Page images
PDF
EPUB

Magnetismus.
I. Zur Geschichte der Entdeckungen im

Magnetismus.
Der wahre Entdecker der Inclination, des Magnetismus der

Lage und der vertheilenden Wirkung des Magneten.

Georg Hartmann war Vicar der St. Sebalduskirche zu Nürnberg, und hat sich viel mit der Verfertigung der damaligen, zur Wissenschaft gehörigen Instrumente, Astrolabien, Horologien u. s. w. beschäftigt. Ueber seine wissenschaftliche Bildung weiss ich nichts anzuführen, aber von seinem Talent zur Beobachtung wird man sogleich ein starkes Beispiel in einem Briefe sehen, in welchem 'er. mit eins drei wahrhaft grosse magnetische Entdeckungen mittheilt. Hartmann stand mit dem Herzog Albrecht von Preussen, einem jener erleuchteten Geister, welcher die Bedeutung der Wissenschaften zu einer Zeit schon erkannte, wo sie noch in der Kindheit waren, und der zu ihrer Erweiterung nicht allein unsere Universität gründete, sondern Gelehrte in allen Fächern und in vielen seiner Herrschaft nicht unterworfenen Ländern unterstützte, seit dem Jahre 1541 in einem Briefwechsel, der sich mitunter auf die politischen Neuigkeiten des Tages erstreckt, grösstentheils aber wissenschaftlichen Inhalts ist. Der Brief, der uns vor allen interessirt, ist derjenige vom 4. März 1544, und enthält die nähere Beschreibung von magnetischen Entdeckungen, welche Hartmann ein Jahr vorher dem König Ferdinand von Böhmen, dem Bruder Karl des Fünften, zu Nürnberg gezeigt hatte. Er befindet sich im Original in dem hiesigen geheimen Archiv, und in der Abschrift, die mir zu nehmen gestattet worden, habe ich bloss die Orthographie geändert; sonst ist sie wörtlich. Sie wird, wie sie hier folgt, die Ueberschrift dieses Artikels vollkommen rechtfertigen. „Ew. fürstlich Gnaden zeigen an in ihrem Schreiben zu wissen die „Kraft und Tugend des Magneten, so ich königliche Majestät den letz„teren gehaltenen Reichstag zu Nürnberg gewiesen habe, welche Tu„gend auch von ganzem Herzen Ew. fürstliche Gnaden wollte mit,, theilen, wo ich nùr das im Schriftlichen könnte verfassen. Denn ,,solche Dinge sind viel leichter zu verständigen, so man solche mit „der Handarbeit anzeiget, denn mit der Schrift. Jedoch will ich das

[ocr errors]
[ocr errors]
[ocr errors]

,,Beste verwenden, so mir möglich, solches Ew. fürstliche Gnaden in ,,Schriften zu weisen.

„Und zum Ersten also: ein jeglicher Magnet hat in ihm diese „Kraft und Tugend, dass er an einem Ort das Eisen zu sich zieht, „und an dem andern Ort gegenüber an dem Magneten, da treibt „und schiebt er das Eisen von sich. Das ist klärlich zu erweisen, 9,50 man nimmt eine Nadel hängend an einem Faden, wenn man den „Magneten dazu hält; und der Ort, welcher die Nadel zu sich zieht, „derselbige ist am Magneten der mittägliche Ort, und wenn man die „Gäbele an dem Züngele in den Compassen damit anstreicht, so lau„fen dieselbigen Zungeln mit dem Gäbele nicht dem Mittag zu, son

,dern der Mitternacht zu. Das ist zu verwundern an diesem Ma„gneten. So ich aber die Nadel halte zu dem Magneten an dem „Ort, welcher dem vorigen Ort gerade entgegengesetzt ist, so zieht „der Magnet die Nadel daselbst nicht mehr zu sich, sondern treibt's „and bläst's von sich, und derselbige Ort, der die Nadel also von „sich treibt, derselbige Ort ist der mitternächtliche Theil an dem „Magneten, und wenn man die Gäbele an dem Zungele mit dem„selbigen Ort verstreicht, so laufen die Gäbele nicht gegen die Mit„ternacht, sondern gegen den Mittag. Noch ist an dem Magnet„stein dieses gross sich zu verwundern, dass die Zungeln damit ver„strichen nicht gerade laufen der Mitternacht zu, sondern wenden sich „ab von der rechten Mittag- oder Mitternachtslinie, und kehren sich „gegen den Aufgang zu; in etlichen Ländern um 6 Grad, wie ich ,,solches selbst gefunden und gesucht habe, zu der Zeit zu Rom, da „Ew. fürstliche Gnaden Markgraf Gumbrecht und seine fürstliche Gnaden Bruder bei einander zn Rom waren. Aber hier zu Nürn„berg finde ich, dass solcher Ausschlag ist 10 Grade, und an ande„ren Orten mehr oder minder. Solches wird auch alle Zeit mit einem „schwarzen Striche unter dem Glase in den Compassen angezeigt, „welcher Strich, wie man sieht, allewegens nicht gerade auf die Mit„ternacht zeigt, sondern lenket sich herum gegen den Aufgang.

Zu dem Anderen, so finde ich auch diess an dem Magneten, dass ,,er sich nicht allein wendet von der Mitternacht und lenket sich „gegen den Aufgang, um 9 Grad mehr oder minder, wie ich es ge„meldet habe; sondern er zeigt auch unter sich. Diess ist also zu „beweisen. Ich mache ein Zungele, ein Finger lang, das nur fleissig „wagerecht oder wasserwagerecht auf einem spitzigen Stift steht, also ,,dass solches nirgends sich zu der Erde neige, sondern an beiden

1

[ocr errors]
[ocr errors]

„Orten gleich in der Wage stehe. So ich aber der Oerter eins be„streiche, sei gleich, welches Ort sei, so bleibt das Zungele nicht „mehr wagerecht stehen, sondern fällt unter sich etwa um 9 Grad „mehr oder minder. Ursach, warum dies geschieht, habe ich Königl. „Majestät nicht wissen anzuzeigen.“

„Zu dem dritten habe ich Königl. Majestät angezeigt zu finden, welcher Ort an den Magneten sei der Ort gegen die Mitternacht, „und welcher Ort gegen Mittag. Das habe ich Königl. Majestät ge,,zeigt. Ich liess mir herbringen eine grosse Schüssel voller Wassers; „nun hatte ich ein feines kleines Schüsselchen, das liess ich inmit,,ten auf dem Wasser schwimmen, und legte den Magneten fein ge„mach hinein in das Schüsselchen. Da ich aber nun nicht wusste, „Welcher Ort an dem Magneten mitternächtlich war, da kehret sich ,,das Schüsselchen gerade um auf dem Wasser, und schwimmt also „mit dem Ort, welcher ist mitternächtlich am Stein, bis er kam an „den Port der Schüssel, da das Wasser in war, und so oft, ich das „Schüsselchen wieder in die Mitte des Wassers stellte, und kehrte „den Ort, den ich gefunden hatte, gegen die Mitternacht, so blieb „doch also das Schüssele nicht still stehen, sondern wendet sich wie„der um und schwamm gegen die Mitternacht. Da ich aber nun „den Magneten herausnahm und bestrich mit deinselbigen Ort (welches immerdar gegen die Mitternacht zueilte und schwamm) das Gä„bele am Zungele, da kehrt sich das Zungele nicht gegen die Mitter„nacht, wie Königl. Majestät vermeinten, sollte thun haben; sondern ,,kehret sich gegen den Mittag (kann nicht schreiben wie sehr Kö,,nigl. Majestät an dieser Probe sich verwunderte.)"

„Zu dem Vierten habe ich vor Königl. Majestät genommen ein ,,Zangele, ein Finger lang, und gestellt auf einen spitzigen Stift, und ,,habe mit meinen beiden Händen solches zugedeckt, dass doch die „Hände solches nicht anrührten. Da ist das Zungele für und für „gelaufen und sich bewegt vom Aufgang durch den Mittag bis wie„der im Aufgang, für und für so lange, bis ich die Hände wieder ,,davon thun habe. Ist auch selten zu sehen. Ich habe ein altes „Pergamentbuch in dem Bauernkriege überkommen, in welchem ich „auch finde die Kraft des Magneten; wie zu machen sei ein Instru„ment durch den Magneten, welches sich für und für bewege in glei„cher Form, Zeit und Weil, wie sich der Himmel beweget; also „dass wie der Himmel sich in 24 Stunden einmal um das Erdreich ,,sich beweget, dass auch alles dies Instrument mit dem Magneten

78

[ocr errors]

„zugerichtet, auch gleicher Maass Zeit und in 24 Stunden sich her„umbeweg, davon ich nicht viel wollte halten.“

„Da ich nun vor Königl. Majestät mit diesen Proben bestand, „da gab ich Königl. Majestät diese Antwort. Ich habe Ew. Königl. „Majestät zu dem dritten Male diesen Stein wollen schenken, haben „mir Ew. Königl. Majestät allwegen zu Antwort gegeben, Ew. Kö„nigl. Majestät wolle mich dess, so ich zu meiner Arbeit täglich „muss gebrauchen, nicht berauben, und nun begehren, solchen von „mir zu haben. Also sprach königl. Majestät zu mir lachend; ich

wusste dazumal nicht, dass ihr zwei Magnete hättet, denn allererst „bis ich's jetzt gewahr bin worden. Also schenkte ich königl. Ma„jestät den Magneten, dagegen mich Ihre Majestät ehrlich begabt „hat, und wieder Brief empfangen von Prag, da königl. Majestät „begehret zu wissen, was ich Weiteres der Zeit hernach gefunden

[ocr errors]
[ocr errors]

,,hätte."

[ocr errors]
[ocr errors]

„Solche Proben alle kann Ew. fürstl. Gnaden auch machen; wo „Ew. fürstl. Gnaden etwa ein gutes Stück Magnet hat, das da gut „ist, alles leichtlich zuwege zu bringen.“

Obgleich aus diesem Briefe klar genug erhellt, dass Hartmann die Inclination, die vertheilende Wirkung des Magneten, und den Magnetismus entdeckt hat, welchen Eisen durch seine Lage annimmt, so behauptet er selbst das im Grunde doch nur von der Inclination ausdrücklich. Allein, wenn man eine bestimmtere Angabe von seiner Seite, namentlich über die Entdeckung der vertheilenden Wirkungen des Magneten wünschen sollte, so findet sie sich in einem seiner früheren Briefe vom Jahre 1543, von denen der angeführte nur die Fortsetzung ist, und in welcher es so lautet:

„Nachdem ich jetzt bei ihm (dem König Ferdinand) gewesen „bin, habe ich angezeigt, dass der Magnet an dem Orte, da er er,,achtet wird, dass er septentrionalis sei, nicht septentrionalis, sondern „meridionalis ist; dawider alle Schiffsleute mich würden strafen,

als „wäre ich unrecht, so ich doch königl. Majestät das Widerspiel so „klar angezeigt habe, dass mir alle Welt, so sie meine Probe sieht, „muss recht und gewonnen geben. Darob königl. Majestät so grosses

Verwundern gehabt, und dieses Stück für ein so grosses Secret der „Natur gepriesen hat, dass ich's auch diesmal nicht Alles kann er„zählen. Habe nicht allein dieses Stück ihrer Majestät angezeigt und „zu erkennen gegeben im Magneten, sondern noch zwei andere ar

[ocr errors]
[ocr errors]
[ocr errors]
[ocr errors]

,,tige Geheimnisse des Magnets, da ich alle durch mich selbst gesucht und gefunden habe, lustig und artig zu wissen und zu sehen.“

Die Entdeckung, dass Nordmagnetismus südliche Polarität beim Streichen hervorbringe, ist also die seinige, und die beiden anderen Geheimnisse beziehen sich auf die Inclination und auf jene ad 4 beschriebene Rotation der Nadel. Die Entdeckung der Inclination schreibt er sich nicht zu, sie ist auch wohl älter, allein dem obigen Briefe verdanken wir die älteste Angabe über die Abweichung zu Rom und Nürnberg. Hanstein (Magnetismus der Erde, pag. XXIX) führt eine Beobachtung Hartmanus an, wonach im Jahre 1536 die Abweichung zu Nürnberg 10 östlich betragen hat, ohne jedoch die Quelle dafür anzugeben.

Was nun die Inclination betrifft, so fand sie Hartmann zu Nürnberg 9° statt einiger 70 Grade, wie sie damals gewesen sein mag. Man 'kann also nicht sagen, dass er die Inclination gemessen habe, allein entdeckt hat er das Phänomen bestimmt. Der Engländer Gilbert und nach ihm Borough (siehe Musschenbroek de Magnete Exper. 98) schreiben diese grosse Entdeckung dem Robert Normann, ebenfalls einem Engländer zu, der sie 1576, also 33 Jahre später als Hartmann gemacht haben soll. Es ist wahr, Normann hat ein Inclinatiorium construirt, nur die Neigung hat er nicht entdeckt. Wollte man auf quantitative Bestimmungen dabei einen zu grossen Werth legen, dann - steht es um das Anrecht Normanns auf diese Entdeckung ebenfalls nicht besonders; denn wie Hanstein gezeigt hat, war auch seine Messung sehr fehlerhaft. Ueberhaupt würde man mit dem Criterium zweckmässiger Apparate und genauer quantitativer Messungen die meisten Entdeckungen Männern entziehen, welche die gegründetesten Ansprüche darauf haben. Wegen der Entdeckung der Inclination namentlich müsste man' wahrscheinlich bis auf Borda zurückgehen; denn Musschenbroek in seiner berühmten Dissertation de Magnete giebt noch an, dass die Grösse der Neigung abhänge von der Länge der Neigungsnadel (Esperim. C.); dass er sie 59° gefunden habe, als die Nadel 2 Fuss lang war, und 72°, als sie eine Länge von 3 Fuss hatte. Daher sagt er, sind alle Neigungsbeobachtungen nicht sehr brauchbar, bei denen die Länge der Nadel nicht mit angemerkt worden ist.

Was die vorhin angeführte Stelle aus dem Briefe Hartmann's vom Jahre 1543 betrifft, so klingt sie anscheinend sehr wunderbar, die Schiffsleute würden ihn strafen, als wäre er unrecht.“ Sollten

[ocr errors]
« PreviousContinue »