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verborgen, die auffallendsten? Stellen auswendig zu lernen und besonders die zartesten und heftigsten so geschwind als möglich ins Gedächtniß zu fassen.

Portia's Traum recitirten wir um die Wette, und in das wilde verzweifelnde Gespräch zwischen Satan und Abrame: lech, welche ins rothe Meer gestürzt worden“, hatten wir uns getheilt. Die erste Rolle, als die gewaltsamste, war auf mein Theil gekommen", die andere, um ein wenig kläglicher, übernahm meine Schwester. Die wechselseitigen, zwar gräßlichen, aber doch wohlklingenden Verwünsdungen flossen nur so vom Munde, unb wir ergriffen jede Gelegenheit, uns mit diesen höllischen Rebensarten zu begrüßen.

Es war ein Samstagsabend' im Winter — Der Vater ließ sich immer bei Licht rasiren, um Sonntags früh sich zur Kirche bequemlich anziehen zu können - wir saßen auf einem Schemel hinter dem Ofen und murmelten, während der Barbier einseifte, unsere herkömmlichen Flüche ziemlich Leise. Nun hatte aber Abramelech ben Satan mit eisernen Händen zu fassen, meine Schwester pacte mich gewaltig an und recitirte, zwar leise genug, aber doch mit steigender Leidenschaft:

Hilf mir! ich flehe dich an, ich bete, wenn du es forberst, Ungeheuer, dich an! Verworfner, schwarzer Verbrecher, Hilf mir! ich leide die Pein des rächenben ewigen Todes ..., Vormals konnt' ich mit heißem, mit grimmigem Hasse dich

hassen! Iegt vermag ich's nicht mehr! Auch dies ist stechender

Jammer 10! Bisher war alles leidlich" gegangen ; aber laut, mit fürchters licher Stimme, rief sie die folgenden Worte:

O wie bin ich zermalmt ...,

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Der gute Chirurgus' erschrat und goß dem Vater das Seifenbecken in die Brust. Da gab es einen großen Aufstand, und eine strenge Untersuchung ward gehalten, besonders in Betracht des Unglücks, bas hätte entstehen können, wenn man schon im Rasiren begriffen gewesen wäre. Um allen Verdacht des Muthwillens von uns abzulehnen, befannten wir uns zu unsern teuflischen Rollen, und das Unglück, das die Herameter angerichtet hatten, war zu offenbar, als daß man sie nicht aufs Neue hätte verrufen: und verbannen sollen.

So pflegen Sinder und Volf das Große, das Erhabene in ein Spiel, ja in eine Posse zu verwandeln; und wie follten sie auch sonst im Stande sein, es auszuhalten und zu ertragen!

Drittes Buch.

Der Neujahrstag warb zu jener Zeit durch den alls gemeinen Umlauf von persönlichen Glückwünschungen für die Stadt sehr belebend. Wer sonst nicht leicht aus dem Hause kam, warf sich in seine besten Kleider?, um Gönnern und Freunden einen Augenblick freundlich und höflich zu sein. Für uns Kinder war besonders die Festlichkeit in dem Hause des Großvaters an diesem Tage ein höchst erwünschter Genuß. Mit dem frühsten Morgen waren die Enkel schon daselbst“ versammelt, um die Trommeln, die Hoboen und Klarinetten, die Posaunen und Zinken, wie sie das Militär, die Stadtmusici und wer sonst alles ertönen ließ, zu vernehmen. Die versiegelten und überschriebenen Neujahrsgeschenke wurden von den Kindern unter die geringern Gratulanten ausgetheilt, und wie der Tag wuchs, so vers mehrte sich die Anzahl der Honoratioren?. Erst erschienen die Vertrauten und Verwandten, dann die untern Staats: beamten; die Herren vom Rathe selbst verfehlten nicht, ihren Schultheiß zu begrüßen, und eine auserwählte Anzahl wurde Abends in Zimmern bewirthet, welche das ganze Jahr über kaum sich öffneten. Die Torten, Biscuitfuchen, Marzipane, der füße Wein übte den größten Reiz auf die Kinder aus,

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G. B.

wozu noch fam, daß der Schultheiß so wie die beiden Burges meister aus einigen Stiftungen' jährlich etwas Silberzeug erhielten, welches denn den Enkeln und Pathen nach einer gewissen Abstufung verehrt ward; genug, es fehlte diesem Feste im Sleinen an nichts, was die größten zu verherrlichen pflegt.

Der Neujahrstag 1759 fam heran, für uns Kinder erwünscht und vergnüglich wie die vorigen, aber den altern Personen bedenklich und ahnungsvou. Die Durchmarsche der Franzosen war man zwar gewohnt, und sie ereigneten sich öfters und häufig, aber doch am häufigsten in den letzten Tagen des vergangenen Jahres. Nach alter reichsstädtischer Sitte posaunte der Thürmer des Hauptthurms“, so oft Truppen heranrückten, und an diesem Neujahrstage wollte er gar nicht aufhören“, welches ein Zeichen war, daß größere Heereszüge von mehreren Seiten in Bewegung seien. Wirflich zogen sie auch in größeren Massen an diesem Tage durch die Stadt; man lief, sie vorbeipassiren zu sehen. Sonst war man gewohnt, daß sie nur in kleinen Partieen burchmarschieten; diese aber vergrößerten sich nach und nach, ohne baß man es verhindern fonnte oder wollte. Genug, am 2. Januar, nachdem eine Colonne durch Sachsenhausen über die Brücke durch die Fahrgasse bis an die Constablerwache gelangt war, machte sie Halt, überwältigte das kleine, fie durchführende? Commando, nahm Besiz von gedachter Wache, zog die Zeile hinunter, und nach einem geringen Widerstand mußte ich auch die Hauptwache ergeben Augenblicks waren die friedlichen Straßen in einen Sriegsschauplaß verwandelt. Dort verharrten und bivouafirten die Truppen, bis durch regelmäßige Einquartierung für ihr Unterfommen gesorgt wäre.

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Diese unerwartete, feit vielen Jahren unerhörte Last drückte die behaglichen Bürger gewaltig, und Niemand konnte sie beschwerlicher sein als dem Vater, der in sein faum vollendetes Haus fremde militärische Bewohner aufnehmen, ihnen seine wohlaufgeputten und meist verschlossenen Staatszimmer einräumen und das, was er so genau zu ordnen und zu regieren pflegte, fremder Wilfür preisgeben sollte ; er, ohnehin preußisch gesinnt, sollte sich nun von Franzosen in seinen Zimmern belagert sehen: es war das Traurigste, was ihm nach seiner Denkweise* begegnen konnte. Wäre es ihm jedoch möglich gewesen, die Sache leichter zu nehmen, da er gut französisch sprach und im Leben sich wohl mit Würde und Anmuth betragen konnte, fo hätte er sich und uns manche trübe Stunde ersparen mögen; denn man quartierte bei uns den Königslieutenante, der, obgleich Militärperson, doch nur die Civilvorfälle, die Streitigkeiten zwischen Soldaten und Bürgern, Schuldensachen und Händel zu schlichten' hatte. Es war Graf Thorane, von Grasse in der Provence, unweit Antibes, gebürtig, eine lange hagre ernste Gestalt, das Gesicht durch die Blattern sehr entstelt, mit schwarzen feurigen Augen, und von einem würdigen, zusammenges nommenen Betragen. Gleich sein Eintritt war für den Hausbewohner günstig. Man sprach von den verschiedenen Zimmern, welche theils abgegeben werden, theils der Familie verbleiben sollten, und als der Graf ein Gemäldezimmer erwähnen hörte, so erbat er sich gleich, ob es schono Nacht war, mit Rerzen die Bilder wenigstens flüchtig zu besehen. Er hatte an diesen Dingen eine übergroße Freude, bezeigte sich gegen den ihn begleitenden Vater auf das Verbindlichfte, und als er vernahm, daß die meisten Künstler noch lebten, sich in Frankfurt und in der Nachbarschaft aufhielten, so vers

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