Page images
PDF
EPUB

strahles operiert, dieselben stets der Bedeutung des Negativen gemäß in der entgegengesetzten Richtung nimmt als die entsprechenden positiven Werthe. Daß es bei den Polargleichungen algebraischer Curven verstattet ist, negative Leitstrahlen auszuschließen, weil für die Größe des allgemeinen Gliedes der Polargleichung dieselbe Wirkung bleibt, mag man den positiven Leitstrahl mit einem negativen vertauschen oder der Anomalie einen um eine halbe Umdrehung gröBeren oder kleineren Werth geben, daraus scheint mir doch nicht im Mindesten die Berechtigung zu folgen, das Negative unter den Begriff des Imaginären zu bringen. Im Uebrigen scheinen sich die Bemerkungen des Verf. durch das a. a. O. S. 368 ff., 373 f. von mir Bemerkte hinlänglich zu erledigen. Nur Eines will ich hier erwähnen. Verf. tritt (S. 88) mit der Behauptung auf, man werde sich überall zur Annahme negativer Empfindungswerthe geführt finden, wenn man nur das Schwellengesetz selbst zulasse. Diese Behauptung ist durchaus unrichtig; man braucht z. B. in die Maßformel nur einen discontinuierlichen Factor einzuführen und erhält dann, wie ich a. a. O. S. 374 gezeigt habe, eine Formel, die das Schwellengesetz und doch zugleich keine negativen Empfindungswerthe ergiebt. Ebenso wenig also wie Verf. nachgewiesen hat, daß die physiologische Ansicht weniger wahrscheinlicher sei als seine eigene Auffassung, dürfte es ihm gelungen sein, die gegen seine Ansicht direct erhobenen Einwände zu widerlegen. Daß Verf., der vielleicht allzu sehr übersieht, wie wenig sein Name als Begründer der Psychophysik von der Richtigkeit seiner Deutung des Weberschen Gesetzes abhängt, auf eine nähere Erörterung der für die Deutung dieses Gesetzes nicht un

wichtigen Beziehung, in welcher die relative Unterschiedsempfindlichkeit zur Reizqualität steht, und der erst nach Erscheinen dieses Werkes constatierten, in gleicher Hinsicht interessanten Proportionalität des Präcisionsmaßes und der absoluten Unterschiedsempfindlichkeit nicht eingegangen ist, sei beiläufig noch erinnert. G. E. Müller.

The personal government of Charles I. A history of England from the assassination of the duke of Buckingham to the declaration of the judges on ship-money 1628-1637 by Samuel Rawson Gardiner. London. Longmans, Green and Co. 1877. 2 Vols. XXIV, 373; XI, 387 SS.

In dem vorliegenden Werk begrüßen wir die Fortsetzung desjenigen, von dem zwei Bände in diesen Blättern (1875 St. 15) ausführlich gewürdigt worden sind. In der That bietet uns der Verf., obwohl er je zwei Bänden immer einen Specialtitel giebt, eine zusammenhängende englische Geschichte vom Tode Elisabeth's an, deren Fortführung bis zum Jahre 1660 die historische Literatur um ein überaus werthvolles, in sich abgeschlossenes Denkmal bereichern würde. Freilich wer sich mit der Hoffnung tragen sollte, an der Hand des Verf. den bequemen Weg landläufiger Meinungen und Phrasen zu betreten, würde sich enttäuscht finden. Auch die Reizmittel romanhafter Kleinmalerei würden, so lebhaft und lichtvoll die Darstellung ist, ver

geblich in diesem Werke gesucht werden. Sein Hauptwerth liegt gerade darin, daß es nicht von einem bestimmten Parteistandpunkt aus geschrieben worden ist, und daß es den Leser nicht durch althergebrachte Schlagworte zu fangen oder durch glänzende Schilderungen zu blenden suchen will. Seine Lectüre ist eben darum nicht so leicht und fesselnd wie die Lectüre anderer geschichtlicher Darstellungen derselben Epoche von großem Namen. Sie erfordert ein gründlicheres, selbstständiges Studium, ein tieferes Eindringen in das Quellenmaterial, eine unablässige Beachtung der Urtheile und Betrachtungen, mit denen der Verf. hie und da beinahe etwas zu aufdringlich, seine Erzählung unterbricht. Man wird genöthigt manches festbegründete Vorurtheil aufzugeben oder zu modificieren. Die Tradition der Cavaliere, denen für einen Eliot oder für einen Hampden das rechte Verständnis fehlt, bleibt unberücksichtigt, aber die Tradition der Puritaner, die aus Karl I., Laud, Wentworth häufig Carrikaturen gemacht hat, erhält deshalb nicht das Uebergewicht. Der Verf. bestrebt sich die wahren Beweggründe der handelnden Persönlichkeiten von denjenigen zu unterscheiden, die der Parteigeist ihnen untergelegt hat, jeden Charakter in seiner Eigenthümlichkeit, jedes Ereignis in seiner Verwicklung mit anderen erst zu verstehn, ehe er ein Urtheil fällt, und er gelangt auf diese Weise unvermerkt dahin, der höchsten historischen Anforderung zu genügen: zu zeigen, daß ein nothwendiges Ergebnis gewisser allgemeiner Vorbedingungen gewesen ist, was der oberflächlichsten Betrachtung als eine leicht vermeidliche Folge persönlicher Laune erscheinen mochte.

Einen so hohen Standpunkt einzunehmen

[ocr errors][ocr errors]

befähigt H. Rawson Gardiner vor allem seine Herrschaft über einen Reichthum an Quellen, der keinem der bisherigen Forscher zu Gebote gestanden hat. Nicht nur, daß er das im Inund Ausland Gedruckte in großer Vollständigkeit zu benutzen versteht, er hat auch für diese zwei Bände wieder ein nicht geringes handschriftliches Material verwerthet. Dahin gehören die zahlreichen Actenbündel des Record-Office, die Depeschen der fremden Gesandten, die sich zum Theil abschriftlich im Britischen Museum oder in Venedig, Brüssel, Paris befinden, die Copieen der Briefe Panzani's, die aus dem Vatican nach London gewandert sind u. s. W. Mit so reichen Mitteln ließ sich ein Bild des Zeitraums von 1628-1637 entwerfen, zu dem sich die betreffenden Abschnitte in Ranke's englischer Geschichte, so häufig auch der deutsche und der englische Forscher sich berühren, doch nur wie eine leicht hingeworfene Skizze verhalten. Eine Inhaltsangabe der beiden Bände wird. das am ehesten klar machen. Sie umfassen folgende vierzehn Capitel: I. Vorbereitungen für eine parlamentarische Session. II. Die Session von 1629. III. Das Privilegium des Parlaments vor den Richtern. IV. Laud, Wentworth und Weston. V. Englische Diplomatie und schwedische Siege. VI. Divergierende Tendenzen in politischer und religiöser Richtung. VII. Des Königs Besuch in Schottland. VIII. Beginn von Laud's erzbischöflichem Regiment. IX. Erstes Ausschreiben des Schiffsgeldes. X. Wentworth in Irland. XI. Zweites Ausschreiben des Schiffsgeldes. XII. Die metropolitanische Visitation und die Mission Panzani's. XIII. Die Mission des Grafen von Arundel nach Wien. XIV. Das

dritte Ausschreiben des Schiffsgeldes und die Erklärung der Richter.

Wenn einige dieser Capitel ausschließlich der Behandlung der auswärtigen Angelegenheiten gewidmet sind und dieselben überhaupt in den vorliegenden zwei Bänden. eine große Rolle spielen, so darf das nicht Wunder nehmen, Die auswärtige Politik Englands in dem Zeitraum von 1628-37 zieht sich zwar mehr und mehr. von einem thätigen Eingreifen in die festländischen Verwicklungen zurück, aber sie schlummert deshalb keineswegs. »Niemand, bemerkt das Vorwort mit vollem Recht, kann die Geschichte des Schiffsgeldes und der Schiffsgeldflotte wahrhaft verstehn, dem die Beziehungen zwischen England und den Regierungen des Continents unbekannt sind, Beziehungen, welche zuerst die Nothwendigkeit eine größere Flotte zu besitzen nahe legten, als der Staatsschatz Karls I. sie aufbringen konnte. Und wenn es weniger auffällig ist, wie tief die diplomatischen Verhandlungen Karls I. mit Spanien und Schweden in früheren Jahren auf die innere Geschichte Englands eingewirkt haben, so sollte man nicht vergessen, daß die Frage, in wie weit der König vertrauenswürdig sei, 1641 und 1642, 1646 und 1647 eine hervorragende Wichtigkeit erlangte, und daß die Enthüllung seiner früheren diplomatischen Geheimnisse sehr wichtig sein kann, um die Bildung eines richtigen Urtheils über jene Frage zu ermöglichen. Niemand kann, nach meiner Meinung, von den Intriguen lesen, in denen sich Karl abwechselnd gegenüber Frankreich und Spanien bewegte, ohne lebhaft an die sehr ähnlichen Intriguen erinnert zu werden, in denen er sich bewegt hat gegenüber Presbyterianern und Independenten, Parlament und Heer«.

« PreviousContinue »