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81082
gelehrte Anzeigen.

Unter der Aufsicht

der

Königl. Gesellschaft der Wissenschaften.

1878.

Zweiter Band.

Göttingen.

Verlag der Dieterich'schen Buchhandlung.

1878.

833

gelehrte Anzeigen

unter der Aufsicht

der Königl. Gesellschaft der Wissenschaften.

Stück 27.

3. Juli 1878.

In Sachen der Psychophysik. Von Gustav Theodor Fechner. (Schluß).

Im Vorstehenden habe ich mit dem Verf. angenommen, daß die Empfindung zur psychophysischen Thätigkeit nicht im Verhältnisse der Folge-, sondern vielmehr der Simultanabhängigkeit stehe; und ich lasse die Richtigkeit oder Unrichtigkeit dieser Auffassung hier ganz dahingestellt. Nur darauf möchte ich noch aufmerksam machen, daß die Empfindung offenbar nicht das Privilegium hat, zu gar keinem Vorgange im Verhältnisse unmittelbarer Folgeabhängigkeit zu stehen, vielmehr nothwendig als unmittelbare Folge irgend eines derjenigen Vorgänge, welche von dem die Empfindung hervorrufenden Sinnesreize bewirkt werden, betrachtet werden muß. Wenn daher die Empfindung nicht als unmittelbare Folge der mit ihr simultan verknüpften psychophysischen Thätigkeit betrachtet werden darf, so wird sie unzweifelhaft zu demjenigen physischen Vorgange, der die psychophysische Thätigkeit hervorruft, im Verhältnisse unmittelbarer Folgeabhängigkeit stehen. Und da nun

nach dem eigenen Zugeständnisse des Verf. für die Beziehung der unmittelbaren Folgeabhängigkeit das Princip der Proportionalität als gültig anzunehmen ist, so muß also die Empfindung als proportional zu dem die psychophysische Thätigkeit direct hervorrufenden physischen Processe vorausgesetzt werden; woraus sich die Unrichtigkeit der psychophysischen Deutung der Maßformel ohne Weiteres ergiebt.

Zu Gunsten letzterer Deutung macht Verf. gelegentlich (S. 67 f.) auch seine psychophysische Grundansicht geltend, nach welcher die Verschiedenheit des Psychischen und Physischen »an dem grundwesentlich verschiedenen, resp. inneren und äußeren Standpunkte der Betrachtung hängt und sich Seele und Leib >> wie innere und äußere Erscheinungsweise desselben Wesen<< verhalten. Setze man nämlich an irgend einem Punkte innerhalb eines Kreises ein sehendes Auge und ebenso an einem Punkte außerhalb des Kreises ein anderes Auge, so würden beiden Augen dieselben Stücke des Kreisumfanges verschieden groß erscheinen und die scheinbaren Größen derselben sich keineswegs einander proportional ändern; ebenso brauche nun auch nach jener Grundansicht Psychisches und Physisches einander nicht proportional zu gehen. Ich kann nicht umhin zu gestehen, daß mir gerade jene psychophysische Grundansicht des Verf. ganz und gar räthselhaft ist. Wenn Psychisches und Physisches nur 2 verschiedene Erscheinungsweisen desselben Wesens sind, ihr Unterschied nur von dem verschiedenen Standpunkte der Betrachtung abhängt, so muß es doch vor Allem 2 verschiedene Wesen geben, denen ein und dasselbe Substrat verschieden erscheint, oder 2 verschiedene Standpunkte, von

denen aus jenes Substrat einem und demselben Wesen gleichzeitig verschieden erscheint. Und wer sind nun jene 2 beobachtende Wesen, oder wer ist jenes eine, gleichzeitig auf verschiedenen (wodurch verschiedenen ?) Standpunkten stehende Wesen? Der Geist kann dieses Wesen oder eines von jenen beiden Wesen nicht sein; denn er selbst ist ja nach jener Ansicht eben nur eine Erscheinungsweise; die geistigen Intensitäten sollen ja nur »scheinbare Größen« für jenes unbekannte beobachtende Wesen sein. Mir dünkt, wir treffen hier beim Verf. noch ein Rudiment derjenigen vor Jahrzehnten herrschenden Denkungsweise an, deren Unklarheiten Verf. selbst in naturphilosophischer Beziehung anderwärts so wohl zu beleuchten verstanden hat.

In längerer Ausführung versucht Verf. endlich auch noch (S. 88 ff.) die Einwände zu widerlegen, die man gegen sein psychophysisches Grundgesetz wegen der daraus sich ergebenden negativen Empfindungswerthe erhoben hat. Bei dieser Streitfrage kommt es meines Erachtens darauf an, zunächst die Bedeutung des Negativen genau festzustellen und dann zu prüfen, ob sich erfahrungsmäßig bei Einwirkung sehr schwacher Reize etwas derartiges in uns vorfindet, das sich mit Recht als eine negative Empfindung bezeichnen läßt. Statt dessen versucht Verf., indem er sich auf die Bedeutung der negativen Werthe des radius vector beruft, die negative Empfindung »unter den Begriff des Imaginären << zu bringen, und eine negative Empfindung besagt seiner Ansicht nach nur, daß keine Empfindung vorhanden sei und zum Zustandekommen einer Empfindung noch etwas fehle. Verf. scheint zu übersehen, daß die analytische Geometrie, wo sie mit negativen Werthen des Leit

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