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ton Fiß-Herbert. Die Anklage gegen ihn wurde verlesen: Sie war lang, verworren, voll Uebertreibungen, und geflissentlich so abgefaßt, um des Sir Thomas ausgezeichnetes Gedächtniß zu überwältigen. Heinrich fürchtete nämlich seine Beredsamkeit und sein Ansehen. Daher waren die Klagepunkte ins Unendliche vervielfältigt, und jeder einzelne unter einem Wortschwall begraben, dessen Sinn schwer herauszubringen war 2). Im Wesentlichen besagten sie: More habe halsstärrig und verrätherisch den neuen Parlamentsschluß, daß der König oberstes Haupt der englischen Kirche seyn solle, verworfen. Dies zu erweisen, ward das früher erwähnte zweimalige Verhör vorgelesen, und sein Gespräch mit Richard Rich vorgebracht. Er habe, fügte man hinzu, im Kerker Briefe an Fisher geschrieben, in denen er behauptet: das neue Gesetz sey ein zweischneidiges Schwert; denn billige man den Beschluß, so sey die Seele, verwerfe man denselben, der Leib in Gefahr. Aus diesem allen ward der Schluß gezogen: More sey des Hochverrathes schuldig, weil er den Reichsbeschlüssen widerstrebt und des Königs Gewalt geläugnet habe. Der Kanzler Audley und der Herzog von Norfolk wandten sich nach der Verlesung der Anklage an Sir Thomas: «Ihr seht nun, wie schwer Ihr den König beleidigt habt! Und doch ist er noch immer so gnädig, daß, wenn Ihr Euren Starrsinn ablegen und Eure Meinung ändern wollt, wir hoffen, er werde Euch Verzeihung angedeihen lassen. ›

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Fest und entschlossen antwortete More:

«Sehr edle Lords! Ich habe große Ursache, Euch für diese Eure Güte zu danken; aber ich bitte den allmächtigen Gott, daß er durch seine Gnade mich in mei

selbst bis zum Lode

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ner Gesinnung erhalte. » Nach diesem ward ihm gestattet, sich gegen die Anklage zu vertheidigen. Er begann, wie folgt: « Wenn ich bedenke, wie lang meine Anklage ist und welche gehässige Dinge mir zur Last gelegt werden; so befällt mich die Furcht, mein Gedächtniß und meine Seelenkräfte überhaupt möchten mich verlassen, welche eben so sehr wie die Gesundheit meines Körpers durch die lange Kerkerhaft geschwächt wurden, und ich nicht im Stande seyn, Alles so plöglich zu beantworten, wie ich sollte, und wie ich sonst könnte. Auf Befehl der Richter ward ihm ein Stuhl gebracht, und nachdem er sich niedergelassen, fuhr er fort:

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«Meine Anklage enthält, wenn ich mich nicht irre, vier Hauptpunkte, welche ich, so Gott will, nach der Ordnung beantworten will. Den ersten mir zur Last gelegten Punkt betreffend, daß ich des Königs Ehe mit Anna Boleyn mißbilligt habe, gestehe ich ein, daß ich Seiner Majestät allezeit meine Meinung hierüber gesagt, wie mein Gewissen sie mir eingab. Deshalb aber kann ich mich durchaus keines Hochverrathes schuldig erkennen. Im Gegentheile, hätte ich, befragt in einer so wichtigen Sache, von welcher die Ruhe eines Königreiches abhing, meinem Fürsten gegen die Stimme meines Gewissens niedrig geschmeichelt, so würde ich billig für einen lasterhaften Unterthan und treulosen Verräther an Gott gelten. Habe ich den König hierin wirklich beleidigt, so halte ich den Verlust meiner Güter und eine beständige, fast fünfzehn monatliche Einkerkerung für eine hinlängliche Strafe. Die zweite Klage gegen mich ist: daß ich ein Statut übertreten habe, über welches ich, der Verhaftete, zweimal von den Gliedern des königlichen Ras

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wegen

ob der

thes verhört, meine Meinung nicht sagen wolle meines halsstärrigen, verrätherischen Gemüthes König das Oberhaupt der englischen Kirche sey oder nicht? Dies Gesetz, antwortete ich, geht mich nichts an, es mag rechtlich oder widerrechtlich gegeben worden seyn, weil ich keine Wohlthaten von der Kirche genieße. Ich behaupte ferner, daß ich nie Etwas wider diesen Punkt gesagt oder gethan, und keine meiner Aeußerungen oder Handlungen kann vorgebracht werden, mich hierin der Schuld zu überführen. Ich wollte, wie ich Euren Herrlichkeiten eingestanden, künftig an nichts Anderes denken, als an das bittere Leiden Christi, und auf meinen Austritt aus dieser elenden Welt. Nach Allem, wessen ich mir bewußt bin, konnte ich kein Geseß übertreten, und mich irgend des Verbrechens der Verrätherei schuldig machen. Aber weder das Statut, noch irgend ein Gefeß in der Welt kann einen Mann um sein Stillschweigen bes strafen, sondern nur allein Worte und Thaten erliegen der Strafe. Einzig Gott ist der Richter unserer Gedanken. »

Bei diesen Worten unterbrach ihn des Königs Attorney und sprach: Wir haben zwar weder ein Wort noch eine That Euch entgegenzustellen, doch haben wir Euer Stillschweigen, als den deutlichsten Beweis Eurer boshaften Gesinnung; denn kein treuer Unterthan, welchem geseßlich diese Frage vorgelegt wird, kann sich weigern, hierauf zu antworten. » « Mein Stillschweigen, entgegnete More, ist weder ein Zeichen eines boshaften Gemüthes - was der König selbst aus vielen meiner Handlungen erkennen mag.

mich der Uebertretung Eures Gesezes:

noch überweist es

Denn bei den Cis

vilisten und Canonisten gilt der Spruch: Wer schweigt,

scheint einzuwilligen.

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«Ihr sagt, ein treuer Unterthan darf eine bestimmte Antwort nicht verweigern ; ich halte dafür, die Pflicht eines getreuen Unterthanen sey, mehr Gott, als den Menschen zu gehorchen, und mehr Sorge zu tragen, sein Gewissen und seine Seele zu bewahren, als alles Andere in der Welt. Hauptsächlich wenn sein Gewissen so beschaffen ist und allerdings ist dies mit dem meinigen der Fall daß es niemals seinem Fürsten oder Lande Schmach und Aufruhr bereitet. Denn ich betheure aufs Heiligste, daß ich nie einem Sterblichen mein Inneres eröffnet.» Ich komme nun zum dritten Hauptpunkt meiner Anklage. Man beschuldigt mich, ich hätte boshaft und verrätherisch wider den Staat gehandelt, weil ich während meiner Haft im Tower acht Paquete Briefe an den Bischof Fisher geschrieben, in welchen ich ihn zur Uebertretung des Statutes ermuntert und zu gleicher Hartnäckigkeit verführt hätte. Man lege mir diese Briefe vor, und lese sie wider mich, ein Umstand, der mich entweder in Freiheit sehen, oder mich der Lüge überführen wird: Aber da Ihr sagt, der Bischof habe alle Briefe verbrannt, so will ich Euch das Wahre der ganzen Sache eröffnen. Viele derselben betrafen unsere Privatangelegenheiten, denn wir waren alte Freunde und Bekannte. Einer jener Briefe war eine Antwort auf den seinigen, worin er zu wissen wünschte, wie ich in meinen Verhören im Punkte des Supremates geantwortet. Hierüber schrieb ich ihm zurück: Ich sey bereits mit meinem Gewissen im Reinen und ließe ihm gleichfalls das seinige nach eigenem Gutdünken beruhigen. Diese und keine andere Antwort habe ich Fishern gegeben. Gott ist dessen mein Zeuge!»

«Die letzte Beschuldigung gegen mich ist, daß ich bei meinem Verhör im Lower gesagt habe, jenes Statut sey einem zweischneidigen Schwerte vergleichbar. Weil nun der Bischof Fisher dieselbe Antwort gegeben, so ist es, wie Ihr sagt, ein unumstößlicher Schluß, daß wir beide uns mit einander verabredet haben. Worauf ich erwies dere: Meine Antwort lautete Bedingungsweise, wenn nämlich auf beiden Seiten Gefahr sey, entweder das Gesetz zu billigen oder nicht, und deshalb es einem zweischneidigen Schwerte zu vergleichen wäre, so sey es für mich sehr hart, daß mir das Statut vorgelegt werde, der ich doch weder mit Worten noch mit Chaten dagegen gewesen sey. Dies war meine Aussage. Was der Bischof geantwortet: Ich weiß es nicht. War seine Antwort der meinigen gleich, so kann darum noch keine Verabredung zwischen uns daraus gefolgert werden, sondern nur eine Gleichheit unserer Gesinnungen und unserer Einsicht. » Schließlich behaupte ich ohne alle Verstellung, daß ich niemals ein Wort wider dies Geseß zu irgend einem Menschen geredet, wenn schon vielleicht Seiner Majestät das Gegentheil berichtet worden ist. »

Auf eine so vollständige Rechtfertigung wußte der Attorney nichts mehr zu sagen; aber das Wort «Bos heit war im Munde fast aller Glieder des Gerichtes. Niemand jedoch konnte ein Wort oder eine That aufweisen, ihn dieser zu überführen. Aber um den zwölf Geschwornen darzuthun, daß More des Hochverrathes schuldig sey, ward Mr. Rich aufgerufen; er sagte aus, in jenem Gespräche, das er im Lower mit Sir Thomas gepflogen, habe dieser die Suprematie des Königs als etwas ungerechtes bezeichnet. Rich bestätigte die Wahrheit seiner Aussage durch einen Eid. Erstaunt und voll

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