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nach herrschendem Vorurtheil, so warm als möglich und schärfte dadurch nur das Uebel. Endlich, nach traurig verflossener Zeit", fiel es mir wie eine Maske vom Gesicht, ohne daß die Blattern eine sichtbare Spur auf der Haut zurückgelassen"; aber die Bildung war merklich verändert. 3d selbst war zufrieden, nur wieder das Tageslicht zu sehen und nach und nach die flestige Haut zu verlieren; aber Andere waren uns barmherzig genug, mich öfters an den vorigen Zustand zu crinnern; besonders eine sehr lebhafte Tante, die früher Abgötterei* mit mir getrieben hatte, konnte mich, selbst noch in spätern Jahren, selten ansehen, ohne auszurufen : Pfui! Vetter, wie garstigó ist Ero geworden! Dann erzählte sie mir umständlich, wie sie sich sonst an mir ergeßt, welches Aufsehen sie erregt, wenn sie mich umhergetragen; und so erfuhr ich frühzeitig, daß uns die Menschen für das Vergnügen, das wir ihnen gewährt haben, sehr oft empfindlich büßen lassen.

Weder von Masern, noch Windblattern, und wie die Quälgeister' der Jugend heißen mögen, blieb ich verschont, und jedesmal versicherte man mire, es wäre ein Glück, daß dieses Uebel nun für immer vorüber sei; aber leider drohte schon wieder ein andres im Hintergrund und rückte heran.

Bei Gelegenheit dieses Familienleidenso will ich auch noch eines Brubers gedenken, welcher, um drei Jahr jünger als ich, gleichfalls von jener Ansteckung ergriffen wurde und nicht wenig davon litt. Er war von zarter Natur, stil und eigensinnig, und wir hatten niemals ein eigentliches Verhältniß zusammen". Auch überlebte er kaum die Kinder: jahre". IInter mehrern nachgebornen" Geschwistern, die gleichfalls nicht lang am Leben blieben, erinnere ich mich nur eines sehr schönen und angenehmen Mädchens, die aber auch bald verschwand, da wir denn nach Verlauf einiger

Jahre, ich und meine Schwester, uns allein übrig sahen und nur um so inniger und liebevoller verbanden.

Jene Krankheiten und andere unangenehme Störungen wurden in ihren Folgen doppelt lastig: denn mein Vater, der sich einen gewissen Erziehungs- und Unterrichtskalender gemacht zu haben schien, wollte jedes Versäumniß unmittelbar wieder einbringen' und belegte die Genesenden* mit doppelten Lectionen, welche zu leisten mir zwar nicht schwer, aber in sofern beschwerlich fiel, als es meine innere Entwicklung, die eine entschiedene Richtung genommen hatte, aufhielt und gewissermaßen zurückdrängte.

Vor diesen didaktischen und pädagogischen Bedrängnissen flüchteten wir gewöhnlich zu den Großeltern. Ihre Wohnung lag auf der Friedberger Gasse und schien ehemals eine Burg gewesen zu sein: denn wenn man herankam, sah man nichts als ein großes Thor mit Zinnen, welches zu beiden Seiten an zwei Nachbarhäuser stieß. Trat man hinein, so gelangte man durch einen schmalen Gang endlich in einen ziemlich breiten Hof, umgeben von ungleichen: Gebäuden, welche nunmehr alle zu Einer Wohnung vereinigt waren. Gewöhnlich eilten wir sogleich in den Garten, der sich ansehnlicho lang und breit hinter den Gebäuden hin erstreckte und sehr gut unterhalten' war; die Gänge meistens mit Rebgeländers eingefaßt, ein Theil des Raums den Rüchengewächsen, ein andrer den Blumen gewidmet, die vom Frühjahr bis in den Herbst in reichlicher Abwechslung die Rabatten sowie die Beete schmückten. Die lange, gegen Mittag gerichtete Mauer war zu wohl gezogenen Spalier-Pfirsichbäumen genüßt, von denen uns die verbotenen Früchte den Sommer über gar appetitlich entgegenreiften. Doch vermieden wir lieber diese Seite, weil wir unsere Genäschigkeit" hier nicht befriedigen

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durften, und wandten uns zu der entgegengesekten, wo eine unabsehbare? Reihe Iohannis- und Stachelbeerbüsdhe unserer Gierigkeit eine Folge von Ernten bis in den Herbst eröffnete. Nicht weniger war uns? ein alter, hoher, weitverbreiteter Maulbeerbaum bedeutend, sowohl wegen seiner Früchte, als auch weil man uns erzählte, daß von seinen Blättern die Seidenwürmer sich ernährten. In diesem friedlichen Revier 8 fand man jeden Abend den Großvater mit behaglicher Geschäftigkeit eigenhändig die feinere Obst- und Blumenzucht besorgend, indeß ein Gärtner die gröbere Arbeit verrichtete. Die vielfachen Bemühungen, welche nöthig sind, um einen schönen Nelfenflor“ zu erhalten und zu vermehren, ließ er fich niemals verbrießen. ' Er selbst band sorgfältig die Zweige der Pfirsichbäume fächerartige an die Spaliere, um einen reichlichen und bequemen Wachethum’ der Früchte zu befördern. Das Sortiren der Zwiebeln von Tulpen, Hyacinthen und verwandter Gewächse 8, so wie die Sorge für Aufbewahrung berselben überließ er Niemanden; und noch erinnere ich mich gern, wie emsig er sich mit dem Oculiren der verschiedenen Rosenarten beschäftigte. Dabei zog er, um sich vor den Dornen zu schüßen, jene alterthümlichen ledernen Handschuhe an, die ihm beim Pfeifergericht jährlich in Triplo 10 überreicht wurden, woran es ihm deshalb niemals mangelte. So trug er auch immer einen talarähnlichen Schlafrock, unb auf dem Haupt eine faltige schwarze Sammtmüße, so daß er eine mittlere Person zwischen Alcinous und Laertes 1 hätte vorstellen können.

Alle diese Gartenarbeiten betrieb er ebenso regelmäßig und genau als" seine Amtsgeschäfte: denn eh er herunterfam, hatte er immer die Registrande seiner Proponenden" für den andern Tag in Ordnung gebracht und die Acten gelesen.

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Ebenso fuhr er Morgens aufs Rathhaus, speiste nach seiner Rückkehr, nickte hierauf in seinem Großstuhl", und so gieng Alles einen Tag wie den andern. Er sprach wenig, zeigte keine Spur von Heftigkeit; ich erinnere mich nicht, ihn zornig gesehen zu haben. Alles, was ihn umgab, war alterthümlich. In seiner getäfelten Stube habe ich niemals irgend eine Neuerung wahrgenommen. Seine Bibliothef enthielt außer juristischen Werfen nur die ersten Reisebeschreibungen, Sees fahrten und Länder-Entdeđungen. Ueberhaupt erinnere ich midh feines Zustandes, der so wie dieser das Gefühl eines unverbrüdylichen Friedens und einer ewigen Dauer gegeben hätte.

Wir waren auf gar mannigfaltige Weise beschäftigt und unterhalten, wenn wir die an einen Materialienhändler * Melber verheirathete zweite Tochter besuchten, deren Woh: nung und Laden mitten im lebhaftesten, gedrängtesten Theile der Stadt an dem Markte lag. Hier fahen wir nun dem Gewühl und Gedränge, in welches wir uns scheuten zu verliereno, sehr vergnüglich aus den Fenstern zu; und wenn uns im Laden unter so vielerlei Waaren anfänglich nur das Süßholz und die daraus bereiteten braunen gestempelten Zeltlein® vorzüglich interessirten, so wurden wir doch allmählich mit der großen Menge von Gegenständen bekannt, welche bei einer solchen Handlung aus- und einfließen". Diese Tante war unter den Geschwistern die lebhafteste. Wenn meine Mutter in jüngern Jahren sich in reinlicher Kleidung, bei einer zierlichen weiblichen Arbeit, oder im Lesen eines Buches gefiel“, so fuhr jene in der Nachbarschaft umher, um sich dort versäumter Kinder anzunehmen, sie zu warten, zu fämmen und herumzutragen, wie sie es denn auch mit mir eine gute Weile" so getrieben. Zur Zeit öffentlicher Feierlichkeiten, wie bei Sorönungen, war sie nicht zu Hause zu halten. Als kleines Kind schon hatte sie nach dem bei solchen Gelegenheiten ausgeworfenen Gelbe gehascht, und man erzählte sich: wie sie einmal eine gute Partie' beisammen gehabt und solches ver: gnüglich in der flachen Hand beschaut, habe ihr einer2 dagegen geschlagen, wodurch denn die wohlerworbene Beute auf einmal verloren gegangen. Nicht weniger wußte sie sich viel damit”, daß sie dem vorbeifahrenden Saiser Karl dem Siebenten*, während eines Augenblics, da alles Volf schwieg, auf einem Prallsteine stehend, ein heftiges Vivat in die Sutsche gerufen und ihn veranlaßt habe, den Hut vor ihr abzuziehen und für diese fecke Aufmerksamkeit garo gnädig zu danken.

Auch in ihrem Hause war um sie her Alles bewegt, lebenslustig und munter, und wir Sinder sind ihr manche frohe Stunde schuldig geworden”.

In einem ruhigern, aber auch ihrer Natur angemessenen Zustande befand sich eine ziveite Tante, welche mit dem bei der St. Katharinen-Kirche angestellten Pfarrer Starf verheirathet war. Er lebte seiner Gesinnung und feinem Stande gemäß sehr einsam und besaß eine schöne Bibliothek Hier lernte ich zuerst den Homer kennen, und zwar in einer prosaischen Ueberseßung, wie sie im siebenten Theil der durch Herrn von Loen besorgten neuen Sammlung der merkwür: digsten Reisegeschichten, unter dem Titel: Homers Beschreibung der Eroberung des trojanischen Reichs, zu finden ist, mit Scupfern im französischen Theatersinne geziert. Diese Bilder verðarben mir dermaßen die Einbildungskraft, daß ich lange Zeit die Homerischen Helden mir nur unter diesen Gestalten vergegenwärtigeno konnte. Die Begebenheiten selbst gefielen mir unsäglich; nur hatte ich an dem Werke sehr auszuseßen, daß es uns von der Eroberung Troja’s keine Nachricht gebe

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