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gehalten werden konnte. Wir hatten das ursprüngliche Hauptdrama, worauf die Puppengesellschaft eigentlich eins gerichtet war, auswendig gelernt und führten es anfangs auch ausschließlich auf; allein dies ermüdete uns bald, wir veränderten die Garderobe, die Decorationen, und wagten uns an verschiedene Stücke, die freilich für einen jo kleinen Schauplaß zu weitläuftig? waren.

Ich hatte früh gelernt, mit Zirkel und Lineal umzugehen, indem ich den ganzen Unterricht, den man uns in der Geometrie ertheilte, sogleich in das Thätige verwandte*, und Pappenarbeiten konnten mich höchlich beschäftigen. Doch blieb ich nicht bei geometrischen Körpern, bei Kästchen und folchen Dingen stehen, sondern ersann mir artige Lusthäuser, welche mit Pilastern, Freitreppen und flachen Dächern ausges fchmückt wurden; wovon jedoch wenig zu Stande fam.

Weit beharrlicher" hingegen war ich, mit Hülfe unsers Bedienten, eines Schneiders von Professions, eine Rüstkammer auszustatten, welche zu unsern Schau- und Trauer: spielen dienen sollte, die wir, nachdem wir den Puppen über den Kopf gewachsen wareno, selbst aufzuführen Lust hatten. Meine Gespielen verfertigten sich zwar auch solche Rüstungen und hielten sie für ebenso schön und gut als 10 die meinigen; allein ich hatte es nicht bei den Bedürfnissen einer Person bewenden lassen, fondern konnte mehrere des kleinen Heeres mit allerlei Requisiten ausstatten und machte mich daher unserm kleinen Kreise immer nothwendiger. Daß solche Spiele auf Parteiungen, Gefechte und Schläge hinwiesen und gewöhnlich auch mit Händeln und Verbruß ein schrecks liches Ende nahmen, läßt sich denken. In solchen Fällen hielten gewöhnlich gewisse bestimmte Gespielen an mir", andre auf der Gegenseite, ob es gleich öfter manchen Partei.

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wechsel gab. Ein einziger Snabe, den ich Pylades? nennen wil, verließ nur ein einzigmal”, von den andern aufgehegt, meine Partei, konnte es aber faum eine Minute aushalten, mir feindselig gegenüber zu stehen; wir versöhnten uns unter vielen Thränen und haben eine ganze Weile: treulich zus sammengehalten.

Den Lügen und der Verstellung war ich abgeneigt und überhaupt keineswegs leichtsinnig; vielmehr zeigte sich der innere Ernst

, mit dem ich schon früh mich und die Welt betrachtete, auch in meinem Aeußern, und ich wart, oft freundlich, oft auch spöttisch, über eine gewisse Würde berufen“, die ich mir herausnahm. Denn ob es mir zwar an guten, ausgesuchten Freunden nicht fehlte, so waren wir doch immer die Minderzahl' gegen jene, die uns mit rohem Muthwillen anzufechtens ein Vergnügen fanden und uns freilich oft sehr unsanft aus jenen märchenhaften, selbstgefälligen Träumen aufweckten, in die wir uns, ich erfindend, und meine Gespielen theilnehmenb, nur allzugern verloren. Nun wurden wir

. abermals gewahr, baß man, anstatt sich der Weichlichkeit und phantastischen Vergnügungene hinzugeben, wohl eher Ursache habe, sich abzuhärten, um die unvermeidlichen Uebel entweder zu ertragen, oder ihnen entgegen zu wirken.

Da ich von einem solchen Leidenstrozło gleichsam Profession machte, so wuchsen die Zubringlichkeiten der andern; und wie" eine unartige Grausamkeit keine Grenzen fennt, so wußte sie mich doch aus meiner Grenze hinauszutreiben. Ich erzähle einen Fall ftatt vieler. Der Lehrer war eine Stunde"? nicht gekommen; so lange wir Kinder alle beisammen waren, unterhielten wir uns recht artig; als aber die mir Wohlwollenden, nachdem sie lange genug gewartet, hinweggiengen und ich mit drei Mißwollenben" allein blieb, fo bachten diese mich zu

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quälen, zu beschämen und zu vertreiben. Sie hatten mich einen Augenblick im Zimmer verlassen? und kamen mit Ruthen zurück, die sie sich aus einem geschwind zerschnittenen Besen verschafft hatten. Ich merkte ihre Absicht, und weil ich das Ende der Stunde nahe glaubte, so feßte ich aus dem Stegreife* bei mir fest, mich bis zum Glockenschlage nicht zu wehren. Sie fiengen darauf unbarmherzig an, mir die Beine und Waden auf das Grausamste zu peitschen. Ich rührte mich nicht, fühlte aber balb, daß ich mich verrechnet hatte, und daß ein solcher Schmerz bie Minuten sehr verlängert. Mit der Duldung wuchs meine Wuth', und mit dem ersten Stunden: schlag fuhr ich dem einen, der sich's am Wenigsten versah”, mit der Hand in die Nackenhaare und stürzte ihn augenblicklich zu Boden, indem ich mit dem Knie feinen Rücken drückte®; den andern, einen jüngeren und schwächeren, der mich von hinten anfiel, zog ich bei dem Stopfe durch den Arm und erdrosselte ihn fast, indem ich ihn an mich preßte. Nun war der legte noch übrig und nicht der schwächste°, und mir blieb nur die linke Hand zu meiner Vertheidigung. Allein ich ergriff ihn beim Sileide, und durch eine geschickte Wendung von meiner Seite, durch eine übereilte von seiner brachte id) ihn nieder und stieß ihn mit dem Gesicht gegen den Boden. Sie ließen es nicht an Beißen, Kraßen und Treten fehlen; aber ich hatte nur meine Rache im Sinn und in den Gliedern. In dem Vortheil, in dem ich mich befand, stieß ich sie wieders holt mit den Köpfen zusammen. Sie erhuben 10 zuleßt ein entseßliches Zetergeschrei", und wir sahen uns balb von allen Hausgenossen"? umgeben. Die umhergestreuten Ruthen und meine Beine, die ich von den Strümpfen entblößte, zeugten bald für mich. Man behielt sich die Strafe vor und ließ mich aus dem Hause; ich erklärte aber, daß ich fünftig bei der geringsten Beleidigung einem oder dem andern die Augen ausfraßen, die Ohren abreißen, wo nicht gar ihn erbrosseln würbe.

Dieser Vorfal, ob man ihn gleich, wie es in findischent Dingen zu geschehen pflegt, bald wieder vergaß und sogar belachte', war jedoch Ursache, daß die gemeinsamen Unterrichtsstunden seltener wurden und zulegt ganz aufhörten. Ich war also wieder wie vorher mehr ins Haus gebannt, wo ich an meiner Schwester Cornelia, bie nur ein Jahr weniger zählte als ich, eine an Annehmlichkeit immer wachsende Gesellschafterin fand.

Ich will jedoch diesen Gegenstand nicht verlassen, ohne noch einige Geschichten zu erzählen, wie mancherlei Unanges nehmes mir von meinen Gespielen begegnet: denn das ist ja eben das Lehrreiche solcher sittlichen Mittheilungen, daß der Mensch erfahre, wie es Andern ergangen, und was auch er vom Leben zu erwarten habe, und daß er, es mag sich ereignen was will, bebenke, bieses widerfahre ihm als Menschen und nicht als einem besonders Glücklichen oder Unglücklichen. Nüßt ein solches Wissen nicht viel, um die Uebel zu ver: meiden, so ist es doch sehr dienlich, daß wir uns in die Zustände finden“, fie ertragen, ja sie überwinden lernen.

Gewalt ist eher mit Gewalt zu vertreiben; aber ein gutgesinntes, zur Liebe und Theilnahme geneigtes sind weiß dem Hohn und dem bösen Willen wenig entgegenzuseßen. Wenn ich die Thätlichkeiten meiner Gesellen so ziemlich abzuhalten wußte, so war ich boch keineswegs ihren Stiche: leien und Mißreben" gewachsen, weil in folchen Fällen bers jenige, der sich vertheidigt, immer verlieren muß. Es wurden also auch Angriffe dieser Art, in sofern sie zum Zorn reizten, mit physischen Kräften zurückgewiesen, oder sie regten wunder: fame' Betrachtungen in mir auf, die denn nicht ohne Folgen bleiben konnten. Unter andern Vorzügen mißgönnten mir die Uebelwollenden auch, daß ich mir in einem Verhältniß gefiel, welches aus dem Schultheißenamt meines Großvaters für die Familie entsprang: denn indem er als der erste unter seines Gleichen” dastand, hatte dieses doch auch auf die Seinigen nicht geringen Einfluß. Und als ich mir einmal nach gehaltenem Pfeifergerichte etwas darauf einzubilden schien, meinen Großvater in der Mitte des Schöffenraths, eine Stufe höher als die Andern, unter dem Bilde des Saisers gleichsam* thronend gesehen zu haben, so sagte einer der Snaben höhnisch: ich sollte doch, wie der Pfau auf seine Füße", so auf meinen Großvater väterlicher Seite hinsehen, welcher Gastgeber zum Weidenhof gewesen und wohl an die Thronen' und Sronen keinen Anspruch gemacht hätte. Ich erwiederte darauf, daß ich davon feineswegs beschämt sei, weil gerade barin das Herrliche und Erhebende unserer Vaterstadt bestehe, daß. alle Bürger sich einander gleich halten dürften, und daß einem jeden seine Thätigkeit nach seiner Art förderlich und ehrenvoll sein könne. Es sei mir nur leib, daß der gute Mann schon so lange gestorben: Denn ich habe mich auch ihn persönlich zu fennen öfters gesehnt, sein Bildniß vielmals betrachtet, ja, sein Grab besucht und mich wenigstens bei der Inschrift an dem einfachen Denkmal seines vorübergegangenen Daseins gefreut. Ich hatte von meinem Großvater wenig reden hören, außer daß ein Bildniß mit dem meiner Großmutter in einem Besuchzimmer" des alten Hauses gehangen hatte, welche beibe, nach Erbauung des neuen, in einer obern Sammer aufbewahrt wurden. Meine Großmutter mußte" eine sehr schöne Frau gewesen sein, und von gleichem Alter mit ihrem Manne.

Doch wende ich lieber meinen Blic von jenen schönen,

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