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coelis est, liebet euere Feinde, thut Gutes denen, die euch hassen, und bittet für die, so euch verfolgen und beleidigen, auf daß ihr Kinder seyd eures Vaters, der in dem Himmel ist." Wessentwegen der h. Gregorius Nossenus die Freigebigkeit folgender Weise mit einem Lobschall zieret, indem er meldet: »Beneficentia est omnium virtutum laudatarum praestantissima, haec est felicitatis Comes, haec assidet Deo, et magna est cum ipso necessitudine conjuncta." Als wollte er fagen: »Die Freigebigkeit ist eine solche Tugend, dero Vortrefflichkeit alle anderen Tugenden an Lob übersteis get, sie ist ein Gefährte der süßesten Glückseligkeit, und Gott, also zu reden, dergestalt angeboren, daß er, als das höchste Gut, ohne sie gleichsam kein gütiger Gott ist oder seyn könnte. Damit wir aber Kinder werden unsers Vaters, der im Himmel ist, so ist nothwendig, daß wir seinem eingebornen Sohn nachfolgen in der Barmherzigkeit, und milde übertragen die Beschwerlichkeiten unsers Nächsten, und in seiner Noth eine eröff nete Hand haben gegen ihn. Darum sagt gar schön der h. Bernhardus: »Credis in Christum, fac Christi opera, et vivat fides tua, glaubst du an Christum, se verrichte auch seine Werke, damit dein Glauben lebe.<

Ich bin gesessen unter dem Schatten, dessen ich begehr, und seine Frucht ist meiner Kehle süß, spricht die verliebte Braut. Durch den Schatten verstehet allhier der clarévallische Lehrer den Glauben an Chri ftum, aber dieser Schatten muß seyn unter dem grůz nen Baum der Liebe, auf daß er eine liebbare Erquis dung verurfache. Denn wie der Apostel meldet: „Kein Glaube ist fruchtbar, als der in Liebe wirket. Damit

aber unser Glaube fruchtbar erscheine, muß er schwans ger seyn mit den Werken der Liebe, den Schatten Christi muß er alleinig verlangen, welcher uns beschüs hen kann vor der Hiß der Laster, und uns erfüllet mit Luft und Freud der Tugend. Darum sagt der Prophet: In umbra tua vivemus, in deinem Schatten wir leben.< Ja wahrlich leben wir unter dessen Schatten, wenn unser Glaube begleitet wird mit guten Werken, weil sonsten ohne die Werk der Glaube todt ist. Der gute Wille muß vorhergehen den guten Werken, wie vorans gehet die Blüche eines Baums der Frucht. Aber gleichs wie nothwendig ist, daß die Blüthen zeitig werden zu der Frucht, also ist auch billig, daß der gute Wille ausbreche in die guten Werk. Wenn aber das Vers mögen ermangelt bei dir zu dem Werke, so bringe zum Wenigsten hervor die Blumen des guten Willens. Deros halben nennet der heil. Augustinus die Lieb auch einen guten Willen. Gott verlanget von Keinem mehr, als was er ihm nothwendig hat verliehen. Der gute Wille ist ein Schatz der Armen, in welchem Schaß ist die füßeste Ruhe und wahrhafteste Sicherheit. Haltest du einen guten Willen zu Gott und deinem Nächsten, so fizest du unter dem Baum der Liebe, unter dem Schats ten Jesu, dessen Frucht süß wird seyn deiner Kehle. Wer versucht hat die Frucht wahrer Liebe, der hat auch schon versuchet, wie süß der Herr sey. Wessentwegen vigilate, state in fide, viriliter agite et confortamini, wachet, stehet im Glauben, handelt männlich, und seyd stark, all euer Ding geschehe in der Liebe. Denn ohne die Lieb ist Gott keine Tugend angenehm. Die Liebe und guter Wille muß ein jedes Werk begleiten, foll

es Gott gefallen. Es ist zwar nicht zu verwerfen, die Lugend kommt Vielen hart vor; aber eben darum, sagt der heil. Gregorius, kann man nicht zu großer Belohnung gelangen ohne große Mühe und Arbeit. Auf große Mühe gehört ein guter Trunk; solchen Trunk aber wird Gott uns geben nach diesem Leben, wenn er uns wird zieren und führen in seinen Weinkel ler, zu laben mit seinen Gaben und Gnaden in alle Ewigkeit.

Das 4. Kapitel.

Um ihren Ruhm

Kommt leicht ein' Blum.

Da die Kinder Israel in dem babylonischen Elend fich befanden, waren sie in größter Traurigkeit, das sie genugsam zu erkennen gaben, weil sie sprachen: Au den Wässern Babylons saßen wir und weinten, da wir an Sion gedachten, unsere Harfen haben wir an die Weiden gehångt, da hießen uns die singen, welche uns gefangen hielten: lieber finget uns ein Liedlein von Sion; allein die armen Gefangenen gaben zur Ants wort: Quomodo cantabimus canticum Domini in terra aliena? wie könnten oder sollten wir des Herrn Lied singen in fremden Landen?« Es spricht der heis lige Augustinus: »>Qui non habent charitatem cantare non possunt. Welche nicht lieben, sich nicht im Sine

gen üben können; dem es wohl gehet, mag leicht fin gen: Cantabo Domino, qui bona tribuit mihi. Aber wenn das Blättlein sich wendet, und der Wohlstand fich endet, da heißt es gleich mit dem sonst geduldigen Job: Pereat dies, in qua natus sum, et nox, in qua dictum est, conceptus est homo, der Tag sey verlos ren, in welchem ich geboren bin, und die Nacht, da man sprach: es ist ein Mensch empfangen, »und vers drießet uns, mit Rebekka gleich långer zu leben. Taedet me vitae meae, wenn uns die Widerwärtigkeiten anstoßen, die Liebe in Trübsalen erstirbt bei uns gar leicht, daß wir wohl mit Paulo rufen dürften: »Quis me liberabis de corpore mortis hujus, wer wird mich erlösen von dem Körper dieses Todten?" Es ist zwar nicht ohne, nichts ist zu verdenken, so dieses Leben bes lustiget, alldieweilen solches nichts anders ist, als laus ter Mühseligkeit. Der Pfau, wenn er seine Füß an schauet, so läßt er das ausgespannte Rad ́seines Schweiz fes gleich fallen. Wenn wir betrachteten unser armses liges Leben, hätten wir keine Ursach, uns zu übers nehmen. Denn

Wie ein Vogel durch sein Fliegen,
Wie ein Pfeil

In der Eil

Kann des Menschen Aug betrügen,
Also schnell des Menschen Hab,
Und sein Schritt zu seinem Grab
It nicht weit von seiner Wiegen.

Dies nostri quasi umbra super terram, et nulla.
Sintemalen es eine elende Beschaffenheit

est mora.

mit uns sterblichen Menschen hat, deren Lage sind wie ein Schatten auf der Erde, und ohne Verzug verges hen; und dennoch seynd ihrer Viele, die gleichsam als Laglöhner für andere Leute arbeiten, selbst aber für fich nichts haben, und ohne anderer Personen Barmherzigkeit nicht bestehen können. Sie seynd stündlich. in Aengsten, stündlich mit Furcht umringet, und so wenig sicher, als diejenigen, die an einem gefåhrlichen Ort eines hohen Felsens stehen. Es verkehret sich Alles in einem Augenblick, ein Ungemach treibet und schlaget das andere, auch nimmt gar oft ein lustiger Anfang ein trauriges Ende. Pulvis es, et in pulverem reverteris, ein kleiner Wind verweht geschwind einen ganzen Haufen Uschen.

Damades oder Democles, wie ihn Sidoninë Apol, linaris nennet, als ihm der Tyrann Dionysius ein blo, ßes an einer kleinen Saite geheftetes Schwert über sein Haapt hat aufhången lassen, hat von der ganzen ihm zubereiteten königlichen Tafel und Mahlzeit nichts vers kosten wollen, auch nicht die geringste Freude bei der allerlieblichsten Musik empfunden. Dergleichen Schwers ter bången gar viel über uns, niemalen seynd wir ficher vor unterschiedlichen Zufällen und Begebenheiten; Alles vergehet wie ein Schatten, und unser Leben lauft dahin wie ein Wasser. Omnes morimur, et quasi aquae dilabimur in terram, quae non revertentur. Ja gleichwie nachgestellet wird dem König unter den Regeln, der Eul unter den Vögeln, den Tauben unter den Raben, dem Pelzwerk unter den Schaben, dem Esel unter dem Treiber, der Schönheit unter den Weis bern, dem Kás unter den Rahen, dem Korn mater

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