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unserm Schatten. Es macht uns Freude, Dir beizustehen; vor Adem aber seße Dich und iß und trinke mit uns."

Selim Baruch regte sich zu den Kaufleuten, und aß und trank mit ihnen. Nach dem Essen räumten die Skla5 ven die Geschirre hinweg, und brachten lange Pfeifen und

türkischen Sorbet. Die Kaufleute saßen lange schweigend, indem sie die bläulichen Rauchwolken vor sich hinbliesen und zusahen, wie sie sich ringelten und verzogen und ends

lich in die Luft verschwebten. Der junge Kaufmann brach 10 endlich das Stillschweigen. So figen wir seit drei Tagen,"

sprach er, ,, zu Pferd und am Tisch, ohne uns durch Etwas die Zeit zu vertreiben. Ich verspüre gewaltig Langeweile, denn ich bin gewohnt, nach Tisch Tänzer zu sehen oder

Gesang und Musik zu hören. Wißt Ihr gar nichts, meine 15 Freunde, das uns die Zeit vertreibe?" Die vier älteren

Kaufleute rauchten fort und schienen ernsthaft nachzufinnen, der Fremde aber sprach: „Wenn es mir erlaubt ist, will ich Euch einen Vorschlag machen. Ich meine, auf jedem

Lagerplaß fönnte Einer von uns den Andern Etwas erzählen. 20 Dies könnte uns schon die Zeit vertreiben." Selim Baruch,

Du hast wahrgesprochen," sagte Achmet, der älteste der Stauf: leute; ,, laßt uns den Vorschlag annehmen." Es freut mich, wenn Euch der Vorschlag behagt,“ sprach Selim, ,, damit

Ihr aber sehet, daß ich nichts Unbilliges verlange, so will ich 25 den Anfang machen.“

Vergnügt rückten die fünf Raufleute näher zusammen und ließen den Fremden in ihre Mitte sißen. Die Sklaven schenkten die Becher wieder voll, stopften die Pfeifen

ihrer Herren frisch und brachten glühende Kohlen zum Ans 30 zünden. Selim aber erfrischte seine Stimme mit einem

tüchtigen Zuge Sorbet, strich den langen Bart über den Mund weg und sprach: „So hört denn die Geschichte von Kalif Storch."

Die Geschichte von Kalif Storch.

I.

Der Kalif Chasib zu Bagdad saß einmal an einem 5 schönen Nachmittag behaglich auf seinem Sopha; er hatte ein wenig geschlafen, denn es war ein heißer Tag, und fah nun nach seinem Schläfchen recht heiter aus. Er rauchte aus einer langen Pfeife von Rosenholz, trant hie und da ein wenig Kaffee, den ihm ein Sklave einschenkte, 10 und ftrich sich allemal vergnügt den Bart, wenn es ihm geschmeckt hatte. Sturz man sah dem Salifen an, daß es ihm recht wohl war. Um diese Stunde konnte man gar gut mit ihm reden, weil er da immer recht mild und leutselig war, deßwegen besuchte ihn auch sein Großvezier Mansor 15 alle Tage um diese Zeit. An diesem Nachmittag nun kam er auch, sah aber sehr nachdenklich aus, ganz gegen seine Ges wohnheit. Der Salif that die Pfeife ein wenig aus dem Mund und sprach : ,, Warum machst Du ein so nachdenk

: liches Gesicht, Großvezier ?"

Der Großvezier schlug seine Arme freuzweis über die Brust

, verneigte sich vor seinem Herrn und antwortete: Herr! ob ich ein nachdenkliches Gesicht mache, weiß ich nicht, aber da unten am Schloß steht ein Strämer, der hat so schöne Sachen, daß es mich ärgert, nicht viel über: 25 flüssiges Geld zu haben."

Der Kalif, der seinem Großvezier schon lange gern eine Freude gemacht hätte, schickte feinen schwarzen Skla:

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ven hinunter, um den Strämer herauf zu holen. Balb fam der Sklave mit dem Krämer zurück. Dieser war ein kleiner dicker Mann, schwarzbraun im Gesicht und in zer

lumptem Anzug. Er trug einen Sasten, in welchem er 5 allerhand Waaren hatte, Perlen und Ringe, reichbeschla

gene Pistolen, Becher und Stämme. Der Kalif und sein Vezier musterten Alles durch, und der Kalif kaufte endlich für sich und Mansor schöne Pistolen, für die Frau des

Veziers aber einen Samm. Als der Krämer seinen Kasten 10 schon wieder zumachen wollte, sah der Kalif eine kleine

Schublade und fragte, ob da auch noch Waaren seien. Der Krämer zog die Schublade heraus und zeigte darin eine Dose mit schwärzlichem Pulver und ein Papier mit fons

derbarer Schrift, die weber der Salif noch Mansor lesen 15 fonnten. ,,Ich bekam einmal diese zwei Stücke von einem

Kaufmann, der sie in Meccă auf der Straße fand," sagte der främer, ,, ich weiß nicht, was sie enthalten; Euch stehen sie um geringen Preis zu Dienst, ich kann duch

nichts damit anfangen." Der Salif, der in seiner Bibliothek 20 gerne alte Manuscripte hatte, wenn er sie auch nicht lesen

konnte, kaufte Schrift und Dose und entließ den främer. Der Salif aber dachte, er möchte gerne wissen, was die Schrift enthalte, und fragte den Vezier, ob er Leinen

kenne, der es entziffern könnte. Gnädigster Herr und Ges 25 bieter," antwortete dieser, ,, an der großen Moschee wohnt

ein Mann; er heißt Selim der Gelehrte, der versteht alle Sprachen, laß ihn kommen, vielleicht kennt er diese ges heimnißvollen Züge."

Der gelehrte Selim war bald herbeigeholt. „Selim," 30 sprach zu ihm der Salif, „Selim, man sagt, Du feiest sehr

gelehrt ; gud einmal ein wenig in diese Schrift, ob Du sie

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lesen kannst; kannst Du sie lesen, so bekommst Du ein neues Festkleid von mir, fannst Du es nicht, so bekommst Du zwölf Backenstreiche und fünfundzwanzig auf die Fußsohlen, weil man Dich dann umsonst Selim den Gelehrten nennt." Selim verneigte sich und sprach : ,,Dein Wille geschehe, o Herr !" 5 Lange betrachtete er die Schrift, plößlich aber rief er aus : „Das ist Lateinisch, o Herr, oder ich lass mich hängen.“ Sag' was drin steht,“ befahl der Kalif, „wenn es Lateinisch ist."

Selim fing an zu überseßen: „Mensch, der Du Dieses 10 findest, preise Allah für seine Gnade. Wer von dem Pulver in dieser Dose schnupft und dazu spricht: Mutabor, der kann sich in jedes Thier verwandeln, und versteht auch die Sprache der Thiere. Wil er wieder in seine menschliche Gestalt zurückfehren, so neige er sich drei Mal gen Often und spreche 15 jenes Wort. Aber hüte Dich, wenn Du verwandelt bist, daß Du nicht lacheft, sonst verschwindet das Zauberwort gänzlich aus Deinem Gedächtniß und Du bleibst ein Thier."

Als Selim der Gelehrte also gelesen hatte, war der Kalif über die Maßen vergnügt. Er ließ den Gelehrten 20 schwören, Niemand etwas von dem Geheimniß zu sagen, schenkte ihm ein schönes Kleid und entließ ihn. Zu seinem Großvezier aber sagte er: „Das heiß ich gut einfaufen, Mansor! Wie freue ich mich darauf, ein Thier zu werden! Morgen früh kommst Du zu mir. Wir gehen dann mit: 25 einander aufs Feld, schnupfen etwas weniges aus meiner Dose und belauschen dann, was in der Luft und im Wasser, im Wald und Feld gesprochen wird !"

2.

Raum hatte am andern Morgen der Salif Chafið gefrühstückt und sich angekleidet, als schon der Großvezier

erschien, ihn, wie er befohlen, auf dem Spaziergang zu 5 begleiten. Der Kalif steckte die Dose mit dem Zauberpul

ver in den Gürtel, und nachdem er seinem Gefolge be: fohlen, zurückzubleiben, machte er sich mit dem Großvezier ganz allein auf den Weg. Sie gingen zuerst durch die

weiten Gärten des Salifen, spähten aber vergebens nach 10 etwas Lebendigem, um ihr Kunststück zu probiren. Der

Vezier schlug endlich vor, weiter hinaus an einen Teich zu gehen, wo er schon oft viele Thiere, namentlich Störche, gesehen habe, die durch ihr gravitätisches Wesen und ihr

Geklapper immer seine Aufmerksamkeit erregt haben. 15 Der Kalif billigte den Vorschlag seines Veziers, und

ging mit ihm dem Teich zu. Als sie dort angekommen waren, fahen sie einen Storch ernsthaft auf- und abgehen, Frösche suchend und hie und da etwas vor sich hinklappernb.

Zugleich sahen sie auch weit oben in der Luft einen andern 20 Storch dieser Gegend zu schweben.

„Ich wette meinen Bart, gnädigster Herr," sagte der Großvezier, ,, diese zwei Langfüßler führen jeßt ein schönes Gespräch mit einander. Wie wäre es, wenn wir Störche

würden ?" 25 „Wohl gesprochen!" antwortete der Salif.

Aber vors her wollen wir noch einmal betrachten, wie man wieder Mensch wird. Richtig! Drei Mal gen Osten geneigt und Mutabor gesagt, so bin ich wieder Kalif und Du

Vezier. Aber nur ums Himmels willen nicht gelacht, sonst 30 sind wir verloren !"

Während der Salif also sprachy, sah er den andern Storch

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