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Aus dem neuen Stande des Ehemannes und dessen Verpflichtungen erwuchsen auch neue Verhältnisse. Die Sorge für den Unterhalt seines Weibes und der Kinder, die er mit ihr erzeugen würde, führte ihn wieder zu den juridischen Studien zurück, denen er sich unter solchen Umständen mit dem größten Fleiße ergab und zwar zu lincolns-Inn ), bis er von da zur Bank gerufen wurde, wo er sich durch seine Kenntnisse ro hervor that, daß er, eine seltene Auszeichnung für den jungen Mann, die nur den älteren, erfahrenen Rechtskundigen zu Theil ward, zweimal daselbst Vorträge hielt. Dies ist so oft, bemerkt sein Schwiegersohn, Roper 13), als irgend ein Richter zu thun pflegt.

An mertungen.

1)

More's Geburts - Jahr 1482 angenommen.
2) Die Motus carnis beim Staplet.
3) More, p. 33.
4) More, p. 33. Biogr. Brit. 3159.
5) Roper, 27. 28. More, 34.

6) Ut nemo tam tristis sit, quem non exhilaret, versichert Erass mus von More in seinen Briefe an Hutten.

7) More, p. 34. Roper, I. cit.
8) More, l. cit.
9) Roper, 28.

10) Erasm. an Hutten. Nam ad Musicam vocalem a natura non videtur esse compositus, etiamsi delectatur omni Musices genere.

11) Idem. Erasm. opp. III. I. p. 475. C. D. 12) Roper, 28.

13) Roper, I. cit. Einmal scheint er über ein Statut, Verrath betreffend, gesprochen zu haben. More, p. 38. Siehe was oben Ende Nro. 6. not. 3. angeführt ist.

2. More Advocat, Untersheriff, Friedensrichter,

seine häuslichen Verhältnisse.

Vorher schon 1) hatte er sich mit seinem Weibe zu Bucklersbury in London niedergelassen, und da seine Ehe mit Kindern gesegnet war, für deren Unterhalt und Erziehung ihm die Obsorge zustand, so erwählte er das Amt eines Anwalds ?). Fern von schmutziger Gewinnsucht rieth er stets, auf den Vortheil seiner Parthei mehr, als auf seinen eigenen bedacht, zu Vergleichen, weil diese minder kostspielig seyen; gelang ihm dies nicht, so zeigte er doch seinen Clienten die Art an, wie sie mit dem geringsten Kostenaufwande den Proceß führen könnten 3). Augemein wurde sein durchdringender Verstand, seine Reds lichkeit und tiefe Sachkenntniß bewundert. Die ihm angeborne Fertigkeit, sich schnell und gut auszudrücken, eine Folge seiner Besonnenheit und Ueberlegung 4), der Muth, den die gerechte Sache einflößt – er vertheidigte keine andere – die angestrengtesten Bemühungen, seiner Parthei das gebührende Recht zu verschaffen, machten, daß Jedermann sich beeiferte, sich seiner bei Processen als Anwald zu bedienen. Geld nahm er nur, wenn er es wohl verdient hatte, und auch alsdann noch, im Vergleiche ges gen andere, wenig 5).

Die Geschicklichkeit und Uneigennüßigkeit, welche More als Anwald entwickelte, bahnte ihm sehr frühzeitig und in einem Alter von 28 Jahren den Weg zum Amte eines Untersheriffs der Stadt London 6). Als solcher ges

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wann er durch Fleiß und Kenntnisse, wie er Ropern selbst gestand ?), ohne rein Gewissen zu beschweren, an 100 Pfd. jährlich 8), eine Summe, welche für jene Zeis ten allerdings bedeutend war. In der That gab es das mals in den Gerichtshöfen des Königreiches keinen Pros ceß von Wichtigkeit, in welchem er nicht zugezogen wurde. Wie lange er der Würde eines Untersheriffs vorgestans den, und wann er Friedensrichter geworden, ist schwer zu bestimmen 9).

Schon in zarter Jugend hatte sich More durch Wiß und Laune hervorgethan; mit der fortschreitenden Ausbildung seines Geistes nahmen auch diese zu. Haupts sächlich zierte sein männliches Alter die herrliche Eis genschaft einer beständigen Geistesheiterkeit 20), deren Quelle ein reines fleckenloses Gewissen und der feste Glaube an die göttliche Vorsehung ist 11). Sie war die treue Gefährtin seines Lebens bis zum leßten Hauche, und verbreitete über sein ganzes Wesen jene Anmuth, die alle seine Bekannten und Freunde nicht genug an ihm zu rühmen wußten 12). Im düsteren Sterfer, in der lezten Stunde so gut, wie in den Tagen des Wohlstandes und der allgemeinen Auszeichnung, im traulichen Kreise der Seinigen, wie in den Amtsverrichtungen umschwebte ihn dieselbe ungetrübte Heiterfeit, welche die Drohungen seis ner Feinde verachtete und die Schrecken des Lodes selbst fest und unerschüttert erwartete.

Eine Folge dieses Seelenfriedens und der damit vers knüpften Besonnenheit, war die fröhliche Ansicht, wel: che More auch den ernsthaftesten und abschreckendsten Sachen abzugewinnen wußte 13); so, daß er aus densels ben für sich und andere nur lust nnd Vergnügen schöpfte. Munterer Wiß, wenn gleich gegen ihn selbst gekehrt, ers gößte ihn eher, als daß er dadurch beleidigt ward, nur mußte er fein und geistreich seyn, ja, Erasmus vergleicht ihn dieser Vorliebe zu Witz und Späßen halber dem De. mocrit, oder vielmehr jenem pythagoräischeu Philosos phen, der leidenschaftslosen Gemüthes, auf dem Markte umhergehend, das Getreibe der Käufer und Verkäufer betrachtet 14). Obwohl More zu Scherzen und muntes rer Unterhaltung wie geboren (dien, so ließ er diese doch nie bis zur Porfenreißerei ausarten, ebensowes nig als er die beißende Art derselben liebte 15). Nichtss destoweniger haben ihn Neuere zu einem unziemlichen, niedern Spaßmacher herabwürdigen wollen, und zwar auf des Erasmus Zeugniß hin 16).

More's Leben bietet uns eine Menge von Zügen des schlagenden, aber gutmüthigen Wißes dar. Als er noch, so wird erzählt, das Amt eines Friedensrichters von london bekleidete, und den Sißungen zu Newgate beizuwohnen pflegte, trug fich dort zu, daß einer der ältesten Richter der Bant jederzeit die armen Leute, denen die Geldtaschen abgeschnitten waren, ihrer Nachs lässigkeit wegen ausschmählte; diese sey Ursache, daß ro viele Beutelschneider hieher gebracht würden. Sir Thos mas, der oft wiederholten Vorwürfe des alten Richters an Leute, denen er Recht sprechen sollte, überdrüßig, vers schob eines Tages den Spruch über solche Sachen auf die folgende Sißung, ließ des Nachts einen der Hauptbeutelschneider aus dem Gefängnisse heimlich zu sich koms men, und versprach ihm diesmal Straflosigkeit für den Diebstahl, wenn er in der nächsten Sigung des alten Richters Geldbörse wegschneiden würde; nach volbrachter That sollte er ihm ein Zeichen geben. Der Bursche ging freudig auf die Bedingung ein. Des andern Tages war

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