares the Latin spirans aer.

5. trägt, "carries along.'

6. Olymp (originally the range of mountains separating Macedonia and Thessaly, and conceived in Greek mythology to be the residence of the gods) is employed in a wider sense to denote something high and majestic,

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11.

I 2.

waves.

The hexameter receives the high majesty of epic poetry into the bosom of its ever-fruitful waters.

7. so=ebenso (comp. wie, 1.8). In the same manner hexametric verse becomes, so to say, a primeval parent of all the varied race of rhythm.' The hexameter was the earliest measure employed by the Greeks, and from this fountain-head all other metres may be said to have taken their rise.

8. Okeanog was conceived by the ancient Greeks as a river flowing round the whole earth, which they believed to be a flat circle. Out of this river, all other water on the earth was supposed to be supplied as well as again discharged into it. --Herrscher is said in reference to the conception of Oceanus as a god.

9. entrieseln of the smaller, entbrausen of the larger rivers.

10. vorrüden=langsam vorwärt8 fommen, von der Stelle fommen.—Rowing is said to be mühvoller (‘more toilšome, laborious') than sailing, the notion implied in Seefahrt.

In prose we should have to say die Abgründe der Wogen.

Riel instead of Schiff is poetical, just as keel may be used in English ; comp. Latin carina.-Walung is used of the agitation of the

Thus we say das Waper wallt auf. 13. Observe the slow and steady spondees in the first part of the line, descriptive of slow motion and calmness; and again, the dactyls of the second part expressive of agility and swiftness.

14. immer sich selbft gleich, always one and the same,' though various in its employment, yet never differing as to its actual and primitive character.

15. Kampf=Wettkampf, certamen. Or we might say that battles and fights (Kämpfe) are one of the principal themes of epic (=heroic) poetry.lich gürten=Lat. accingi, gird oneself (for a contest).

16. Lehrspruch=lehrhafter Sprucs.—ben Hörende'n (audientibus) is more poetical than den Hörern.

17. There is in the movement of this line something of the 'whisper. ing' mentioned in it. The allusion is to the idyllic poetry of Theocritus ; comp. the opening line of his first Idyl: αδύ τι το ψιθύρισμα και α πίτυς, αιπόλε, τήνα, A ποτί ταϊς παγαΐσι μελίσσεται (“ dulce tibi pinus submurmurat, en tibi, pastor, Proxima fonticulis,'Terentianus Maurus p. 2430 P.). -- Joyllien is formed in close imitation of the Greek ciddia—the common German form is das Idyu, plur. die Idyllen.

18. Hexametric verse is called the 'nurse' of Homer, inasmuch as, while allowing full play to the varying moods of Homeric poetry, it at the same time regulated and strengthened its growth.—The oracles of Apollo at Delphi were generally delivered in hexameters.

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