Page images
PDF
EPUB

Neue

JAHRBÜCHER

für

Philologie und Paedagogik,

oder

Kritische Bibliothek

für das

Schul- und Unterrichtswesen.

In Verbindung mit einem Vereine von Gelehrten

herausgegeben

von

M. Johann Christian Jahn

und

Prof. Reinhold Klots.

VIERZEHNTER JAHRGANG.

Einundvierzigster Band. Erstes Heft.

Leipzig,

Druck und Verlag von B. G. Teubner.

1844.

[ocr errors][merged small][merged small][ocr errors]

Kritische Beurtheilungen.

1. Ueber die Antigone und deren Darstellung auf

dem Theater zu Potsdam. Von Böckh, Tölken u. Fr.

Förster. Berlin, Förster. 1842. gr. 12. 2. Ueber Sophokles' Antigone und ihre Darstellung

auf dem deutschen Theater. Zur Würdigung der griechischen Tragödie und ihre Bedeutung für unsere Zeit. Von einem

Freunde der dramatischen Dichtkunst. Leipzig, Engelmann. 1842. gr. 12. 3. Ueber des Sophokles Antigone. Von Konr. Schwenck.

Osterprogramm des Frankfurter Gymnasiums. 1842, 4. 4. Ueber die Tragödie Antigone nebst einem vergleichen

den Blick auf Sophokles und Shakspeare von Theod. Schacht. Darm

stadt. 1842. gr. 12. 5. Ueber den Charakter Kreon's in der Antigone

des Sophokles. Versuch einer erläuternden Darstellung von Dr. Held, k. Studienrector und Professor. Programm von Bayreuth.

1842. 4. 6. Sophokles Antigone übersetzt von J. J. C. Donner. Heidel

berg. 1842. gr. 8. 7. Des Sophokles Antigone übersetzt von Victor Strauss.

Bielefeld, 1812. 8. 8. Sophokles' Antigone. Neue metrische Uebersetzung. Zweite

Aufl. Berlin 1842. gr. 8. (von Herm. Schelling). 9. Sophokles' Antigone metrisch übersetzt und mit Einleitung

und Anmerkungen versehen von Friedr. Rempel. Hamm. 1843. gr. 8. 10. Des Sophokles Antigone übersetzt von Aug. Boeckh.

(Steht vor dem Klavierauszuge der Composition von Felix MendelssohnBartholdy. Leipzig bei Richter, ist aber nachher im besondern Abdruck erschienen.)

Die Aufführung der Sophokleischen Antigone auf dem Potsdamer

Theater ist ohne Zweifel ein Ereigniss zu nennen. Waren frühere ähnliche Versuche, sowohl der des Hrn. v. Malésieu, die Euripideische Iphig. Taur. auf dem Theater der geistvollen Her

[ocr errors][merged small]

zogin von Maine aufzuführen, wobei die erwähnte Fürstin die Titelrolle selbst übernommen, wie derjenige, in Weimar 1810 unter Göthe's Vorsitze ausgeführte, die Antigone nach einer Bearbeitung von Rochlitz auf der Bühne darzustellen, ohne besondere Resultate gewesen, so hat dagegen der neue, durch den edlen Kunstsinn des Königs von Preussen veranlasste, nach der Anordnung und Einübung L. Tieck's ausgeführte, ein solch lebhaftes Interesse erweckt, dass eine ganze Zeit hindurch die Dichtung des Sophokles einen Gegenstand der Tagesliteratur abgegeben hat. Es war vorauszusetzen, dass die Idee, ein griechisches Drama auf die neue Bühne einzuführen, gar manchen Widerspruch erfahren würde, namentlich von denjenigen Tagesschriftstellern, welche gewohnt sind, überall das grosse Wort zu führen, und hier plötzlich bei der Unkenntniss des griechischen Alterthums so wie der griechischen Sprache in die Gefahr geriethen, zum Stillschweigen verurtheilt zu werden, von denjenigen, welche das ,, hitzige Fieber der Gräcomanie“ fürchteten, nachdem sie so lange schon gegen die Anglo- und Gallomanie geschrieben. Einen derselben fertigt Nr. 2. der obigen Schriften gebührend ab. Weniger konnte man erwarten, dass auch in dem philologischen Publicum verdammende Stimmen hörbar würden. Aber es gibt nun einmal auch hier eine altgläubige Sekte, welche sich streng gegen

alles Neue abschliessen möchte, eine Adelscoterie, die es als ein erblich überliefertes Vorrecht in Anspruch nimmt, auf diesem Felde des Alterthums allein zu ackern, zu erndten, eine Hierarchie, welche den Laien, als denjenigen, welche kein Organ und keine Bildung mitbrächten, womit das Alterthum erfasst sein wolle, das Recht und die Fähigkeit abspricht, und jeden dahin schlagenden Versuch, hier mitzureden, nicht bloss mitleidig belächelt, sondern mit Synodalbeschlüssen bekämpfen möchte (der Laien nehmen sich die Verf. von Nr. 1 auf's Gelungenste an!), eine Ministerpartei endlich, welche von beschränktem Unterthanenverstande redet, der auf seinem niedrigen Standpunkte unfähig sei, die Weisheit des Alterthums zu begreifen. Ihnen, den Antagonisten der Antigonisten, ist es ein Gräuel, dass man die Todten wieder aufgeweckt, dass das ehrwürdige Alterthum zum Modeartikel hat werden müssen, dass ein so edles Kunstwerk aus seinem alterthümlichen Staube, aus der engen Zelle der Gelehrten, aus der dumpfen Schulstube befreit und mit neumodigem Flittertande behängt in das öffentliche Leben getreten ist.

Wir hoffen, der grössere Theil des philologischen Publicums hat mit freudigern und dankbarern Gefühlen den Versuch willkommen geheissen! Wie mancher Schulmann mag wohl derzeit, wie Ref., den Wunsch gehabt haben, in mitten seiner Primaner mit dem sinnlichen Auge zu einem lebensvollen Bilde gestaltet zu sehen, was er so lange nur mit dem geistigen geschaut: etwa wie ein Musiker, wenn er lange an der Partitur eines musikalischen

Kunstwerks geschwelgt, sich nach der Aufführung desselben sehnt, weil er in dieser erst das Ganze allseitig zu begreifen und zu geniessen im Stande ist. „Denn was man vom stillen Genuss des griechischen Trauerspiels bei der Studirlampe, von der harmonischen ungestörten Wirkung des Vorlesens eines Shakespeareschen Stückes sagen mag, die ihm gebührende volle Geltung erhält das Drama einzig und allein auf der Bühne“, zumal das Griechische. Hören will man und sehen zugleich: mag auch Aristoteles sagen ή γαρ της τραγωδίας δύναμις και άνευ αγώνος και υπερκριτών εστίν: es ist eben nur ein Ausdruck der Ergebung, dass es nicht mehr wie früher sei, eine klassische Tragödie nicht mehr unter ihres Dichters Leitung zur Aufführung gebracht werden kann. Und wie dankbar muss man sein, sieht man auf die Erfolge des glücklichen Versuches. Wie viel nene Untersuchungen sind angeregt, welche bedeutende Stimmen haben sich über so manches zur richtigen Würdigung der attischen Bühne Nothwendige vernehmen lassen; wie manche der so lange für wahr gegoltenen genellischen Ansichten sind endlich nach dem Urtheile eines kompetenten Gerichts auf immer verworfen; welch ein Streben hat sich geltend gemacht, endlich in die scenischen Verhältnisse des Theaters Licht zu bringen; wie gross ist der Eifer gewesen, die sophokleische Kunst in ein helleres Licht zu setzen; endlich wie manche neue Uebersetzung ist dadurch binnen Jahresfrist hervorgerufen, welche theils im Allgemeinen dieUebersetzungskunst theils das Verständniss der sophokleischen Muse weiter gebracht haben. Ref. hat die Berichte, selbst wenn sie von Nichtphilologen ausgingen, mit Vergnügen gelesen, nicht vorweg darüber den Stab gebrochen, und hat unter vieler Spreu doch zuweilen ein recht gutes Samenkorn gefunden, das auf einen philologischen Acker gesäet, eine recht gute Frucht verspricht. So glaubt er, zumal ihm neulich das Glück zu Theil geworden, mehreren im Ganzen wohl gelungenen Aufführungen der Antigone in Frankfurt beizuwohnen, welche ihm das Wesen der Tragödie überhaupt in ihrer reinsten und edelsten Form vor die Augen zauberten und über so manche Stellen des Stücks eine klare Anschauung gewährten, genügend legitimirt zu sein, wenn er es unternimmt, in diesem Blatte eine Kritik von den Schriften zu geben, welche er oben zusammengestellt hat: gehören ja doch die Verf. derselben, wenigstens der Mehrzahl nach, selbst zu den Philologen; ganz abgesehen davon, dass sie sämmtlich Gegenstände behandeln, welche für die Interpretation des sophokleischen Stückes von Wichtigkeit sind.

Wir nehmen zur Grundlage dieser Relation die Schachtsche Schrift, weil sich daran am besten der Bericht über alle die andern anknüpfen lässt. Es ist dieselbe mit vielem Geiste geschrieben und enthält so mancherlei geistreiche Bemerkungen, freilich nicht immer in der besten Ordnung vorgetragen, dass sie nicht

« PreviousContinue »