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KAISERL. RATH, PROFESSOR DER PHYSIK I. R. IN GRAZ, RITTER DES K. K, ÖSTERREICH,
FRANZ JOSEF-ORDENS, BESITZER DER GOLDENEN MEDAILLE FÜR KUNST UND WISSENSCHAFT
UND DES VERDIENSTKREUZES DES GROSSHERZOGL, MECKLENBURGISCHEN ORDENS DER

WENDISCHEN KRONE,

WIEN, 1886.
VERLAG VON A. PICHLER'S WITWE & SOHN,
BUCHHANDLUNG FÜR PÄDAGOG. LITERATUR UND LEHRMITTEL-ANSTALT.

V. MARGARETENPLATZ 2.

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Vorrede.

Für den Fachmann sowie für den Freund der Naturwissenschaften ist es ein Bedürfnis, unser heutiges physikalisches Bewusstsein, so zu sagen, von seinen ersten Anfängen her kennen zu lernen. Die Resultate einer Wissenschaft, zu deren Aufbau eine Geistesarbeit von Jahrtausenden nothwendig war, zwingen unabweislich zu einem Rückblicke auf die muthigen rastlosen Arbeiter früherer Jahrhunderte, auf mühevoll errungene Siege, aber auch auf Irrwege, welche die zur Wahrheit Strebenden oft lange in einem Labyrinthe fest hielten. Jahrtausende sind vorübergezogen an dem hier weilenden Menschengeschlechte und unermüdet haben immer Einzelne Sandkorn auf Sandkorn gehäuft zum großen Baue der Naturlehre. Müde Arbeiter verließen den Schauplatz, aber andere nahmen das Erbe dankbar auf und setzten das Werk muthig fort. Nationen sind verschwunden oder zur Unbedeutendheit herabgesunken, welche einmal mit Eifer jenen Bau gefördert, aber dieser schreitet immer weiter fort. Unwissenheit und Aberglauben haben an dem erhabenen Baue gerüttelt, aber er hat die Stürme finsterer Jahrhunderte überdauert, und er wird unaufhaltsam fortschreiten, so lange es einen denkenden Menschengeist auf Erden gibt.

Was speciell die Elektricität betrifft, so hat diese in neuester Zeit eine solche Bedeutung erlangt, dass sie in vielfacher Beziehung die Aufmerksamkeit jedes Gebildeten, mag er sich auch sonst sehr wenig mit physikalischen Studien beschäftigen,

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nennen.

in hohem Grade zu crregen imstande ist. Es gab eine Zeit, wo fast jeder praktische Mann über die Spielereien der Physiker mit geriebenen Glasstäben, Glascylindern und Scheiben lächelte. Unbekümmert um Spott und Hohn setzten die Forscher ihre Untersuchungen fort und nun gehört die Lehre von der Elektricität zu jenen physikalischen Disciplinen, welche auf das mannigfaltigste in das praktische Leben eingreifen, und wie man früher von einem Zeitalter des Dampfes sprach, so kann man gewiss mit gleichem Rechte unsere Zeit die der Elektricität

Die Elektricität ist es, welche die Gedanken mit Blitzesschnelle durch die Länder sendet, sie verbindet Welttheile, die durch weite Meere getrennt sind, sie setzt Maschinen gleich der Dampfkraft in Bewegung, sie verwandelt dunkle Nacht in Tageshelle, sie arbeitet als chemisch zersetzende Kraft und liefert treue Copien von Originalen, sie wird in vielen Fällen als heilendes Agens benützt, sie trägt den Schall in ferne Orte, sie überträgt Kraftleistungen auf größere Distanzen, sie ist im Stande, in dem elektrischen Lichtbogen mit Leichtigkeit die schwerstschmelzbaren Metalle, Stahl, Platin, Iridium zu schmelzen, sie hilft dem Bergmanne bei seinen unterirdischen Arbeiten, sie unterstützt den Steinbrecher bei der Zerstörung der Gesteinsmassen, sie ist es, welche es dem Ingenieur ermöglicht, seine Riesentunnels durch das Innere gewaltiger Berge zu führen, sie hilft den Lauf der Flüsse regulieren, sie wirft aber auch in wenigen Augenblicken die festesten Brücken nieder, welche dem Feinde zu einem Übergange dienen können, sie entzündet die Sprengschüsse des Mineurs, sie bekämpft feindliche Schiffe vom Grunde des Meeres.

Die große Verwendbarkeit der Elektricität gründet sich darauf, dass dieselbe so leicht in andere physikalische Kräfte, in Licht, Wärme, Magnetismus, Chemismus und mechanische Arbeit umgesetzt werden kann.

Ein Wissenszweig, der solche praktische Erfolge aufzuweisen vermag, musste auch eine reichhaltige populärwissenschaftliche Literatur ins Leben rufen, um diese errungenen Resultate dem großen Publicum zugänglich zu machen. Dennoch fehlt es bis zum Augenblicke an einer für weitere Kreise bestimmten Darstellung der historischen Entwickelung dieses Theiles der Physik. Pristley's Geschichte der Elektricität (deutsche Übersetzung) datiert vom Jahre 1774 und kann daher nicht in Betracht gezogen werden. In neuester Zeit (1884) erschien Dr. Hoppe's Geschichte der Elektricität, nachdem mein Manuscript bis zum letzten Abschnitte vorgeschritten war. Ich konnte mich durch das Erscheinen dieses vortrefflichen Werkes von der Beendigung meines Buches nicht abschrecken lassen, da ich bald nicht nur an dem Umfange, sondern auch an der Darstellungsweise, welche größere physikalische und namentlich mathematische Kenntnisse bei den Lesern voraussetzt, ersah, dass dieses Buch offenbar für andere Kreise bestimmt sei, als ich vor Augen hatte. Ich habe daher meine Arbeit muthig zu Ende geführt, ohne mir die Schwierigkeiten dieses Unternehmens verhehlt zu haben. Wenn man bereits sechs Decennien seines Lebens hinter sich hat, geht man nicht mehr allzu sanguinisch zu Werke, und nimmt eine Arbeit gewiss von der ernsten Seite. Auch hatte ich schon vor vielen Jahren an ähnlichen Arbeiten Gelegenheit gehabt, solche Schwierigkeiten kennen zu lernen. Ich veröffentlichte nämlich bereits im Jahre 1858 eine Geschichte der Optik von den ältesten Zeiten bis zum Beginne des 14. Jahrhunderts, im Jahre 1865 eine Abhandlung über die ältesten Bestrebungen in der Akustik und 1868 eine Geschichte der Elektricität bis zur Entdeckung des Galvanismus. Diese Arbeiten wurden von der Kritik freundlich aufgenommen, ja es wurde „der lebhafte Wunsch ausgesprochen, der Verfasser möge auch andere Partien der Geschichte der Physik auf ähnliche Weise bearbeitet, vorführen.“

Jeder Verfasser einer Geschichte der Physik und so auch eines jeden Zweiges derselben stellt sich eine schöne Aufgabe, er soll Eroberungen verfolgen, welche mit den Waffen des Geistes oft geräuschlos vollzogen wurden, aber anderseits ist diese Aufgabe eine schwierige, da er unter einer großen Masse unzuverlässigen Materials eine gewissenhafte Sichtung vornehmen und sich selbst die Strenge einer objectiven Anschauung bewahren soll. Die größte Schwierigkeit liegt jedoch darin, die verschiedenen Partien nicht unvermittelt neben einander hin.

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